Eine zweite Chance – Teil 32

Charlotte und David saßen lange an Suris Bett und redeten mit ihr. Als das Schmerzmittel wirkte, wurde sie immer munterer und plapperte an einem Stück.
„Fahren wir mal wieder mit dem Boot?“, fragte sie und schaute David bittend an.
„Ja, das machen wir ganz bestimmt. Aber jetzt ist Februar, da ist es noch zu kalt. Wir warten, bis es Frühling wird. Aber vielleicht können wir ja bald mal ans Meer fahren. Magdalena und Julius haben dort ein Ferienhaus, da könnten wir Urlaub machen“, schlug er seinen Herzdamen vor.
„Urlaub – mit Taffitt?“ Suris Augen wurden immer größer. „Können wir, Mama, ja?“
Charlotte war einen Moment lang überrascht, dann freute sie sich aber über Davids Idee. „Das wäre wirklich schön.“

Ab und zu schaute eine Schwester nach Suri und die nette Kinderärztin kam vorbei, um Suris Prellungen zu begutachten. Charlotte schluckte, als sie die ganzen blauen Flecke sah. Auch Suris Beinchen war übersät davon.
„Das wird noch ein paar Tage wehtun, aber das ist nichts Schlimmes“, beruhigte die Ärztin sie.
Charlotte las abwechselnd mit David eine Geschichte vor, dann fielen Suri wieder die Augen zu.
Lächelnd setzten sie sich auf Charlottes Bett und David küsste sie erst einmal ausgiebig.
„Wie war deine Nacht hier?“, murmelte er an ihren Lippen.
„Es ging. Ich konnte nicht schlafen – ich … ich musste immer dran denken, wie sie da lag.“ Charlotte kämpfte mit ihren Tränen, riss sich aber zusammen. „Und bei dir? Wie war es mit Luna?“
„Sie hat schlecht geschlafen. Sie hat von Suris Unfall geträumt“, erzählte er leise. „Sie wollte dann mit in mein Bett und hat dann dort weitergeschlafen.“
„Oh.“ Charlotte sah ihn betroffen an. „Die Arme. Es muss so schrecklich für sie gewesen sein, ihre Schwester so daliegen zu sehen.“
Charlottes Magen krampfte sich zusammen und der Schwindel kam für einen kurzen Moment wieder. Doch sie dachte fieberhaft nach.
„Wenn … wenn sie wieder schlecht schläft, vielleicht sollte ich mit ihr mal zu einem Kinderpsychologen gehen“, überlegte sie laut.
„Lass uns erst mal abwarten, wie es weitergeht. Das ist jetzt der erste Schreck“, beruhigte David sie und zog sie in seine Arme.
„Okay.“ Charlotte schloss kurz die Augen, genoss die Nähe und Kraft, die er ausstrahlte. Dann schob sie ihn behutsam von sich. „Dein Angebot mit dem Urlaub – meinst du das ernst?“
„Ja Charlotte. Ich fände es schön. Mal viel Zeit für uns – für unsere Familie.“
„Ja, das ist eine gute Idee.“ Charlotte schaute dankbar. „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe, David?“
„Hm …“ Es blitzte in seinen Augen auf. „Ich könnte mal wieder einen körperlichen Beweis dafür vertragen.“
Charlotte schlug ihm leise lachend gegen die Schulter. „Spinner!“
David biss sie in die Nase. „Ich freue mich wirklich auf dich. Weißt du schon, wie lange ihr hier bleiben müsst?“
„Die Ärztin hat gesagt, dass sie übermorgen noch mal röntgen. Wenn dann alles okay ist, können wir nach Hause“, antwortete Charlotte.
„Hört sich doch gut an.“ Sein Blick schweifte rüber zu Suri, die sich ein wenig unruhig drehte, er musste an die Nacht denken, die sie in seinem Bett verbracht hatte und grinste.
„Was ist?“, fragte Charlotte verwundert, als sie in sein Gesicht schaute. „Was ist so lustig?“
„Suri ist wirklich eine anstrengende Bettgenossin“, lachte er.
„Ja, allerdings.“ Charlotte verzog das Gesicht. Wenn die Kinder krank waren, durften sie immer mit im Ehebett schlafen, so hatte sie auch schon des öfteren Bekanntschaft mit Suris Fußtritten gemacht. „Ihr späterer Freund wird sich da was einfallen lassen müssen.“
„Na, das hat ja locker noch zwanzig Jahre Zeit!“ David schaute Charlotte empört an.
„Zwanzig Jahre?“, hakte sie grinsend nach.
„Stimmt“, knurrte er. „Fünfundzwanzig Jahre – mindestens.“ Er warf ihr einen finsteren Blick an. „Vorher braucht sie da gar nicht dran zu denken“.
Charlotte musste jetzt laut lachen, hielt sich schnell die Hand vor den Mund. „Ich glaube kaum, das Suri sich daran halten wird.“
„Charlotte!“ David fand das gar nicht so lustig. Er konnte die Kerle jetzt schon nicht ausstehen, die es später mal wagen sollten, seine Mäuschen auch nur irgendwie anzufassen.

