Eine zweite Chance – Teil 17

David kam strahlend auf Charlotte zu. „Hast du die Zeitung von der Konkurrenz gelesen?“
„Ja, natürlich. Suri hat direkt den Artikel ausgeschnitten“, antwortete Charlotte und beobachtete ihn, wie er sich gut gelaunt auf ihrem Schreibtisch niederließ.
Davids Augen leuchteten begeistert, was Charlotte wieder faszinierte. „Und die beiden Mäuschen sind auch mit drauf“, sprudelte es weiter aus ihm heraus.
„Und der Tag der offenen Tür ist wieder sehr gut angenommen worden“, ergänzte Charlotte.
„Was?“ David schaute sie für einen Moment verwirrt an. „Oh ja, klar, natürlich. Ist gut aufgenommen worden, ja“, pflichtete er ihr lebhaft bei, dann wurde sein Blick sanfter. „Du hast das alles toll organisiert.“
Sie wurde verlegen und griff nach einem Stift. „Na ja, dein Vater und Inka haben doch dabei geholfen.“
David räusperte sich, dann fasste er sich ein Herz. „Was … was hältst du davon, wenn wir mal zusammen essen gehen. Ein bisschen quatschen über alles Mögliche“, fragte er sie heiser. „Oder du könntest zu mir kommen, du kennst ja noch gar nicht meine Wohnung – das wäre doch nur fair, wo Suri mir eure Wohnung schon gezeigt hat. Wir könnten etwas zu essen kommen lassen.“ Er wurde immer hektischer und fragte sich selbst, was mit ihm los war.
Charlotte sah ein wenig überrascht auf, versank kurz in seinen Augen, die sie bittend ansahen. Dieser Blick, dachte sie leicht amüsiert. Er kann ihn immer noch …
Sie rang mit sich. Sollte sie das tun? Aber was sprach dagegen? Beim Segeln waren sie doch auch gut miteinander ausgekommen.
Und ein bisschen reden, das hörte sich erst mal nicht falsch an.
David wurde spürbar nervöser. Hoffentlich dachte sie jetzt nichts Falsches. Aber er hatte wirklich das Bedürfnis, mit ihr einen Abend zu verbringen. Viel war in den Jahren passiert und sie hatten noch nie darüber gesprochen.
Sie schwieg immer noch und David überlegte schon, ob er sich entschuldigen und einen Rückzieher machen sollte, als Charlotte dann doch antwortete.
„Ja“, sagte sie leise und sah ihn schüchtern an. „Das hört sich gut an. Wenn du magst, könnte ich auch bei dir etwas kochen. Also nur so als Vorschlag.“
„Gute Idee“, rief er begeistert. „Ich kann dir auch assistieren! Also ein bisschen kochen kann ich schon, ich hab mich beim Segeln ja auch selbst versorgt. Aber für ein Abendessen – ich weiß nicht…“
Charlotte musste lachen. „Ich denke, wir kriegen das schon irgendwie hin.“
„Ich hab am Wochenende nichts vor, sag einfach Bescheid, wann du Zeit hast.“ Er winkte noch einmal kurz und steuerte gut gelaunt sein Büro an.
David atmete tief durch. Er freute sich auf ein Treffen mit ihr. Und die Hoffnung auf eine richtig gute Freundschaft zu ihr, wuchs.

