Eine zweite Chance – Teil 20

Die Haushälterin seiner Eltern öffnete David Tür. „David, das ist aber eine nette Überraschung“, freute sie sich. „Kommen Sie doch hinein, Ihre Eltern sind im Wohnzimmer.“
„David!“ Seine Mutter sprang sofort vom Sofa auf und kam auf ihn zu. „Das ist aber schön. Du warst schon lange nicht mehr hier.“ Sie herzte ihn und küsste ihn auf die Wange.
In David meldete sich das schlechte Gewissen. Sie hatte ja recht, er müsste sich eigentlich öfters sehen lassen, aber entweder fehlte ihm die Zeit oder die Lust.
„David.“ Auch sein Vater begrüßte ihn herzlich. „Hat das einen bestimmten Grund, dass du kommst?“
„Ja“, gab er zerknirscht zu. „Ich habe ein Attentat auf euch vor.“
„Dann erzähl mal.“ Seine Mutter sah ihn gespannt an.
„Es geht um Charlottes Kinder. Ich würde sie gerne mit etwas überraschen …“
Magdalena und Julius sahen sich kurz ratlos an, dann wandten sie sich wieder David zu. „Und womit?“

„Ich will nicht mit!“
Luna hockte immer noch in Unterwäsche auf ihrem Bett. Mittlerweile hatte sie die Arme verschränkt und starrte Charlotte finster an.
„Luna, ich sag es jetzt zum letzten Mal: Du kommst mit. Es sei denn, du nennst mir einen vernünftigen Grund, warum du David nicht magst!“ Charlotte war es langsam leid. Seit Tagen ging es nun um den geplanten Ausflug mit David. Sie war schon ein paar Mal kurz davor gewesen, ihn abzublasen – hatte dann aber nicht eingesehen, ihn nur wegen Lunas Launen zu canceln.
„Hab doch gesagt, dass ich den nicht mag“, kam die patzige Standardantwort.
„Und ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass dies kein vernünftiger Grund ist!“ Charlotte zog eine Jeans und einen dicken Pulli aus Lunas Kleiderschrank. „Ich bin gerne bereit, mit dir über alles zu reden, Schatz, aber so kommen wir nicht weiter. Du kommst mit.“ Sie ging auf Luna zu und sah in deren trotziges Gesicht. Die ersten Tränen kullerten schon über ihre Wangen.
„Will nicht, Mami“, kam es jetzt kläglich.
„Du wirst sehen, es wird ein schöner Ausflug. Wir fahren zu einem riesengroßen Spielplatz“, versuchte es Charlotte erneut, doch der Tränenfluss ihrer Tochter war nicht mehr zu stoppen.
„Luna …“ Charlotte setzte sich neben ihre Tochter und zog sie fest in ihre Arme. „Was ist denn bloß los? Was hast du gegen David? Und jetzt sag nicht, dass du ihn nicht magst …“ Sie hob ihr Gesichtchen an, sodass Luna sie ansehen musste. In ihren braunen Kulleraugen schwammen wahre Tränenseen.
Ihre Tochter zuckte nur mit den Schultern.
„War David mal böse zu dir?“, fragte sie behutsam nach.
Luna schüttelte den Kopf.
„Hat er mal was Blödes gesagt? Oder komisch geguckt oder hast du gehört, dass er mal was Komisches gesagt hat?“
Wieder kam nur ein Kopfschütteln.
„Hat jemand anderer mal was über David gesagt, dass dir nicht gefallen hat?“
„Nein“, flüsterte Luna heiser.
„Findest du es dann nicht ziemlich unfair, ihn einfach nicht zu mögen? Wenn er nichts getan hat? Wie würdest du das finden, wenn jemand dich nicht leiden könnte, obwohl du demjenigen nichts getan hast?“ Sie streichelte ihrer Tochter über die wirren Löckchen.
„Würde ich nicht gut finden“, gab Luna kleinlaut zu.
„Und meinst du nicht, du könntest nicht ein bisschen netter zu David sein? Immerhin hat er sich den Ausflug ausgedacht, um uns eine Freude zu machen. Da wäre es doch nett, wenn wir ALLE freundlich zu ihm wären, oder?“ Charlotte gab Luna einen kleinen Kuss auf die Stirn.
Es kam nur ein Schulterzucken, aber Charlotte konnte sehen, dass es in ihrer Tochter arbeitete. Charlotte reichte Luna den Pulli. „Dann können wir also jetzt gleich los?“
Luna griff nach dem Kleidungsstück und zog sich langsam an. Charlotte atmete auf und ging ihn ihr Schlafzimmer, um sich ebenfalls umzuziehen.
Sie hatte sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil David sich so um sie und die Kinder bemühte. Eigentlich wollte sie ihm diesen Ausflug ausreden, aber er hatte darauf bestanden, wollte die Kinder unbedingt für das vermasselte Fest im Kindergarten entschädigen.
Charlotte musste jetzt lächeln. Er war ganz vernarrt in diese Idee und hatte eifrig geplant. Schließlich hatte sie sich von seinem Enthusiasmus mitreißen lassen und beschlossen, nicht mehr darüber nachzugrübeln, warum er das wohl alles tat, sondern einfach den Tag zu genießen. Und wenn sie ehrlich zu sich war, sie freute sich darauf. Sie mochte seine Gesellschaft, sie liebte es, ihm zuzuhören, wenn er erzählte und einfach nur dazusitzen und in seine Augen zu schauen. Ein warmes Gefühl krabbelte in ihr hoch. Doch – es war schön mit ihm. Und sie hoffte, dass der Tag für alle angenehm verlaufen würde.
Sie packte ein bisschen Obst ein, ein paar Brezeln und Croissants und jeweils eine Kanne heißen Tee und Kaffee und verstaute alles in einem Korb.
David klingelte pünktlich auf die Minute und noch bevor Luna oder Charlotte hätten reagieren können, sauste Suri schon an die Tür.

