Eine zweite Chance – Teil 25

Sie verbrachten den Abend schmusend auf ihrem Sofa. Es fiel David unendlich schwer die Finger von ihr zu lassen, sie hatte eine wahnsinnige Anziehungskraft auf ihn. Und wenn er ihre Blicke richtig deutete, war es auch für sie nicht leicht, sich zurückzuhalten. Doch er würde natürlich ihre Bitte respektieren.
Er war sich sicher, dass Charlotte die Richtige für ihn war und was machten da ein paar Tage oder Wochen aus? Er hatte so lange gewartet.
Schließlich raffte er sich auf und machte sich auf den Weg nach Hause.
Traurig brachte Charlotte ihn zur Tür. „Willst du nicht hierbleiben?“, fragte sie ihn mit treuem Blick.
Er sah sie erstaunt an. „Hierbleiben? Wie meinst du das?“
„Im Gästezimmer. Ich kann dir das Bett schnell beziehen.“
„Besser nicht.“ Schweren Herzens lehnte er ihr Angebot ab, denn so nah bei ihr zu schlafen, ohne sie berühren zu können, würde ihn wahnsinnig machen. „Sehen wir uns morgen?“
„Musst du nicht in den Verlag?“
„Nein, ich nehme mir frei, solange du auch Urlaub hast. Falls du das möchtest, können wir etwas unternehmen.“
Charlotte freute sich sehr darüber. „Gerne!“
Noch einmal küssten sie sich leidenschaftlich, David drückte Charlotte schließlich gegen die Wand im Flur. „Ich bin verrückt nach dir“, flüsterte er und knabberte sanft an ihrem Hals.
Sie rang nach Atem und schenkte ihm ein umwerfendes Lächeln. „Ich liebe dich.“

Der Kindergarten hatte in der ersten Januarwoche geschlossen und so unternahmen David und Charlotte jeden Tag etwas mit den beiden. Charlotte hoffte, dass die Kinder sich so schleichend an David gewöhnen würden.
Luna schaute ihn zwar ab und zu immer noch skeptisch an, aber David kümmerte sich so intensiv um sie und Suri, dass ihre Zweifel weniger wurden. Sie ging von Tag zu Tag lockerer mit ihm um und suchte auch von sich aus den Kontakt zu ihm.
Sie besuchten an einem Tag den Zoo und ganz schüchtern nahm Luna auf einmal Davids Hand. Er sah die Kleine überrascht an, dann tauschte er einen Blick mit Charlotte, die ebenso verblüfft war, ihn dann aber erleichtert anlächelte.

Es freute sie zu sehen, dass Luna David zu mögen schien. Auch wenn es noch viel zu früh war, um David als ihren Partner ins Spiel zu bringen, so war es doch schön für Charlotte, dass ihre Älteste ihn immer mehr zu akzeptieren schien.
Und David machte das wirklich gut. Er fand eine Balance zwischen Blödsinn machen und sich Zurücknehmen, war immer zu Späßen aufgelegt, und strahlte gleichzeitig eine ungemeine Autorität aus. David war zwar immer noch nachsichtiger in manchen Dingen als Charlotte, aber Luna und Suri sahen zu ihm auf. Er war anders als Jonny, der nie streng zu ihnen war, sondern eher als Mitverschwörer bei Streichen gegen Charlotte agierte.
David dagegen machte viel mit, stellte aber immer klar, wo seine und die Grenzen der Kinder lagen. Sie respektierten seine Worte, auch wenn es gerade Suri sehr schwerfiel, wenn sie ihr Köpfchen mal nicht durchsetzen konnte.
Sie hatte sehr feine Antennen und reagierte äußerst sensibel auf die Annäherung zwischen Luna und David.
Leichte Eifersucht bei ihr war spürbar, wenn David sich länger mit Luna beschäftigte. Doch zu ihrem Glück gelang es ihr spielend, seine Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen.
Und so schaffte sie es auch diesmal, dass David sie schließlich wie eine kleine Königin auf seinen Schultern durch den Zoo trug.

