Eine zweite Chance – Teil 31

Charlotte fiel ein Stein vom Herzen. Es war raus, es war gesagt. Sie hoffte nur, dass sie David damit nicht überrumpelt hatte, denn jetzt, wo es offiziell war, blieb ihm keine Rückzugsmöglichkeit mehr.
Charlotte setzte sich zu Suri ans Bett, streichelte über ihr lädiertes Gesichtchen. Trotz allem, was gerade passiert war, wirkte sie absolut glücklich. Charlotte bekam ein warmes Gefühl in ihrem Bauch. Sie hatte einfach tolle Kinder.

„Und wir beide fahren jetzt mal ein paar Sachen für Mama und Suri holen, ja?“
David nahm Luna auf den Arm und beugte sich über Suri. „Bis gleich, mein Mäuschen.“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Nase.
„Tssö.“
Dann gab er Charlotte einen Kuss. „Was brauchst du?“, erkundigte er sich.
Sie zählte einige Dinge auf und er ging mit Luna hinaus.

„Mini-Mausi – wie konnte das passieren?“ Die Tür zu Suris Krankenzimmer wurde stürmisch aufgerissen und zwei völlig geschockt aussehende Großeltern Siegel kamen hinein.
Charlotte legte einen Finger auf ihre Lippen. „Sie schläft.“
„Aber woher wisst ihr von dem Unfall? Hat David euch angerufen?“
„Ja und er hat uns auch alles andere erzählt,“ Ihre Mutter kam auf Charlotte zu und drückte sie. „Wirklich alles“, ergänzte sie und strich ihr übers Haar. „Ich freu mich für euch. Aber wie hat Luna reagiert?“
Charlotte stand auf und zog ihre Eltern etwas zur Seite, damit Suri nicht aufwachte.
„Sie hat ihn in den Arm genommen. Ich musste das sagen, Luna war völlig aufgelöst gewesen. Eine Ärztin hat David als ihren Vater angesprochen, da hat Luna herumgeschrien. Aber jetzt scheint alles gut zu sein“, schluckte Charlotte und schloss kurz die Augen.
Die Wände um sie herum kamen auf einmal bedrohlich näher und der Boden schwankte etwas. Irgendwie war das wohl alles ein bisschen viel gewesen heute. Doch sie lehnte sich an die Wand an, dann ging es wieder und ihre Eltern schienen nichts gemerkt zu haben.

David sah Luna gespannt an. „So, meinst du, wir haben alles?“
„Ja.“ Sie nickte ernsthaft.
Noch mal kontrollierte David die Tasche. Die wichtigsten Schmusetiere waren eingepackt, Bücher anschauen durfte Suri noch nicht, da hatte die Schwester noch einmal drauf hingewiesen. Also würde Charlotte ihr vorlesen müssen.
Für Charlie hatte er auch alles. Er musste grinsen, denn ihre Unterwäsche-Kollektion reichte von Verdammt heiß bis hin zu Herzchen-Aufdruck auf Baumwolle.
Dann hockte er sich vor Luna. „Ich glaube, das haben wir beide gut gemacht.“ Er wuschelte ihr durch die Löckchen und lächelte sie an.

David klopfte an die Zimmertür, er hörte Stefans Stimme „Herein“ rufen.
„Hallo David.“ Stefan Siegel klopfte ihm direkt auf die Schulter, Heidi begrüßte ihn sehr freundlich.
„Wie geht es meiner Mini-Blondine?“, erkundigte er sich direkt bei Charlotte. Sie war ungewöhnlich blass, stand aber direkt auf und küsste ihn auf die Wange.
„Sie schläft – die Ärztin war eben noch mal da. Sie sagt, das sei ganz normal. Sie wird in regelmäßigen Abständen untersucht.“ Ein leichtes Zittern machte sich in Charlotte breit. Noch immer hatte sie die Bilder des Unfalls vor Augen und dieses schreckliche Geräusch der quietschenden Bremsen.
„Es wird alles wieder gut werden.“ David streichelte ihr sanft über den Rücken und küsste ihre Schläfe.
„Dann zeig’ mal, was ihr mitgebracht habt.“ Charlotte nahm ihm die Tasche ab und räumte die Sachen ein.
„Luna möchtest du nachher mit zu uns kommen?“, fragte Heidi sie lächelnd. „Du kannst auch bei uns schlafen“.
Luna schien einen Moment nachzudenken, dann schüttelte sie den Kopf. „Will bei David bleiben“, entschied sie.
Charlotte freute sich über ihre Entscheidung, auch David schien erleichtert.
Suri schlief die ganze Zeit, aber auch Luna wirkte sehr erschöpft.
„Sollen wir nach Hause fahren, mein Schatz?“ David nahm die Kleine auf seinen Schoß und setzte sich neben Charlotte auf Suris Bett.
Luna nickte nur, dann umarmte sie ihre Mama ganz fest.
„Bis morgen, meine Süße. Du wirst sehen, dann geht es Suri schon besser“, beruhigte sie ihre Tochter.