Auch in der zweiten Nacht schlief Luna bei David. Sie hatte ihn mit so herzerweichendem Blick angeschaut, dass er nicht anders konnte, als sie mit in sein Bett zu holen. Zu seiner Erleichterung schlief sie auch sehr ruhig, er wachte mit einer angekuschelten Luna am nächsten Morgen sehr erholt auf.
Charlottes Nacht war ebenfalls angenehmer. Immerhin gestattete sie sich drei Stunden Schlaf, dann setzte sie sich wieder zu ihrer Tochter ans Bett.
Ihr Kreislauf hatte sich wieder etwas beruhigt, der Schwindel hatte nachgelassen. Insgesamt fühlte sie sich wieder etwas erleichterter.

Suri wurde wie versprochen aus dem Krankenhaus entlassen. Sie durfte zwar noch nicht Fernsehen, musste alles unterlassen, was die Augen anstrengte und sie hinkte noch leicht, aber sie strahlte übers ganze Gesichtchen, als David sie zusammen mit Stefan und Heidi abholte.
„Ich hab’ Schokokekse gebacken“, erzählte ihr die Oma.

Suri residierte in den nächsten Tagen wie eine kleine Königin auf dem Sofa. Sie genoss es, sich von allen Seiten bedienen zu lassen. Charlotte war nach zwei Tagen wieder in den Verlag gefahren, sie hatte einiges aufzuarbeiten. In der Zeit kümmerte sich Magdalena um Suri.

Irgendwann wurde es Luna mit dem Treiben um ihre Schwester zu bunt und sie fing wieder an, sie zu ärgern.
David betrachtete das mit Skepsis, doch Charlotte beruhigte ihn. „Der Alltag hat sie wieder.“
Gott sei Dank blieben die Albträume bei Luna jetzt wirklich aus. Seitdem Suri wieder zuhause war, blühte auch sie wieder richtig auf.
Die Autofahrerin hatte Suri einen Teddy geschickt und um Verzeihung gebeten. Charlotte hatte sie daraufhin angerufen. Die Frau war nett, aber noch sehr aufgebracht wegen des Unfalls. Charlotte hatte sie beruhigt, sie konnte nun wirklich nichts dafür.