„Und du triffst dich mit David?“ Charlottes Mutter hakte noch einmal nach.
„Ja, er hat mich eingeladen.“
„Ist doch schön. Die beiden haben bestimmt viel zu Quatschen.“ Stefan Siegel tätschelte seiner Frau über den Arm und wandte sich dann Suri und Luna zu.
„Und wir machen uns einen ganz schicken Abend, was?“
„Au ja, Opi“, quietschten beide begeistert auf.
„Na ja, das mit dem Reden stimmt wohl“, stimme Charlottes Mutter schließlich zu.
„Ich wäre froh, wenn David und ich eine freundschaftliche Beziehung aufbauen könnten. Das wäre mir sehr wichtig, Mama.“ Charlotte nahm ihre Mutter in die Arme. Sie kannte ihre Vorbehalte gegen David nur zu gut.
Stefan holte Charlottes Jacke. „Und nu geh mal schön, Mäuschen. Und grüß den David von mir.“

Charlotte wunderte es nicht, dass David in einem sehr noblen Altbau wohnte. Sie hatte den Korb mit den Lebensmitteln dabei und drückte auf die Klingel. Er wohnte ganz oben und sie war sich sicher, dass seine Wohnung todschick war.
Als sie aus dem Aufzug trat, wartete er schon auf sie. Er sah wie immer unverschämt gut aus, auch in lässigen Jeans und einem dunklen T-Shirt.
„Hallo Charlie.“ Er strahlte sie entwaffnend an und nahm ihr den Korb ab.
Charlotte sah sich staunend um. Die Wohnung war schön eingerichtet, sehr modern, alles war klar strukturiert – irgendwie typisch männlich.
„Als Nadja ausgezogen ist, hat sie ein paar Möbel mitgenommen, deswegen ist es noch ein bisschen kahl“, sagte er entschuldigend.

Die Küche war riesig und es fehlte an nichts, Charlotte grinste in sich hinein. Ihre Küche war viel kleiner, und es stand immer irgendwie allerlei rum, dafür wirkte sie aber auch gemütlicher. Hier war alles wie vom Reißbrett.
„Kann man hier auch kochen? Oder sich nur alles angucken?“, neckte sie ihn. Sie staunte über den blitzeblanken Backofen. Sie machte ihren zwar regelmäßig sauber, aber trotzdem wirkte er doch um einiges benutzter als dieser hier.
„Äh ja … also im Backofen mache ich höchstens mal eine Fertigpizza“, erklärte er ihr grinsend.
„Dann wollen wir das doch mal ändern. Magst du Auberginen?“
„Ja, sehr gerne.“ David war gespannt, was sie vorhatte.
„Ich wollte einen griechischen Auflauf machen. Ist das okay?“, ratlos suchte sie eine passende Form.
„Hört sich gut an.“ David hatte schon richtig Hunger und sie machten sich zügig ans Werk.
Charlotte war dann doch erstaunt von seinen Fähigkeiten. Im Schnipseln war er sehr geschickt und als der Auflauf im Ofen war, zeigte er ihr seine Wohnung.

Er hatte einen wunderschönen, riesigen Balkon, von dem man aus eine tolle Sicht hatte. Das Bad war ein Traum und so aufgeräumt, Charlotte war schon ein wenig neidisch. Bei ihr flogen immer irgendwelche Kinderbademäntel oder Gummitiere herum. Außerdem hatte der Spiegel regelmäßig Zahnpastaspritzer, weil Suri und Luna auch beim Zähneputzen eifrig weiter plapperten.
David zögerte kurz, überlegte, ob er auch sein Schlafzimmer zeigen sollte, fand seine Bedenken dann aber lächerlich und führte sie hinein.
Wie alles in seiner Wohnung war auch dieses Zimmer sehr edel und schick.
„Deine Wohnung ist sehr schön“, sagte sie dann schließlich. „Nicht so chaotisch wie bei uns.“
„Na ja, ich hab’ auch nicht so zwei wilde Mäuse.“

Endlich war das Essen fertig und David langte mächtig zu. Es schmeckte wirklich hervorragend.
„Toll Charlotte“, sagte er dann und fühlte sich pappsatt.
„Dankeschön.“ Sie trank einen Schluck Rotwein und freute sich über sein Lob. „Ich mache das Zuhause nicht oft, weil Suri keine Auberginen mag und nur darin herumpikst“.