David fuhr mit Luna noch zu einem amerikanischen Fast Food-Restaurant. Erstens war es um seine Kochkünste nicht zum Besten bestellt und zum anderen hatte er nach diesem schrecklichen Tag auch keine Lust mehr darauf.
Luna war begeistert, bestellte sich zu seiner Überraschung aber noch einen Salat zu ihrer Kindertüte dazu. Dieses Kind schaffte es immer wieder, ihn zu verblüffen.

Luna versuchte nicht, ihn zu überreden, etwas länger aufzubleiben. Sie machte sich nach seiner Aufforderung sofort fertig zum Schlafengehen.
Er las ihr noch eine Geschichte vor, bevor er geendet hatte, war sie schon fest weggeschlummert.
David schaute sie noch eine Weile an. Noch vor ein paar Monaten hatte er es als Ding der Unmöglichkeit angesehen, eine Familie zu haben. Und schon gar nicht wollte er Kinder haben, die Jonny Woźniak gezeugt hatte. Und jetzt?
Er verspürte ein warmes Gefühl in seinem Bauch. Er liebte seine kleinen Mäuse. Diese Kinder hatten ihn im Nu umgekrempelt. Und Charlotte natürlich auch.
Charlie … Endlich war es seine Charlotte. Und irgendwie waren es auch seine Kinder.
„Schlaf gut, Mäuschen“ Er hauchte Luna noch einen Kuss auf die Stirn und verließ leise das Zimmer.

Charlotte seufzte auf, dann setzte sie sich an das Bettchen ihrer kleinen Tochter und ließ sie nicht eine Minute aus den Augen. Ab und zu kam ein Arzt und sah nach Suri.
„Sie sollten auch schlafen. Sie sind sehr blass.“ Der Arzt wollte Charlottes Puls fühlen, doch sie wandte sich ab.
„Es geht schon. Ich kann sowieso nicht schlafen, ich bleibe noch ein bisschen hier sitzen“, erklärte sie ihm müde.
„Ihre Entscheidung“, sagte er nur knapp und verließ das Zimmer.

Ein leichtes Wimmern weckte David. Er setzte sich verwirrt in seinem Bett auf, musste sich erst mal orientieren. Dann fiel ihm alles wieder ein. Suri – der Unfall!
Doch dann besann er sich wieder. Das Weinen konnte nur von Luna stammen. Durch die angelehnten Türen hörte er es jetzt allzu deutlich. Er stand schnell auf und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer.
Luna wälzte sich unruhig im Bett herum. Sie stammelte etwas Unverständliches, dann fing sie wieder an zu weinen.
„Hey Luna … Schatz, wach auf.“ David streichelte ihr sanft über das Köpfchen. Erschrocken riss sie dann die Augen auf und sah ihn an.
„David!“ Sie schluchzte und er zog sie in seine Arme.
„Hey, alles ist gut, hörst du“, murmelte er in ihre Löckchen hinein.
„Suri – sie hat geblutet“, schniefte Luna und krallte sich förmlich an ihm fest.
„Ja, aber jetzt geht es ihr besser.“
Sie sah ihn aus verweinten Augen an. „Darf ich bei dir schlafen?“ Ihr Dackelblick stand dem ihrer Schwester um nichts nach.
„Na klar. Komm …“ Er drehte sich mit dem Rücken zu ihr und ließ sie aufsteigen. Huckepack trug er sie in sein Zimmer.
Verstohlen lugte er auf Charlottes Schlafzimmertür. Bald würde er mit ihr dort schlafen. Und auch wenn es jetzt nicht passte – er freute sich schon darauf.
Er ließ Luna auf sein Bett plumpsen und sie kuschelte sich tief unter seine Decke. Noch schmerzhaft hatte er die Nacht mit Suri in Erinnerung. Er machte sich darauf gefasst, wieder unruhige Stunden vor sich zu haben.
Sie sah ihn aus ihren dunklen Kulleraugen an. „Schlaf gut, David“, sagte sie leise.
„Du auch Süße.“ Er drückte sie kurz an sich. „Hey – wir werden ein richtig gutes Team werden. Du, die Mama, Suri und ich, ja?“ Er nahm ihr kleines Händchen in seine.
Ein Lächeln huschte über Lunas Gesicht. „Ja, ganz bestimmt“, nickte sie eifrig, dann schlummerte sie sofort ein.

