Eine zweite Chance – Teil 24

„Hallo Mausi!“, empfing ihr Vater sie freundlich. „Frohes Neues!“ Er nahm sie in den Arm und herzte sie fest.
„Hallo Papa, hallo Mama.“ Sie wünschte ihren Eltern abwechselnd ein frohes neues Jahr. Dann ging sie zu ihren Kleinen, die sie stürmisch und mit feuchten Küssen begrüßten.
„Guck mal, Heidi. Die Charlie strahlt ja richtig“, grinste ihr Vater.
Charlotte schaute verdutzt. Sieht man mir was an?
„Jetzt guck nicht so. Du siehst glücklich aus.“ Stefan kniff sie in die Wange. „Hast du schön reingefeiert?“
Sie spürte, wie sie knallrot wurde. „Ja Papa“, sagte sie leise, dann zog sie ihre Eltern schnell in die Küche, sodass Luna und Suri sie nicht hören konnten.
„David und ich … wir … also …“ Nervös verkrampfte sie die Hände ineinander.
„Habt ihr es endlich geschafft?“, lachte Stefan und holte schnell eine Flasche Schnaps aus dem Wohnzimmerschrank.
„Du und David?“ Ihre Mutter sah sie mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Erstaunen an.
„Ja“, lächelte Charlotte verlegen. „Wir – also gestern … es hat sich so ergeben. Wir haben festgestellt, dass wir immer noch sehr viel füreinander empfinden“, sagte sie leise. „Ich hätte das nie geglaubt – aber … aber ich liebe ihn immer noch.“ Sie sah ihre Mutter fast entschuldigend an.
„Charlotte …“ Heidi kam einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm. „Ich gebe zu, ich bin überrascht. Ich hätte nie geglaubt, dass ihr noch einmal zueinander findet. Ich dachte immer, das Thema David sei abgeschlossen.“
„Das hab’ ich auch gedacht, Mama“, antwortete Charlotte mit heiserer Stimme. „Aber das ist es nicht – ich glaube sogar, das war es nie. Mit Jonny, das war anders, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.“
„Wenn es die große Liebe ist – die vergisst man eben nicht, nicht war Heidi?“ Ihr Vater war in die Küche zurückgekehrt und schenkte drei Schnapsgläser aus. „Ich mochte das halbe Hemd immer schon. Das ist kein Verkehrter.“ Stefan reichte Charlotte ein Glas. „Auf die Liebe, Mäuschen.“
„Ja.“ Charlotte wurde wieder rot. „Auf die Liebe.“ Sie trank hastig das Glas leer und schüttelte sich. An dieses Zeug würde sie sich nie gewöhnen können.
„Und wo ist er denn jetzt – der Herr Herbold?“, hakte Stefan ungeduldig nach.
„Ich hab eben mit ihm telefoniert. Wir wollen mit den Kindern Schlittschuhlaufen fahren. Ich hole ihn gleich ab“, erklärte Charlotte ihm.
„Was ist mit Suri und Luna?“ Ihre Mutter zog sie mit an den Küchentisch. „Wollt ihr es ihnen direkt sagen?“
Charlotte schüttelte den Kopf. „Nein. Ich hab David gesagt, dass wir es langsam angehen müssen. Sie sollen sich allmählich an ihn gewöhnen.“
„Das ist gut. Bei Suri dürfte es keine Probleme geben. Aber bei Luna, ich weiß nicht …“
Charlotte griff nach der Hand ihrer Mutter. „Was denkst du, Mama?“
Sie lächelte Charlotte herzlich an. „Werdet glücklich Charlotte. Du und die Flöckchen – was anderes wünsche ich mir nicht. Und David ist hier jederzeit willkommen.“
Charlotte sprang von ihrem Stuhl auf und umarmte ihre Mutter. „Danke Mama.“
„Und was ist mit mir?“, maulte ihr Vater aus dem Hintergrund.
Charlotte drückte ihn ebenso herzlich an sich, wieder kullerten Tränen ihre Wangen hinab. „Ich hab euch lieb.“

Suri jubelte laut auf, als Charlotte ihnen erzählte, wo es hinging. Luna schaute skeptisch, sagte aber nichts.
Sie fuhren bei David vorbei. „Wollt ihr mal mit zu ihm reinkommen?“, fragte sie ihre beiden.
Wie erwartet, schnallte Suri sich sofort los, Luna war hin- und hergerissen.
„Wir holen ihn nur ab“, lächelte Charlotte sie an. Ihre kleine Tochter nickte und stieg aus.

