Eine zweite Chance – Teil 18

Charlotte sah auf die Uhr und war ganz erschrocken, dass es schon weit nach Mitternacht war. „Ich muss los. Meine Eltern sind doch da zum Babysitten“, schnell sprang sie auf und suchte ihre Schuhe.
„Schade“, sagte David wahrheitsgemäß. „Ich hab mich gefreut, dass du da warst“.
David half ihr in ihren Mantel und brachte sie noch Tür. Charlotte schaute ihm in die Augen und aus einem Impuls heraus stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Es war ein sehr schöner Abend. Danke David.“
„Ich habe zu danken – für das leckere Essen und die nette Gesellschaft“, murmelte er leise.
Sie winkte ihm noch einmal zu, dann schloss sich die Tür hinter ihr.
Die Stelle, auf die sie ihn geküsst hatte, konnte er noch deutlich spüren.

Das war schön – das war ein richtig schöner Abend, schoss es ihr durch den Kopf, als sie nach Hause fuhr. Und es war gut gewesen, dass sie gesprochen hatten – die Vergangenheit hatte immer wie ein dunkler Schatten zwischen ihnen gestanden. Jetzt hatten sie vielleicht die Chance, wieder eine ehrliche Freundschaft aufzubauen.

„Na Mäuschen, hast du einen schönen Abend gehabt?“ Ihr Vater rieb sich müde die Augen und auch ihre Mutter gähnte verschlafen.
„Ja, danke. Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.“ Mit schlechtem Gewissen schaute Charlotte ihre Eltern an, die beide offensichtlich auf dem Sofa eingeschlafen waren.
„Macht nichts.“ Stefan tätschelte ihr über die Wange. „Hast du dem halben Hemd denn mal was Vernünftiges zu Essen gemacht? Damit der mal ein bisschen zu Kräften kommt?“
„Ja, er hat alles aufgegessen, Papa.“
„Habt ihr gesprochen?“, erkundigte sich ihre Mutter.
„Ja und ich glaube, wir haben einiges ausgeräumt“, sagte Charlotte leise.
„Das ist gut“, nickte Heidi. „Schön für euch.“
Zufrieden ging Charlotte ins Bett und zum ersten Mal seit langer Zeit schlief sie nicht mit einem traurigen Gedanken ein.

„Guten Morgen. Lust auf einen Kaffee?“ Zwei braune Augen blitzten sie fröhlich an.
„Gerne“, lächelte Charlotte und nahm die Kaffeetassen von David entgegen.
„Hast du noch einen schönen Sonntag gehabt?“
„Ja danke. Und danke noch mal für deine Einladung.“
„Es war sehr schön mit dir“, sagte er sanft und Charlotte spürte, wie sie etwas errötete.
„Ich … ich hab es auch sehr genossen“, stotterte sie leicht, sie verfluchte sich dafür.
„Meinst du, wir könnten das mal wiederholen?“ Auch in seiner Stimme klang etwas Unsicherheit mit.
„Sehr gerne.“ Charlotte freute sich ehrlich über seine Frage. „Dann kommst du aber zu uns. Ich denke, Suri würde ausflippen vor Freude“.
David atmete erleichtert auf. Offenbar hatte sie wirklich diesen Abend genauso genossen wie er, dann machte er ein übertrieben zerknirschtes Gesicht. „Suri schon – aber wird dass Luna auch recht sein?“
„Luna wird sich wohl oder übel damit abfinden müssen. Ich weiß auch nicht, warum sie so merkwürdig dir gegenüber ist. Aber da muss sie wohl durch. Wenn es dich nicht stört?“
„Nein, das ist okay. Sie ist auch mit bösem Blick ein zuckersüßes Mäuschen“, zwinkerte er Charlotte zu, dann sah er auf seine Uhr und fluchte leise. „Ich muss leider los.“
„Vielleicht am Wochenende?“, fragte sie ihn leise.
David drehte sich noch einmal erfreut zu ihr um. „Sehr gerne!“

David hatte sich den Kopf zerbrochen, was er den beiden Kleinen wohl mitbringen könnte. Für Suri war das nicht so schwer, er hatte ihr ein kleines Stoffmäuschen gekauft, aber was war mit Luna?
Schließlich hatte Mike ihn auf eine Idee gebracht und er war richtig nervös, als er am nächsten Samstag vor Charlottes Tür stand.
Nun mach dir mal nicht ins Hemd, Herbold. Bei wie vielen schönen Frauen hast du schon gepunktet? Und bei einem kleinen Mädchen bist du aufgeregt?, giftete es in ihm. Doch es war ihm einfach wichtig, dass Charlottes Töchter ihn mochten.
„Taffitt! Taffitt ist da!“ Suri hopste wie ein kleiner Gummiball im Türrahmen Auf und Ab und strahlte ihn an.
„Hallo Mäuschen.“ Er lächelte ihr zu und stupste sie mit dem Finger auf die Nase. Suri nahm sofort seine Hand. „Was hast du da drin?“, fragte sie neugierig und zeigte auf einen Stoffbeutel.
„Warte es ab, du wirst es bald erfahren.“

