Eine zweite Chance – Teil 16

David runzelte die Stirn und tippte mit seinem Kugelschreiber auf die neu gestaltete Kinderseite. „Was ist das? Wieso hast du denn eine zweite Seite dazugenommen? Normalerweise brauchen wir doch nur eine Seite für die Kids?“, fragte er Mike.
„Da ist noch Lunas Entwurf dazugekommen, ich finde ihn einfach zu goldig“, nuschelte er als Antwort.
„Luna?“ David schaute ihn verdutzt an. „Was denn für eine Luna?“
„Welche Luna? Soll dass ein Witz sein? Luna Woźniak natürlich!“
David verstand irgendwie nur Bahnhof. „Luna Woźniak? Warum das denn?“
„Schau es dir doch mal an. Sie ist so talentiert für eine Vierjährige. Du bist aber auch manchmal schwer von Begriff.“
David atmete tief ein und aus. „Entschuldige mal bitte: Aber woher soll ich wissen, dass wir neuerdings schon Werke von Vierjährigen dazunehmen?“
„Warum denn nicht? Wenn die Kinder doch Talent haben? Ich fand die Zeichnungen nur ganz entzückend. Sie hat die wohl die Kreativität ihres Vaters und ihres Opas geerbt“, säuselte Mike weiter.
David schüttelte nur den Kopf, beschloss dann aber lieber zu schweigen. Er holte sich beim Catering Kaffee und nahm die Gelegenheit wahr, mal bei Charlotte vorbeizuschauen.

Charlotte schreckte hoch. Sie war ganz vertieft in ihre Unterlagen gewesen und sah überrascht auf, als David eintrat..
„Hey. Stör ich dich?“
„Nein.“ Sie lehnte sich zurück und schaute ihn gespannt an. „Kann ich etwas für dich tun?“
„Nein, eigentlich nicht.“ David setzte sich seitlich auf ihren Schreibtisch, dann reichte er ihr eine Kaffeetasse.
„Danke.“ Sie nahm sie ihm überrascht ab.
„Ich war gerade bei Mike“, begann er zögernd. „Und habe gehört, dass Lunas Zeichnungen bald veröffentlicht werden.“
Charlotte zuckte erschrocken zusammen. „Das tut mir leid, David. Ist es dir nicht recht? Das war Mikes Idee, ich fand den Gedanken auch komisch, aber er ließ sich nicht davon abbringen“, stammelte sie.
„Ist schon gut. Du kennst doch Mike, wenn er sich was in den Kopf gesetzt hat“, sagte er leise.
„Aber du bist dagegen, oder?“, fragte sie ihn atemlos.
„Warum sollte ich? Die kleine Süße hat das wirklich gut gemacht. Genau aus diesem Grund bin ich auch hier. Ist es dir das überhaupt recht?“
„Ich finde das auch ungewöhnlich.“ Charlotte knetete nervös ihre Hände. „Aber ich kann ihr das jetzt nicht mehr verbieten, das würde ein Drama geben. Sie ist so stolz darauf, dass Mike sie gelobt hat.“
„Das kann ich mir denken.“
Charlotte nickte. Sie fand es nett, dass David so nett von Luna sprach, immerhin war sie bisher nicht gerade freundlich zu ihm gewesen. Und auch Suri schien er wirklich zu mögen, auch wenn er sie seit dem Besuch, bei dem sie ihm das Bild geschenkt hatte, nicht mehr gesehen hatte. Und das war jetzt zwei Wochen her. Suri hatte zwar immer wieder nach ihm gefragt, aber Charlotte hatte es vermieden, mit den beiden nochmals in den Verlag zu fahren.
„Kommen deine beiden denn bald mal wieder hierhin? Ich könnte mal wieder einen Besuch von meiner Lieblingsminiblondine vertragen“, fragte er dann auch prompt.
„Ja – übermorgen“, lachte Charlotte. „Da muss ich sie ein bisschen früher abholen, weil Handwerker im Kindergarten sind. Ich bin froh, dass dein Vater nichts dagegen hat, wenn die beiden ab und zu hier sind.“
„Das ist doch selbstverständlich, Charlie. Und mein Vater mag dich sehr gerne. Ich werde mir auf jeden Fall Zeit für Suri nehmen.“ Er winkte Charlotte noch einmal zu und ging fröhlich pfeifend zurück zu seinem Büro.

