Eine zweite Chance – Teil 15

Charlotte ließ sich aufs Sofa plumpsen und trank einen Schluck Wein, dann ließ sie die letzten Stunden Revue passieren.
Es war ein wunderschöner Tag gewesen, eigentlich der Schönste seit Langem.
Suri war so angetan von David und die Eindrücke des Tages hatten sie scheinbar überwältigt. Sie war nicht einmal mehr aufgewacht und Charlotte hatte sie sofort in ihr Bett gelegt.
Charlotte grübelte wieder darüber nach, ob es gut war, dass sie so an David hing. Aber was sollte sie machen? Suri würde ihn wahrscheinlich so schnell nicht wieder sehen und Charlotte konnte nur hoffen, dass sie nicht zu traurig darüber sein würde.
Mit Luna hatte sie noch telefoniert, ihre kleine Tochter hatte ihr ganz begeistert von dem Zoo erzählt. Charlotte war erleichtert, dass sie ebenfalls einen schönen Tag hatte.
Charlotte musste zugeben, dass David sie heute verblüfft hatte. So wie er mit den Kindern umgegangen war, das hätte sie ihm niemals zugetraut. Eigentlich schade, dass er keine Familie haben wollte, denn er konnte gut mit Kindern umgehen.
Für einen Moment krabbelte wieder der Gedanke in ihr hoch, wie es wohl gewesen wäre, wenn sie ihn geheiratet hätte. Wie hätten ihre Kinder wohl ausgesehen?
Doch dann schüttelte sie vehement den Kopf. Über was zerbrichst du dir denn bitte den Kopf?
Sie hoffte einfach nur, dass sie David wieder zu ihren Freunden dazuzählen konnte – das wäre ein schöner Gedanke und ließ sie ein wenig zuversichtlicher in die Zukunft sehen.

*****

David holte sich seinen Mantel und steckte ein paar Kondome in seine Jeans. Er hoffte sehr, dass er sie heute noch brauchen würde. Nach diesem Wochenende stand ihm der Sinn nach anderen Abenteuern. Kinder bespaßen war ja schön und gut – aber es gab schließlich noch mehr im Leben.
Er ging in einen sehr angesagten Club und begab sich an die Theke. Er ließ seinen Blick umherschweifen, ein paar sehr attraktive Frauen zogen seine Aufmerksamkeit auf sich.
David bemühte sich um Augenkontakt und hatte bereits nach kurzer Zeit Erfolg.
Er stellte sich neben eine brünette Schönheit und begann mit ihr ein Gespräch. Sie war nicht gerade die Hellste, wie er schnell feststellte, doch das war ihm nicht wichtig.
Er spulte sein übliches Programm ab, spendierte ein paar Drinks, tanzte sehr eng mit ihr. Sie war nicht abgeneigt und ging auf die kleinen Annäherungsversuche von ihm sofort ein.
Nach einer Stunde verließen sie den Club und sie nahm ihn mit zu sich. Dann brauchte es nicht mehr viele Worte. Sie war gut im Bett und das war genau das, was er jetzt brauchte.
Wenn da nicht… Es war zum verrückt werden. Er hatte heißen Sex mit einer schönen Frau und trotzdem die ganze Zeit das Geplapper von einer Mini-Blondine im Ohr. Das durfte ja wohl alles nicht wahr sein.
Doch Gott sei Dank bekam das sein Betthäschen nicht mit, sie schien mit seinen Leistungen voll zufrieden zu sein.
Irgendwann schlief sie erschöpft ein und David schlich sich leise aus ihrer Wohnung.

Er duschte ausgiebig, fand sich irgendwie dreckig und trotz der körperlichen Befriedigung ging er mürrisch ins Bett. So ging das einfach nicht. Er hatte wohl zuviel Zeit mit Charlottes Kind verbracht.
Er schloss die Augen und sah sie vor sich. Charlotte und die kleine Suri. Und ob er wollte oder nicht – er musste unwillkürlich lächeln.

