Eine zweite Chance – Teil 21

„Na, ihr Flöckchen, da staunt ihr, was?“ Opa Stefan strahlte übers ganze Gesicht, als seine Enkelkinder auf ihn zugerast kamen. Lachend ging er in die Hocke und die beiden schmissen ihn bei ihrer Begrüßung fast um.
„Hast du das Feuer macht?“, fragte Suri ihn und schaute ungläubig auf das große Lagerfeuer.
„Mit meinem Freund Julius zusammen“, lachte er und stand auf, um besagtem Freund kräftig auf die Schulter zu klopfen.
„Aber wir haben auch was für euch …“ Magdalena kam mit zwei Tassen auf die beiden zu. „Mögt ihr Kinderpunsch?“
„Ja!“ Luna sah sie begeistert an. „Gerne, danke.“ Sie nahm die Tasse mit ihren behandschuhten Fingerchen entgegen.
„Und ich hab’ Schokokekse gebacken.“ Oma Heidi reichte eine große Keksdose hinüber.
Suri hatte es die Sprache verschlagen, sie sah sich nur noch mit großen Augen um.
Stefan holte mit Julius zusammen Bänke heran und so setzten sich alle rund um das gemütliche Feuer.
„Gefällt es dir auch, Charlie?“, fragte ihr Vater.
„Es ist wundervoll. Dankeschön“, sagte sie leise und musste wieder gegen ihre Tränen ankämpfen.
So schlimm der Tag im Kindergarten auch gewesen war – das, was Julius, ihr Vater und David hier auf die Beine gestellt hatten, machte alles wieder gut. Die Atmosphäre war so liebevoll, sie konnte froh sein, solche Menschen um sich zu haben.
„Gleich machen wir noch Stockbrot.“ Magdalena öffnete eine Dose mit Teig und Julius holte Stöcke herbei.
Die beiden zeigten Luna und Suri, wie man den Teig herumwickelte und wie man den Stock am besten übers Feuer hielt. Die Mädchen waren mit Feuereifer dabei und Stefan und Julius kümmerten sich fürsorglich um die beiden.
Charlotte sah ihnen gerührt zu. Ihre Töchter wirkten so fröhlich und gelöst und selbst Luna fütterte Julius später mit ihrem Brot.

David war aufgefallen, dass Charlotte immer stiller geworden war. Sie beobachtete die ganze Zeit ihre Kinder und er sah es in ihren Augen glitzern. Er rückte ein Stück näher an sie heran, vorsichtig legte er eine Hand auf ihren Rücken und streichelte sie sanft. „Alles okay, Charlie?“
Charlotte konnte nicht antworten. Es hatte ihr wirklich die Sprache verschlagen. Dies hier war alles so schön – fast schon unwirklich schön und so friedlich. Sie sah David nur dankbar an und wollte etwas sagen, aber sie brachte keinen Ton raus.
Doch sie brauchte auch nicht zu antworten, er sah es in ihren Augen. Unbemerkt von den anderen zog er sie kurz dicht an sich heran. „Gern geschehen“, murmelte er in ihr Ohr. Dann stand er auf und holte für sich und Charlotte ebenfalls zwei Stöcke mit Teig.
Stefan stimmte schließlich mit Julius zusammen Kinderlieder an und Charlotte erwachte aus ihrer Starre.
„Ich hab doch meine Klampfe dabei“, sprang Stefan auf und holte die Gitarre. Suri und Luna sangen begeistert mit, Opas Repertoire beherrschten sie schließlich perfekt.

Es war schon recht spät, als Charlotte zum Aufbruch drängte. Sie bedankte sich herzlich bei Magdalena und Julius.
„Keine Ursache Charlotte. Als David mit der Idee ankam, waren wir sofort davon angetan. Außerdem musste eh einiges an Holz verbrannt werden“, lachte Magdalena. „Am ersten Advent ist wieder unsere verlagsinterne Weihnachtsfeier bei uns hier in der Villa. Du kommst doch auch, oder?“
„Gerne.“ Charlotte konnte sich noch gut an diese Feier erinnern.
„Darf ich auch mitkommen?“ Luna schaute treu zwischen Charlotte und Magdalena hin und her.
„Natürlich, du gehörst doch auch zum Verlagspersonal, mit deiner schönen Bildergeschichte.“
„Und ich?“, kam es ganz leise und David wurde am Ärmel gezupft.
David hob Suri hoch auf seinen Arm. „Ohne dich findet hier bestimmt keine Feier statt, Mäuschen“, grinsend stupste er sie auf die Nase.
Er registrierte den verwunderten Blick seiner Mutter, entschloss sich aber, ihn wohlweislich zu ignorieren.
„Dann sehen wir uns spätestens dann.“ Magdalena verabschiedete sich noch herzlich von ihnen.
Ihre Eltern blieben noch eine Weile bei den Herbolds und David ging mit Charlotte und den Kindern zu seinem Auto.