David war pünktlich und Charlotte band sich schnell die Kochschürze los. Sie war gerade dabei, den Salat vorzubereiten, und musste aufpassen, dass Luna nicht die kleinen Tomaten wegfutterte, die eigentlich mit hinein sollten.
„Hallo David“, begrüßte sie ihn. Für einen Moment war sie versucht, ihn kurz zu umarmen, aber sie wusste nicht, wie Luna das wohl auffassen würde und ließ es bleiben.
„Hallo.“ David zog aus seinem Beutel je eine Flasche Weiß- und Rotwein heraus. „Ich wusste ja nicht, was es gibt.“
„Danke.“ Charlotte nahm ihm die Flaschen ab und stellte schnell den Weißwein kalt. „Es gibt Fisch. Ich hoffe, das ist okay?“
„Das ist sogar sehr okay“, antwortete er und begann sich auf das Essen zu freuen.
Dann besann er sich aber auf seine weiteren Mitbringsel. Er hockte sich vor Suri hin und reichte ihr das kleine Päckchen. „Danke für die Einladung, Suri.“
„Oh …“ Ihre braunen Augen wurden immer größer als sie die Verpackung aufmachte. „Die ist aber ssön…“, strahlte sie ihn an und drückte die kleine Stoffmaus an ihre Wange. Dann umarmte sie David stürmisch. Etwas überrascht über ihren Eifer wäre er fast nach hinten gefallen, lachend erwiderte er ihre Umarmung.
„Aber hier gibt es doch noch jemanden, oder?“ Er sah sich suchend um.
Luna stand im Türrahmen zur Küche und beobachtete David skeptisch.
„Luna, würdest du bitte unseren Gast begrüßen?“, sagte Charlotte und fixierte ihre Tochter mit strengem Blick.
Zögernd ging sie dann mit gesenktem Kopf zu David und murmelte ein leises „Hallo“.
„Hallo Luna. Ich hab auch was für dich mitgebracht. Möchtest du mal sehen?“, fragte er sie freundlich. Immer noch sah sie ihn nicht an, dann zuckte sie mit den Schultern.
Charlotte war das Ganze furchtbar peinlich. „Wenn du nicht willst, dann nimmt David es eben wieder mit“, erklärte Charlotte dann und war gespannt. Sie wusste, dass Luna schrecklich neugierig war, und konnte sich nicht vorstellen, dass sie ihre Haltung dem Geschenk gegenüber durchhalten würde.
„Es ist hier drin, nimm es dir einfach, ja?“ David war sich unsicher, ging dann aber zu Charlotte. „Kann ich dir beim Essen helfen?“
„Nein, der Fisch muss nur noch in die Pfanne.“
Suri nutzte die Chance und nahm David wieder an die Hand. „Spielst du ein bissen mit mir?“
„Na klar, junge Dame.“

Kurze Zeit später rief Charlotte dann zum Essen. Als er an den Esszimmertisch kam, bemerkte er, dass Luna ihr Geschenk ausgepackt hatte.
Zögernd kam sie zu ihm. „Ist das der Block, den Mike auch hat?“, fragte sie leise, sah ihn aber nicht an.
„Ja, das sind der Block und die Stifte, mit denen nur unsere besten Karikaturisten zeichnen dürfen“, erklärte er ihr.
„Danke.“ Sie sah ihn für den Bruchteil einer Sekunde in die Augen und setzte sich dann auf ihren Platz.
Das Essen schmeckte wirklich sehr gut. David liebte Seezunge, auch Luna aß ihre Portion ganz auf, stürzte sich auch auf ihren Salat, während Suri Fischstäbchen bekam und nur auf mehrmaliges Auffordern von Charlotte ein bisschen in der grünen Beilage herumpiekste.

David half ihr Abräumen und gegen acht Uhr wies sie die Mädchen an, sich fürs Bett fertigzumachen. Suri quengelte und bettelte, doch Charlotte blieb hart.
„Kommst du mir auch ‚Nacht’ sagen?“, bat sie dann David mit ihrem berüchtigten Dackelblick.
„Natürlich.“
Eine halbe Stunde später standen dann die beiden mit ihren Schlafanzügen vor ihm, Luna sagte nur kurz „Nacht“ und war dann verschwunden, während Suri auf seinen Schoß kletterte.
„Suri“, ermahnte Charlotte ihre Jüngste, dann befreite sie David von der kleinen Klette.

