Eine zweite Chance – Teil 22

„Jetzt ist aber wirklich Schluss“, lächelnd schickte Charlotte Suri zum ungefähr zehnten Mal in ihr Bettchen.
„Ja Mami.“ Die Wangen der Kleinen Wangen glühten förmlich vor Aufregung und sie huschte brav unter ihre Bettdecke.
Charlotte war gespannt, wie lange sie es in ihrem Bett aushielt, denn das neue Traumschloss, das sie eben vom Christkind bekommen hatte, hatte eine magische Anziehungskraft auf sie.
Mit Luna war es nicht anders. Auch sie hatte Probleme einzuschlafen, sie hatte schon fleißig mit ihren Legosteinen weitergebaut, wie Charlotte nun feststellte. Doch auch sie versprach, jetzt wirklich zu schlafen.

Es war ein schöner Heiligabend gewesen, natürlich anders, als die Jahre zuvor, aber auch schön. Doch sie vermisste Jonny – er fehlte einfach. Zwar war es nicht mehr ein so heftiger Schmerz, wie vor ein paar Monaten noch, aber gerade das Weihnachtsfest machte Charlotte doch sehr deutlich, dass sie auf sich alleine gestellt war.
Ihre Eltern hatten sich bemüht, es so fröhlich und lustig zu gestalten, wie es nur ging und Charlotte war ihnen auch unendlich dankbar dafür. Für die Mädchen war es schön und die Vorfreude auf das Christkind war ungetrübt, trotz allem hatten sie ihren Vater nicht vergessen. Luna hatte das kleine Apfelbäumchen mit Weihnachtskugeln verziert und gemeinsam hatten sie nach der Bescherung eine Kerze angezündet.
„Fröhliche Weihnachten, Papili.“ Die beiden Mädchen hatten eine Weile dort im Garten gestanden und Jonny bis ins kleinste Detail erzählt, was sie bekommen hatten.
Stefan hatte bei diesem Anblick ein paar Tränen vergossen und auch Charlotte hatte das mehr mitgenommen, als sie gedacht hatte. Doch Luna und Suri waren nur kurz traurig gewesen und hatten die Erwachsenen schnell wieder auf andere Gedanken gebracht.
Ihre Eltern blieben über Nacht bei Charlotte, wofür sie auch sehr dankbar war. Es war tröstlich, sie um sich zu haben.

