Eine zweite Chance – Teil 23

Wieder zog David sie an sich heran, vorsichtig küsste er sie erneut, suchte die Bestätigung, dass das hier wirklich gerade passierte, dass es real war.
Er konnte gar nicht aufhören, sie zu küssen, die Sehnsucht nach ihr schien übermächtig zu sein.
Charlotte kannte sich selbst nicht mehr. Das was hier gerade geschah, hatte sie zuvor nur einmal so erlebt, und es damals auf ihre Verwirrung und den Alkohol geschoben. Sie wurde von ihren Gefühlen einfach überrollt. David so zu spüren war unvergleichlich. Er berührte etwas ganz tief in ihr, dies hier war nicht nur ein Kuss. Es war wie eine Offenbarung. Ein Eingeständnis dessen, was sehr lange ganz tief begraben gewesen zu sein schien.
Dieser Kuss war die Wahrheit. Er zeigte ihr auf wunderbare Weise schonungslos auf, was sie wohl sehr lange verdrängt hatte: Sie wollte ihn und sie liebte ihn – noch immer.
„David“, flüsterte sie heiser an seinen Mund. Immer wieder nur seinen Namen. Ein einziges Wort, mehr brauchte es nicht in diesem Moment. Dann löste sie sich vorsichtig von ihm, sah ihm lange in die Augen.
David legte seine Stirn an ihre, stupste sie mit seiner Nase an. Doch dann kroch ein wenig Angst in ihm hoch. „Bitte sag jetzt nicht, dass du gehen musst“, flüsterte er leise. „Ich will dich nicht weglassen, nie wieder, Charlie.“
Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre Hände. „Ich gehe nicht. Nicht noch einmal.“
David strahlte sie erleichtert an, küsste sie dann wieder zärtlich. „Ich möchte gar nicht aufhören.“
„Dann tu es auch nicht“, antwortete sie und ihre Körper drängten wie von selbst wieder zueinander.

Lange standen sie da, sahen sich an, küssten sich immer wieder. Irgendwann war auch das Feuerwerk vorbei, doch sie hatten es gar nicht wahrgenommen.
„Kommst du noch mit zu mir?“, fragte er sehnsüchtig.
Charlotte hätte am liebsten laut ‚Ja’ gesagt, aber sie bekam jetzt doch leichte Skrupel. Vorsichtig nahm sie seine Hand und schmiegte ihr Gesicht hinein. „David … lass’ es uns langsam angehen, ja?“ Dabei fiel es ihr genauso schwer. Aber sie wusste, dass jeder weitere Schritt gut überlegt sein musste. Sie war es zwei kleinen Personen schuldig. „Ich bin nicht alleine auf der Welt. Mich gibt es nur im Dreierpack.“ Sie wurde ernst. „Und … und vielleicht tut es dir ja auch bald wieder leid.“
„Nein Charlotte.“ Er nahm ihre Hand und küsste sie zärtlich. „Ich bin mir sehr sicher. Ich weiß, dass du diejenige bist, die ich will. Aber ich hab lange gewartet – da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an.“ Seine Stimme war ganz heiser. „Ich hab dich in all den Jahren nicht vergessen können, auch wenn ich es nicht wahrhaben wollte.“
Charlotte weinte leise und krallte sich an ihm fest. Sie schluchzte hemmungslos auf, konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Irgendwie brach so vieles jetzt über sie herein, Dinge die sie verwirrten, sie in Zweifel stürzten und die nur eine Gewissheit zuließen: Dass hier der Mann vor ihr stand, den sie liebte. Auf eine ganz andere Art, als sie das bei Jonny getan hatte.
Er wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Er konnte verstehen, dass sie durcheinander war. Und er konnte ihre Vorsicht nachvollziehen. Sie hatte recht, sie mussten es langsam angehen lassen. Schon allein wegen der Mäuse.
Doch das würde einiges von ihm abverlangen, jetzt wo er sie wiederhatte, endlich wiederhatte, wollte er sie für sich. Ganz und exklusiv. Doch dann riss er sich zusammen. „Gehen wir noch etwas Trinken?“
„Gern.“ Sie sah ihn dankbar an.

Engumschlungen bummelten ein wenig durch das nächtliche Köln. Die Neujahrsnacht war kalt, aber trocken. Doch Charlotte spürte die Kälte nicht. Sie blieben immer wieder stehen, um sich zu küssen.
Sie verspürte ein ungeheures Glücksgefühl, genoss die Wärme, die von ihm ausging. Sie fühlte sich geborgen bei ihm.
David steuerte eine kleine Bar an. Sie war gut besucht, doch sie fanden noch einen kleinen Tisch in einer Ecke.
Er bestellte für Charlotte einen Cocktail und für sich ein Bier. Er musste sich zwingen, sie nicht die ganze Zeit anzustarren, was ihm mehr als schwerfiel, schon alleine wegen des Kleides, das sie trug.
Immer wieder sahen sie sich nur einfach an, hielten die Hand des anderen ganz fest.
„Tanzt du mit mir?“, bat sie ihn schließlich nach einer kleinen Ewigkeit.
„Gern“, er küsste ihre Hand und führte sie hinter sich her auf die Tanzfläche.