*****

„Guck mal, Mami.“ Suri reichte ihr am Frühstückstisch ein Blatt Papier. „Hab ich malt“, erklärte sie ihr stolz.
„Oh, das ist schön.“ Charlotte stutzte kurz, dann erkannte sie aber das Motiv.
„Das ist das Boot von Taffitt. Und das bin ich … und das bist du … und das ist Taffitt“, fügte sie eifrig hinzu.
Charlotte schaute es sich genauer an. Es wunderte sie nicht, dass sie damit ankam, sie hatte bereits den gestrigen Sonntag nur von ihm und dem Segeltörn gesprochen. „Und wo sind Philipp und die Jungs?“, fragte sie nach.
„Die sind nicht dabei.“ Suri biss in ihr Brötchen und sah Charlotte aus treuen Augen an. Luna warf ebenfalls einen Blick auf das Bild, sagte aber nichts, sondern trank nur ihren Kakao.
„Kann ich Taffitt das Bild geben?“ Suri war jetzt auf Charlottes Schoss gekrabbelt und hatte sie umarmt. Eine Taktik, die eigentlich immer funktionierte, Charlotte konnte ihren Mädchen einfach nichts abschlagen. Doch das ging diesmal nicht. Sie wollte David nicht nerven.
„Nein, Suri“, erklärte sie ihr sanft. „David muss arbeiten und du in den Kindergarten“.
„Aber wir können ihn besuchen.“ Suri legte ihre Händchen auf Charlottes Wangen.
„Nein Schatz. Ich denke, David wird soviel zu tun haben, dass er keine Zeit hat, uns zu empfangen. Aber ich kann es ihm gleich geben“, schlug Charlotte ihr vor.
„Ich will Taffitt geben!“ Suris Unterlippe schob sich verdächtig nach vorne.
„Dann können wir Mike besuchen“, mischte sich jetzt Luna ein. Charlotte sah sie erstaunt an. Dass ausgerechnet von ihr Schützenhilfe für ihre kleine Schwester kam, hatte sie jetzt nicht erwartet.
„Oh ja.“ Suri schaute Charlotte jetzt eindringlicher an. „Bitte Mami …“
Charlotte seufzte auf. Jetzt kam Luna noch dazu auf ihren Schoß gekrabbelt und dieser geballten Ladung Bettelblicke konnte sie sich nicht widersetzen.
„Wir geben nur das Bild ab. Und bei Mike bleiben wir nur ganz kurz“, sagte sie streng und zwei kleine Lockenköpfe nickten eifrig.
„Gut, wenn ich euch aus dem Kindergarten abgeholt habe, fahren wir im Verlag vorbei“, versprach sie ihnen.
„Danke Mami.“ Suri herzte und küsste sie leidenschaftlich und auch von Luna bekam sie einige feuchte Küsse ab.
Charlotte war nicht ganz so glücklich damit, sie hatte Angst, dass David nicht so erfreut über den Besuch sein würde. Nur kurz, beschwor sie sich dann ihre eigenen Worte herauf.

Sie sah David nur einmal kurz am Catering, als sie sich einen Kaffee holte. Er sprach sie freundlich an. „Na, hat Suri sich von dem Segeltörn erholt?“
„Ja, aber wach geworden ist sie erst am Sonntagmorgen“, antwortete Charlotte scheu.
David lachte und nahm dann seinen Kaffee mit in sein Büro.
„Schön, dass er die Kleine mitgenommen hat.“ Charlottes Mutter Heidi sah ihm versonnen hinterher. „Hätt’ ich gar nicht von ihm gedacht, dass er so gut mit Kindern kann. Philipp war schon hier und seine Jungs waren ebenfalls begeistert.“
„Ja, es war wirklich schön. Suri hat ihm ein Bild gemalt und will es ihm heute Nachmittag bringen. Und Luna will zu Mike“, erzählte sie ihrer Mutter.
„Ist doch schön“, freute sich Heidi. „Dann backe ich schnell noch ein paar Schokokekse“.
„Schön? Ich weiß nicht. Nicht, dass Suri David auf die Nerven geht. Sie war doch sehr anhänglich am Samstag und ist dann bei ihm im Arm eingeschlafen.“ Charlotte warf ihrer Mutter einen besorgten Blick zu.
„Sie vermisst einen Vater“, sagte Heidi leise.
„Ja, das glaube ich auch.“ Charlotte schaute traurig in ihre Kaffeetasse und kämpfte mit den Tränen. „Ich versuche schon, den beiden so gut es geht gerecht zu werden. Aber ich habe Angst, dass ich das nicht kann.“ Ihre Stimme wurde immer heiserer.
Heidi kam um den Tresen herum und nahm Charlotte fest in die Arme.
„Das kannst du auch nicht, Charlotte.“ Vorsichtig streichelte sie ihr über den Rücken. „Du kannst den Flöckchen nicht Mutter und Vater sein. Und ich glaube auch nicht, dass sie das von dir erwarten. Mit der Zeit werdet ihr schon lernen, damit umzugehen.“
Charlotte nickte nur und nahm schnell ihre Tasse. „Ich hoffe es“, murmelte sie nur leise und verschwand in ihrem Büro.

