Eine zweite Chance – Teil 19

Charlotte lehnte sich auf dem Sofa zurück und streckte die Beine aus. „Mach es dir auch bequem“, bot sie David an.
Er stutzte kurz, doch dann tat er es ihr gleich. Irgendwann lagen sie sich auf dem Sofa gegenüber, ihre Beine berührten sich und jeder hatte den Kopf an die Lehne geschmiegt.
David wollte noch einiges von den Kindern wissen und Charlotte erzählte ihm viele kleine lustige Geschichten. Es war schön – sie lachten viel und David fühlte sich unglaublich wohl in ihrer Gegenwart.
Na, das hättest du auch nicht für möglich gehalten, was? Dass auf dem Sofa Rumlümmeln so angenehm sein kann!
Nur mit Mühe konnte Charlotte ein Gähnen unterdrücken. Sie wollte auf keinen Fall, dass David dachte, er solle gehen. Sie genoss seine Gesellschaft, und sie hatte wirklich das Gefühl, dass er sich für die Sachen interessierte, die sie ihm erzählt hatte. Und es war schön so mit ihm hier zu liegen. Es hatte etwas Vertrautes, obwohl sie eine gewisse Distanz einhielten.
Doch schließlich brach David auf. Zu ihrer Verwunderung war es fast halb Drei. „Ganz schön spät!“ Er sah sie entsetzt an. „Tut mir leid.“
„Es tut dir leid? Das ist aber schade – mir nicht“, lachte sie. „Es war schön, dass du da warst“.
Er lächelte sie an, dann umarmte er sie kurz. „Fand ich auch“, raunte er in ihr Ohr.
Kurz erwiderte Charlotte seine Umarmung, dann löste sie sich von ihm.
„Wiederholen wir das?“, fragte er sie leise.
Charlotte sah ihm lange in die Augen. „Sehr gerne.“

Es war fast schon zu einer Gewohnheit geworden, dass David jeden Morgen mit zwei Tassen Kaffee zu Charlotte kam. Meist setzte er sich auf die Schreibtischkante und sie plauderten eine Weile über Gott und die Welt. Ab und zu brachte Charlotte kleine Croissants mit und sie mussten beide schwer aufpassen, dass sie sich nicht verquatschten.
„Heute ist der große Tag, das Martinsfest im Kindergarten.“
„Oh ja, Suri hatte davon ja schon erzählt. Da war auch was mit einem Feuer, oder?“ Er konnte sich erinnern, dass die Kleine mal etwas davon berichtet hatte.
„Genau. Du hast dir das gemerkt?“
„Natürlich!“ Er schaute übertrieben empört. „Ich merke mir alles, was mir meine Lieblingsminiblondine so erzählt.“
„Lieblingsminiblondine?“, kicherte Charlotte. Eigentlich lag ihr jetzt die Frage auf der Zunge, wer denn seine Lieblingsblondine in Großformat sei, aber das traute sie sich dann doch nicht.
„Du musst mir unbedingt genaustens Bericht erstatten, wie es war. Jedes kleine Detail. Oder du bringst Suri am besten gleich selbst mit.“
„Okay. Aber jetzt muss ich was tun, sonst komme ich heute nicht pünktlich weg.“

Suri und Luna waren beide sehr hibbelig. Den ganzen Nachmittag löcherten sie Charlotte schon mit Fragen, wann sie denn endlich in den Kindergarten gingen.
Um halb sechs war es dann soweit.
Es war Mitte November und um diese Zeit schon dunkel. Gespannt liefen Suri und Luna schließlich auf den Eingang der Einrichtung zu.