„Das war toll“, strahlte Suri später auf der Heimfahrt im Auto. „Danke Taffitt.“
„Ja, danke“, kam es auch leise von Luna, deren Gesichtsausdruck gar nicht mehr so mürrisch wirkte.
Suri rang David noch das Versprechen ab, sie bis nach oben zu begleiten.
„Tssüss Taffitt.“ Sie umarmte ihn so stürmisch, dass David lachen musste.
„Tschüss David.“ Luna reichte ihm zögernd die Hand, ein kleines Lächeln huschte wieder kurz über ihr Gesicht, dann verschwand sie schnell in ihrem Zimmer.
Charlotte brachte ihn noch bis zur Haustüre. „Ich weiß gar nicht, wie ich dir und deinen Eltern danken soll.“
„Gar nicht, Charlotte. Ich wollte das gerne machen – und es hat Spaß gemacht“, antwortete er ehrlich.
„Aber …“, versuchte sie einen Protest, doch er legte schnell einen Finger auf ihre Lippen.
„Kein Aber. Lass es doch gut sein. Wir hatten doch alle heute unsere Freude dran.“
„Du bist unglaublich, David.“ Charlotte stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Doch diesmal verharrte sie einen Tick länger.
David nahm sie aus einem Impuls heraus fest in die Arme, vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. Zu seiner Erleichterung erwiderte sie die Umarmung sofort.
Charlotte schloss für einen Moment die Augen. Es tat so gut, ihn zu spüren. Tief atmete sie seinen Duft ein, es war eine Mischung aus David und dem würzigen Geruch des Lagerfeuers.
„Danke für den wunderschönen Tag, David“, sagte sie leise, dann schob sie ihn sanft von sich.

Die Zeit bis zur Weihnachtsfeier flog nur so dahin. Charlotte brachte die Kinder an mehreren Nachmittagen zu ihren Eltern, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Doch dieses Jahr war alles irgendwie anders. Ihr graute vor dem Fest. Zwar hatten sie über Weihnachten ein volles Programm, auch Jonnys Eltern hatten sich zu einem Besuch angesagt, doch Charlottes kleine Familie war nicht mehr komplett und sie konnte sich nicht vorstellen, wie es ohne Jonny werden würde. Die letzten Jahre waren einfach wunderschön gewesen, sie hatten ihre kleinen liebenswerten Rituale entwickelt. Wie sollte das alles nur ohne ihn funktionieren?
Doch Charlotte zwang sich, nicht zu sehr ins Grübeln zu verfallen. Er war nun mal nicht mehr da und es brachte nichts, immer wieder darüber nachzudenken, wie es mal gewesen war. Sie musste endlich ihren eigenen Weg gehen, mit den Mädchen zusammen. Auch wenn Charlotte noch nicht erkennen konnte, in welche Richtung er sie führen würde.

Luna und Suri waren sehr gespannt auf die Weihnachtsfeier bei den Herbolds. Svenja und Philipp brachten ebenfalls ihren Nachwuchs mit, und das versprach turbulent zu werden.
„Charlotte – und die beiden Süßen!“ Magdalena Herbold empfing sie strahlend und ihre Töchter grüßten sehr artig.
Sie führte sie in die Halle, die wunderschön weihnachtlich geschmückt war. Suri und Luna bestaunten mit offenen Mündern den riesigen Weihnachtsbaum.
„Der ist aber groß“, flüsterte Suri beeindruckt. „Und so ssön …“
Luna wich nicht von Charlottes Seite und hielt ihre Hand fest umklammert, während Suri nach einigem Suchen David erspäht hatte und sofort auf ihn losstürmte.
„Hallo Taffitt!“
Eine sehr vertraute Stimme unterbrach ihn in seinem Gespräch mit Philipp. „Hallo Suri.“ Er hockte sich vor sie und stupste sie auf ihre Nase. „Schön, dass ihr da seid. Hast du schon den Weihnachtsbaum angeschaut?“
Er freute sich wirklich das kleine Mäuschen zu sehen, seit dem Lagerfeuer waren sie sich nicht mehr begegnet.
Sie nickte eifrig. „Ja, der ist ganz groß.“
„Wo ist denn deine Mama? Und Luna?“
Suri nahm ihn an die Hand. „Komm…“, sagte sie direkt und zog ihn mit sich mit. David machte eine entschuldigende Geste zu Philipp, der ihm aufmunternd zunickte.

