Eine zweite Chance – Teil 14

David steuerte das Boot weg vom Hafen, dann drehte er sich nach seinen Passagieren um.
Charlotte saß mit Suri im Arm auf der einen Seite der Sitzbank, die Zwillinge Tim und Tom ihr brav gegenüber. Philipp war damit beschäftigt die Segel klar zu machen. „Alles okay bei euch?“, fragte David nach.
„Ja“, lächelte Charlotte ihm zu und Suri strahlte ihn freudig an. „Ja Taffitt“.

Als sie die Segel gesetzt hatten, übernahm Philipp das Steuer und David ging hinüber zu Charlotte und den Kindern. „Du warst schon mal mit einem Boot unterwegs?“
„Ja“, antwortete sie. „Aber auf einer Motorjacht. Das war in Südfrankreich. Damals war ich hochschwanger mit Luna. Jonny und ich hatten das Boot für zwei Tage gemietet.“ Charlotte wusste nicht, wie viel sie ihm von Jonny erzählen sollte und blickte unsicher auf ihre Hände.
„Jonny ist mein Papi“, plapperte Suri dazwischen. „Der ist jetzt ein Engel“, fügte sie mit wichtigem Gesicht hinzu.
David schluckte kurz. Zum ersten Mal wurde ihm wirklich bewusst, wie sehr die Kleine und Charlotte an Jonny gehangen haben mussten. Und ein bisschen neidisch war er schon auf Jonny, er hatte ganz offenbar eine wunderbare Familie gehabt, die ihn sehr liebte – und vermisste.
„Ja, ich weiß, Suri“, antwortete David leise. „Der Papa passt jetzt vom Himmel aus auf dich auf.“
Suri nickte nur, dann entdeckte sie einen Schwan und war völlig hingerissen.
Charlotte sah, dass David Suri sehr nachdenklich angeschaut hatte, und fragte sich, was wohl in seinem Kopf so vorgegangen war. Julius hatte ihr gegenüber ja angedeutet, dass er sich für seinen Sohn eine feste Beziehung wünschte. Offensichtlich hatte David aber wohl andere Pläne.
Er ist wieder ganz der Alte.
Die Stimme ihrer Mutter kam ihr in den Sinn. Und der verlagseigene Klatsch, was David und seine Affären anging, war ja immer sehr aktiv.
„Können wir auch mal steuern?“ Tims Stimme unterbrach Charlottes Gedanken und Philipp rief einen seiner Söhne zu sich.
Suri betrachtete sprachlos, wie Tim ans Steuer durfte. Man konnte ihr förmlich ansehen, wie es in ihrem Kopf rotierte. Schließlich schien sie sich ein Herz zu fassen und sprach David leise an. „Taffitt?“
Er grinste nur. Ihm war völlig klar, was jetzt wohl kommen würde. „Ja?“
„Darf ich auch mal?“ Sie zeigte aufgeregt auf Tim.
„Erst darf ich“, kam es prompt von Tom böse.
„Das entscheide immer noch ich“, mischte sich David ein. Dann wandte er sich wieder an Suri. „Wir lassen erst die Jungs ran und dann zeigen wir denen, wie man das richtig macht.“
Charlotte sah, dass ihre kleine Tochter bald vor Ehrfurcht vor David starr geworden wäre, doch der Schwan verhinderte dies dann doch noch.
„Mami guck“, zupfte sie dann an Charlottes Arm und deutete wieder zu dem Wasservogel.

Charlotte sah sich gedankenverloren in der Gegend um und hörte David zu, der den Zwillingen etwas erklärte. Erinnerungen kamen ihr in den Sinn.
Erinnerungen an eine junge Frau, die schwerverliebt in den Sohn ihres Chefs gewesen war.
Bittersüße Erinnerungen. Wie sehr hatte sie ihn damals geliebt? Doch wäre aus ihnen je etwas geworden? Was wäre gewesen, wenn sie nicht Jonny, sondern ihn geheiratet hätte?
Fragen, die sie sich vor langer Zeit schon einmal gestellt hatte. Doch die Antworten darauf, hatte sie sich nie geben können – und auch nicht wollen.
Sie hatte mit Jonny einen tollen Mann geheiratet und mit ihm zwei wunderbare Töchter bekommen. Das war so unendlich viel wert, dass Grübeleien in andere Richtungen sich schon aus diesem Grund verboten hatten.