Luna ließ sich von Charlotte die Tafeln zu den Tieren vorlesen, war sehr interessiert und stellte immer wieder Fragen.
David war sehr fasziniert von der Kleinen – sie war ganz anders als ihre Schwester und ihre Ernsthaftigkeit machte ihm manchmal Sorgen. Zweifellos war sie ein äußerst helles Köpfchen und sie schien sich über sehr viele Dinge Gedanken zu machen.
David kannte sich nicht so gut mit Kindern aus – wie auch? – deswegen beschloss er, dies bei Charlotte anzusprechen. „Sag’ mal, war Luna immer schon so ernst?“
Charlotte und er hatten es sich auf dem Sofa bequem gemacht und sie fand ihre Position auf seinem Bauch sehr angenehm. David kraulte ihr mit einer Hand zärtlich den Nacken und mit der anderen streichelte er ihr über den Rücken. Wenn sie eine Katze wäre, hätte sie laut geschnurrt.
„Hm?“, verwundert sah sie zu ihm auf.
„Luna“, wiederholte er. „Sie wirkt sehr ernst auf mich.“
„Sie war immer anders als Suri“, erzählte Charlotte leise. „Jonnys Tod hat sie viel mehr mitgenommen. Du hättest sie unmittelbar danach erleben müssen, da war es noch extremer. Dagegen ist sie jetzt schon wieder viel fröhlicher und lockerer. Sie macht sich sehr viele Gedanken und sie ist auch schon sehr weit in ihrer Entwicklung. Die Erzieherinnen erzählten mir, dass sie bereits anfängt zu lesen. Ich sollte mir ernsthaft überlegen, ob ich sie nicht mit fünf Jahren einschulen lasse.“
„Und? Wirst du das tun?“
„Ich weiß es nicht. Ich würde sie nur ungern früher aus dem Kindergarten nehmen. Diese unbeschwerte Zeit kommt nicht mehr zurück. Andererseits: Wenn sie sich langweilt, ist es für sie auch nicht so schön. Ich warte mal ab, noch ist ja Zeit“, sagte Charlotte nachdenklich.
„Sie ist ein kluges kleines Mädchen.“ Davids Finger schlüpften unter Charlottes T-Shirt. Er konnte gar nicht genug von ihrer weichen, warmen Haut bekommen. Seine Sehnsucht wuchs ständig, sie endlich überall streicheln und küssen zu können.
„Ja, das ist sie.“ Charlotte schloss genießerisch die Augen. Seine Hände auf ihrem Rücken zu spüren, verursachte ein angenehmes Kribbeln in ihrem Körper.
„Sie kommt nach der Mama, oder?“, flüsterte er und zwang sich, sich auf das Gespräch zu konzentrieren.
„Suri ähnelt von ihrer Art eher Jonny, obwohl sie mir vom Äußeren her ähnelt. Sie ist sehr offen und fröhlich, ihr fällt es leicht zu anderen Kontakt aufzubauen. Das hast du ja selbst gemerkt.“
„Allerdings. Die Nummer mit der Toilette hatte schon was“, gluckste David.
„Luna ist ernster und zurückhaltender, obwohl sie Jonnys Spiegelbild ist“, fuhr Charlotte fort. „Jonny hat sie richtig eingeschätzt. Schon als sie noch ein Baby war, hat er gesagt, dass sie einen ernsten klugen Blick hat.“
„Du hast wundervolle kleine Mädchen“, sagte David. Und das war die Wahrheit. Er hatte ihre Kinder ins Herz geschlossen, sie waren faszinierende kleine Geschöpfe.
„Ich liebe sie über alles.“ Charlottes Stimme klang brüchig. „Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich sie nach seinem Tod nicht um mich gehabt hätte.“
David hob sanft Charlottes Kinn an. „Du hast es toll gemeistert, meine Charlie.“ Er beugte sich zu ihr vor und küsste sie zärtlich.
Schnell wurde der Kuss intensiver, beide spürten das Verlangen des anderen und Davids Körper machte ihm nur allzu deutlich, das er sie wollte, und zwar ganz und gar. Charlotte spürte seine Erregung an ihrem Oberschenkel und beendete etwas verlegen den Kuss. Seufzend zog David sie wieder an sich, versuchte sich zu beruhigen.