„Na, wen seh ich denn da? Meine Prinzessinnen!“ Mike strahlte übers ganze Gesicht, als er Suri und Luna entdeckte.
„Ich hab Bilder gemalt“, erklärte Luna ihm leise und hielt ihm eine Mappe hin. Charlotte hielt erschrocken die Luft an. Sie hatte sich schon gefragt, was da wohl drin war, aber das es etwas für Mike war, darauf wäre sie niemals gekommen. Sie hatte gedacht, es wären ihre Bilder aus dem Kindergarten, die sie ab und zu mit nach Hause bekamen.
„Oh, meine Kleine, dann lass mal sehen.“ Er setzte sich auf einen Stuhl und klappte die Mappe vorsichtig auf.
Charlotte lugte jetzt auch rein und war überrascht. Luna war schon immer eine gute Malerin gewesen – eindeutig Opa Konrads Erbe. Sie malte für eine Vierjährige sehr gut, aber es war halt immer noch Kindergekritzel. Doch sie hatte tatsächlich fünf Bilder gemalt, die eine kleine Geschichte darstellten, Charlotte musste jetzt doch grinsen.
„Wunderbar! Absolut Wunderbar!“, rief Mike aus und Luna strahlte übers ganze Gesicht.
„Und das hast du wirklich alles alleine gemalt?“ Er schaute Luna liebevoll an.
Sie nickte eifrig.
„Weißt du was, Luna …“ Mike nahm sich einen Block und seinen Zeichenstift. „Diese Geschichte, die nehmen wir als Grundlage für einen Comic auf unserer Kinderseite im „Tagesanzeiger“. Wäre das schön?“
„Ja“, flüsterte Luna ehrfürchtig und warf einen schüchternen Blick zu Charlotte.
„Ich … ich weiß jetzt gar nicht, was ich sagen soll“, antwortete Charlotte ehrlich.
Suri griff nach ihrer Hand und streichelte darüber. „Aber Luna hat doch ssön gemalt“, erklärte sie Charlotte ernst.
Mike stand auf und kam zu Charlotte. „Ich finde, dass Luna sich sehr viel Mühe gegeben hat. Und das sollte doch belohnt werden. Wir veröffentlichen einmal die Woche auf der Juniorseite Kindermalereien oder auch kleinere Gedichte. Lunas Geschichte würde da prima reinpassen.“
Charlotte war sprachlos. „Das ist … das ist …“ Sie konnte das immer noch nicht fassen. Doch Suri und Luna hüpften schon ganz begeistert Auf und Ab.
Sie nahm die Mädchen an die Hand und brachte sie kurz zu ihrer Mutter. Sie musste einfach noch mal mit Mike reden – das war eindeutig zuviel des Guten.
Suri maulte schon rum, wollte doch nun endlich zu David, doch Charlotte nahm ihr das Versprechen ab, bei der Oma auf sie zu warten.
Entschlossen ging sie noch mal zu Mike zurück.
„Ist das wirklich dein ernst?“, fragte sie nach und sah ihn Mikes grinsendes Gesicht.
„Natürlich.“
„Aber …“
„Kein ‚Aber’“, erklärte er entschieden und nahm Charlottes Hände. „Die Kleine hat sich so bemüht und sie hat sich so viele Gedanken gemacht.“ Er zeigte ihr nochmals Lunas Zeichnungen. „Lass mich ihr danken – auf meine Weise. Und außerdem tu ich das gerne. Und ich denke, es hätte ihrem Vater auch sehr gefallen“, sagte er sanft.
Charlotte schluckte. Natürlich hätte es das. Jonny hatte immer viel Wert darauf gelegt, dass seine Mädels eigene Ideen entwickelten und viel mit ihnen gemalt und gebastelt.
Du wärst so stolz auf deine Kleine gewesen.
„Da hast du wohl recht“, lächelte sie traurig.

