Eine zweite Chance – Teil 11

Charlotte starrte verwundert die Tür an, durch die er gerade gegangen war. Doch dann machte sich Erleichterung in ihr breit, dass sich dieses unterkühlte Verhältnis zu ihm etwas gebessert hatte. Für Grabenkämpfe mit David Herbold fehlte ihr im Moment einfach die Kraft.
Sie holte die Mädchen vom Kindergarten ab, und weil es für Mitte September noch schön warm und sonnig war, fuhr sie mit ihnen in ein Freibad.
Sie planschten fröhlich im noch warmen Wasser und Charlotte beobachtete verzückt ihre beiden Kleinen, die fröhlich und unbekümmert wirkten. Sie hatten schnell Anschluss im Kindergarten bekommen und Freunde gefunden.

In der nächsten Woche gingen David und sie viel freundlicher miteinander um, doch beide vermieden es, persönlichere Worte mit dem anderen zu wechseln. Aber das störte Charlotte nicht, denn das mulmige Gefühl, wenn sie ihm im Verlag über den Weg lief, war fort.

„Aufstehen Mami!“ Etwas hüpfte auf ihrem Bett herum und widerwillig öffnete Charlotte die Augen.
„Sie ist wach, sie ist wach!“, kreischten zwei aufgeregte Kinderstimmchen.
„Ich hole ssnell …“
Charlotte beobachtete verschlafen, wie Suri aus dem Zimmer flitzte und Luna tätschelte jetzt aufgeregt in Charlottes Gesicht herum.
„Herzlichen Glückwunsch, Mami!“ Sie fiel über Charlotte her und bedeckte ihr Gesicht mit nassen Küssen.
„Danke, mein Schatz“, lachte Charlotte und setzte sich in ihrem Bett auf. „Das ist für dich“, erklärte Luna strahlend und reichte ihr ein hübsch verpacktes Geschenk. Charlotte staunte ein wenig, denn so akkurat und schick, wie das Päckchen verziert war, konnte das Luna unmöglich selbst gemacht haben. Sie war gespannt, was darin sein könnte.
Charlotte zog verblüfft eine wunderschöne Kette hinaus, die aus kleinen bunten Steinen bestand. „Hab ich gemacht“, strahlte Luna sie an. „Im Kindergarten“, erklärte sie eifrig und ihre dunklen Löckchen flogen umher.
„Die ist wunderschön, mein Schatz.“ Charlotte war ganz gerührt und drückte ihre kleine Tochter fest an sich. Sofort zog sie die Kette an und Luna strahlte.
Mittlerweile war Suri wieder im Zimmer und kletterte schnell in Charlottes Bett. Ihr Geschenk war eindeutig selbst verpackt, es war mit Klebebändern übersät und schon arg verknittert.
„Herzlissen Glückwunss, Mamili.“ Auch Suri überhäufte Charlotte mit feuchten Küssen und Charlotte öffnete vorsichtig das zerknautschte Päckchen.
Zum Vorschein kamen viele verwelkte und vertrocknete Blumen.
Suri schrie erschrocken auf und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Nein … alles kaputt“, kreischte sie los. „Hab ich doch pflückt!“ Sie begann fürchterlich zu weinen.
„Du musst die doch ins Wasser stellen“, belehrte Luna sie, doch Suri war untröstlich.
Charlotte legte rasch das Päckchen weg und zog ihre Jüngste in ihre Arme. „Hey Suri, vielen, vielen Dank für dein Geschenk. Die Blumen sehen trotzdem noch schön aus, mein Engelchen“, flüsterte sie ihr ins Ohr und küsste sie zärtlich auf die blonden Locken.
„Sind nich mehr ssön“, schluchzte Suri und erst als Charlotte ihr einen leckeren Kakao versprach, ließ der Tränenfluss etwas nach.
Charlotte beobachtete ihre beiden beim Frühstück, die Aufregung war vergessen und Suri sah zwar immer noch geknickt aus, aber die Aussicht darauf, dass Charlotte heute Nachmittag eine kleine Feier mit ihren Eltern und engsten Freunden in ihrem Garten machte, tröstete sie etwas.