„Nächste Woche werde ich mir für einen Tag freinehmen.“ Charlotte spielte mit Davids Hemdknöpfen.
„Okay. Hast du was vor?“, fragte er neugierig.
„Nächste Woche ist Jonnys Todestag. Ich fahre mit den Flöckchen nach Hamburg zu seinem Grab.“
„Und wie lange bleibst du in Hamburg?“
„Nur einen Tag. Wir fahren zum Friedhof und danach wieder zurück.“ Charlotte küsste zärtlich seine Nasenspitze.
„Einen Tag?“ David richtete sich auf und schaute sie fassungslos an. „Du willst an einem Tag nach Hamburg und wieder zurück?“
„Ja“, antwortete sie.
David schaute aus dem Fenster. Draußen fiel ein Gemisch aus Schnee und Regen. „Charlotte, bei den Wetterverhältnissen halte ich das für keine gute Idee. Du bist locker vier Stunden unterwegs – für eine Strecke…“
Nein, er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. „Lass mich dich begleiten, ja? Ich möchte nicht, dass du alleine unterwegs bist. Bitte …“, beschwor er sie.
Charlotte schaute ihn etwas verblüfft an. Zuerst wollte sie ablehnen, wollte ihm das nicht zumuten, doch je länger sie darüber nachdachte, desto dankbarer war sie für seinen Vorschlag. Die lange Autofahrt verursachte ihr Unbehagen und die Strecke konnte bei schlechtem Wetter wirklich endlos werden.
„Das würdest du tun?“
„Ja – natürlich. Mir wäre viel wohler dabei.“
„Das wäre sehr nett.“

Luna und Suri wurden immer aufgeregter, je näher sie in Richtung Hamburg kamen. Vor allem Luna freute sich richtig. Irgendwie war das komisch, fand David. Schließlich fuhren sie ‚nur’ zu einem Grab. Er war gespannt, wie die beiden Kleinen sich dort verhalten würden.
Charlotte neben ihm wurde immer stiller. Sie verkrampfte die Hände ineinander und wirkte völlig in sich gekehrt und nachdenklich. Er hätte zu gerne gewusst, was ihr gerade durch den Kopf ging, aber er wollte nicht fragen.

Das Wetter war dem vor einem Jahr ähnlich. Nasskalt, mit leichten Schneeschauern. Charlotte fröstelte, obwohl es im Auto warm war. Die Erinnerungen brachen mit aller Wucht über sie herein, sie dachte an den schwärzesten Tag in ihrem Leben.
Und doch – so schlimm es gewesen war:
Ein Abschnitt ist beendet. Michaels Worte kamen ihr in den Sinn.
Vielleicht musste das so sein, dachte sie traurig und schielte zu David hinüber, der sich auf die Straße konzentrierte. So furchtbar es auch alles gewesen war – vielleicht musste das passieren.
Sie erschrak über ihre Gedanken und schob sie weg. Suri plapperte irgendetwas und Charlotte begann ein Gespräch mit ihr.