„Hallo“, begrüßte David seine Gäste fröhlich. Er widerstand einem ersten Impuls, Charlotte in die Arme zu ziehen.
„Hallo Taffit!“ Suri strahlte ihn an und er hockte sich vor sie hin. „Hallo Mäuschen. Hast du schön ins neue Jahr gefeiert?“
„Hab’ sslaft“, erklärte sie ihm traurig. „Oma hat mich nicht wach macht.“ Sie schob ihre Unterlippe leicht nach vorne.
„Und du?“, fragte David Luna.
„Ich hab’ mit Opa geböllert“, kam es leise, kurz sah sie ihn an.
„Wirklich? Und? War es schön?“
Luna nickte, dann kicherte sie. „War ganz dolle laut.“
„Das glaub’ ich“, lachte er ebenfalls. „Ich glaube, dein Opa hat immer die lautesten Böller, oder?“
„Ja“, grinste Luna ihn verlegen an.

„Kannst du Schlittschuhlaufen?“, fragte David Charlotte, als sie an der Eishalle angekommen waren.
„Na ja, Können ist wohl zuviel gesagt. Wir waren nur einmal Eislaufen gewesen. Luna kann es besser, Suri überhaupt nicht“, erklärte sie ihm.
Und so war es dann auch. Während Charlotte mehr schlecht als recht herumstolperte, holte David für Suri einen Eiszwerg, an dem sie sich festhalten konnte.
Luna flitzte sofort los und David war erstaunt, wie schnell die Kleine lospreschte.
„Hey Luna, du bist ganz schön schnell. Du machst das toll!“ Er konnte sehen, dass sie sich über sein Lob freute.
„Du auch“, grinste sie verschämt.
„Ich hab früher mit Freunden immer Eishockey gespielt. Aber schau mal da …“ Er deutete mit seinem Finger auf Charlotte und Suri, die beide recht unglückliche Figuren machten. „Meinst du, wir sollten ihnen helfen? Ich glaube, vor allem die Mama könnte Unterstützung gebrauchen, was meinst du?“
„Ja.“ Luna steuerte mit David auf die beiden zu.
„Madame, können wir Ihnen behilflich sein?“ David machte einen übertriebenen Diener vor Charlotte.
„Nein, das schaffe ich schon“, maulte Charlotte betont beleidigt, und als ob die Situation nicht schon entwürdigend genug war, stolperte sie und fiel rücklings auf den Po.
David biss sich auf die Lippe um nicht loszulachen, er stupste Luna verschwörerisch in die Seite, die sich ebenfalls ein Lachen verkniff.
David half Charlotte galant auf die Beine. „Komm, ich glaube, du schaffst das nicht ohne unsere Hilfe. Luna nimmt vielleicht deine linke Hand – und ich nehm’ die rechte.“
Mit vereinten Kräften drehten die drei dann schließlich eine Runde, während Suri ihren Eiszwerg vor sich herschob.

Doch nach kurzer Zeit wurde es Luna zu langweilig und sie düste wieder alleine los.
David nutzte die Gelegenheit und hauchte Charlotte einen Kuss auf die Wange.
„Hast du gut geschlafen?“, raunte er ihr zu.
„Ja. Und du?“
„Ja, aber ich habe dich vermisst. Der Abend war wunderschön.“
„Fand ich auch.“
David bekam einen leichten Schubs von hinten und als er sich umdrehte, sah er in die funkelnden Augen eines dunklen Lockenköpfchens.
„Oh – na warte, Luna Woźniak“, rief er empört und laut lachend flitzte sie auf ihren kleinen Schlittschuhen davon.
David machte sich auf die Verfolgung, gab ihr extra Vorsprung. Ihr Lachen war ansteckend und er genoss es, sie mal so ausgelassen zu sehen. Nachdem er sie eine Runde übers Eis gejagt hatte, schnappte er sie sich schließlich und warf sie sich über die Schulter. „Hab ich dich!“, grinste er und zu seiner Erleichterung hielt sie sich sogar kurz an seinem Hals fest.
„Du hast mich nicht direkt gekriegt!“ Sie pikste ihn mit einem Finger auf die Nase.
„Nein, du bist viel zu schnell für mich gewesen.“ Er stellte sie wieder aufs Eis. „Und jetzt musst du mich fangen!“