Es war alles sehr schön dekoriert, viele selbst gebastelte Laternen waren aufgehangen und überall standen kleine Teelichter. Es war eine schöne Atmosphäre und es roch schon ein bisschen nach Weihnachten.
„Wann ist denn das große Feuer?“, erkundigte Suri sich aufgeregt bei Charlotte.
„Erst später. Aber in der Sporthalle werden auch Spiele gemacht.“ Sie nahm ihre beiden an die Hand und ging in die kleine Halle.
Dort ging es bereits turbulent zur Sache. Es konnte geklettert und getobt werden, ein Hindernislauf war zu bewältigen. Luna und Suri sahen mit offenen Mündern den anderen Kindern zu.
Zu Charlottes Überraschung waren es überwiegend die Väter, die mit ihren Kindern dort an den Wettbewerben teilnahmen und ihr wurde ein wenig mulmig zumute.
Sie fragte Luna und Suri, ob sie die Spiele mitmachen sollte, doch die beiden schüttelten nur den Kopf. „Lieber nur zugucken, Mami“, sagte Luna leise und Charlottes Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sie den traurigen Ausdruck in den Augen ihrer Tochter sah.
„Gucken is auch ssön“, beeilte sich Suri zu sagen und beobachtete fasziniert, wie ein kleines Mädchen auf dem Rücken ihres Vaters ritt.
„Na klar.“ Charlotte zwang sich zu einem Lächeln. „Möchtet ihr etwas Trinken?“
Sie nickten stumm und Charlotte machte sich auf den Weg, um etwas Tee für sie zu holen. Sie hatte gerade den Getränkestand erreicht, als eine Erzieherin hektisch zu ihr angelaufen kam. „Frau Woźniak, bitte kommen Sie schnell!“
„Ist etwas passiert?“ Charlotte sah sie erschrocken an.
„Es gibt Ärger in der Sporthalle“, antwortete die junge Frau bedauernd und Charlotte rannte mit ihr eilig dorthin.
Als sie dort ankam, fand sie Suri herzzerreißend weinend in den Armen einer Kindergärtnerin, eine andere hielt Luna fest, die laut schimpfte.
„Was ist denn los?“, fragte Charlotte geschockt.
„Mami!“ Suri streckte sofort ihre Arme nach ihr aus und Charlotte nahm sie der Kindergärtnerin ab. Suri schluchzte laut weiter an Charlottes Hals und konnte sich überhaupt nicht beruhigen.
„Das ist alles sehr unglücklich gelaufen“, begann die Kindergärtnerin zögernd zu erzählen. „Ein Junge aus einer anderen Gruppe hat Suri gefragt, wo denn ihr Papa wäre und warum er nicht mitmachen würde“, berichtete sie mit zerknirschtem Gesicht. „Suri hat dann gesagt, ihr Papa sei ein Engel und er würde vom Himmel aus zugucken.“
„Der hat sagt … der hat sagt … gibt keine Engel“, weinte Suri an Charlottes Hals. Dann sah sie Charlotte aus völlig verweinten Augen an. „Gibt doch Engel oder Mama?“
„Natürlich gibt es die“, antwortete Charlotte ihr und musste sich bemühen, nicht ebenfalls ihre Fassung zu verlieren.
„Jedenfalls hat dann Suri angefangen zu weinen und Luna ist auf den Jungen losgegangen und hat ihn geschlagen und beschimpft“, erzählte die Erzieherin weiter. „Es tut mir sehr leid, der Junge wusste nicht, was mit dem Papa der beiden passiert ist und die Eltern des Jungen haben dann mit Luna geschimpft.“
Charlotte sah zu Luna hinunter, die nur noch mit gesenktem Kopf neben der Kindergärtnerin stand. Sie ging vor ihr in die Hocke und zog sie ebenfalls in ihre Arme.
„Hey mein Schatz“, sagte sie leise zu ihr. „Der Junge hat das nicht gewusst“, erklärte sie ihr noch einmal. „Natürlich gibt es Engel. Aber du kannst nicht einfach schlagen, das geht nicht“.
„Aber der Junge hat Suri zum Weinen gebracht.“
Charlotte strich ihr ein Löckchen aus dem Gesicht. „Man darf sich nur mit Worten wehren, mein Schatz.“ Sie schluckte heftig, Luna tat ihr leid, aber trotzdem musste sie ihr ins Gewissen reden.
Luna sah sie nur traurig an und nickte. „Können wir nach Hause gehen, Mami?“, fragte sie mit bebender Stimme.
„Möchtest du das wirklich? Es gibt doch noch das Feuer.“ Charlotte war richtig schockiert, die beiden hatten sich so lange auf diesen Tag gefreut.
Luna nickte nur.
„Will auch nicht bleiben“, schluchzte Suri auf.
„Okay – dann gehen wir.“ Charlotte stand wieder auf und setzte Suri auf dem Boden ab.
„Das tut mir alles wahnsinnig leid, ich konnte das nicht voraussehen.“ Die Kindergärtnerin wirkte ebenfalls sehr geknickt.
„Sie können nichts dafür“, lächelte Charlotte ihr nur zu, dann nahm sie ihre Töchter an die Hand und verließ mit den beiden die Einrichtung.