Doch er täuschte sich. Luna schlief tief und fest und regte sich kaum. Als er am Morgen erwachte, hatte sie sich ganz an ihn geschmiegt und war kaum wach zu kriegen. Er machte sie fertig für den Kindergarten, dann rief er im Verlag an und meldete sich für den Tag ab. Er wollte zu Charlotte und Suri, das war jetzt das Wichtigste.

„Hallo David.“ Charlotte strahlte ihn erfreut an, als sie ihn sah.
„Hallo mein Liebling.“ Er begrüßte sie mit einem langen, zärtlichen Kuss. Dann ging er zu Suris Bett. Sie schlief noch.
Davids Herz krampfte sich zusammen. Ihr Gesichtchen war jetzt ganz blau und grün. Auch ihr Ärmchen sah schlimmer aus als gestern.
„Ist Luna im Kindergarten?“, fragte Charlotte ihn.
„Ja. Sie wollte gehen, ich hab’ es ihr freigestellt“, antwortete er ihr.
„Der Alltag wird ihr guttun. Hast du den Erzieherinnen erzählt, was passiert ist?“
„Ja, sie lassen alle schön grüßen und wünschen gute Besserung.“ David musterte Charlotte ein wenig besorgt.
„Aber was ist mit dir? Du bist so blass“, sanft streichelte er über ihre Wange.
„Das geht schon.“
David nahm sie behutsam in seine Arme, vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. „Der Tag gestern war furchtbar. Wäre ich doch bloß nicht zu Holger gegangen, dann wäre das nicht passiert“, murmelte er.
„Hey, das konnte doch keiner ahnen.“ Sie schob ihn von sich. „Bitte David, dass so etwas passieren würde, war nun wirklich nicht voraus zu sehen. Selbst Suris Reaktion hat mich überrascht. Dass sie einfach so losrennt …“ Charlotte bekam eine Gänsehaut und ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.
„Aber jetzt wird alles gut. Charlotte – wir haben noch nicht darüber sprechen können. Das, was du gestern gesagt hast – deine Worte …“ Er nahm ihre Hand und spielte mit ihren Fingern. „Ich hab’ mich sehr darüber gefreut. Ja – wir sind eine Familie“, seine Stimme wurde ganz rau.
„Taffitt, Mami“, kam es leise.
Sofort gingen sie an Suris Bett. „Hallo mein Schatz.“ Charlotte beugte sich über sie und küsste sie auf die Stirn. „Wie geht es dir?“
„Hab’ Kopfweh … und Bein tut weh und Arm auch“, wimmerte Suri. David küsste sie ebenfalls. „Ich sage der Doktorin Bescheid, ja?“
Suri nickte nur.
David holte die Kinderärztin. Sie lächelte der Kleinen freundlich zu. „Hallo Suri. Ich habe gehört, dein Kopf tut weh?“
„Und Arm und Bein“, erklärte Suri ihr.
„Dann gebe ich dir mal einen Saft, dann sind die Schmerzen bald weg, okay?“ Sie hielt Suri einen kleinen Becher hin und half ihr, sich ein wenig aufzurichten.
„Sag mal – was hast du denn da für eine schöne Maus?“, fragte die Ärztin weiter.
„Hat Taffitt mir ssenkt“, erklärte Suri ihr. Sie drückte sie an ihre gesunde Gesichtshälfte.
Die Kinderärztin warf David einen fragenden Blick zu, er nickte bestätigend.
„Die ist ja wirklich toll“, lächelte sie dann wieder Suri an. „Du musst heute noch im Bett bleiben, die Mama kann dir ja was vorlesen, wenn es dir langweilig wird.“
„Ja“, flüsterte Suri und die Augen wurden schon wieder schwerer.
Die Ärztin stand auf und ging zu Charlotte. „Und wie geht es Ihnen?“
„Gut, danke“, sagte sie hastig. Ihr war das Aufhebens um sie irgendwie peinlich.
„Taffitt?“, kam es zaghaft.
„Ja, meine kleine Maus?“ Er setzte sich zu ihr ans Bett und nahm ihre Hand.
„Mama hat sagt, wir sind eine Familie.“ Ihre Stimme klang ganz heiser.
„Ja, das sind wir“, zärtlich streichelte er über ihre Finger.
„Ist das heute auch noch so?“, fragte sie nach und klang fast ängstlich dabei.
„Das ist heute so – und morgen … und immer.“ Er beugte sich gerührt über sie und gab ihr einen Kuss auf die blonden Löckchen.