Charlotte half ihm Aufräumen und David bat sie, es sich schon mal im Wohnzimmer bequem zu machen. Sie ließ sich auf sein Sofa plumpsen, es war sehr bequem und aus weißem Leder. Sie lehnte sich an und schloss für einen Moment die Augen. Es war schön, mal keine Kinder um sich zu haben und einfach nur für seine eigenen Belange verantwortlich zu sein.
David beobachtete sie vom Türrahmen aus. Sie hatte die Augen geschlossen, schien ganz weit weg zu sein. Wieder bemerkte er, wie schlank sie geworden war und trotzdem wirkte sie sehr fraulich. Sie war immer in schwarz gekleidet, doch der Rollkragenpulli, den sie anhatte, war figurbetont und die schwarze Hose ließ erkennen, dass ihre Proportionen sehr weiblich waren. Er grinste in sich hinein, immer wieder schob sich die alte Charlotte vor sein Auge.
Nein, diese hier hatte wenig mit der jungen Frau von damals gemeinsam. Und doch war sie es. Ihre Unsicherheit, ihre Gesten und ihre Stimme verrieten sie.

Langsam ging er zu ihr, sofort schlug sie die Augen wieder auf. „Dein Sofa ist sehr bequem“, lächelte sie und setzte sich seitlich hin, David tat es ihr gleich. Sie hatten einen kleinen Abstand zwischen sich und Charlotte hatte ihr Gesicht noch an die Lehne geschmiegt.
Lange sahen sie sich einfach nur in die Augen. Irgendwie war diese Situation sehr vertraut, schließlich fasste sie sich ein Herz. „Erzähl mir was über dich, David“, bat sie ihn.
„Was möchtest du denn wissen?“ Er musste sich richtig konzentrieren, ihre blauen Augen faszinierten ihn immer wieder aufs Neue.
„Alles, was du preisgeben magst“, sagte sie verlegen und hoffte, ihn nicht irgendwie zu verärgern mit ihrer Neugier.
„Okay …“ Er setzte sich anders hin, denn wenn sie ihn anschaute, konnte er einfach nicht reden. „Ich bin einen Tag nach deinem Polterabend losgesegelt. Ohne richtiges Ziel – ich wollte einfach nur weg.“ Er schluckte etwas, hoffte, dass sie es nicht bemerkte. „Zwei Jahre bin ich durch die Welt gesegelt. Es war eine schöne Erfahrung. Ich habe viel über mich gelernt in dieser Zeit.“
„Wo warst du überall?“
David begann zu erzählen, er wurde immer gesprächiger und lockerer. Es war schön in ihrer Gesellschaft, sie hörte ihm aufmerksam zu und bei einigen lustigen Anekdoten lachte sie sogar richtig herzhaft. Es tat gut sie so zu sehen. Sie war viel zu lange traurig gewesen.
Charlotte liebte es, ihm zuzuhören. Seine Augen sprühten förmlich und er gestikulierte lebhaft. Ein paar Mal brachte er sie zum Lachen – und sie genoss diese unbeschwerte Art von ihm.
„Na ja, dann bin ich irgendwann zurückgekehrt und bin wieder im Verlag eingestiegen. Das war auch höchste Zeit, denn meinem Vater wird das alles langsam zuviel“, erklärte er ihr. „Kurze Zeit später hab ich Nadja kennengelernt, es hat sich was daraus entwickelt. Sie ist hier mit eingezogen.“
„Und warum lebt sie hier nicht mehr?“, fragte Charlotte leise nach und bereute ihre Frage sofort wieder. „Entschuldige, wenn das zu indiskret war, das geht mich ja gar nichts an.“
David griff nach Charlottes Hand und streichelte sanft darüber. „Hey, schon gut.“ Er verschränkte kurz seine Finger mit ihren, fuhr mit dem Daumen zärtlich über ihren Handrücken. Dann besann er sich aber wieder und ließ sie los. „Tja – warum lebt sie hier nicht mehr“, wiederholte er ihre Frage nachdenklich.