„Hallo Taffitt!“ Ein blondes Lockenköpfchen tauchte am Türspalt auf und David lächelte ihr liebevoll zu.
„Hallo Suri, bist du schon startklar?“
„Ja, lange sson … Luna hat trödelt“, erklärte sie ihm.
„Hallo David.“ Charlotte war gerade dabei, Luna eine dicke Jacke überzuziehen. „Wir sind gleich fertig“.
Sie sahen sich kurz in die Augen und Charlotte lächelte ihm zu. Dann wurde er von Suri abgelenkt, die eifrig auf ihn einplauderte.
„Am besten fahren wir mit meinem Wagen“, erklärte Charlotte ihm. „Sonst müssen wir die Kindersitze umladen.“
„Möchte aber mit Taffitt fahren“, kam es prompt.
„Kein Problem, dann machen wir das mit den Sitzen eben schnell“, zwinkerte er Charlotte zu und Suri hüpfte wie ein kleiner Flummi vor Freude Auf und Ab.

Immerhin, Luna ließ sich ohne Murren von David anschnallen, doch sie ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war nicht unfreundlich, aber er fühlte sich schon sehr unter Beobachtung. David fragte sich, ob das wohl den ganzen Tag so weitergehen würde, dann fiel ihm aber seine Überraschung ein und er war gespannt, ob sie nicht spätestens dann auftauen würde.