Während sie bei Luna im Zimmer war, setzte sich David zu Suri ans Bett. Er sah, dass sie ein Foto von Jonny an der Wand hängen hatte. Sie saß dort auf seinen Schultern und beide lachten fröhlich in die Kamera.
„Das ist Papi“, erklärte sie ihm überflüssigerweise.
„Ja, ich weiß. Ich habe deinen Papa gekannt.“ Er streichelte sanft über ihre Löckchen.
„Papi war lieb“, plauderte Suri weiter.
„Ja, das war er.“
„Erzählst du mir eine Gessiste?“ Suri kuschelte sich an ihre kleine Stoffmaus.
„Eine Geschichte? Hm, lass’ mich überlegen.“ Jetzt kam David doch ins Grübeln. Er kramte in seinem Gedächtnis, ihm fiel aber nur das Märchen von Aschenputtel ein und Suri hörte ihm andächtig zu.
Charlotte hatte die beiden schon länger beobachtet. Suri hing an Davids Lippen, beide schienen sie nicht zu bemerken.
Es war ein schönes Bild, auch wenn es Erinnerungen hervorrief an Jonny, der jeden Abend den Mädchen noch Geschichten erzählt hatte.
„Schlaf gut, mein Mäuschen.“ Er beugte sich schließlich über sie und hauchte Suri einen Kuss auf die Stirn.
„Sslaf du auch gut, Taffitt“, lächelte sie und vergrub sich tiefer unter ihrer Bettdecke.

David sah sich in Ruhe die Fotos an, die an Charlottes Wohnzimmerwand hingen. Sie zeigten die Kinder vom Babyalter an bis jetzt.
Charlotte stutzte, als sie bemerkte, dass er sie sich betrachtete, schüchtern stellte sie sich neben ihn. „Da war Suri gerade mal drei Monate alt.“
„Ein süßer Fratz“, antwortete er, dann drehte er sich zu ihr um. „Hast du noch mehr Fotos?“
„Ja klar, jede Menge.“
„Zeig’s du sie mir? Also nur, wenn du magst.“
„Ja, wenn du möchtest.“ Sie stellte den Wein ab und öffnete eine Schranktür. Mit zwei Alben kam sie zurück.
„Willst du wirklich?“, hakte sie noch einmal nach. Sein Interesse freute sie, aber sie wollte ihn auf keinen Fall nerven.
„Jahaaaa“, lachte er und Charlotte klappte das erste Album auf.
David staunte, dass Luna schon als Baby enorm viele Löckchen hatte. Wie ihre Schwester war sie unglaublich niedlich.
„Sie konnte mit elf Monaten laufen“, erklärte Charlotte. Wenn ein Foto mit Jonny und den Kindern kam, blätterte sie schneller um. Sie wusste nicht, wie David darauf reagieren würde.

Nachdenklich schaute David auf die kleine glückliche Familie, die er auf den Bildern sah. Es war ganz offensichtlich, wie sehr die Kinder an ihrem Vater gehangen hatten. Und Jonny schien ein mustergültiger Vater gewesen zu sein.
Nein – auch wenn er ihn nicht hatte leiden können – das war einfach nicht fair. Seine Familie brauchte ihn hier, auch wenn David fand, dass Charlotte das alles sehr gut meisterte.
Bei einem Foto von der kleinen Suri blieb Charlotte fast das Herz stehen. Sie hatte ganz vergessen, dass es hier im Album war. Sie stillte die Kleine gerade und ihre Brust war doch deutlich zu sehen. Sie hatte damals schon mit Jonny geschimpft, aber das Foto strahlte so eine Ruhe aus, dass sie es doch ins Album eingeklebt hatte.
David spürte, wie peinlich ihr das Bild war und musste innerlich schon ein bisschen grinsen. Und ob er wollte oder nicht, es verfehlte seine Wirkung nicht. Natürlich war es kein erotisches Bild im herkömmlichen Sinne, aber trotzdem wurde ihm kurz mal etwas heißer.
Schließlich legte Charlotte die Alben weg und lächelte David schüchtern zu.
„Du hast wunderbare Kinder“, sagte er leise und streichelte Charlotte über die Wange.
„Ja“, antwortete sie heiser und senkte den Blick.
„Und du bist eine tolle Mutter“, fügte er an.
Charlotte schluckte heftig gegen einen Kloß im Hals an. „Ich versuche es zumindest. Ich versuche es wirklich.“