Eine zweite Chance – Teil 29

Die Nacht wurde sehr ungemütlich. Irgendwie bekam David ständig Tritte in den Magen oder in die Rippen verpasst. Er rang ein paar Mal mit sich, das kleine unruhige Mäuschen neben sich wieder in ihr eigenes Bett zu bringen, doch sie schlief so fest, dass er es nicht übers Herz brachte. Außerdem war er selbst viel zu müde, um sich noch groß zu bewegen.

Charlotte stand etwas früher als normal auf, David war hier und sie wusste nicht, in wie weit er ihren morgendlichen Rhythmus durcheinander wirbeln würde. Sie lächelte in sich hinein, das letzte Wochenende war unvergleichlich schön gewesen. Leidenschaftlich und schön.
Sie ging duschen und zog sich schon mal fertig an fürs Büro. Dann ging sie leise zuerst in Suris Zimmer, um sie zu wecken. Sie brauchte stets länger um wach zu werden, als ihre Schwester. Zu Charlottes Verwunderung war ihre Zimmertür nur angelehnt und sie erschrak heftig, als sie sah, dass ihr Bettchen leer war.
„Suri?“ Sie lief schnell hinein und zog die Jalousien hoch. Doch auch vor dem Bett oder auf ihrem Kuschelkissen auf dem Boden, auf dem sie manchmal auch einschlief, war sie nicht.
„Suri?“ Charlotte rief ein bisschen lauter, dann ging sie hastig hinaus. Vorsichtig spähte sie in Lunas Zimmer. Doch ihre Älteste lag alleine in ihrem Bett und schlief selig.
Schnell kontrollierte Charlotte die Haustür, die Tür zur Veranda – doch alles war fest verschlossen. Eigentlich gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit. Sie schluckte. Suri würde doch nicht etwa? Dann erinnerte sie sich, dass ihre Jüngste in der Nacht schon bei ihr gewesen war. Was wäre, wenn sie es einfach bei David versucht hätte?
Leise schlich sie sich vor seine Zimmertür, auch sie war einen Spalt offen.
David hatte die Jalousien nur halb geschlossen und es fiel genug Licht von der Straße herein.
Der Anblick, der sich Charlotte bot, entlockte ihr ein leises Glucksen.
David war nur noch zur Hälfte im Bett.
Seine langen Beine ragten schon heraus und berührten den Boden, während er halb auf dem Rücken lag und ca. 30 cm von dem 1,40 m breiten Bett für sich hatte.
Suri hingegen lag quer auf der Matratze auf dem Bauch. In einer Hand hielt sie ihre Stoffmaus und schlief wie ein kleiner Engel.
Armer David, grinste Charlotte, sie konnte einfach nicht anders und machte ein Foto. Die beiden sahen einfach zu süß aus.
Dann beschloss sie ihn zu wecken, er würde sicherlich schon Rückenschmerzen haben von seiner unbequemen Lage.
„David?“ Sie beugte sich über ihn und hauchte ihm einen Kuss auf den Mund.
Er murrte etwas Unverständliches und runzelte missmutig die Stirn.
Charlotte verkniff sich ein Kichern, küsste ihn jetzt etwas stärker. Er seufzte auf und sie spürte, wie sich seine Hand in ihren Nacken legte und sie noch mehr zu sich zog.
Behutsam löste Charlotte sich und sah in seine dunklen Augen. „Hey, du musst aufstehen…“
„Nein, ich brauche jetzt erst mal ganz viel Liebe von dir“, flüsterte er in ihren Mund.
„Hat Suri dich so schikaniert?“
David schaute sie verständnislos an, dann fiel ihm wieder sein kleiner Schlafgast ein.
Er rappelte sich hoch und sah auf die kleine Blondine neben sich, die so wirkte, als könne sie kein Wässerchen trüben, ihn aber ganz schön traktiert hatte.
„Das kann mal wohl sagen. Sie hat mich getreten.“
Sie lachte leise auf. „Du hättest ihr nicht erlauben sollen, bei dir zu schlafen. Sie geht oft nachts auf Wanderschaft.“
„Jetzt weiß ich das auch“, knurrte er, dann strich er Suri aber über die blonden Löckchen. „Sieht sie nicht süß aus?“
„Ja, wie ein Engelchen“, kicherte Charlotte. „Weckst du sie? Dann kümmere ich mich um Luna.“
„Okay.“ Er beugte sich über sein kleines Mäuschen. „Hey Suri. Aufstehen …“
Er hatte überhaupt keinen Erfolg.
„Du musst schon energischer werden“, zwinkerte Charlotte ihm zu und ging dann hinaus.
„Suri“, murmelte er jetzt eindringlicher. Nach einer kleinen Ewigkeit hob sie ihr Köpfchen mit geschlossenen Augen. David musste sich ein Lachen verkneifen.
„Aufwachen, Schätzchen.“ Er streichelte ihr zärtlich über die Wangen, müde öffnete Suri die Augen und schaute sich völlig desorientiert im Zimmer um. Sie brauchte eine Weile, dann erkannte sie ihn. Erfreut riss sie die Augen auf.
„Taffitt“, piepste sie. „Hab ich bei dir sslaft?“
„Ja, hast du. Aber nur ausnahmsweise kleine Lady.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Nase. „Und jetzt musst du dich anziehen und frühstücken. Heute geht es in den Kindergarten“.
Suri nickte nur und krabbelte brav aus dem Bett. David schickte sie ins Bad, wo Luna sich gerade mit einem rosa Waschläppchen durchs Gesicht wusch.
„Morgen David“, lächelte sie ihm zu.
„Morgen Süße.“ Er strubbelte kurz durch ihre Löckchen und machte sich auf die Suche nach Charlotte.