Charlotte stand etwas abseits und unterhielt sich mit einem Mitarbeiter, der in der Grafikabteilung beschäftigt war. David runzelte die Stirn, der Typ lächelte sie die ganze Zeit an.
Flirtet der mit Charlotte?
David musste zugeben, dass ihn dieser Gedanke doch etwas störte. Sein Blick fiel auf Luna, die den Mann finster anschaute.
Brave Luna, grinste David in sich hinein und beschloss, jetzt einfach mal zu stören.
„Hallo Charlotte, hallo Luna“, platzte er in das Gespräch.
„Hallo David.“ Charlotte strahlte ihn erfreut an.
Na bitte, dachte David zufrieden und nickte dem Mann – hieß er nicht irgendwie Sven Bartsch? Ist ja auch nicht wichtig – huldvoll zu. Er hoffte, dass dieser verstehen würde, dass er ab jetzt unerwünscht war, doch der Typ war hartnäckig.
„Hallo David“, kam es leise von Luna. Sie schenkte ihm ein schüchternes Lächeln, klammerte sich aber weiter an Charlottes Hand fest.
„Gefällt dir der Baum?“, fragte er die Kleine.
„Ja“, nickte Luna eifrig. „Was ist das?“ Sie deutete mit ihren Fingern in Richtung des Mistelzweiges.
„Das ist ein Mistelzweig“, polterte Sven Bartsch dazwischen. „Wenn man mit jemanden zusammen darunter steht, muss man den anderen küssen!“
„Was?“ Luna riss entsetzt die Augen auf, dann starrte sie den Zweig wie ein gefährliches Monster an.
„Das is aber nich’ ssön.“ Auch Suri schien so ihre Zweifel zu haben.
Charlotte war der Blick, mit dem David Herrn Bartsch musterte, nicht entgangen und ob sie wollte oder nicht, sie freute sich ein wenig über seine Eifersucht. Was natürlich totaler Quatsch war, sie hatte ja weder vor mit Herrn Bartsch zu flirten, noch war sie David gegenüber zu irgendetwas verpflichtet, aber die Freude war doch da. Völlig irrational, aber sie war da.
„Na Suri, da müsst ihr aber aufpassen, dass ihr da nicht drunter geratet“, lachte David den beiden Mäuschen zu.
Seiner und Charlottes Blicke trafen sich. Er erinnerte sich noch zu gut daran, dass Charlotte genau das einmal passiert war. Zuerst war sie vor ihm geflüchtet – später im Garten der Villa hatte er sie dann doch ‚gestellt’. Es war nur ein kleiner Kuss gewesen, aber er konnte sich sehr gut daran erinnern.
Charlotte konnte es in seinen Augen sehen – er dachte auch daran. An jenen Kuss, der schon so lange her war.
Magdalena bat um Aufmerksamkeit und begrüßte alle herzlich. Sehr zu Lunas und Suris Freude eröffnete sie das Buffet und die beiden stürmten direkt zu dem Schokoladenkuchen.
Selbst wenn Charlotte es gewollt hätte, sie kam noch nicht mal in die Nähe des Mistelzweiges. Luna passte wie ein kleiner Wachhund auf sie auf und achtete peinlich genau auf einen großen Sicherheitsabstand zu dem bösen Zweig.

