Eine zweite Chance – Teil 12

„Na, da hat aber jemand sein Herz verloren“, lachte Svenja, als sie Suri und David nachsah.
„Ja, der Arme wird wohl keine Ruhe mehr von ihr haben“, antwortete Charlotte zerknirscht.
„Ach, der kann das ab“, grinste Michael.

Kaum waren David und Suri in der Wohnung, sprang Luna auch schon von Oma Heidis Schoss auf und folgte ihnen in großem Abstand.
Charlotte war der finstere Blick, mit dem sie David ansah, nicht entgangen und sie wunderte sich über ihr Verhalten. Kurz dachte sie darüber nach, ihr zu folgen, doch dann verwarf sie den Gedanken wieder.
„Hier!“ Suri öffnete stolz die Tür zu ihrem Kinderzimmer.
David sah sich um, das Zimmer war hellgelb gestrichen, überall waren kleine Sonnen aufgemalt und eine Sonnenlampe diente als Nachtlicht neben ihrem Bettchen.
„Wow, Suri, das ist aber ein schönes Zimmer“, sagte David und schaute in das stolze Gesichtchen seiner kleinen Begleiterin.
„Hat Opa Stefan aufmalt“, plapperte sie und deutete auf die Sonnen.
„Magst du so gerne die Sonne?“ David hatte sich vor sie gehockt und schaute sie gespannt an.
Suri nickte. „Ja, Suri heißt doch Sonne“, erklärte sie ihm mit wichtigem Gesichtsausdruck.
„Ach so. Dann bist du die Sonne und deine Schwester ist der Mond?“, fragte er verblüfft.
Meine Güte, Jonny Woźniak – du hattest echt ein Rad ab, dachte er amüsiert.
„Ja, Luna ist Mond. Ihr Zimmer ist blau“, nickte Surya.
„Du sollst das nicht erzählen!“, schrie eine wütende Stimme hinter ihnen. David drehte sich erschrocken herum.
„Ich erzähle doch!“, meckerte Suri zurück.
„Der soll das nicht wissen!“ Luna deutete wütend auf David. Wieder war er erstaunt, wie zornig sie ihn immer ansah. Er fragte sich, was er getan hatte, um ihre Abneigung so geballt abzubekommen. Und immer wieder war er verblüfft, wie sehr sie ihrem Vater ähnelte – sie war nur eine kleine niedliche weibliche Version von ihm.
„Taffit ist mein Freund!“ Suri stampfte wütend mit dem Fuß auf.
„Hey, hey, hey, kleine Damen“, mischte David sich jetzt ein. Dann wandte er sich an Luna. „Was ist los, Luna? Warum bist du so wütend?“
„Weil die doof ist“, meckerte Suri weiter.
„Bin ich nicht – der ist doof!“, wieder traf David ein kleiner Blitz aus Lunas Augen.
„Taffit ist nicht doof!“ Surya rannte jetzt auf ihre Schwester zu und trat ihr vors Schienbein.
Oh Gott! David schnappte sich Suri und hob sie auf seinen Arm.
„Jetzt ist aber gut“, sagte er streng und sah sich zwei kleinen Weibchen mit vorgeschobenen Unterlippen gegenüber.
Aber Suri genoss offenbar ihre erhöhte Position und klammerte sich jetzt an Davids Hals fest.