Er fand sie in der Küche, der Tisch war schon gedeckt und sie füllte gerade Kaffeepulver in die Maschine.
„Hey, Liebling.“ Seine Arme umfingen sie von hinten und er hauchte ihr einen Kuss auf den Hals.
Sie drehte sich in seinen Armen und küsste ihn zärtlich. „Guten Morgen, du Ärmster. Du hast dir ein Frühstück redlich verdient“.
„Kann man wohl sagen.“ David saugte sich leicht an ihrem Hals fest und Charlotte schob ihn vorsichtig von sich.
„Nicht jetzt.“ Sie errötete leicht, was David einfach nur zum Anbeißen fand.
„Kommst du nachher für eine Besprechung in mein Büro?“, raunte er ihr zu.
„Du bist unmöglich“, lachte Charlotte und haute ihm sanft auf seine Hände, die versuchten, ihre Bluse aufzuknöpfen.
„Ich bin schwer verliebt“, murmelte er und versuchte sie wieder zu küssen.
„Ich auch“, lächelte sie, dann wurde sie aber resoluter. „Aber wir müssen hier wirklich voran machen.“
„Okay.“ Mit unglaublicher Leidensmiene trottete er in Richtung Bad.
„So meine Damen – jetzt gehört das Badezimmer mir!“, hörte sie ihn rufen und das laute Kichern und Kreischen von Luna und Suri ließ vermuten, dass er sie wohl ordentlich scheuchte.

Das Frühstück dauerte viel länger als sonst, auch das Anziehen der beiden Flöckchen, man merkte halt, dass etwas anders war in ihrer Morgenroutine. Doch Suri und Luna alberten viel mit David herum und man konnte spüren, dass es den beiden nicht unangenehm war, dass er da war. Und das war erst mal die Hauptsache.

Später als gewöhnlich kamen sie beim Kindergarten an. David war mit Charlotte mitgefahren und auf Suris Betteln ging er auch mit hinein.
Charlotte fielen die leuchtenden Augen der Erzieherinnen sofort auf, als sie ihn sahen. Er wirkte heute Morgen etwas verwegen, hatte einen Drei-Tage-Bart und war noch in Jeans und T-Shirt. Charlotte wollte ihn gleich bei seiner Wohnung absetzen, damit er sich bürofein machen konnte.
„Das ist Taffitt – mein Freund“, stellte Suri ihn stolz Gabi vor, einer ihrer Erzieherinnen.
„Oh. Dein Freund?“, grinste Gabi und lächelte David strahlend an.
„Meiner auch!“ Luna stellte sich zwischen Gabi und David und funkelte die Kindergärtnerin warnend an, was diese aber nicht zur Kenntnis nahm, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt war, David anzuhimmeln.
„So, bis später.“ Charlotte küsste Suri und Luna, dann nickte sie David zu. Auch er verabschiedete sich herzlich von den beiden und wurde auch kräftig von ihnen gedrückt.

„Na, da hast du aber eine Eroberung gemacht“, neckte Charlotte ihn, als sie ihn zu seiner Wohnung fuhr.
„Tja, da kannst du mal sehen …“ Er beugte sich zu ihr rüber und küsste sie zärtlich hinters Ohr. Sofort kribbelte es überall in Charlottes Körper.
„Lass das“, protestierte sie schwach und versuchte sich, aufs Autofahren zu konzentrieren.
David bemerkte sehr wohl die feine Gänsehaut, die auf ihrem Hals zu erkennen war und musste grinsen. „Kommst du noch mit in meine Wohnung und hilfst mir beim Umziehen?“
„David Herbold!“ Sie sah ihn mit einem strengen Blick an.
Er küsste sie zärtlich, dann stieg er aus.
„Wenn du magst … also wenn du magst, dann komm’ doch heute Abend vorbei und bring’ ein paar Sachen von dir mit. Ich meine – also wenn du Lust hast, kannst du ja öfters bei uns schlafen.“ Charlotte hoffte, ihn damit nicht zu bedrängen oder zu Überrumpeln und biss sich nervös auf die Unterlippe.
Doch David freute sich sehr über ihre Worte. „Nichts lieber als das.“

