Eine zweite Chance – Teil 33

„Hier …“ David legte Charlotte eine Mappe auf den Schreibtisch. „Ich möchte da mit euch nächste Woche zusammen hingehen.“ Er hatte seinen von ihr gefürchteten Bettelblick aufgesetzt und sie schaute schnell weg, damit sie nicht direkt schon zusagte, bevor sie wusste, um was es überhaupt gehen würde.
Neugierig schlug sie die Mappe auf. „Das ist doch die Preisverleihung für die Journalisten und Verlagshäuser.“
„Ja. Und ich möchte mit dir und den Mäuschen dort erscheinen. Wir gehören zusammen und das sollen jetzt alle wissen.“
„Wenn die Presse erst mal erfahren hat, dass wir ein Paar sind, werden sie sich darauf stürzen“, wandte sie ein. „Willst du das wirklich?“
David kam hinter ihren Schreibtisch und zog sie hoch in seine Arme. „Charlotte.“ Er küsste sie zärtlich. „Wir haben es geschafft, die Kleinen von uns zu überzeugen. Da ist die Presse doch ein Klacks, oder?“, murmelte er an ihren Lippen. „Und lass sie sich ruhig darauf stürzen, nach ein paar Tagen ist das eh wieder alles uninteressant.“
„Okay.“ Sie war immer noch etwas unsicher. „Wenn du meinst…“
„Ja – das meine ich. Und außerdem will ich mit meiner neuen Familie angeben“, zwinkerte er ihr zu und ging dann fröhlich pfeifend in sein Büro.

Charlotte musste zugeben, schon sehr nervös zu sein. Natürlich war sie froh, dass alles so gut mit David und den Kindern lief. Ihre Eltern und ihre Freunde freuten sich mit ihnen – im Moment war einfach alles schön.
Aber David stand in der Öffentlichkeit und wenn sie sich zueinander bekannten, dann würde das auch für sie und die Kinder gelten. Doch dann schüttelte sie ihre Bedenken ab. Sie waren nun mal ein Paar, und da galt es alles gemeinsam zu meistern.

Charlotte hatte mit Interesse und Aufmerksamkeit erwartet, als David mit ihr und den Kleinen bei der großen Verleihung auftauchte, aber über das Ausmaß war sie dann doch überrascht. Offenbar war die Neuigkeit, dass David Herbold eine Frau liebte, die zwei Kinder hatte, eine kleine Sensation.
Schließlich unterband David aber das Fotografieren, auch ihm wurde das allmählich zuviel. Gott sei Dank nahmen das die Kinder durchweg gelassen hin, sie wichen Charlotte aber nicht von der Seite.
„Puh, damit hätte ich nicht gerechnet“, gab er zerknirscht zu, nachdem er ungefähr zum zehnten Mal einem Reporter erzählt hatte, dass er in festen Händen und sehr glücklich sei. Immer wieder versuchte er die Aufmerksamkeit auf das Verlagsprogramm zu lenken, doch es gelang ihm nur bedingt.
„Ich freu mich schon auf heute Abend“, raunte er in Charlottes Ohr. Die beiden Mädchen waren bei den Herbolds zum Übernachten eingeladen und Davids Vater Julius hatte in seinem Garten als Überraschung eine große Schaukel mit Kletterturm aufbauen lassen.
Charlotte bekam prompt wieder eine Gänsehaut und knuffte ihn in die Seite.
„Hab Hunger.“ Luna zupfte Charlotte am Kleid und schaute sie treu an.
„Es gibt gleich ein Buffet, Schatz.“
Lunas Augen strahlten erfreut und Charlotte grinste in sich hinein. Luna liebte Essen und sie scheute sich nicht davor, alles zu probieren. Von daher war ein Buffet für sie der Himmel auf Erden. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, die äußerst mäkelig war, was Essen anging. Und Charlotte hoffte, dass für die Kleine auch irgendwas dabei war.