Charlotte hatte sich an die Bande gestellt und schaute dem fröhlichen Treiben von Luna und David zu, während Suri verbissen den Eiszwerg vor sich herschob. Immerhin hatte Suri jetzt einen kleinen Verehrer an ihrer Seite und die beiden verfielen in ein lebhaftes Geplapper.
Luna jagte David vor sich her, der ihr immer wieder Haken schlug. Nach zwei Runden hatte sie ihn aber gefangen und es war schön zu sehen, dass, im wahrsten Sinne des Wortes, das Eis zwischen den beiden gebrochen war.
Völlig außer Atem kamen beide dann zu Charlotte angefahren. „Ich glaube, wir brauchen eine Erfrischung“, keuchte David und wischte sich theatralisch den kaum vorhandenen Schweiß von der Stirn. „Sollen wir dir etwas mitbringen?“
„Nein, geht ihr beiden nur. Ich warte hier auf Suri.“

„Woher kannst du denn so gut Schlittschuhlaufen?“, fragte David die Kleine und hob sie auf einen Barhocker.
„Bin mit Freundinnen ein paar Mal gelaufen“, erzählte Luna ihm. Er war froh, dass sie ihm gegenüber endlich aufgetaut war. Sie war viel ernster als Suri, schien genau zu überlegen, was sie sagte.
„Und macht es dir Spaß?“
„Ja.“ Luna lächelte ihm schüchtern zu. Sie sah wirklich süß aus, auch wenn ihn ihr Lächeln fatal an jemanden erinnerte.
Er fragte sie nach dem Kindergarten aus und Luna erzählte ihm einige Dinge. Sie malte gerne, das war nun keine Überraschung für ihn, und sie bewunderte den Karikaturisten Mike. Im Kindergarten machte sie gerne beim Sport mit – auch das verwunderte David nicht. Sie war geschickt und beweglich, auch wenn sie sich beim Klettern wohl gerne mal überschätzte.
Sie war kein Plappermäulchen wie Suri, aber sie hatte einen sehr einnehmenden Charme.
Charlotte konnte wirklich stolz auf ihre Mädchen sein.
Er wartete, bis Luna ihre Apfelschorle ausgetrunken hatte, und ging mit ihr zusammen zurück in die Eishalle.

Suri stand mit ihrem kleinen Freund inmitten der Eisfläche und plapperte munter auf ihn ein. Charlotte sah ihnen von der Bande lächelnd zu.
„Na? Alles klar?“ David berührte sie zart am Rücken.
„Ja. Suri fährt schon die ganze Zeit nicht mehr. Sie redet pausenlos auf den armen kleinen Jungen ein.“
„Und was ist mit dir? Warum läufst du nicht? Meinst du, du kannst dir eine Pause erlauben?“, neckte David sie.
„Natürlich kann ich das.“
David zwinkerte Luna verschwörerisch zu und zusammen zogen sie Charlotte zurück aufs Eis. Wieder nahmen sie je eine Hand von ihr und bugsierten sie vorsichtig über die glatte Fläche.
Als sie Suri erreichten, stolperte diese auf David zu. „Taffitt hör mal. Dem Jonas sein Papa ist ein Sslittssuhläufer!“, erzählte sie ihm aufgeregt.
„Wirklich?“ David sah den kleinen Jungen skeptisch an.
„Ja, er spielt Eishocki“, verkündete Jonas wichtig.
„Wow – und du? Spielst du auch?“, fragte David ihn aus.
„Ja. Bei den Bambinis. Guck!“ Jonas flitzte los und in Windeseile hatte er eine Runde gedreht.
„Toll was?“ Suri sah ihm richtig verträumt hinterher.
David schaute skeptisch auf seine Mini-Blondine hinab. Von so was lässt sie sich beeindrucken?
„Ja toll“, knurrte er ein wenig beleidigt. „Fahren wir jetzt mal zusammen?“
„Ja, ich sag nur Jonas Besseid“, antwortete Suri geschäftig und fing Jonas mit ihrem Eiszwerg ab.
„Du bist doch wohl nicht etwa eifersüchtig?“ Charlotte knuffte David in die Rippen.
„ICH? Auf so einen kleinen Wichtigtuer?“
Charlotte musste lachen und mit Luna zusammen lief sie dann schließlich weiter. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass David Suri endlich eingefangen hatte und mit ihr an der Hand weiterfuhr.