Spät gingen sie dann schließlich zu Bett und als Charlotte einen Blick auf ihr Handy warf, entdeckte sie eine SMS von David.
Hallo Charlie. Dir und den Mäuschen ein schönes Weihnachtsfest. Ich hoffe, wir sehen uns bald … Alles Liebe, David.
Ein warmes Gefühl machte sich in ihr breit. Es war schön, dass er an sie gedacht hatte. Die letzten Wochen hatten sie sich zwar auf der Arbeit gesehen, aber sein Terminkalender war voll und an den Wochenenden war er auf vielen Veranstaltungen eingeladen gewesen. So blieb außer ihrem morgendlichen Kaffeetrinken kaum Zeit, um ein paar private Worte zu wechseln.
Und doch, es hatte sich etwas geändert seit dem Kuss unter dem Mistelzweig. Charlotte konnte es deutlich spüren. Es war vielleicht für Außenstehende nicht zu erkennen, aber es war da.
Nur ein Blick von Weitem, der länger dauerte, als es für gewöhnlich nötig war. Eine kurze Berührung im Vorbeigehen, ein Streicheln über ihre Hand, wenn sie zusammen Kaffee tranken.
Früher hatte Charlotte mal geglaubt, dass sie beide eine Art besonderes Band miteinander teilten, in letzter Zeit kam ihr das wieder verstärkt in den Sinn.
Manchmal stand er einfach vor ihr, kurz bevor sie ihn anrufen wollte, um ihn etwas zu fragen – so als ob er es geahnt habe.
Charlotte nahm ihr Handy und tippte eine Antwort ein.
Hi David, ich wünsche Dir auch frohe Weihnachten, kurz zögerte sie, dann nahm sie ihren Mut zusammen. Hast Du Lust, kurz zu telefonieren?, gespannt schickte sie die SMS los.
Sekunden später vibrierte schon das Telefon in ihrer Hand.
„Hab ich“, hörte sie seine sanfte Stimme und prompt bekam sie eine Gänsehaut. „Hey, kannst du auch nicht schlafen?“
„Nein“, antwortete sie ehrlich. „Der Abend war aufregend gewesen und ein bisschen anstrengend.“
„Viele Erinnerungen?“ Seine mitfühlende Art trieb ihr fast die Tränen in die Augen.
„Ja, schöne Erinnerungen“, antwortete sie zaghaft. „Aber es tut nicht mehr so weh.“
„Das ist gut.“ David schloss kurz die Augen. Er war froh, dass zu hören. Den ganzen Abend hatte er schon überlegt, wie es ihr wohl ergangen war, ob sie Jonny sehr vermisste oder ob auch noch Platz war, für andere Gedanken.
Vielleicht sogar an ihn?
„Was machen die Mäuschen?“, erkundigte er sich weiter.
„Sie schlafen endlich, aber das hat gedauert.“ Charlotte lachte ein wenig.
„Na ja, Weihnachten ist halt was ganz Besonderes. Kommen morgen Jonnys Eltern?“
„Ja, sie bleiben bis zum 27. hier, dann kommt mich Sarah besuchen, sie fährt aber am 30. wieder zurück nach Hamburg. Und was machst du?“
„Ich bin bei meinen Eltern. Am zweiten Feiertag bin ich bei Svenja und Philipp und zwischen den Tagen fahre ich in den Verlag“, erzählte er ihr. Dann nahm er seinen Mut zusammen. „Was machst du Silvester?“
„Ich weiß nicht. Noch nichts, ich bin wohl zuhause mit den beiden.“
„Hast du Lust mit mir Silvester zu feiern? Wir müssen ja auf keine große Feier gehen, wenn du nicht magst. Aber ich würde mich freuen, Charlie.“ Seine Stimme wurde immer heiserer, er räusperte sich schnell.
Charlotte freute sich über seine Frage. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Doch – sie hatte Lust. Sie würde ihn gerne sehen und mit ihm in das neue Jahr feiern.
„Ich müsste meine Eltern fragen wegen der Mädchen“, begann sie zaghaft. „Ich hätte dazu große Lust.“
YES!, tobte es in David los und ihm fiel ein großer Stein vom Herzen. „Ich hoffe, das klappt – und wenn nicht, dann können wir ja bei dir bleiben.“
„Gerne.“ Sie freute sich über seinen Vorschlag. Gleich morgen wollte sie ihre Eltern auf Silvester ansprechen. „Ich rufe dich morgen deswegen an, ja?“
„Ja. Charlie?“
„Ja?“
„Ich geb dir einen Gute-Nacht-Kuss.“
Charlottes Nackenhärchen stellten sich auf und sie verspürte wieder dieses Kribbeln.
„Ich dir auch“, flüsterte sie und drückte ihn weg.

„Aber na klar.“ Stefan tätschelte Charlotte beruhigend auf die Wange. „Du kannst die kleinen Flöckchen Silvester zu uns bringen, dann kannst du feiern“, zwinkerte er ihr beim Frühstück zu.
„Hast du eine Einladung bekommen?“, hakte ihre Mutter nach. Sie war gerade dabei, mit Charlotte den Tisch abzuräumen.
„Ja, von David. Ich würde gerne annehmen, Mama.“ Sie sah ihre Mutter aufmerksam an.
„Das ist doch nett. Macht euch einen schönen Abend.“ Heidi lächelte ihr herzlich zu und Charlotte war froh, dass ihre Eltern so positiv auf ihre Bitte reagierten. Ihre Mutter hatte früher immer Vorbehalte David gegenüber gehabt, die schien sie in der letzten Zeit etwas abgelegt zu haben.

Die nächsten Tage waren vollgepackt mit Programm. Konrad und Mariana Woźniak waren liebe Gäste, die es allerdings mühelos schafften, Charlottes Wohnung in ein Chaos zu versetzen. Überall lagen am Ende angefangene Zeichnungen von Konrad und Luna herum und der Opa platzte vor Stolz, als Charlotte ihm noch einmal Lunas Bildergeschichte in der Zeitung zeigte.
Als sie wieder abreisten, war Charlotte traurig und erleichtert zugleich. Noch am gleichen Tag reiste ihre Freundin Sarah an und Charlotte freute sich über ihren Besuch. Seit ihrem Weggang aus Hamburg hatten sie zwar regelmäßig telefoniert, aber sie jetzt drei Tage um sich zu haben, war doch etwas anderes.