Als das Buffet eröffnet wurde, düste Luna als Erste los und David biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Zusammen mit Charlotte und Suri folgte er der Kleinen.
„Auf was hast du denn Hunger?“, fragte er sie.
Luna schaute mit großen Augen auf die aufgebauten Speisen. Offenbar konnte sie nicht einordnen, was das alles war.
„Sollen wir mal gemeinsam schauen, was es gibt?“, bot er ihr an und sie nickte erleichtert.
„Was ist das?“ Sie zeigte auf den Kaviar. David erklärte es ihr, erwartete jetzt einen Aufschrei des Ekels, doch Luna schaute nur fasziniert. „Kann ich das mal probieren?“
David war verblüfft und hörte hinter sich ein leises Kichern. Verstört sah er in Charlottes lachendes Gesicht.
„Luna ist eine kleine Allesfresserin“, erklärte sie ihm. „Wir müssen aufpassen, dass sie sich nicht den Magen verdirbt“.
Sein Blick fiel auf Suri, die an Charlottes Hand angewidert auf einen Hummer starrte.

Luna genoss das Essen wie ein kleiner Gourmet. Sie ließ sich von David zeigen, wie man Hummer am besten aß und fand das offenbar alles sehr spannend. Nachdem sie sich durch die Vorspeisen gearbeitet hatte, machte sie ein betrübtes Gesicht.
„Was ist los, Süße?“, fragte David sie besorgt.
Sie verzog ihren Mund zu einer Schmollschnute und schaute ihn mit traurigem Dackelblick an. „Ich bin satt …“, kam es kläglich.
David konnte nicht anders, er zog die Kleine an sich und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn. „Das macht doch nichts. Vielleicht kannst du ein bisschen von dem Essen mitnehmen.“
Ihr Gesicht erhellte sich sofort wieder. Immerhin – ein Salat und zwei Eis passten noch in ihr kleines Bäuchlein.
Suri schob schon eine ganze Zeit lang ein paar Kroketten auf ihrem Teller von einer Ecke in die andere. Sie hatte mit Todesverachtung beobachtet, was ihre große Schwester alles so gegessen hatte und offenbar war ihr der Appetit vergangen.
„Suri, du musst ein bisschen was essen“, ermahnte Charlotte sie.
„Kann doch nachher im Ssloss bei Magdalena was essen“, muckelte sie.
„Aber du magst doch Kroketten“, versuchte es David.
„Aber doch nicht ohne Ketchup!“ Es traf ihn ein vorwurfsvoller Blick seiner Miniblondine.
„Wenn es das nur ist.“ Er zuckte mit den Schultern und sprang auf.
„David bitte! Wir können hier doch nicht nach Ketchup fragen!“ Charlotte war peinlich berührt. Bei dem Sternekoch, der das Buffet gezaubert hatte, kam das bestimmt super an, dachte sie zynisch.
„Klar können wir.“ Er zwinkerte Suri zu und kam dann kurze Zeit später mit einer Flasche zurück.
Suri strahlte ihn an und ihr ehrfürchtiger Blick entschädigte ihn für alles. „Danke Taffitt“, hauchte sie ergeben und verwandelte ihren Teller in einen roten See.
Luna schaute nur angewidert auf das Gemansche ihrer Schwester.

Magdalena und Julius kamen nach dem Essen zum Tisch von David und Charlotte.
Die beiden Mäuschen lächelten sie sofort an.
„Na Ihr beiden? Seid Ihr bereit?“, fragte Julius herzlich.
Suri und Luna nickte so heftig, dass ihre Löckchen flogen.
„Wenn etwas sein sollte: David und ich sind bei mir zuhause“, erklärte Charlotte ihnen. „Ich kann sie jederzeit abholen.“
„In Ordnung.“ Magdalena lächelte ihr beruhigend zu. „Macht euch einen schönen Abend“.
Sie drückte David noch einen Kuss auf die Wange und Julius nahm Lunas und Suris Mini-Reiseköfferchen, plus Lunchpaket für Luna vom Sternekoch, in Empfang.
Charlotte und David bekamen zum Abschied noch viele feuchte Küsse und vertrauensselig gingen die beiden Flöckchen dann mit Julius und Magdalena mit.