Am späten Nachmittag zog es die Kinder hinaus in den Garten. Da er beleuchtet war, erlaubten es Svenja und Charlotte, dass sie draußen spielen durften.
David nutzte die Gelegenheit. Er schnappte sich schnell den Mistelzweig und zog eine sehr verblüffte Charlotte mit in das Arbeitszimmer seines Vaters.
Charlotte wunderte sich über diese Aktion, dann sah sie es in Davids Augen aufblitzen und er zog den Mistelzweig hinter seinem Rücken hervor.
„Glaubst du, du kommst mir davon?“, grinste er sie an und hielt den Zweig über ihre Köpfe.
Charlotte war zuerst verblüfft, dann musste sie doch lachen. „Dabei hat Luna so gut auf mich aufgepasst.“
„Hab’ ich bemerkt“, sagte er leise. „Aber kneifen gilt nicht!“
Charlotte spürte, wie sie rot wurde, nahm dann aber ihren Mut zusammen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. Es war nur eine kurze Berührung, doch sie spürte sie überdeutlich. Ein leichtes Kribbeln breitete sich in ihr aus und sie schaute ihm tief in seine dunklen Augen.
Was ist das? Das war doch nur ein kleiner Kuss!
David schluckte heftig. Es hatte sich so unglaublich gut angefühlt. Ihre Lippen waren verführerisch weich und warm. Er widerstand dem Impuls, sie fest an sich zu pressen und den Kuss zu wiederholen, und doch sehnte er sich in diesem Moment nichts mehr herbei.
Schließlich unterbrach Charlotte den Blickkontakt, lächelte verlegen und schaute auf den Boden.
„Gehen … gehen wir zurück?“, fragte sie mit heiserer Stimme. „Nicht, dass die Kinder mich suchen.“
David räusperte sich schnell. „Ja, natürlich.“
Unbemerkt von den anderen mischten sie sich wieder unter die Gesellschaft. Schnell hing David den Zweig wieder auf.
Doch immer wieder trafen sich ihre Blicke. Irgendwie war etwas anders als vorher, Charlotte spürte es ganz deutlich. David sah sie anders an und das ließ sie nicht kalt.
Natürlich war das Blödsinn, mein Gott, es war ja nur ein kleines Küsschen und in der letzten Zeit hatten sie sich doch öfters umarmt, doch der Eindruck verfestigte sich in ihr. Und immer wenn sie sich in die Augen sahen, spürte sie es. Dieses komische leichte Kribbeln.
David versuchte, sie nicht die ganze Zeit anzustarren, doch das fiel ihm sehr schwer. Schließlich war er dankbar, dass Svenja ihn mit irgendetwas zutextete, bei dem seine Aufmerksamkeit nicht ganz so gefragt war. Er war verwirrt, dieser Kuss hatte ihn verwirrt. Er fragte sich, ob das mit dem Zweig so eine gute Idee gewesen war, doch er spürte immer noch ihre Lippen auf seinen. Und das war ein verdammt schönes Gefühl.
Er suchte ihren Blick und fand ihn. Selbst auf die Distanz, die jetzt zwischen ihnen lag, fühlte er überdeutlich ihre Anwesenheit und eine Gänsehaut überzog seinen Körper.
Zu seiner Enttäuschung verabschiedete sich Charlotte recht bald mit den Kindern. Die beiden Kleinen strahlten über ihre Gesichtchen, denn seine Mutter hatte für sie schon zwei Weihnachtsgeschenke besorgt, für die sie sich überschwänglich bei ihr bedankten.

„Es war ein schöner Tag, vielen Dank für die Einladung.“ Charlotte griff nach Magdalenas Hand und drückte sie herzlich.
„Du und die Kleinen seid immer willkommen“, lächelte Magdalena Charlotte und dann die Mädchen an.
„Ich bringe euch noch zum Auto“, sagte David direkt und holte die Mäntel.
Galant half er erst den beiden Mäuschen in ihre Jacken – selbst Luna ließ sich von ihm helfen – und dann Charlotte. Er streifte dabei ihren Rücken und beließ für einen kurzen Moment seine Hand dort.
Charlotte sah ihn schüchtern an, schenkte ihm dann ein umwerfendes Lächeln.

David half ihr, die Kinder in ihren Autositzen festzumachen und bevor Charlotte einsteigen konnte, hielt er sie kurz an ihrer Hand fest.
„Charlie?“ Seine Stimme war ganz rau.
„Ja?“
Seine Finger verschränkten sich mit ihren. „Es … es war schön“, flüsterte er heiser. Und beide wussten, dass er nicht die Feier meinte.
„Ja“, hauchte sie und stieg schnell in ihr Auto ein.