Eine zweite Chance – Teil 13

Auf der Heimfahrt grübelte David noch lange über den Abend nach.
Die kleine Suri hatte ihn ja wirklich ganz schön in den Fängen gehabt, aber man konnte sich der Kleinen einfach nicht entziehen. Und die Art und Weise wie sie ihn anschaute, rührte David. Allerdings lag ihm das Segeln ganz schön im Magen. Die Verantwortung war groß, Suri, und auch Philipps Jungs waren drei, bzw. vier Jahre alt, er konnte nur hoffen, dass sich alle gut benahmen und auf die Erwachsenen hören würden.
Aber etwas entschädigte ihn zusätzlich: Charlotte und er kamen wieder miteinander aus. Und auch wenn er sich so dagegen gesträubt hatte, dass sie wieder im Verlag anfing – es war schön, dass sie zurück war.
Vielleicht konnten sie die Vergangenheit einfach begraben.

Charlotte lag wach, fand einfach keinen Schlaf. Wie der Abend für David gelaufen war, war ihr immer noch furchtbar peinlich. Auch wenn er gesagt hatte, dass es für ihn okay war, sie konnte das nicht so recht glauben.
Auch über Lunas Verhalten machte sie sich Gedanken. So kannte sie sie gar nicht. Diese Feindseligkeit David gegenüber machte ihr Sorgen. Sie nahm sich vor, mal mit ihr zu reden, andererseits wollte sie das auch nicht hochspielen. David war niemand, der bei ihnen ständig ein- und ausgehen würde, also würden die beiden sowieso kaum aufeinandertreffen. Immerhin, das Verhältnis zwischen ihr und David hatte sich entspannt. Und das war ihr sehr recht. Nachdem sie sich vor fünf Jahren im Streit getrennt hatten, war das jetzt eine große Erleichterung für sie.

„Mamili – wann fahren wir mit Taffitts Boot?“
Charlotte gähnte verschlafen und sah direkt in ein paar braune Augen.
Oh nein, dachte sie müde.
„Suri-Schatz, das müssen wir mal abwarten, ja?“, murmelte sie und setzte sich im Bett auf. Träge sah sie auf den Wecker, es war gerade mal halb sechs.
„Und du gehst jetzt wieder in dein Bett, Schatz.“
„Können wir nicht anrufen?“ Suri schaute sie hoffnungsvoll an.
„Nein, das können wir nicht. Und jetzt ab.“
Mit ihrer Stoffpuppe unterm Arm trollte sich Suri wieder. Charlotte ließ sich stöhnend in die Kissen fallen. Sie wusste jetzt schon, dass Suri nicht locker lassen würde, und konnte nur hoffen, dass David sein Versprechen irgendwie auch wahr machen würde.

Sie war gerade im Verlag angekommen, da stand er plötzlich an ihrem Schreibtisch.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen. Hast du dich gut erholt von dem gestrigen Abend?“, fragte sie ihn zerknirscht. Sie musterte ihn flüchtig. Nein, David Herbold hatte sich wirklich nicht verändert. Er sah einfach umwerfend aus.
„Das brauchte ich nicht“, grinste er und kam näher. „Ich hab mir mal die Wetterprognose fürs Wochenende rausgesucht. Also, es soll trocken bleiben und ein leichter Wind gehen. Und fast 20 Grad sind ja auch okay. Ich dachte, ich rede mal mit dir und Philipp, wenn ihr mögt, könnten wir am Samstag segeln. Wir müssten allerdings sehr früh losfahren und ihr wäret auch erst am späten Abend zurück …“
Charlotte sah ihn mit offenem Mund an. „Du willst dir das wirklich antun?“, staunte sie.
„Na, nachdem Suri mich gestern so nett betreut hat bei dir, kann ich das wohl kaum ausfallen lassen. Ich mache mir eigentlich mehr Gedanken um Tim und Tom.“
Charlotte nickte zustimmend, denn die beiden Zwillingssöhne von Philipp und Svenja waren doch recht wild. „Kann ich verstehen“, sagte sie leise. „Da muss Philipp gut aufpassen.“
„Eben. Also: Habt ihr Lust?“
„Ob wir Lust haben?“ Charlotte lächelte scheu. „Suri hat mich heute Morgen um halb sechs geweckt und ihre erste Frage war, wann wir mit Davids Boot fahren.“
David lachte laut auf. „Gut, dann also am Samstag.“
Er machte Anstalten zu gehen und Charlotte lief ihm kurz hinterher. „Warte! Ich weiß doch gar nicht, was ich ihr anziehen soll!“
„Also wegen der Schwimmwesten für die Kinder werde ich gleich mal anrufen. Ansonsten möglichst wetterfest, am besten ein paar Lagen übereinander, dass du sie bei Bedarf an- und ausziehen kannst“, erklärte er ihr.
„Gut.“ Charlotte knetete nervös ihre Hände. David registrierte das lächelnd.
In manchen Dingen hat sie sich nicht verändert, sie war früher auch öfters mal so unsicher, schoss es ihm durch den Kopf.