„Es ging einfach nicht. Sie war nett, sie sah gut aus, aber es fehlte etwas. Aber wenigstens hatte ich den Mumm ihr das direkt zu sagen und dann war es auch vorbei. Vielleicht bin ich einfach nicht für etwas Festes geschaffen… wer weiß.“
Er drehte sich wieder zu ihr. Sie saß immer noch unverändert da und schaute ihn an.
„Und du warst glücklich?“, fragte er nach.
Charlotte senkte den Blick. „Ja David. Auch wenn ich zuerst Zweifel hatte … und sogar Jonny mir gestanden hatte, dass er nie richtig daran geglaubt hatte, dass wir heiraten würden. Doch – ich war glücklich. Er war ungemein lieb und rücksichtsvoll. Er war das, was ich damals gebraucht hatte.“ Charlotte sah David entschuldigend an. „Er hat mir Sicherheit gegeben und Stabilität. Und immer das Gefühl vermittelt, dass ich für ihn der wichtigste Mensch in seinem Leben bin. Es war schön mit ihm.“
David musste sich eingestehen, dass ihre Worte ihm einen Stich versetzten. Nach all den Jahren waren die schmerzlichen Gefühle von damals doch noch da. Dabei hatte er gedacht, dass er damit durch war.
„Dann war es richtig, dass du ihn geheiratet hast.“
Diesmal war sie es, die nach seiner Hand griff. „Ich hab es nie bereut – es war damals die richtige Entscheidung gewesen.“
David nahm ihre Hand und legte sie an seine Wange. „Warum ist aus uns nichts geworden, Charlotte?“ Seine Stimme klang ganz rau und er hatte Angst, sie zu verschrecken. Doch sie beließ seine Hand an dieser Stelle, streichelte ihn vorsichtig über die Wange.
„Ich glaube, ich war wohl nicht bereit für einen David Herbold. Ich habe mich nach jemandem gesehnt, der mir Ruhe geben konnte. David, ich habe dich solange geliebt, hab dich angehimmelt und vergöttert. Doch … doch irgendwas kam immer dazwischen und … und ich habe Fehler gemacht, dass weiß ich jetzt. Aber ich war auch so durcheinander und mit Jonny hab ich irgendwie klarer gesehen. Ich … ich hab’ dir damals einen Brief geschrieben.“
„Ich weiß. Ich war da aber schon fort.“ Er senkte den Blick. „Melissa hat mich gebeten noch einmal zu dir zu gehen, aber ich konnte das einfach nicht.“
„Das kann ich verstehen.“ Sie streichelte kurz über sein Gesicht und nahm ihre Hand weg. „Ich hab dir an dem Abend wehgetan und das wollte ich nicht. Kannst du mir verzeihen, David?“
„Kannst du mir denn auch verzeihen?“, fragte er heiser.
„Ich glaube, das geht.“ Sie lächelte ihm scheu zu.
Aus einem Impuls heraus zog er sie in seine Arme und hielt sie ganz fest an sich gedrückt. Tief vergrub er sein Gesicht in ihren Haaren.
Charlotte schloss die Augen und erwiderte die Umarmung. Es tat so gut, es war so schön, dass er das tat. Eine ungeheure Last nahm er ihr damit ab und sie spürte einen Kloß in ihrem Hals.
„Bist du mir nicht mehr böse?“, flüsterte sie an seinem Hals.
„Nein Charlie. Du hast das Richtige getan. Wer weiß, ob ich dich so glücklich gemacht hätte, wie Jonny“, murmelte er, dann schob er sie behutsam von sich.
„Charlotte, ich bin immer für dich da, wenn du mich brauchst. Bitte vergiss das nie“, bat er sie inständig.
Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. „Danke David“, schluchzte sie leise auf und genoss es, von ihm in seinen Armen gehalten zu werden.