„Was ist denn hier los?“ Charlotte hatte das Geschrei ihrer Töchter draußen gehört und war sofort losgegangen, um nachzusehen.
„Luna hat sagt, Taffitt ist doof“, plauderte Suri sofort los. Noch enger schmiegte sie sich an David. „Aber Taffitt ist mein Freund.“
Charlotte hockte sich vor Luna hin und strich ihr ein Löckchen aus dem Gesicht. „Warum hast du das gesagt, Luna? Das war nicht nett.“
„Weil es so ist“, beharrte sie trotzig und funkelte David erneut wütend an.
„Ich möchte nicht, dass du so etwas sagst. David ist unser Gast und du solltest freundlich zu ihm sein, hörst du? Wenn du das nicht kannst, dann gehst du besser in dein Zimmer.“ Charlotte sah Luna ernst an, sie verstand einfach die Abneigung nicht, die ihre Kleine gegen David hatte. „Hast du das verstanden, Luna?“
Luna nickte nur, dann rannte sie wieder hinaus in den Garten.
„Luna!“, rief Charlotte ihr nach und wollte ihr folgen. Eine Entschuldigung war auch noch fällig, doch sie wurde am Arm zurückgehalten.
„Lass sie, Charlotte“, sagte David.
„Nein, das geht nicht.“ Charlotte strich sich müde eine Strähne weg. „Das kann ich nicht durchgehen lassen.“
„Es ist in Ordnung, bitte.“
„David, das tut mir leid, ich weiß nicht, was sie hat. Normalerweise ist sie zwar etwas schüchtern, aber …“ Charlotte verkrampfte nervös ihre Hände ineinander, es war ihr alles schrecklich unangenehm. Und Suri hing zu allem Überfluss wie ein kleines Klammeräffchen an Davids Hals.
„Komm Suri, lass David mal in Ruhe.“ Sie streckte die Hände nach ihr aus.
„Es ist alles in Ordnung, Suri war gerade dabei, mir ihr Zimmer zu zeigen, nicht wahr?“, zwinkerte David der kleinen Blondine auf seinem Arm zu.
„Ja.“
„Aber nicht zu lange. David möchte sich auch mit den anderen Gästen unterhalten“, ermahnte Charlotte ihre Tochter.

Immer noch mit einem schlechten Gewissen ging sie wieder hinaus. Luna saß mittlerweile bei Philipp auf dem Schoß und machte Blödsinn mit ihm.
„Was war denn?“, fragte ihre Mutter nach.
„Ich weiß auch nicht. Laut Suri hat Luna gesagt, dass David doof sei“, flüsterte Charlotte ihr ins Ohr, sodass ihre Tochter das nicht mitbekam. „Ich weiß auch nicht, was sie gegen ihn hat.“
„Vielleicht, weil er das erste Mal am Catering zuerst so reserviert zu den Kleinen war?“ Heidi zuckte mit den Schultern. „Dafür ist Suri ja Feuer und Flamme.“
„Ja, das ist schon fast peinlich, wie sehr sie ihn mit Beschlag belegt.“
Charlotte tat Suri ein bisschen leid. David würde wohl kaum die Person für sie werden können, nach der sie sich sehnte. Aber was sollte sie machen? Sie konnte ihrer Tochter ja nicht verbieten, mit David zu reden, das würde ihr sicherlich das Herz brechen. So konnte Charlotte nur hoffen, dass er nicht zu sehr genervt über Suris Charmeoffensive war.
„Wieso hast du David eingeladen?“, unterbrach ihre Mutter ihre Gedanken.
„Wir sind in der letzten Zeit wieder besser miteinander ausgekommen. Und er hat mir heute Morgen einen Blumenstrauß geschenkt.“ Charlotte griff nach der Hand ihrer Mutter. „Ich möchte die Vergangenheit begraben, vielleicht können David und ich wieder Freunde werden. Oder zumindest einen vernünftigen Umgang finden.“
Heidi runzelte nur die Stirn, ersparte sich dann aber eine Antwort.