***

Charlotte war schon um vier Uhr morgens von Suri geweckt worden. Heute war DER Tag – Bootfahren mit David und Philipp. Seit drei Tagen war sie nun schon aufgeregt, sehr zum Unwillen von Luna, die seitdem nur noch auf Krawall gebürstet war.
Charlotte bereitete etwas zu essen vor, für Getränke würden David und Philipp sorgen. Suri und Luna saßen noch am Frühstückstisch. Während Suri an einem Stück plapperte, wurde Luna immer stiller. Charlotte sah das mit Besorgnis, dabei hatte Svenja für sie und Bärbel einen Ausflug in den Zoo geplant. Als Charlotte Suri umzog, kam Luna zu ihr und klammerte sich wortlos an Charlottes Bein.
„Was ist los, mein Schatz?“, fragte sie und setzte sich mit ihr aufs Bett.
„Will nicht, dass du gehst“, sagte Luna leise und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Aber Luna, du willst doch nicht mit segeln. Und Svenja macht einen Ausflug mit dir und Bärbel. Das wird bestimmt superschön“, versuchte Charlotte sie aufzumuntern.
„Will aber nicht, dass du da mitgehst!“ Luna schob die Unterlippe vor und die ersten Tränen kullerten die Wange hinab.
„Und warum nicht? Oder willst du vielleicht doch mit uns mitfahren?“ Charlotte strich ihr über den Kopf. „Schau mal, Suri freut sich so darauf mit David zu segeln, das wäre doch jetzt gemein, wenn wir das absagen würden, oder?“
Luna zuckte nur mit den Schultern. „Will aber nicht, dass du mit David fährst.“
„Was hast du denn gegen David? Er ist doch nett und …“
„Ist er nicht!“, bockte sie weiter. „Er ist doof!“
„Was hast du denn gegen ihn? Hm?“ Charlotte verstand die Kleine einfach nicht.
„Ich mag den nicht“, kam es trotzig.
„So: DU magst ihn nicht. Aber Suri mag ihn und ich kenne ihn schon lange. Er ist nett und hat uns eingeladen.“
„Ich will, dass Papa wieder bei uns ist.“ Luna sah sie mit herzerweichendem Blick an.
Charlotte musste heftig schlucken. „Luna-Schatz. Das möchte ich auch so gerne. Aber du weißt, dass das nicht geht.“ Sie nahm ihre kleine Tochter in den Arm und drückte sie fest an sich.

„Na? Bereit für den Zoo?“ Svenja empfing Charlotte und Luna strahlend.
„Ja“, sagte Luna nur heiser und senkte den Kopf. Charlotte sah, dass sie schon wieder mit den Tränen kämpfte.
„Süße, was ist denn los?“ Svenja hockte sich vor Luna hin und hob vorsichtig ihr Kinn etwas an.
„Will nicht, dass Mama mit David fährt“, flüsterte sie heiser.
Svenja tauschte einen kurzen Blick mit Charlotte aus. „Und warum nicht, Lunalein?“
„Ich mag ihn nicht.“
„Luna, jetzt hör mir mal gut zu …“ Svenja hielt Luna an den Schultern fest. „David fährt mit Mama und Suri segeln – Philipp und die Jungs fahren auch mit. DU kannst auch mitfahren oder mit uns in den Zoo gehen. Du hast die Auswahl. Aber ich finde das nicht gut, dass du hier rumbockst, haben wir uns verstanden, junge Dame?“
Luna nickte nur stumm.
Charlotte zerriss es fast das Herz. „Vielleicht können wir es ja so machen, dass ich mit den Mädchen in den Zoo fahre und du gehst segeln?“
„Nein, das machen wir garantiert nicht“, zischte Svenja Charlotte zu. „Wir machen das so, wie wir das besprochen haben. Luna hat die Wahl zwischen Segeln und Zoo. Also Luna: Entscheide dich!“ Svenja sah sie ernst an.
„Zoo“, kam es dann leise und ein vorwurfsvoller Blick traf Charlotte. Sie schluckte und bekam ein schlechtes Gewissen.
„Luna geh doch schon mal zu Bärbel, sie wartet auf dich in ihrem Zimmer“, lächelte Svenja dann und zog Charlotte in die Küche.
„Charlotte. Ich weiß, dass du es am liebsten allen recht machen möchtest, aber offenbar geht das nicht. Wenn Luna ihren Sturkopf durchsetzen will, darfst du nicht nachgeben“, beschwor Svenja sie.
„Aber sie vermisst Jonny“, flüsterte Charlotte.
„Das tut Suri auch und Suri hat es genauso verdient, dass auf ihre Wünsche eingegangen wird. Und jetzt schieb ab und amüsier dich. Ein bisschen frische Luft tut dir auch ganz gut, so blass wie du immer bist.“ Svenja schob Charlotte zur Tür. „Philipp und die Jungs warten schon im Auto auf dich.“
„Rufst du mich an wegen Luna?“, bat Charlotte sie.
„Ja, mache ich. Aber mach dir nicht so viele Gedanken, du wirst sehen: Wir werden alle Spaß haben“, zwinkerte Svenja ihr zu.
Charlotte lächelte verkrampft, dann ging sie schnell zu Philipps Auto, in dem Suri schon aufgeregt in ihrem Kindersitz herumzappelte.