Das Wetter war kalt, aber freundlich und sie gingen mit den Mädchen viel hinaus an die frische Luft. Abends saßen sie lange zusammen und redeten.
„Wie geht es dir, Charlotte?“, fragte ihre Freundin sie bei einem Glas Wein.
„Es geht mir gut, wirklich.“ Charlotte kam die Antwort schnell über die Lippen, sie wunderte sich selbst darüber. Doch es stimmte.
„Ich vermisse Jonny, aber es ist okay. Er ist nicht mehr da, er fehlt in manchen Momenten. Aber es ist nicht mehr so, dass mir alles hoffnungslos erscheint. Ich hab mein Leben wiedergefunden. Es ist anders – aber es ist auch schön“, sagte Charlotte leise.
„Das hört sich gut an. Hängt das mit Köln zusammen? Oder mit noch etwas anderem? Mit jemand anderem?“
„Es ist wohl alles zusammen. Ich habe viele liebe Menschen hier um mich, die mir alle sehr geholfen haben. Das war einfach unglaublich.“ Dann stutzte Charlotte kurz. „Doch Sarah – da ist jemand. Ich hab dir schon mal von ihm erzählt.“
Ihre Freundin runzelte die Stirn, dann sah sie sie gespannt an. „Doch nicht etwa dieser David, oder?“
Charlotte zupfte sie gedankenverloren an einem Kissen herum. „Doch, es ist David. Ich hätte das auch nie für möglich gehalten, aber … aber wir haben einiges zusammen unternommen. Wir verstehen uns wieder richtig gut.“ Sie spürte, wie sie etwas errötete.
„Hey.“ Sarah nahm Charlottes Hand und streichelte darüber. „Das hört sich toll an. Dann habt ihr euch versöhnt?“
„Ja“, nickte Charlotte. „Es ging irgendwie schleichend. Eigentlich hat Suri den Kontakt zu ihm hergestellt. Sie vergöttert ihn.“ Charlotte begann zu erzählen, wie sich alles entwickelt hatte, Sarah hörte aufmerksam zu.
„Und Luna ist skeptisch?“
„Ja, aber ganz langsam taut sie etwas auf. Ich habe schon den Eindruck, dass ihn mag, aber sie weiß noch nicht so recht wohin mit ihren Gefühlen. Vielleicht denkt sie, die Erinnerung an Jonny würde verblassen, wenn sie einen anderen Mann an sich ranlässt.“
„Dann tust du gut dran, ihr Zeit zu geben. Du weißt, dass sie sehr sensibel ist.“
„Es ja auch nichts zwischen David und mir“, beeilte Charlie sich zu sagen. „Ich bin nur so froh, dass wir uns wieder verstehen. Es ist schön mit ihm.“
„Genieße es, Charlotte. Und lass alles auf dich zukommen.“ Ihre Freundin zog sie in ihre Arme. „Ich bin so stolz auf dich, wie du das alles hier meisterst.“

Die Tage mit Sarah vergingen viel zu schnell. Charlotte war traurig, als sie wieder abreiste – und doch wuchs die Vorfreude auf Silvester.
David rief am Vormittag an und sie verabredeten, dass sie zusammen essen gehen würden.
Charlotte brachte die Mädchen zu ihren Eltern. Auch sie waren aufgeregt, Opa Stefan hatte versprochen, mit ihnen Raketen steigen zu lassen. Charlotte grinste, denn sie wusste ganz genau, dass Suri den Jahreswechsel wohl verschlafen würde, aber Luna könnte schon die nötige Kondition haben, um wachzubleiben.

Ihre Eltern wünschten ihr einen schönen Übergang und Charlotte fuhr nach Hause, um sich für den Abend umzuziehen.
Sie überlegte lange, was sie anziehen sollte. Sie war richtig nervös, aber auf eine angenehme Weise.
Schließlich entschied sie sich für ein sehr edles, schwarzes Kleid, das sehr figurbetont war und recht viel Dekolleté zeigte. Jonny hatte es mit ihr zusammen ausgesucht, er war hin und weg gewesen, als sie es dann das erste Mal getragen hatte. Ihre Haare nahm sie locker etwas am Hinterkopf zusammen, ließ ansonsten ihren Locken genügend Freiraum.