Der Tag war sonnig, doch es war November und nicht gerade warm. Als sie auf dem Spielplatz angekommen waren, rannten die Kinder sofort los und David und Charlotte suchten sich eine Bank.
Charlotte hatte eine Decke dabei, auf die sie sich setzten.
„Der Spielplatz ist wirklich riesig“, staunte Charlotte. Es waren einige Familien mit Kindern da und sie musste aufpassen, dass sie ihre beiden nicht aus den Augen verlor.
„Das war eine schöne Idee.“ Charlotte griff kurz nach Davids Hand und drückte sie leicht. „Vielen Dank, dass du dir das heute antust.“
„Ich hab’ zu danken, Charlotte.“ Er streichelte kurz über ihren Handrücken. „Ich hab mich wirklich drauf gefreut. Ich find’s schön, mit euch was zu unternehmen.“ Er sah Charlotte tief in die Augen, war auf’s Neue angetan von diesem Blau.
„Dann warte mal ab, ob du das heute Abend immer noch so siehst“, lachte sie verlegen, sein Blick hatte sie durcheinandergebracht und ihr war es doch kurz sehr heiß geworden.
„Taffit guck“, rief eine vertraute Stimme und Suri winkte ihnen von einer Schaukel aus zu.
„Hey Süße, ist das nicht ein bisschen hoch?“, fragte er unsicher.
„Nein, das geht schon“, beruhigte ihn Charlotte.
„Alles klar, Luna?“, rief sie ihre Älteste.
„Ja!“, kam es zurück, ihre Laune schien sich schon spürbar gebessert zu haben, denn ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Dann fiel Lunas Aufmerksamkeit auf ein hohes Klettergerüst, das aus gespannten Seilen bestand. „Darf ich Mami?“
Charlotte musterte dieses Gerüst kritisch. „Aber nicht zu hoch, Schatz, ja?“
„Okay…“ Luna lief los und mit etwas gemischten Gefühlen beobachtete Charlotte sie.
Suri schaute eher skeptisch auf das Gerüst, entschied sich dann für eine Rutsche. „Kommst du auch mit rutssen?“, fragte sie David mit ihrem berüchtigten Dackelblick.
„Okay.“
David musste zugeben, lange nicht mehr so einen Spaß gehabt zu haben. Die Rutschen waren sehr hoch und man bekam richtig Fahrt. Er hielt Suri sicherheitshalber fest und ihr Lachen war ansteckend.
Charlotte schaute den beiden verzückt zu. Sie schienen sich wirklich prächtig zu amüsieren und David wirkte so ausgelassen direkt viel jünger.
Er wäre ein toller Vater, schoss es ihr gerade durch den Kopf, als sie die panische Stimme von Luna hörte.
„MAMI!!!“ Schon alleine der Tonfall, in dem sie Charlotte rief, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Sie sah sich suchend nach ihr um und ihr stockte der Atem, als sie sah, dass Luna ganz oben auf dem Gerüst saß und sich jetzt panisch umschaute.
Schnell lief Charlotte zu ihr hin. „Was ist los?“, fragte sie sie und bemühte sich, nicht allzu ängstlich zu klingen.
„Ich komm’ nicht mehr runter!“
Oh Gott, schluckte Charlotte. Klettern war nicht gerade ihr Steckenpferd und die Höhe mochte sie absolut gar nicht.
„Luna hat Angst!“ Suri zupfte David aufgeregt am Ärmel und auch David war jetzt auf die Kleine aufmerksam geworden. Sie hockte wie eine kleine Katze, die sich verstiegen hatte, ganz oben auf einem Klettergerüst.