„Darf ich zu Taffitt?“, fragte Suri ungeduldig. Sie war noch keine zwei Minuten im Verlag, da bettelte Charlies kleine Tochter auch schon.
„In Ordnung, komm.“ Charlotte nahm ihre Jüngste an die Hand. Sie fragte Luna, ob sie mitkommen wolle, war aber nicht besonders erstaunt darüber, dass diese lieber bei Mike bleiben wollte.
„Ah Suri, da bist du ja. Du wirst schon erwartet“. Davids Sekretärin Karin nickte der Kleinen freundlich zu und klopfte an Davids Bürotür. „Und schick bist du.“
„Hab neues Kleid bekommen“, erklärte Suri Davids Assistentin.
„Wirklich hübsch.“ Karin öffnete Davids Bürotür. „Hallo David. Hier ist dein Besuch.“
David sprang auf und ging sofort auf Suri zu. Fröhlich betrachtete er das kleine Geschöpf, sie sah wirklich zuckersüß aus. „Wow Suri! Du bist aber schön“, begrüßte er sie und ging in die Hocke.
„Hallo Taffitt“, strahlte sie ihn an. „Luna ist auch ssön“, plapperte sie sofort los. „Hat auch neue Sachen bekommen.“
„Hallo.“ Charlotte räusperte sich und staunte immer mehr über David, der sich wirklich ehrlich über Suris Besuch zu freuen schien.
David sah zu ihr auf und zwinkerte ihr zu. „Hallo Charlotte“.
Dann wandte er sich wieder seiner kleinen Besucherin zu. „Ich hab schon auf dich gewartet. Und deine Oma hat mir verraten, dass du Schokoladenkekse so gerne magst.“ Er nahm Suris Hand und ging mit ihr zu einem Besuchertisch, auf dem ein Teller mit Keksen und eine Kanne mit Kakao stand.
„Magst du noch so gerne Kakao?“, fragte er dann in Charlottes Richtung.
„Ja“, nickte sie, dann ging sie aber schnell zu Suri. „Wenn du die Kekse essen willst, musst du aber ein bisschen aufpassen.“
„Ja, pass schon auf“, versprach Suri und griff nach dem ersten Keks.
David und Charlotte setzten sich ebenfalls an den Tisch und David erkundigte sich nach Suris Kindergartenalltag.
„Iss ssön da“, plapperte sie dann auch eifrig los. „Bald haben wir ein Fest.“
„Echt? Was denn für ein Fest?“ David konnte sich an der Kleinen nicht sattsehen. Ihre braunen Augen strahlten richtig, als sie weitererzählte.
„Martinsfest. Im Noffember. Da gibt es auch ein Feuer.“
„Das wird bestimmt sehr aufregend“, pflichtete David ihr bei. „Freust du dich schon darauf?“
Suri nickte eifrig. „Da werden auch Spiele macht.“ Ihre Wangen waren schon ganz gerötet vor Aufregung.
„Hört sich toll an“, lächelte David und stupste sie auf die Nase. „Du musst mir unbedingt erzählen, wie es war, okay?“

Charlotte war überrascht, dass David sich fast eine Stunde für Suri Zeit nahm. Sie plapperte an einem Stück, schließlich klopfte Karin an der Tür.
„Hier ist jemand, der nach seiner Mama fragt“, lächelte sie und schaute hinter sich. Doch wie erwartet wollte Luna nicht in Davids Büro kommen.
„Wir müssen auch los jetzt.“ Charlotte stand auf. „Danke, dass Suri dich besuchen kommen durfte“.
„Keine Ursache.“ Er schaute ihr lange in die Augen, war erleichtert, dass sie nicht mehr so traurig und bedrückt wirkte wie am Anfang, als sie hier angefangen hatte. „Jederzeit wieder“.
Dann hockte er sich vor Suri hin. „Und wir sehen uns am Wochenende. Da ist doch der „Tag der offenen Tür“ hier im Verlag. Kommst du auch?“
David sah Charlotte fragend an, diese nickte nur.
„Ja Taffitt“, antwortete Suri ehrfürchtig und strahlte ihn an.

Der Tag der offenen Tür war sehr beliebt, Charlotte staunte, wie viele Menschen sich in den Verlagsräumen tummelten und die Chance nutzten, sich darüber zu informieren, wie die Zeitungsmeldungen entstanden.
Die hiesige Lokalpresse war auch vertreten. Charlotte wusste, dass das Interesse an Davids Person groß war. Immerhin war er ein gut aussehender Junggeselle und der Sohn des Verlagsbegründers.
Auch wenn David Einfluss darauf hatte, dass in den eigenen Printmedien nichts über seine Person erschien, so konnte er doch natürlich nicht verhindern, dass andere Zeitungen sich auf seine Person stürzten.
Einige Journalisten machten Aufnahmen von ihm, als er gerade mit Charlotte, Luna und Suri bei den Kinderaktionen stand. Charlotte hatte sehr wohl bemerkt, dass Fotos geschossen wurden und da er sich sehr innig mit Suri beschäftigte, wollte sie ihn darauf aufmerksam machen, nicht, dass da etwas Falsches berichtet werden würde.

„Da ist Taffitt!“ Suri kreischte begeistert auf, als sie die Zeitung aufschlug. „Und ich und du und Mami. Ssau Luna!“ Aufgeregt zupfte sie am Ärmel ihrer älteren Schwester.
Wie Charlotte geahnt hatte, fand sie am nächsten Morgen einen kleinen Bericht über den Tag der offenen Tür. Und auch ein Foto, das sie mit David, Suri und Luna zeigte.
Charlotte hatte sich gerade zu David hinübergebeugt und flüsterte ihm etwas ins Ohr, dass sie in dieser Situation fotografiert worden waren, war ihr gar nicht bewusst gewesen. Zu ihrer Überraschung wurde auch erwähnt, dass sie die Assistentin von Julius Herbold war, und dass ihr Mann vor neun Monaten ums Leben gekommen war. Doch weitere Spekulationen gab es zum Glück nicht. Offenbar traute man David nicht zu, dass er sich eine Frau mit Familie ans Bein gebunden hatte.
Charlotte holte eine Schere, denn Suri wollte unbedingt das Foto haben.
Leider war Suri damit noch nicht so geschickt und brach völlig in Tränen aus, als sie David auf dem Bild den Kopf abgeschnitten hatte. Doch zum Glück hatte Charlotte mehrere Exemplare gekauft und so war Suri wieder vertröstet.
Als die Kinder im Bad waren, betrachtete sie sich die Bilder erneut nachdenklich. „Das hätte dir gefallen, Jonny. Deine Kleinen in der Zeitung“, flüsterte sie traurig und kämpfte mit den Tränen.