Die Kinder rannten schon vor zu seinem Grab. David hatte gefragt, ob er im Auto warten sollte, Charlotte hatte es ihm freigestellt.
Er störte sie nicht und für die Kinder schien es selbstverständlich zu sein, dass er dabei war.
Zögernd trat sie an Jonnys Ruhestätte. Eine edle Marmorplatte zierte sie und eine Vase mit frischen Blumen stand als Schmuck darauf. Sie hatte veranlasst, dass immer etwas Frisches auf seinem Grab war.
Die Kinder legten ihre kleinen Sträuße ab, Suri plapperte sofort drauf los, nur Luna sah sehr ernst aus.
„Hast du uns vermisst, Papi?“, flüsterte sie, Charlotte schluckte heftig.
„Er ist doch immer bei euch.“ Charlotte hockte sich vor sie und tippte auf Lunas Brust. „Da drin..“
Sie nickte und umarmte Charlotte. „Ich möchte aber, dass Papi wiederkommt“, weinte sie.
Charlotte drückte ihre kleine Tochter fest an sich. „Ich weiß, mein Schatz. Aber leider geht das nicht.“
Charlotte stand auf und schaute lange nachdenklich auf den eingemeißelten Namen. Sie wunderte sich selbst, sie war ganz ruhig. Vor ein paar Monaten war sie immer an seinem Grab verzweifelt, doch jetzt war es anders. Der Schmerz war nicht mehr so stark, viel dumpfer. Sie hatte akzeptiert, ohne Jonny zu leben.
Es ging weiter – immer weiter.
Und auch wenn sie gerne zurückblickte, die Zukunft hatte begonnen. Hatte Gestalt bekommen.
Verzeihst du mir?, bat sie Jonny in Gedanken. Verzeihst du mir, dass es ausgerechnet David ist?
Sie horchte in sich hinein, versuchte zu ergründen, was Jonny wohl gesagt hätte. Sie sah sein lächelndes Gesicht vor sich, sah seine leuchtenden Augen.
Versprich mir, dass du immer glücklich bist … Ich möchte wissen, dass du immer ein Lächeln auf deinen Lippen hast, Charlotte Woźniak.
Er hatte das sooft zu ihr gesagt.
Jetzt hatten die Worte auf einmal eine ganz andere Bedeutung.
Jonnys Verhältnis zu David war schwierig. Doch er hatte ihm nicht so viel Antipathie entgegengebracht, wie es im umgekehrten Fall war. Jonny hatte nie schlecht über David gesprochen und dafür war sie ihm auch immer dankbar gewesen.
Du hast ihn geliebt – dann kann er kein schlechter Mensch sein, hatte er ihr einmal gesagt.
Nein – das ist er nicht, antwortete Charlotte ihm in Gedanken.

„Ich werde dich immer lieben, Jonny“, sagte sie leise. „Ich werde dich nie vergessen und dich in meinem Herzen bewahren. Aber ich werde jetzt ein anderes Leben beginnen.“ Sie kniete sich hin und küsste den Grabstein.
„Und ja: Ich werde glücklich sein. Versprochen“, flüsterte sie.
Charlotte stand auf und zog ihren Ring vom rechten Finger ab und steckte ihn an die andere Hand um. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Doch, er würde es verstehen. Sie war sich sicher.

Sie blieben noch eine Weile dort stehen, dann nahm sie die Kinder und machte sich auf den Weg zum Auto.
Verwundert sah sie, dass David jetzt an das Grab trat.
„Nur einen Moment“, bat er sie. Charlotte nickte und ging langsam weiter.
David hatte sich lange seine Grabstätte angesehen. Hatte gesehen, wie Charlotte Abschied genommen hatte. Auch wenn er nicht verstanden hatte, was sie gesagt hatte, er hatte die Geste mit dem Ring beobachtet, und das hatte ihn sehr berührt.
„Tja, Jonathan Woźniak … Wer hätte das gedacht, dass ich hier mal stehe – mit deiner Familie …“
Doch er hegte keinen Groll mehr gegen ihn. Dieser Mann hatte mit Charlotte zwei wundervolle Kinder in die Welt gesetzt. Er hatte Charlotte geliebt und mit ihr eine glückliche Zeit gehabt.
„Ich verspreche dir, dass ich mich gut um deine Frauen kümmern werde. Ich werde deine Mädchen beschützen und ich werde mich bemühen, Charlotte so glücklich zu machen, wie du es getan hast …“, sprach er leise.
„Mach’s gut, Woźniak“, fügte er hinzu, dann ging er Charlotte und den Mädchen hinterher zum Auto.