Pünktlich um acht Uhr klingelte es an der Tür und Charlotte atmete tief durch, bevor sie öffnete. David verschlug es den Atem. Natürlich hatte er bemerkt, dass Charlotte eine schöne Figur hatte. Aber in dem Kleid sah sie einfach nur umwerfend aus – und verdammt sexy.
„Hallo David“, sagte sie ein wenig unsicher, aber seine Augen leuchteten bei ihrem Anblick und sie fühlte sich in der Wahl ihres Kleides bestätigt.
„Wow, Charlie.“ Er strahlte sie an und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Du siehst fantastisch aus.“
Er hatte in einem kleinen Lokal einen Tisch bestellt. Charlotte gefiel es, es war nicht zu schick, sondern wirkte verträumt und romantisch.
Nach dem Essen griff David nach ihrer Hand und streichelte zärtlich darüber.
„Du bist wunderschön“, sagte er mit rauer Stimme und führte ihre Hand an seine Lippen. Zärtlich küsste er ihre Fingerspitzen und Charlotte verspürte wieder dieses Kribbeln.
Lange sahen sie sich nur in die Augen und Charlotte vergaß fast völlig alles um sie herum.
Gegen halb zwölf drängte David zum Aufbruch. Er hatte etwas Besonderes mit ihr vor, doch Charlotte erkannte sofort, wo er hinwollte.
„Zum Verlagshaus? Ganz nach oben?“, lächelte sie ihm zu.
„Hast du Lust?“, fragte er sie zögerlich.
Statt einer Antwort nickte sie nur begeistert.
Sie schaute sich verzückt um, als sie auf dem Dach angekommen waren. Die Aussicht von hier aus war einfach nur atemberaubend.
Um kurz vor Zwölf füllte David die Champagnerkelche und reichte Charlotte ein Glas. Dann schaute er auf die Uhr und zählte langsam zurück.
„5 – 4 – 3 – 2 – 1. Frohes neues Jahr, Charlie“, flüsterte er und stieß vorsichtig mit ihr an.
„Frohes neues Jahr, David“, antwortete sie und trank einen Schluck.

David nahm ihr behutsam das Glas aus der Hand und für einen Moment versanken sie in den Augen des anderen. Er legte ganz vorsichtig eine Hand in ihren Nacken und zog sie etwas zu sich.
Charlotte schaute ihn nur wie gebannt an. Es kam ihr vor wie in Zeitlupe, als sich ihre Gesichter einander näherten.
Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie endlich seine Lippen auf ihren spürte. Er tupfte zunächst viele kleine Küsse auf ihren Mund, doch er konnte nicht stoppen. Ihre weichen, vollen Lippen zu berühren, jagte ihm einen Schauer nach dem nächsten durch den Körper, es war einfach Wahnsinn. Eine Sehnsucht erfasste ihn, eine Sehnsucht nach mehr, viel mehr.
Er nahm seinen Mut zusammen und verstärkte den Druck auf ihre Lippen, hoffte, sie nicht zu verschrecken. Doch sie kam ihm entgegen. David sah, dass sie ihre Augen schloss und er spürte, wie sie langsam die Arme um seinen Hals legte.
Es war atemberaubend, Charlotte hatte das Gefühl zu schweben. Es gab nur noch David und sie in diesem Moment, alles um sie herum verschwand wie in einem Nebel. Sie spürte seinen Atem an ihrem Mund, leicht öffnete sie ihre Lippen und als ob er nur darauf gewartet hätte, fuhr er mit seiner Zunge zart die Konturen ihres Mundes nach.
Sie spürte, wie er sich immer weiter in ihren Mund vortastete, endlich stupste er mit seiner Zunge an ihre, ganz vorsichtig, ganz behutsam zunächst.
Charlotte bekam eine Gänsehaut, ein angenehmes Zittern fuhr durch ihren Körper.
Ihre Zungen begannen miteinander zu spielen, umkreisten, neckten sich. David legte die Arme um ihren Körper, zog sie näher an sich heran.
Das vorsichtige Abtasten wich einem leidenschaftlicheren Kuss. Charlotte seufzte leise auf, fuhr dann mit ihren Fingern durch seine Haare.
Davids Sinne schwanden immer mehr, die Wirkung, die sie auf ihn hatte, war unvergleichlich. Er hatte nur einmal so eine Reaktion auf einen Kuss gespürt und das war jetzt etwas mehr als fünf Jahre her. Nur hoffte er, dass es diesmal nicht so abrupt enden würde wie an jenem schicksalhaften Abend.
Sie weckte Gefühle in ihm, von denen er geglaubt hatte, dass sie für immer verschüttgegangen waren. Und das alles schaffte sie nur mit einem Kuss.
Ihre Körper drängten immer mehr zueinander, Charlottes Lippen brannten bereits, doch um nichts in der Welt wollte sie diesen Kuss beenden. Es war unvergleichlich.
Erst als sie beide keine Luft mehr bekamen, lösten sie sich vorsichtig voneinander, Charlotte schmiegte ihr Gesicht an seinen Hals, rang nach Atem.
„Charlie“, flüsterte David leise. „Geschieht das hier gerade wirklich?“
Sie schob ihn sanft etwas von sich, sah ihm tief in die Augen. „Ja David.“ Ohne, dass sie es bewusst wahrnahm, liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Ja … ja … ja“, wiederholte sie nur immer wieder leise.