Knapp zwei Wochen nach Suris Unfall ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Und Davids Sehnsucht nach Charlotte wuchs. Sie hatten getrennt geschlafen, auf Sex verzichtet, aus Angst, eines der Kinder würde nachts aufstehen. Doch so langsam war seine Anspannung in dieser Hinsicht unerträglich.
Als die Mäuschen im Bett waren sprach er dieses Thema vorsichtig an.
„Charlotte…“
„Hm?“ Sie hatte sich an ihn geschmiegt und streichelte über seinen Bauch.
„Ich … ich … also soll das jetzt länger so weitergehen, dass wir getrennt schlafen?“ Seine Hand fuhr unter ihre Bluse, zärtlich glitt er über die nackte Haut ihres Rückens.
Sie sah zu ihm auf, hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, deutlich konnte sie das Verlangen in seinen Augen sehen.
„Ich will dich endlich wieder spüren…“, flüsterte er heiser.
Charlotte rappelte sich hoch und setzte sich rittlings auf seinen Schoß.
„Das ist keine gute Idee“, stöhnte er zerknirscht auf.
Charlotte lächelte, sie registrierte deutlich seine Erektion an ihrem Oberschenkel. Statt einer Antwort, beugte sie sich zu ihm und küsste ihn zärtlich.
Schnell wurde der Kuss fordernder. Er tauchte mit seiner Zunge tief in sie ein, genoss ihren unvergleichlichen Geschmack.
Charlottes Hände glitten unter sein Shirt, fuhren unruhig über seinen Bauch. Seine Muskeln verspannten sich sofort unter ihren Fingern.
„Schlaf heute Nacht bei mir“, stöhnte sie in seinen Mund.
„Und die Mäuse?“ Ein letztes Mal meldete sich sein Verstand.
„Werden sich daran gewöhnen müssen“, murmelte sie an seinen Lippen.
David ließ sich das nicht zweimal sagen. Er hob sie sanft hoch und trug sie in ihr Schlafzimmer.
„Abschließen!“ Das war der letzte klare Gedanke, zu dem Charlotte fähig war.

„Wann fahren wir denn in Urlaub?“, bohrte Suri am Frühstückstisch nach.
Diese Frage stellte sie seit ihrem Krankenhausaufenthalt jeden Tag.
„Ich dachte, wir fahren Ende April“, schlug David vor. „Dann ist es nicht mehr so kalt.“
„Wie viel mal noch sslafen?“, hakte sie nach.
„Noch 28mal“, erklärte Charlotte und strich einen Tag im Kalender ab.
„So lange noch?“ Suri setzte einen leidenden Gesichtsausdruck auf. David grinste in sich hinein. Mittlerweile kannte er seine Mini-Blondine schon gut genug und fiel nicht mehr auf ihre Schmollschnute rein.
„So lang ist das nicht mehr, mein Mäuschen“, erklärte er ihr sanft.
„Freu mich schon“, mischte Luna sich jetzt ein. Dann schaute sie David ernst an. „Wieso hast du diese Nacht bei Mama geschlafen?“
David traf die Frage etwas überraschend. Seit drei Wochen schlief er jetzt bei Charlotte im Zimmer, und die Mädchen hatten es bisher noch nicht bemerkt. Das sie einmal auf sie aufmerksam werden würden, war ihm klar, aber jetzt fühlte er sich doch eiskalt erwischt. Hilfesuchend sah er zu Charlotte.
Sie schaute lächelnd zwischen ihren Mäusen hin und her. Suri wartete ebenfalls mit geöffnetem Mund auf eine Antwort.
„David und ich haben uns sehr lieb. Und wenn das der Fall ist, schlafen Erwachsene gerne zusammen in einem Bett“, erklärte sie ihren Töchtern. „Das haben Papa und ich ja auch gemacht.“
„Macht ihr dann Babys?“, bohrte Luna gnadenlos nach.
„W … was?“ David verschluckte sich vor Schreck an seinem Kaffee.
„Wenn man in einem Bett schläft, kann man Babys machen. Hat Sonja erzählt.“ Luna nickte geschäftig mit dem Kopf.
„Nein, wir machen keine Babys. Wir kuscheln da zusammen und küssen uns“, fuhr Charlotte fort.
David hoffte, dass sie sich mehr Details sparte. Und zu seiner Erleichterung war es dann auch so.
Luna runzelte kurz die Stirn, dann hakte sie aber nicht weiter nach. Und Charlotte wusste jetzt schon, dass sie in Kürze auf jeden Fall genauer hinterfragen würde.