Charlotte verfrachtete die beiden in den Kindergarten und fuhr dann ins Verlagshaus.
Zu ihrer Überraschung waren schon einige Mitarbeiter beim Catering versammelt und ihre Mutter hatte einen Kuchen gebacken.
Heidi, Julius, Hannah, Mike, Philipp, Inka sangen ihr lauthals ein Ständchen.
Charlotte war ganz gerührt und blinzelte ein paar Tränen weg.
„Dankeschön“, flüsterte sie heiser und umarmte jeden herzlich. Sie dachte ein wenig wehmütig an ihren letzten Geburtstag.
Jonny hatte sich freigenommen und war mit ihr und den Kindern ans Meer gefahren. Es war zwar schon etwas kühl gewesen, aber sie hatten ein Picknick am Strand gemacht und abends hatte er sie dann schick ausgeführt.
Sie stand noch eine Weile mit den Leuten zusammen und nach und nach löste sich die kleine Gesellschaft auf.
Charlotte ging zu ihrem Schreibtisch und blieb plötzlich wie angewurzelt stehen. Darauf stand ein riesengroßer, wunderschöner Blumenstrauß. Zögernd ging sie näher, es steckte eine kleine Karte darin.

Liebe Charlotte, ich habe um diese Jahreszeit keine Tulpen bekommen. Ich hoffe, Dir gefallen die Blumen aber trotzdem. Alles Gute zum Geburtstag, David.

Sie war immer noch sprachlos, vorsichtig berührte sie die zarten Blüten, konnte sich gar nicht sattsehen an der bunten Pracht.
Eine leise Stimme riss sie wieder zurück in die Wirklichkeit. „Guten Morgen.“ David lächelte sie freundlich an. „Stör ich?“
Er war schon nervös gewesen, wusste nicht, wie sie auf die Blumen reagieren würde und als er gesehen hatte, dass sie ihren Arbeitsplatz ansteuerte, war er ihr sofort gefolgt.
„Nein.“ Charlotte schaute ihn überrascht an, dann kam sie auf ihn zu. „Vielen, vielen Dank. Die Blumen sind wunderschön“, sagte sie leise und schaute ihm in die Augen.
„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Charlotte.“ David fasste sich ein Herz und umarmte sie zögerlich. „Alles Gute…“, flüsterte er in ihr Ohr, dann ließ er sie wieder los.
Charlotte hatte sich kurz versteift, er hatte sie erneut überrascht. Doch sie freute sich darüber, vielleicht würden sie ja wirklich so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis aufbauen können.
Sie lächelte ihm schüchtern zu. „Suri hat mir heute morgen auch Blumen geschenkt“, begann sie zu erzählen. „Sie hatte sie gestern gepflückt und in Geschenkpapier eingepackt. Und war heute Morgen dann sehr erschrocken, dass alle schon verblüht und vertrocknet waren.“
David lachte auf. „Die arme Kleine, das muss eine große Enttäuschung für sie gewesen sein.“
„Ja, das war es.“ Charlotte stimmte zögerlich in sein Lachen mit ein. Es tat gut, so mit ihm umgehen zu können. Dann fasste sie sich ein Herz und nahm all ihren Mut zusammen. „David – also … heute Nachmittag kommen ein paar liebe Freunde und meine Eltern zu mir in den Garten. Es ist ganz zwanglos, also keine große Feier oder so.“ Sie schluckte und verkrampfte nervös ihre Hände ineinander. „Vielleicht hast du ja Zeit und Lust … also wenn, dann komm doch einfach auch vorbei. Ich würde mich freuen.“
David sah sie erstaunt an. „Danke, das ist nett“, sagte er schnell. Er war so überrascht, dass ihm jetzt direkt keine Antwort einfiel. Wollte er das wirklich? Auf die Schnelle konnte er das gar nicht für sich klären. „Ich schau mal, was so anliegt.“
„Ja klar“, nickte Charlotte hastig. „Ich wohne in der Kolmarer Straße 4.“

Gegen 17.00 Uhr kamen dann ihre Eltern. Suri und Luna hüpften aufgeregt vor ihnen umher und ihr Vater kümmerte sich sofort um die beiden.
Nach und nach trudelten Svenja und Philipp und Hannah und Michael ein. Der Septembertag war noch angenehm warm und man konnte sich ohne Probleme im Garten aufhalten. Charlotte freute sich, ihre Freunde und Eltern um sich zu haben, auch wenn es ihr schwerfiel, diesen Tag ohne Jonny feiern zu müssen.