David hatte sehr wohl bemerkt, dass Charlotte völlig in Gedanken war. Sie schien immer noch die Träumerin zu sein, die sie früher einmal gewesen war.
Wie gerne hätte er die Zeit zurückgedreht?
Hör auf! Das ist vorbei, Herbold! Schnee von gestern!
Er riss sich zusammen und ging zu Philipp, der jetzt mit Tom zusammen das Steuer hielt.
Endlich war es soweit. Suri, die schon vor lauter Aufregung herumzappelte, durfte tatsächlich ans Steuer. Die Kinder mussten auf einer Kiste stehen, um überhaupt etwas sehen zu können. David stellte sich hinter Suri und zeigte ihr vorsichtig, wie man das Boot lenken konnte.

„Na Charlotte, genießt du es?“ Philipp ließ sich neben sie auf die Bank plumpsen.
„Ja, es ist schön“, antwortete sie. Und das war keine Lüge. Die frische Luft tat ihr gut und Suri war mehr als begeistert. Nur der Gedanke an Luna versetzte ihr einen Stich. Sie hatte sich nach Jonnys Tod geschworen ihre kleinen Mädchen trotz allem glücklich zu machen, doch offenbar war das nicht so einfach.
„Ruf’ doch Svenja an“, sagte Philipp leise, Charlotte schaute ihn erstaunt an.
„Kannst du Gedankenlesen?“
„Nein“, grinste er. „Aber Nachrichten. Sie hat mir gesimst, dass du Bedenken hattest und tauschen wolltest.“
Charlotte griff nach ihrem Handy. Schon nach dem ersten Klingeln ging Svenja ran.
„Hallo Charlotte. Wir wollten dich auch gleich anrufen. Die Mädels sind jetzt gerade im Streichelzoo“, plapperte sie sofort drauf los.
„Oh, dann störe ich wohl besser nicht.“
„Nein, du störst gar nicht. Und Charlotte: Deine Tochter ist sehr fröhlich und gut gelaunt!“
Ein riesiger Stein fiel ihr vom Herzen. „Gott sei Dank“, stieß sie dann auch nur hervor.
„Warte, sie kommt … Lunalein, die Mami ist am Telefon.“
„Hallo Mami“, hörte Charlotte dann die Stimme ihrer Tochter.
„Hallo Schatz. Wie ist es im Zoo?“
„Toll Mami. Wir haben schon Löwen gesehen. Und Affen! Und ganz süße Erdmännchen!“ Sie bemerkte, dass Luna sehr aufgeregt war. „Und gleich gehen wir noch zu den Seelöwen. Können wir auch Erdmännchen haben? Kann ich heute bei Bärbel schlafen? Bitte Mami! Svenja hat nix dagegen!“
„Wenn du das gerne möchtest und Svenja wirklich nichts dagegen hat, dann kannst du das gerne machen.“ Charlotte freute sich ehrlich mit ihrer Kleinen und war gleichzeitig erleichtert, dass das Thema „Erdmännchen“ nicht weitergeführt wurde. „Habt noch viel Spaß!“, sagte sie hastig, dann wurde auch schon aufgelegt.
„Na?“ Philipp grinste sie an und zog die Augenbrauen hoch.
„Alles in Ordnung“, erstattete ihm Charlotte erleichtert Bericht.

David musste sich ein Grinsen verkneifen. Suri schaute sehr angespannt und hoch konzentriert auf das Wasser vor ihr, ihre Händchen umkrampften fest das Steuer. Ab und zu wehte der Wind eine Haarsträhne in ihr Gesicht und sie pustete sie genervt weg. „Mami?“
„Ja?“ Charlotte kam zu ihnen.
„Kannst du Haare wegmachen?“, bat sie hastig, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden. „Die stören.“
„Okay.“ Charlotte holte ein Haargummi aus ihrer Tasche und band Suri einen Pferdeschwanz. Da David hinter Suri stand und auch nicht weggehen konnte, musste Charlotte ihm wohl oder übel sehr nah kommen.
David nahm ihren Geruch wahr, und diese Vertrautheit verursachte ein warmes Gefühl in seinem Bauch.
„Fertig“, lachte Charlotte dann. „Besser so?“
„Ja.“
Charlotte lächelte David kurz zu und ging dann wieder nach hinten zu den anderen.

„So, wir werden gleich ankern und dann mal schauen, was Charlotte so für uns zu Essen gemacht hat, okay?“, rief David seinen Gästen zu.
Die Jungs nickten eifrig, nur Suri war wohl zu angespannt, um zu antworten.
„Was ist, Suri?“ David beugte sich zu ihr vor. „Hast du keinen Hunger?“
„Muss doch steuern“, erklärte sie ihm eifrig. Ihre Wangen waren schon ganz gerötet.
„Jeder Steuermann braucht mal eine Pause.“ Zärtlich streichelte er ihr über die blonden Löckchen.