„Isst du mit uns?“, fragte Charlotte ihn und sah ihn bei der Heimfahrt von der Seite an.
„Oh ja bitte, Taffitt“, kam es sofort von der Rückbank. Suri war fast schon eingeschlafen, aber die Frage hatte sie noch mitbekommen und war jetzt wieder schlagartig wach.
„Gerne“, lächelte er Suri zu und Charlotte fing seinen sehnsüchtigen Blick auf.
Sie kochte Nudeln und weil alle durch das Eislaufen hungrig waren, wurde auch restlos alles aufgegessen.
Nur Charlotte war es leid, wie Suri mit ihrem Essen rummantschte. Sie ermahnte sie ein paar Mal, doch David fand es wohl eher lustig und Suri merkte dies natürlich sofort.
So geht das aber nicht!, dachte Charlotte böse und beschloss, mit David mal ein ernsteres Wort zu reden. Wenn das hier funktionieren sollte, durfte er den beiden nicht zuviel durchgehen lassen.

„Gute Nacht, David.“ Eine halbe Stunde später stand Luna in einem Tabaluga-Schlafanzug vor ihm.
„Nacht Süße“, lächelte er ihr zu und stupste sie auf die Nase.
„Bringst du mich ins Bett?“ Suri kuschelte sich auf seinen Schoss und ihrem Dackelblick hatte er natürlich absolut nichts entgegenzusetzen.
Sie erbettelte sich noch eine Geschichte und als David ihr einen Kuss auf die Stirn geben wollten, umklammerte sie ihn fest mit ihren Ärmchen.
„Nacht Taffitt“, flüsterte sie leise und kuschelte sich an die kleine Stoffmaus, die er ihr mal geschenkt hatte.
Als er rausging hörte er sie noch leise „Nacht Papi“, flüstern und mit ihrem Fingerchen fuhr sie über das Bild von Jonny.

„Na, geschafft?“ Charlotte klopfte neben sich auf das Sofa.
„Die beiden sind unglaublich niedlich“, sagte er wahrheitsgemäß und setzte sich zu ihr.
„Du machst das wirklich gut.“ Charlotte sah ihm lange in die Augen.
„Danke, aber jetzt möchte ich mich mal um die Mutter kümmern“, murmelte er und zog sie auf seinen Schoß.
Charlotte schlang die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn. „Mir kommt das alles noch so unwirklich vor.“ Zärtlich tupfte sie kleine Küsse auf seinen Hals.
„Ach ja?“ David drehte behutsam ihr Gesicht zu sich. „Was kann ich tun, damit sich das ändert?“
Charlotte schloss die Augen und genoss dieses unglaubliche Gefühl, dass er in ihr hervorrief. Ein Kribbeln lief durch ihren Körper, dabei war das hier nur ein kleiner Kuss.
Sie öffnete leicht ihren Mund und gewährte seiner Zunge Einlass. Charlotte kam sich vor wie in einem wunderschönen Traum. Passierte das hier wirklich? Saß sie hier wirklich mit David?
David schob sie ganz vorsichtig zurück aufs Sofa. Charlotte zog ihn mit sich, schließlich kam er auf ihr zu liegen.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie in seinen Mund.
Statt einer Antwort, wurde der Kuss immer leidenschaftlicher und Charlotte fuhr ihm mit ihren Fingern durch die Haare.
David stoppte kurz ab, betrachtete liebevoll ihr Gesicht. Ihre Augen waren eine Nuance dunkler als sonst, ihre Lippen leicht geschwollen.
„Du bist wunderschön, Charlotte“, sagte er heiser. „Ich möchte mit dir schlafen.“
Ganz vorsichtig schob er eine Hand unter ihren Pulli.
Charlotte schluckte heftig, auch sie sehnte sich danach, ihn zu spüren – endlich ganz zu spüren, doch ihr Gewissen nagte an ihr.
„David?“ Sie schaute ihn entschuldigend an. „Ich würde gerne noch etwas damit warten, solange … also … vielleicht findest du mich altmodisch, aber das Trauerjahr. Ich kann das einfach nicht“, stotterte sie und hoffte inständig, dass er sie verstehen würde.
David richtete sich auf und zog sie mit sich. „Das verstehe ich, Charlie. Wir haben Zeit“, flüsterte er an ihrem Mund. „Aber Küssen ist erlaubt, oder?“
„Auf jeden Fall!“