Sie brauchten für die Fahrt zwei Stunden, Charlotte hatte eigentlich damit gerechnet, dass Suri noch einmal einschlafen würde, denn die Zwillinge von Philipp machten eine Menge Lärm. Doch scheinbar war die Aufregung so groß, dass ihre Kleine keinen Schlaf fand.
David wartete schon im Hafen auf seine Gäste.
„Hallo Taffitt“, kam es fröhlich aus dem Auto. Suri schnallte sich schnell ab und stand jetzt freudestrahlend vor ihm.
„Hallo kleine Lady. Bereit zum Segeln?“
„Ja!“ Sie nickte heftig und ihre blonden Löckchen flogen dabei wild herum.
„Also los.“ Er nahm einen Korb in die linke Hand, die Rechte reichte er Suri, die sie auch sofort ergriff, und ging mit ihr zum Steg.
Charlotte blieb einen Moment wie angewurzelt stehen, als sie die beiden weggehen sah. Surya sah immer wieder bewundernd zu David auf, der ihr scheinbar etwas erklärte.
Charlotte spürte einen Kloß im Hals. War das wirklich richtig, dass sie zuließ, dass Suri sich so an einen Mann klammerte? Natürlich konnte sie verstehen, dass ihre Tochter einen Vater vermisste – für Jonny waren seine Kinder sein ein und alles gewesen und er hatte sich intensiv um sie gekümmert. Aber dass Suri sich so an David gewöhnte, war vielleicht ein Fehler.
„Charlotte?“ Philipp war ihrem Blick gefolgt und sprach sie leise an.
Sie schrak zusammen und räusperte sich verlegen. „Ja?“
Er lächelte ihr beruhigend zu. „Bitte versuch doch einfach den Tag zu genießen und mach dir nicht zu viele Gedanken, ja?“
Charlotte fühlte sich durchschaut, dann nahm sie den übrig gebliebenen Korb und ging rasch auf den Steg zu.

„So – bereit?“, fragte David in die Runde. Drei kleine Köpfe nickten angestrengt.
„Und David ist der Kapitän, was er sagt, wird gemacht“, fügte Philipp streng hinzu. „Wenn sich einer nicht an seine Befehle hält, wird er an einer Boje im Wasser festgemacht und erst wieder befreit, wenn er brav ist.“
Suri riss erschrocken die Augen auf und starrte Philipp mit offenem Mund an.
David sah den entsetzten Blick der Kleinen, wollte gerade etwas sagen, um sie zu beruhigen, doch bei Philipps Jungen schien das zu fruchten, denn sie lauschten ehrerbietig.
Die Schwimmwesten wurden angepasst und David ging zuerst auf das Deck des Schiffes. Charlotte wunderte sich. Dies war nicht das Boot, das sie noch kannte.
„Ich hab’ es vor zwei Jahren gekauft“, erklärte David ihr. „Die „Koralle“’ war nach meinem Trip so abgewrackt, dass es sich nicht mehr gelohnt hätte, sie zu überholen“.
„Oh, ach so“, lächelte Charlotte verlegen. Nur zu gut hatte sie noch in Erinnerung, dass er ihr auf dem anderen Boot mal seine Liebe gestanden hatte. Ist ja auch egal jetzt!, schimpfte eine böse Stimme mit ihr.
David half den Jungen an Bord, dann gab Charlotte ihm Suri in die Arme. Behutsam führte er das kleine Kind sicher auf eine Sitzbank. Dann kam er zurück und reichte Charlotte die Hand. Eigentlich konnte Charlotte sehr gut allein aufs Boot klettern, doch die Hand jetzt auszuschlagen befand sie dann doch als kindisch.
Zögernd ergriff sie sie und ließ sich von ihm hinüberhelfen. Kurz sahen sie sich in die Augen und Charlotte war immer noch fasziniert von diesem tiefen Braun.
„Soll ich mich zu den Kindern setzen?“, fragte sie David dann hastig.
„Ja bitte“, lächelte er. Endlich hat sie mal nicht schwarze Sachen an, dachte er und begutachtete wohlwollend ihre Figur. Sie trug eine Jeans, darüber einen roten Fleece und eine Weste.

Tim und Tom waren ungewöhnlich brav und verfolgten gespannt jeden Handgriff der Männer. Charlotte grinste in sich hinein. Eigentlich hatten die Zwillinge eindeutig Svenjas Temperament geerbt, ihre ältere Schwester Bärbel schlug nach Philipp. Doch jetzt saßen sie folgsam auf ihren Plätzen.
Genau wie Suri, die gebannt auf den Bootssteg schaute, von dem sie sich langsam immer weiter entfernten.
„Wir fahren“, flüsterte sie leise.
„Ja mein Schatz. Gefällt es dir?“
„Is ssön“, nickte sie heftig und Charlotte drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.