„Ist Herr Herbold da?“, fragte Charlotte Davids Assistentin Karin.
Sie sah zwischen ihr und Suri hin und her. „Ja, wen darf ich melden?“, fragte sie und lächelte Suri an, die ihr Bild jetzt fest umklammert hielt.
„Sag deinen Namen“, ermunterte Charlotte ihre kleine Tochter.
„Suri“, flüsterte sie heiser.
Karin drückte einen Knopf. „David? Suri ist hier und möchte dich sprechen“.
David sah erstaunt auf die Sprechanlage. Suri?, wunderte er sich, dann fasste er sich schnell wieder. „Bitte sie herein.“
Vorsichtig wurde die Tür geöffnet und der kleine blonde Lockenkopf trat lächelnd ein.
„Hallo Taffitt“, sagte sie ungewöhnlich schüchtern, hinter ihr folgte Charlotte.
„Ich hoffe, wir stören dich nicht. Wir sind auch sofort wieder weg“, sagte sie verlegen.
„Nein. Nein ihr stört gar nicht“, beruhigte er sie, dann wandte er sich Suri zu.
„Das ist schön, dass du mich besuchen kommst, Mäuschen.“
Suris Gesicht erhellte sich, dann kam sie ganz zu ihm. „Ich hab Bild malt“, erklärte sie ihm und gab ihm rasch ein schon leicht geknittertes Blatt.
„Für mich?“ David nahm ihr das Papier aus der Hand und schaute erst mal ein wenig verdutzt darauf.
„Das ist das Boot“, sagte Suri dann schnell und jetzt erkannte es David auch. „Und das bin ich, und das bist du und das ist Mami.“ Ihr kleiner Finger huschte über das Blatt.
„Wow – das hast du aber schön gemalt.“ David strich ihr über die Löckchen. „Das häng’ ich mir auf. Vielen Dank Suri.“
Er war wirklich ganz gerührt, aber ein Detail fiel ihm jetzt doch auf. „Und wo sind Philipp? Und Tim und Tom?“
Bevor Suri etwas sagen konnte, mischte sich Charlotte schnell ein. „Die sind gerade mal unten und holen was zu essen“, lachte sie verlegen. Dann nahm sie Suri an die Hand und warf ihr einen ernsten Blick zu. „Nicht wahr, Schatz?“
Suri nickte, dann strahlte sie David wieder an.
„Hat dir denn das Segeln gefallen?“
„Ja – war ssön.“
„Das freut mich.“ Und das war sogar ehrlich gemeint. Schließlich hatte er diesen Törn auch sehr genossen, trotz anfänglich großer Bedenken.
„Wir wollen dich jetzt aber nicht weiter aufhalten.“ Charlotte zog Suri wieder von ihm weg.
„Das habt Ihr nicht.“ Er sah ihr kurz in die Augen, blieb für einen Moment an ihnen haften. „Ich fand es sehr schön, dass Suri und du hier ward.“
„Dann sag David mal auf Wiedersehen“, forderte Charlotte ihre kleine Tochter auf. Sein Blick hatte sie verwirrt und sie hoffte, dass er das nicht bemerkt hatte.
„Tssüss Taffitt!“ Suri strahlte ihn wieder an und Charlotte ging mit ihr hinaus.

David lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete sich noch lange das Bild.
Charlotte, Suri und ich. Er grinste in sich hinein, als er die drei Strichmännchen sah.