„Wollen wir noch etwas spielen?“, fragte sie die beiden, als sie zuhause angekommen waren. Luna schüttelte nur den Kopf und Suri kuschelte sich sofort wieder an Charlotte heran. „Können wir bei Papili eine Kerze anzünden?“
„Natürlich.“ Charlotte ging mit ihnen in den Garten und sie hockte sich mit ihren Töchtern vor das kleine Apfelbäumchen.
„Heute war kein ssöner Tag“, erzählte Suri dem Bäumchen leise. „Da war ein doofer Junge … der hat sagt, gibt keine Engel.“
„Aber dem hab’ ich die Meinung gesagt“, ergänzte Luna kämpferisch.
Charlotte stand schnell auf und drehte sich weg. Sie rang sehr um ihre Fassung. Wieso musste das passieren? Das war alles so unfair. Gerade den heutigen Tag hatten die beiden sich so herbeigesehnt. Und dann so etwas.
Doch sie zwang sich, nicht zu weinen. Sie musste stark sein für ihre beiden.

Charlotte blieb noch lange an diesem Abend an den Bettchen der beiden sitzen. Luna hatte sich relativ schnell wieder gefasst, was Charlotte selbst ein bisschen erstaunt hatte. Sie war einfach davon überzeugt, dass es Engel gab und Jonny auf sie aufpasste. „Ich weiß das“, hatte sie immer wieder gesagt.
Doch Suri hatte das Ereignis sehr mitgenommen. Immer wieder war sie aus dem Schlaf hochgeschreckt und hatte angefangen zu weinen. Es wurde eine unruhige Nacht und Charlotte nahm Suri schließlich mit in ihr Bett.
Mit gemischten Gefühlen brachte sie ihre Töchter am nächsten Tag in den Kindergarten. Zunächst wollte Suri gar nicht hingehen, aber Charlotte hatte darauf bestanden. So schlimm dass auch für die Kleine gewesen war, der Alltag musste weitergehen und auch solche Situation gehörten leider dazu.