David zog sie eng an sich heran und Charlotte legte die Arme um seinen Hals. Sie schmiegte sich an ihn, hörte mit geschlossenen Augen dem Lied zu und genoss es einfach, von ihm in den Armen gehalten zu werden.
David konnte die Wärme ihrer Haut durch den dünnen Stoff des Kleides spüren. Wie gerne wäre er jetzt mit ihr allein, er sehnte sich danach, sie überall zu berühren, sie zu küssen – und doch wusste er, dass er geduldig sein musste.
Zärtlich hauchte er kleine Küsse auf ihre Schulter, stellte lächelnd fest, dass sie eine Gänsehaut bekam.
Ein Schauer lief durch Charlottes Körper, er streichelte zärtlich mit seiner Hand über ihren Rücken. Sie spürte jede Stelle intensiv, die er berührte.
Sanft fuhr sie mit ihren Fingern durch seine Haare, kraulte leicht seinen Nacken.
David hauchte kleine Küsse auf ihren Hals und Charlotte schwanden immer mehr die Sinne.
Sie hob leicht ihren Kopf an, sah ihm tief in die Augen. Ihre Gesichter näherten sich einander und als ihre Lippen sich zärtlich berührten, war es fast wie eine Erlösung. Sanft spielten ihre Zungen miteinander, sie versanken immer mehr in diesem Kuss..

Irgendwann drang in sein Bewusstsein, dass bereits seit Längerem ein anderes Lied lief. Er schob Charlotte schweren Herzens von sich, küsste sanft ihre Nasenspitze.
„Das Lied ist aus“, flüsterte er ihr zu und lächelte sie zärtlich an.
„Oh“, Charlotte spürte, wie sie errötete. Wie peinlich – knutschst hier rum, wie ein Teeni’, schimpfte sie mit sich.
Doch David schien das gar nicht unangenehm zu sein. Er nahm ihre Hand und ging mit ihr zurück an den kleinen Tisch.

Er spürte ihre Unsicherheit und begann, ein zwangloses Gespräch. Charlotte war ihm dankbar dafür, und nach kurzer Zeit waren sie in eine lebhafte Unterhaltung vertieft. Doch sie ließen einander nicht los, hielten sich fest an den Händen. So als ob keiner den anderen jemals wieder loslassen wollte.
In den frühen Morgenstunden brachte David Charlotte schließlich nach Hause. Sie blieben lange vor ihrem Haus stehen, sahen sich einfach nur in die Augen. Wie gerne würde sie ihn jetzt hineinbitten, doch sie zwang sich dazu, ihre eigenen Worte zu berücksichtigen. Langsam angehen lassen …
„Ich fahr dann mal“, sagte er leise, tupfte kleine Küsse auf ihr Gesicht.
Charlotte nickte nur, schaute ihn verliebt an. „Das war das schönste Silvester, das ich je erlebt habe.“
„Das war für mich genauso. Charlie …“ Er nahm zärtlich ihre Hände. „Ich bin so froh“, sagte er heiser. „Weißt du noch, was das Letzte war, dass ich zu dir gesagt habe? Damals auf dem Polterabend?“
Charlotte nickte. „Ja“, antwortete sie leise.
„Das gilt immer noch … Ich liebe dich – und ich hab wohl nie damit aufgehört.“ David sah ihr tief in die Augen.
Charlotte kämpfte gegen ihre Tränen an – und verlor. „Ich dich auch“, schluchzte sie laut.
Noch einmal zog David sie eng an sich. „Dieses Mal schaffen wir das. Hörst du?“
Charlotte konnte nur noch nicken, dann fasste sie sich wieder. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn sanft auf den Mund. „Sehen wir uns morgen – äh, heute?“
„Natürlich. Ruf an, wenn du wach bist“, lächelte er.

Charlotte brauchte lange, um einzuschlafen. Sie dachte an die vergangenen Stunden zurück, fühlte sich leicht und beschwingt – und verliebt.
Doch ihr Gewissen meldete sich mit aller Wucht. War es richtig, dass sie so empfand? Jonny war jetzt fast genau ein Jahr tot, durfte sie das? Und dann ausgerechnet mit David? Würde ihre Beziehung eine Chance haben? Und was war mit den Flöckchen?
Es würde schwer werden – aber sie wollte kämpfen.