„Guck, ich hab auch ein Boot!“ Suri kramte in einer bunten großen Plastikbox und zog stolz ein Spielzeugboot hervor. „Das kann auch swimmen!“
„Das ist toll, Suri. Das ist ja noch viel schöner als meins“, lächelte David sie an.
„Darf ich mal mitfahren?“, fragte sie ihn und ihre Wangen waren vor Eifer ganz gerötet.
Jetzt war David etwas überrumpelt. „Auf meinem Segelboot?“
Suri nickte heftig und sie sah ihn wieder mit diesem herzerweichenden Blick an.
„Ich weiß nicht, da müssten wir erst mal mit deiner Mama sprechen. Und du kannst doch bestimmt noch nicht schwimmen, oder?“ David wurde nervöser. Wie kam er denn jetzt aus der Nummer wieder raus?
„Ich hab Swimmärmchen“, erklärte sie ihm und stürmte zu einer Schublade. Triumphierend zeigte sie ihm die orangeleuchtenden Schwimmhilfen.
„Ähm, Suri, das kann ich dir jetzt wirklich noch nicht versprechen“, versuchte er einen zaghaften Versuch, das Ganze abzubügeln.
Er sah ihren enttäuschten Blick, dann schien sie angestrengt nachzudenken.
„Ich kann Mama fragen“, sagte sie aufgeregt, er hörte wie ihre Stimme leicht bebte.
„Ja, das machen wir“, versicherte David ihr und biss sich selbst auf die Zunge.
Na toll, das kann ja was geben!
Suri nahm ihn an die Hand und zog ihn aus ihrem Zimmer heraus. Vor einer anderen Tür blieb sie stehen.
„Da ist Mamas Zimmer“, erklärte sie ihm.
„Da gehen wir jetzt aber nicht rein“, sagte David hastig.
„Mama weint immer“, erzählte Suri. „Wenn wir sslafen sollen. Luna und ich hören das aber.“
David wusste keine Antwort darauf. Er fühlte sich heillos mit der ganzen Situation überfordert und wollte jetzt nur noch zu den anderen hinaus.
„Komm, wir gehen wieder raus, ja?“, schlug er ihr fröhlich vor.
„Ja.“ Suri hopste vor ihm in den Garten.

„Na, komm mal zu mir“, lachte Stefan und rückte David einen Stuhl zurecht.
David nahm sich sein Bier und setzte sich neben Stefan Siegel. Er hatte Charlottes Vater immer schon gemocht, doch seit seinem Auszug aus der Villa seiner Eltern hatte er ihn nur noch ein paar Mal kurz im Verlag am Catering gesehen, wenn Stefan seine Frau dort abholte.
„Das ist schon ein süßes Flöckchen, die kleine Suri, was?“, strahlte er und schaute stolz auf seine jüngste Enkelin.
„Ja, das ist sie“, bestätigte David. Dann prostete er Stefan, Philipp und Michael zu.
„Mami, darf ich mit Davids Boot fahren?“ Suri hatte sich auf Charlottes Schoß gekuschelt und ihre Händchen hielten ihr Gesicht fest.
Charlotte sah sie erschrocken an. „Wie bitte? Aber das geht doch nicht“, verschämt schaute sie zu David, der ihren Blick etwas zerknirscht erwiderte.
„Bitte Mamili, bitte … Hab doch Swimmflügel!“ Suri sah sie mit Bettelblick an und Charlotte wusste überhaupt nicht, was sie antworten sollte.
„Nein Surya, du bist noch viel zu klein“, begann sie zögernd.
„Wieso denn? Es gibt doch Schwimmwesten für Kinder.“ Svenja mischte sich jetzt breit grinsend in das Gespräch ein. „Die kann man ausleihen, hab ich schon gesehen. Und außerdem wollte Philipp doch auch mal mit David und unseren Jungs segeln. Da könnte Suri doch mit.“
„Warum eigentlich nicht?“ Philipp zuckte die Schultern und sah fragend zu David.
Na toll!, dachte David etwas verstört. „Aber Suri ist wirklich noch etwas klein“, wandte er ein. „Die Verantwortung ist zu groß, wenn etwas passieren sollte. Ich weiß nicht.“
„Aber Charlotte war doch schon mal auf einem Boot. Die kann ja auch mitfahren.“ Stefan sah Charlotte aufmunternd an.
Na klasse! Charlotte wurde die Sache immer peinlicher, es war ihr unangenehm, dass David von allen Seiten so bedrängt wurde. „Das war eine Motorjacht, Papa. Und ich musste da nichts machen.“
„Bitte Mamili“, versuchte Suri es erneut.
„Aber wenn die Kleine doch so gerne möchte und Philipps Kinder auch dürfen …“ Stefan schmolz förmlich beim Anblick seiner Enkelin dahin. „Und Lunalein könnte doch auch mit.“
Großer Gott! In David schrie alles auf.
„Will nicht!“, kam es prompt patzig und David war der Kleinen das erste Mal für eine Äußerung dankbar.
„Na, was sagst du?“, stupste Stefan ihm in die Seite.
„Ja, also … ich weiß nicht … Also eine Schwimmweste bräuchte sie auf jeden Fall und noch eine Begleitperson wäre vielleicht auch nicht schlecht.“ David fixierte mit seinem Blick Svenja, sie hatte ihm die Sache schließlich mit eingebrockt.
„Bärbelchen hat dazu auch keine Lust und ich kann ja dann mit ihr und Luna einen Ausflug machen. Dann kann Charlotte mit“, schlug sie grinsend vor.
„Ja, Mami, ja?“, fragte Suri aufgeregt und tätschelte mit ihren Händchen über Charlottes Wangen.
Charlotte warf einen hilfesuchenden Blick zu David.
„Von mir aus …“ Er zuckte ergeben mit den Schultern.
Charlotte stöhnte innerlich auf. Es war wohl doch keine gute Idee, ihn einzuladen, schoss es ihr durch den Kopf. „Okay“, flüsterte sie nur und wagte gar nicht mehr, ihn anzuschauen.
Suri jubelte laut auf und Charlotte konnte mit Mühe verhindern, dass sie auf Davids Schoss kletterte und den Abend dort zu verbringen gedachte.