„Mami, hilf’ mir“, wimmerte Luna und Charlotte sah, dass sie bereits angefangen hatte zu weinen. Es war auch kein anderes, größeres Kind in der Nähe und so musste wohl oder übel sie dort hinauf.
„Was ist los?“ David war auf einmal neben ihr.
„Sie kommt nicht mehr runter, ich werde ihr helfen müssen“, erklärte sie ihm.
David hörte die Unsicherheit in Charlottes Stimme. „Soll ich das machen?“
„Das … das wäre nett … ich … ich bin nicht so gut im Klettern“, antwortete sie verlegen.
„Mami!“, kam es weinerlich von oben und Luna begann, nervös auf dem Gerüst umherzurutschen. Charlotte blieb fast das Herz stehen.
„David kommt dich holen, Schatz“, beruhigte sie sie.
Luna nickte nur. Offenbar war die Angst doch größer als alle Vorbehalte und David machte sich jetzt auf den Weg nach oben.
Oh Wei, dachte er nervös, als er hochkletterte. Er wunderte sich insgeheim darüber, wie Luna dort hinaufgekommen war, denn manche Abstände zwischen den Seilen waren doch recht groß.
Endlich war er oben und Luna schaute ihn dankbar an. „Komm nicht mehr alleine runter“, flüsterte sie heiser, ihre Augen waren schon ganz rot geweint.
„Das schaffen wir beide jetzt gemeinsam“, beruhigend lächelte David ihr zu. „Halt dich an meinem Hals fest, okay?“
Luna nickte und ihre Ärmchen umklammerten ihn. David spürte, dass sie richtig zitterte und er streichelte ihr ein paar Mal über die dunklen Löckchen. „Keine Angst, Luna“, murmelte er ihr zu.
Vorsichtig machte er sich mit ihr auf den Weg nach unten. Es war gar nicht so leicht, sich nur mit einer Hand festzuhalten, mit der anderen musste er ja Luna sichern.
Ab und zu fragte er nach ihrem Rat, welchen Weg sie nach unten einschlagen sollten und höchstkonzentriert gab sie ihm Auskunft.
Schließlich kamen sie unten an und er setzte sie behutsam auf dem Boden ab. „Das haben wir doch gut hingekriegt, oder?“
„Danke“, sagte sie leise und klitzekleines Lächeln huschte über ihr Gesicht. Dann war sie mit Suri schon auf dem Weg zu einem Karussell.
„Danke!“ Charlotte strahlte ihn erleichtert an. Sie verspürte den Drang, ihn fest zu umarmen, doch in Lunas Gegenwart war sie da sehr gehemmt.
„Keine Ursache“, wieder verlor er sich in ihren Augen, eine kleine Ewigkeit sahen sie sich einfach nur an, dann wurde ihre Aufmerksamkeit von den lachenden Mädchen abgelenkt.

Sie blieben bis zum Anbruch der Dämmerung auf dem Spielplatz und nur mit viel Murren konnten David und Charlotte die beiden schließlich ins Auto verfrachten.
David war jetzt gespannt, was die beiden zu seiner Überraschung sagen würden. Auch Charlotte schien etwas aufgeregt zu sein, denn sie rutschte nervös auf dem Beifahrersitz herum.
„Wir fahren zum Ssloss?“ Suri hatte als Erste ihre Sprache wiedergefunden, als David in die Auffahrt zur Villa seiner Eltern einbog.
„Zu Julius und Magdalena?“ Auch Lunas Miene erhellte sich.
„Genau, ihr Süßen.“ David grinste zu den beiden hinüber. „Aber wir schleichen uns durch den Garten an, ja?“
Charlotte musste sich ein Grinsen verkneifen, als sie die vor Aufregung geröteten Wangen der beiden sah. David tat furchtbar geheimnisvoll und machte einen Riesenumweg durch dunkle Büsche hindurch in den Garten.

„Boah!“, riefen Luna und Suri gleichzeitig aus und auch Charlotte staunte nicht schlecht. In einem Teil des Gartens loderte tatsächlich ein riesiges Feuer und zu ihrer Überraschung waren nicht nur Magdalena und Julius anwesend, sondern auch ihre Eltern.
„Omi, Opi!“ Luna schrie erfreut auf und rannte auf Stefan zu. Suri folgte ihr schnell.
„Meine Eltern …“, stammelte Charlotte. „Wusstest du das?“, fragte sie David mit offenem Mund.
Als Antwort folgte nur ein breites Grinsen. „Ich hab’ doch gesagt, ich möchte euch für den verpatzten Tag entschädigen.“ Er streichelte ihr sanft übers Gesicht. Charlotte hielt schnell seine Hand fest, schmiegte kurz ihr Gesicht hinein. „Danke David“, sagte sie leise und jetzt konnte sie kaum ihre Tränen zurückhalten.