Völlig müde setzte sie sich schließlich auf ihren Schreibtischstuhl. Sie fuhr den PC hoch, doch sich auf die Arbeit zu konzentrieren gelang ihr einfach nicht.
Sie sah aus dem Fenster und ließ den Abend Revue passieren. Warum bin ich bloß Tee holen gegangen? Warum bin ich nicht geblieben? Immer wieder machte sie sich Vorwürfe.
„Charlotte?“ David hatte sie bereits mehrfach angesprochen und sich dann gewundert, dass sie nicht antwortete. Sie schien völlig weg mit ihren Gedanken zu sein und schaute aus dem Fenster. „Charlie?“ Vorsichtig berührte er ihren Arm.
Charlotte erschrak fürchterlich und sprang fast von ihrem Stuhl auf. „Da … David!“, stammelte sie dann entsetzt.
„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken“, sagte er überrascht, dann bemerkte er, dass sie tiefe Ränder unter den Augen hatte. „Was ist denn los? Ist was passiert?“
Charlotte schüttelte zuerst den Kopf, konnte ihm aber nicht in die Augen schauen.
David hob zärtlich ihr Kinn an. „Charlie, du konntest noch nie besonders gut lügen. Was ist passiert?“
Sie schluckte heftig, wusste nicht, ob sie ihn mit solchen Sachen überhaupt behelligen sollte. Doch dann siegte der Drang, mit jemandem darüber reden zu wollen. „Das Fest“, flüsterte sie leise und kämpfte gegen die Tränen an.
„Das Martinsfest? Im Kindergarten?“, hakte er überrascht nach. „Was war denn da?“
„Es war ein Desaster.“ Charlotte versuchte ein Lächeln, was aber mächtig misslang.
„Bitte erzähl’ doch.“
„Es gab Spiele, in der Sporthalle … aber da waren meist Väter, die das mit ihren Kindern gemacht haben und meine wollten dann nur zuschauen“, begann sie zögernd. „Ich wollte nur Getränke holen, und in der Zeit hat Suri dann ein Junge angesprochen, wo ihr Vater sei …“ Der Kloß in Charlottes Hals wurde immer größer.
David bekam ein ungutes Gefühl, er nahm behutsam Charlottes Hände in seine und streichelte zärtlich darüber. „Und weiter?“
„Suri hat dann gesagt, ihr Papa sei ein Engel und würde vom Himmel aus zuschauen und der Junge sagte … er hat gesagt, es gäbe keine Engel. Suri hat dann geweint und Luna ist auf ihn los und … David ich hätte dableiben sollen, ich hätte das wissen müssen. Ich hätte nicht weggehen dürfen, dann wäre das vielleicht nicht passiert, es ist alles meine Schuld, ich hab’ nicht auf sie aufgepasst und ich …“ Ihre Stimme überschlug sich beim Reden und sie konnte es nicht mehr verhindern, dass sie anfing zu weinen.
„Hey, hey, hey.“ David zog sie aus dem Stuhl hoch in seine Arme. „Das ist doch nicht deine Schuld.“
„Doch David, das ist meine Schuld. Ich muss doch auf meine Mädchen aufpassen. Ich bin doch alles, was sie haben und … und ich hätte sie beschützen müssen und das hab ich nicht … ich hab versagt, ich war nicht da.“ Sie schaute David kraftlos an.
„Charlotte – es ist nicht deine Schuld! Es war ein blöder Zufall, dass der Junge gerade in dem Moment kam, als du nicht da warst.“ Er wischte ihr behutsam die Tränen weg. „Du bist eine tolle Mutter, aber du kannst nicht überall sein.“
„Aber das muss ich doch.“
„Bitte Charlotte mach dir keine Vorwürfe.“ Er zog sie wieder in seine Arme. Sie so verzweifelt zu sehen, bedrückte ihn. Und der Gedanke an zwei traurige kleine Mädchen brach ihm das Herz.
Charlotte konnte sich nicht mehr zusammenreißen. Sie weinte hemmungslos in seinen Armen, schämte sich auch nicht, sich richtig an ihm festzukrallen. Sie spürte, wie seine Hände durch ihre Haare streichelten, dann über ihren Rücken fuhren. Es tat so gut, seine Nähe zu spüren, seine Wärme beruhigte sie ein bisschen.
David wartete geduldig, bis ihre Tränen versiegt waren, dann schob er sie sanft von sich. „Hey, weißt du was?“
Charlotte schaute ihn verdutzt an.
„Was hältst du davon, wenn wir am Wochenende etwas unternehmen? Ich war mal mit Philipp, Svenja und den Kids in einem Park, wo es einen riesigen Spielplatz gibt. Vorausgesetzt, Luna hält es mit mir aus. Und ich denke, ich könnte meinen Vater überreden, in seinem Garten ein Feuer zu machen …“ Er zwinkerte Charlotte verschwörerisch zu.
„Was?“
„Ja! Du kennst doch den Garten meiner Eltern. Da wird sich schon ein Plätzchen finden.“
„Dein Vater wird sich bedanken“, wandte Charlotte ein.
„Er mag die beiden – lass’ mich nur machen. Und beim nächsten Fest kann ich ja mitkommen, wenn du magst. Dann wird schon kein doofer kleiner Junge mehr kommen.“
„David!“ Charlotte sah ihn mit weitaufgerissenen Augen an. „Das … das ist nicht dein Ernst, oder?“ Sie wusste gar nicht, was sie davon halten sollte. David wollte mit in den Kindergarten?
„Ich hab’ doch gesagt, ich bin immer für dich da – und für deine Mäuse auch, wenn sie das wollen.“
Charlotte verschlug es die Sprache. Dann schlang sie aus einem Impuls heraus die Arme um seinen Hals und drückte ihn fest an sich. „Danke David“, flüsterte sie ihn sein Ohr. „Danke, dass du das sagst.“