Die nächsten zwei Wochen verbrachte David fast ausschließlich die Nächte bei den Woźniaks. Irgendwie war das schleichend verlaufen. Er hatte ein paar Anziehsachen bei ihnen deponiert und war still und heimlich eingezogen.
David genoss es, ‚seine’ Frauen um sich zu haben. Es war schön, nach Hause zu kommen, wenn jemand auf einen wartete. Manchmal waren die Mäuse schon im Bett, das tat David dann sehr leid, aber meist waren sie noch auf und er spielte noch mit ihnen oder las ihnen etwas vor.
Die Kleinen wurden immer ihm gegenüber immer anhänglicher. Selbst Luna bekam jetzt hier und da ein Küsschen von ihm und auch von ihrer Seite aus kuschelte sie sich öfters an ihn, nahm seine Hand bei Spaziergängen oder umarmte ihn herzlich.
Für Charlotte war das wie ein kleines Zeichen jetzt auch ihre Zuneigung zu David offener zu zeigen.
Es war Sonntagmorgens, David hatte mit den Mäusen den Frühstückstisch gedeckt, um sie zu überraschen.
Im Bademantel kam Charlotte in die Küche und freute sich über die liebe Geste und die frischen Blumen, die mit auf dem Tisch standen.
„Danke, ihr seid so lieb“, sagte sie gerührt und küsste erst ihre Töchter, dann ging sie zu David und umarmte seine Taille. Sie sah zu ihm auf und hauchte ihm ein Küsschen auf den Mund. „Danke“, murmelte sie an seinen Lippen.
David erstarrte etwas, schaute dann gespannt zu seinen kleinen Mäuschen.
„Hast du Taffitt küsst?“ Suri fand als Erste ihre Sprache wieder, während Lunas Gesicht regungslos war.
„Ja, hab’ ich“, antwortete Charlotte und griff sich unbeteiligt einen Toast. „Wenn man jemanden gerne hat, dann küsst man ihn. Ihr küsst David ja auch. Und ich habe David lieb.“ Sie hoffte, dass man ihr ihre Nervosität nicht anmerken konnte.
„Ja.“ Suri nickte. „Ich hab’ Taffitt auch lieb“, sagte sie andächtig.
Charlotte warf einen vorsichtigen Blick zu Luna, die in ihrem Kakao rührte. „Ich auch“, antwortete sie ganz leise, kaum hörbar.
Charlotte atmete erleichtert auf, auch David fiel ein Stein vom Herzen.
„Machen wir gleich einen Ausflug?“, schlug er vor. „Sollen wir noch mal auf den großen Spielplatz?“
„Au ja“, riefen Luna und Suri und strahlten ihn an. Die beiden plapperten aufgeregt auf David ein und Charlotte tastete unter dem Tisch nach seinem Knie und streichelte darüber.
David schickte ihr einen innigen Blick. Wieder war eine Hürde gemeistert und er wartete schon sehnsüchtig auf den Tag, an dem er mit ihr zusammen im Bett schlafen konnte. Sie lebten ihre Liebe zwar aus, aber es war immer ein Touch von ‚Verbotenem’ dabei, was ihn einerseits störte, andererseits aber auch sehr anmachte. An einem Abend hatten sie die Kinder zu Svenja gebracht, um mal ungestört zu sein. Jetzt noch bekam David eine Gänsehaut, wenn er daran dachte, wie leidenschaftlich sie sich geliebt hatten. Das war zwar alles sehr reizvoll, aber er sehnte sich danach, mit Charlotte wie ein ‚richtiges’ Paar zusammenzuleben.

Der Ausflug verlief wunderbar harmonisch. Sie waren wirklich zusammengewachsen, er hätte das vor einem halben Jahr niemals von sich gedacht, dass er sich mal so wohl in Gegenwart von Kindern fühlen würde.
Engumschlungen saßen Charlotte und David auf einer Bank, die sich auf dem großen Spielplatzgelände befand. Suri und Luna hatten sich mit mehreren Kindern zusammengetan und liefen laut kreischend über den Platz.
„Hey, da ist unser Pressefotograf.“ David sah auf und deutete auf die andere Straßenseite. „Bleibst du mal kurz hier? Ich muss nur etwas mit ihm abklären.“
„Na klar, geh ruhig, ich warte hier auf dich.“ Charlotte sah ihm nach, wie er sich auf den Weg machte.

Plötzlich hörte sie eine Frauenstimme aufgeregt herumschreien. „Nein, bleib doch hier, warte doch!“
Charlotte sah sich um und entdeckte, etwa zwanzig Meter von sich entfernt, wie Suri sehr schnell auf die Straße zulief.
Es geschah alles in Bruchteilen von Sekunden. Sie sprang von der Bank hoch und rief den Namen ihrer jüngsten Tochter. Dann nahm sie nur noch das entsetzliche Geräusch von quietschenden Bremsen auf dem Asphalt wahr.