Gegen acht Uhr nahm brachte sie die Mädchen ins Bett. Suri verabschiedete sich noch herzlich von David, der zugeben musste, dass dieses kleine Geschöpf schon einen umwerfenden Charme hatte.
Nachdem die beiden im Bett waren, verabschiedeten sich auch Philipp und Svenja, die ihre Nachbarin von ihren Kindern erlösen wollten.
Danach gingen die Charlottes Eltern, was David sehr bedauerte, denn er hatte sich gut mit Stefan unterhalten und war immer wieder angetan von der herzlichen Art dieses Mannes. Michael und Hannah nahmen dies zum Anlass, um auch aufzubrechen.

Zögernd ging Charlotte zurück in den Garten. David war gerade dabei ein paar Sachen wegzuräumen.
„Bitte lass’ doch, das mache ich gleich“, bat sie ihn und zog ihre Strickjacke noch etwas enger um sich herum. „David, es tut mir so leid, wie der Abend gelaufen ist. Das hab ich wirklich nicht kommen sehen.“ Sie sah ihn entschuldigend an. „Suri kann eine furchtbare Nervensäge sein, ich werde natürlich versuchen, sie von dem Segeln abzubringen. Sie hat dich da in eine unangenehme Situation hineingebracht und … und Luna – ich weiß überhaupt nicht, was mit ihr los ist, ich kann mir das nicht erklären.“
„Es ist okay. Ich gebe zu, dass ich anfangs etwas überrumpelt war wegen des Segelns, aber das wird schon klappen. Philipp ist dabei und wenn du noch mitkommst, wird das kein Problem sein. Allerdings liegt mein Boot im Ijsselmeer, die Anreise dauert etwa zwei Stunden.“
„Aber das musst du nicht tun“, beharrte Charlotte und schaute auf den Boden. Sie konnte ihm nicht in die Augen schauen. Das war alles so peinlich.
„Hey, das wird ein schöner Tag werden, du wirst sehen“, zwinkerte er ihr zu. „Und auf dem Ijsselmeer ist ja auch nicht so viel Seegang, dass es ernsthaft gefährlich werden könnte – oder hast du etwa Angst?“
„Was? Nein!“ Charlotte runzelte die Stirn und schaute empört zu ihm auf. „Mir ist nur unangenehm, dass Suri dich so in Beschlag genommen hat.“
„Sie wird die Männer später mal um den Finger wickeln“, grinste David.
Charlotte lächelte etwas gequält. „Ja, wahrscheinlich.“
David nahm Charlottes Hand und drückte sie leicht. „Vielen Dank für die Einladung. Es war ein schöner Abend – wirklich“, betonte er.
„Ich hab mich gefreut, dass du gekommen bist“, sagte sie erleichtert.