David war hin und hergerissen. Einerseits war er froh, dass er mit Charlotte wieder relativ problemlos umgehen konnte. Andererseits wollte er keine engere Beziehung mehr zu ihr. Doch er musste sich eingestehen, dass er sich über ihre Einladung gefreut hatte und ein bisschen hatte er noch ein schlechtes Gewissen wegen seiner Lästerei über Jonny in Michaels Kiosk.
Gegen halb sieben Uhr raffte er sich dann schließlich doch auf und fuhr los. Er musste ja nicht lange bleiben und so hatte er wenigstens guten Willen demonstriert.
Ein wenig zögerte er noch, dann betätigte er die Türklingel, kurz darauf hörte er den Türsummer.
Charlotte wohnte im Erdgeschoss und er wurde schon von zwei kleinen Lockenköpfen an der Haustür empfangen.
„Hallo Taffitt!“ Suri strahlte ihn sofort an, während ihre Schwester ihn nur mit einem bösen Blick bedachte.
„Hallo Suri, hallo Luna“, sagte David freundlich. Von Luna kam nur ein störrisches „Hallo.“
„Komm rein!“ Suri nahm seine Hand und zog ihn in die Wohnung. „Mama ist im Garten“, erklärte sie ihm eifrig und sah bewundernd zu ihm auf.
Luna stürmte voraus und kletterte sofort auf den Schoß von ihrer Oma. Von diesem Beobachtungsposten aus verfolgte sie argwöhnisch jede seiner Bewegungen.
„Na, sieh mal an, wer da ist!“ Vater Siegel sprang von seinem Stuhl auf und kam sofort auf David zu. Er packte seine Hand und schüttelte sie kräftig.
„Mensch David! Dich sieht man ja kaum noch. Und du bist immer noch so ein halbes Hemd!“ David bekam einen kräftigen Hieb in den Magen verpasst.
„Hallo Herr Siegel“, begrüßte er ihn ebenso herzlich. Dann wandte er sich an die anderen und grüßte in die Runde.
„Schön, dass du gekommen bist.“ Charlotte reichte ihm die Hand und bot ihm einen Platz an. „Was möchtest du trinken? Ein Bier? Oder Wein? Oder lieber was Antialkoholisches?“
Er ist doch gekommen!
Sie freute sich ehrlich darüber, denn sie hatte damit nicht unbedingt gerechnet.
„Ich denke, ein Bier wird schon gehen, auch wenn ich fahren muss“, antwortete er.
„Ich hole!“ Suri flitzte wie der Blitz los.
Charlotte sah ihr verblüfft nach, dann setzte sie sich wieder neben Svenja hin.
„Da ist aber jemand eifrig“, grinste Hannah.
David warf Charlotte einen verstohlenen Blick zu. Diesmal hatte sie die Haare offen, wirkte dadurch viel weicher und jünger. Trotzdem war er erstaunt, wie sehr sie sich verändert hatte. Sie war viel fraulicher geworden und das kleine Mädchen, dass er damals in ihr manchmal gesehen hatte, war verschwunden.
Ist ja auch kein Kunststück – sie immerhin zweifache Mutter.

Philipp sprach David gerade an, da kam Suri schon herbeigesaust. „Bittessön Taffitt.“ Mit großen Augen lächelte sie ihn an.
„Danke Suri, das ist lieb von dir.“ David stupste sie mit seinem Finger auf ihre Nase.
Er wollte Philipp antworten, registrierte dann verblüfft, dass Suri neben ihm stehen blieb und ihn weiterhin anschaute. „Ist noch was, Suri?“
„Soll ich dir mein Zimmer zeigen?“ Sie hüpfte aufgeregt vor ihm Auf und Ab.
„Suri-Schatz, lass’ den David mal sein Bier trinken“, mischte Stefan sich ein.
Sofort verfinsterte sich Suris Gesichtsausdruck, sie schob die Unterlippe etwas vor und hatte wieder diesen Dackelblick aufgesetzt.
David seufzte laut auf. „Wer kann da schon widerstehen?“, lachte er leise und Suri nahm sofort seine Hand.
„Aber mein Zimmer nicht!“, kam es wütend von der anderen kleinen Dame des Hauses.
„Luna!“ Charlotte schaute sie rügend an. „Bitte etwas freundlicher!“
„Schon gut, Luna, ich würde niemals dein Zimmer betreten, wenn du das vorher nicht erlaubt hast“, zwinkerte David ihr zu, wurde aber nur mit einem noch böseren Blick dafür belohnt.