Nach dem Essen drängten die Kinder darauf weiterzusegeln und so wurde in einem Bogen langsam wieder Kurs auf den Heimathafen genommen.
„Willst du mal?“, fragte David Charlotte und deutete aufs Steuer.
„Wenn du mich lässt …“
„Du weißt, auf was du achten musst?“
„Ja, Käpt’n“, sagte sie und salutierte übertrieben förmlich.
„Hey, Charlotte Siegel … ich meine Woźniak. Auf freche Leichtmatrosen steht eine harte Strafe!“ Er drohte ihr spielend mit dem Zeigefinger.
„Mama nicht so meint!“, rief Suri von ihrer Bank und schaute ängstlich zu David hin.
„Keine Sorge, Mäuschen, das war nur Spaß“, lachte er der Kleinen zu, die daraufhin auch wieder ein fröhliches Gesicht machte.
Charlotte übernahm das Steuer und David gesellte sich zu Philipp und den Jungs.
Der Wind frischte etwas auf und er beschloss lieber, Suri dichter an sich zu ziehen.
„Kommst du klar?“, rief er Charlotte zu.
„Ja, kein Problem.“ Sie winkte nur ab.
Philipp zog noch einmal die Segel an.
„Jetzt werden wir gleich ein bisschen schneller“, erklärte er Tim und Tom.

Nur Suri bekam davon nichts mehr mit. Als Charlotte sich umdrehte, hatte David sie auf seinem Schoß und sie schlief dicht an ihn geschmiegt in seinen Armen.
„Soll ich sie dir abnehmen?“, fragte sie ihn ein wenig zerknirscht. Sie hoffte, dass er nicht genervt von Suri war.
„Nein. Wenn du und Philipp das Segeln hinbekommt.“ Er sah sie herausfordernd an.
„Kein Problem für uns“, rief Philipp.

David betrachtete das kleine schlafende Geschöpf in seinen Armen. Er hatte schon bemerkt, dass sie immer müder ausgesehen hatte, irgendwann war dann ihr Köpfchen zur Seite gekippt und er hatte sie vorsichtig auf seinen Schoß genommen.
Es war ein schönes Gefühl, sie so zu halten. Sie hatte so unheimlich viel Vertrauen in ihn, dabei war er doch eigentlich ein fremder Mann für sie.
Die Kleine tat ihm leid. Eigentlich sollte sie einen Papa haben, der sie beschützt und immer auf sie aufpasste. Und ihre Mama sollte einen Mann an ihrer Seite. Das Schicksal konnte manchmal grausam sein.
Vorsichtig strich er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Die blonden Locken hatte sie eindeutig von Charlotte, nur ihre braunen Augen waren wohl Jonnys Erbe.
Wie ein Kind von mir und Charlie wohl ausgesehen hätte?
Doch dann ärgerte er sich selbst darüber. Über was machte er sich hier eigentlich Gedanken? Charlotte und er – das war mal. Tiefste Vergangenheit.
Er wollte selbst keine Familie und schon gar nicht eine Frau, die Kinder von einem anderen Mann hatte, den er noch dazu auch nicht hatte ausstehen können.
Nein – er würde sein Leben weiter genießen. Und gleich morgen Abend wollte er einen Abstecher in einen Club machen und mal sehen, was sich da so ergab.
Suri zuckte kurz im Schlaf zusammen und David schaute sie an. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, sie sah glücklich aus.
Und David war es in diesem Moment auch.

Sie erreichten kurz vor Anbruch der Dämmerung wieder den Jachthafen. Charlotte packte die Sachen zusammen und brachte sie vom Schiff.
David war vorsichtig aufgestanden und hielt die immer noch schlafende Suri fest in seinen Armen.
„Du kannst sie mir angeben“, sagte Charlotte leise und streckte die Hände nach ihrer Tochter aus.
„Das geht schon“, raunte David ihr zu und stieg mühelos auf den Steg. „Sie scheint ja sehr müde zu sein.“
„Sie ist auch heute um vier Uhr aufgewacht und hat auch auf der Fahrt hierher nicht geschlafen“, lächelte Charlotte.
Charlotte nahm ihm jetzt die schlafende Suri ab und ging mit ihr zum Auto, David folgte ihr. Vorsichtig zog sie ihr die Schwimmweste aus und machte sie in ihrem Kindersitz fest.

„Vielen, vielen Dank, David.“ Sie reichte ihm die Hand. „Du hast Suri eine große Freude gemacht. Und ich fand es ebenfalls sehr schön.“
„Gern geschehen. Wir können das ja mal wiederholen, und dann kommt vielleicht auch Luna mit.“
„Ja vielleicht“, sagte Charlotte, doch so richtig vorstellen konnte sie sich das nicht.
„Ich würde mich freuen.“ Davids Stimme war auf einmal ganz heiser und er räusperte sich schnell.