David zog Charlotte kurze Zeit später in Richtung Garderoben.
„Willst du schon gehen?“, fragte Charlotte verdutzt. „Das Abendprogramm fängt doch gleich erst an.“
Als Antwort presste David sie fest an sich und verschloss ihren Mund mit einem so leidenschaftlichen Kuss, dass Charlotte die Beine wegsackten.
„War die Frage ernst gemeint?“ Er grinste sie spitzbübisch an. „Wir haben die Aussicht auf einen ungestörten Abend. Glaubst du, ich verschwende dann Zeit, um mich mit den ganzen Leuten hier zu langweilen, wenn ich dich haben könnte?“
Charlotte wurde wieder knallrot. „Du bist unmöglich.“
„Ich bin einfach nur wahnsinnig verliebt – und verrückt nach dir.“

David genoss es in vollen Zügen, Charlotte auch mal in den anderen Räumen lieben zu können – und nicht immer nur im Bett. Sie beide waren voller Verlangen füreinander, liebten sich mal wild, mal zärtlich.
Nach vielen Stunden fanden sie schließlich den Weg ins Schlafzimmer.
„Ich freu mich auf Sylt“, sagte David leise und zog Charlotte noch enger an sich heran.
„Ich mich auch“, lächelte sie und streichelte über seine nackte Brust. „Offenbar kommen Suri und Luna bei deinen Eltern zurecht. Zumindest kam noch kein Anruf.“
„Die beiden Mäuse sind echt tolle Kinder. Ich hab’ sie sehr lieb“, raunte er ihr zu und küsste ihre Stirn.
Charlotte stützte sich auf ihren Ellenbogen. „Und du bist ein toller Mann, David. Du hast so viel Geduld mit uns gehabt. Wer hätte geglaubt, dass wir noch einmal zueinander finden?“
David lachte leise. „Ich war nicht gerade begeistert, als mein Vater mir sagte, dass du zurück in den Verlag kommst.“
„Ich wollte auch zuerst nicht“, gestand sie ihm.
„Gut, dass du deine Meinung geändert hast“, flüsterte er. Zärtlich streifte er mit seiner Hand über ihre Brustwarze. Dann schob er sie zurück auf den Rücken.
„Wäre doch schade, wenn uns das entgangen wäre.“ Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen und legte sich auf Charlotte.
Sie lachte laut auf, wurde aber schnell ernst, als sie seine Erregung zwischen ihren Beinen spürte.

***

Charlotte biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen.
„Was ist?“ David schaute sie ein wenig empört an.
„David, wir können nicht mit deinem Auto fahren“, kicherte sie.
„Und warum?“, fragte er genervt.
„Wir sind vier Personen, Liebling.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „In deinen Sportwagen passt höchstens Gepäck für Einen“, sagte sie nachsichtig.
„Wie viel Gepäck können zwei kleine Mädchen schon haben?“

„Okay, überredet.“ Zwei Tage später schaute er auf die Koffer, Reisetaschen und die Auswahl an Plüschtieren und Strandspielsachen, die laut Luna und Suri unbedingt mitmüssten und auf die auf keinen Fall verzichtet werden könne.
Er gab sich geschlagen und räumte alles in Charlottes Van ein.

„Oh, das ist aber ein ssönes Haus!“ Suri hüpfte ganz begeistert vor dem Herboldschen Ferienhaus auf Sylt auf und ab. Auch Luna strahlte mit der Sonne um die Wette.
Sie hatten wirklich Glück gehabt. Auf dem Weg zur Insel wurde das Wetter immer besser und jetzt empfingen sie ein strahlend blauer Himmel und angenehme Temperaturen.
So müsste es bleiben, dachte Charlotte verträumt und hielt ihr Gesicht in die Sonne.

Eine Woche waren sie jetzt schon auf der Insel. Das Wetter blieb ihnen wohl gesonnen, und obwohl das Meer Anfang Mai noch zu kalt zum Baden war, die beiden Kleinen hatten am Strand eine Menge Spaß. Meist waren sie dann abends so müde, dass sie ohne Murren einschliefen.
Morgens kamen sie zu David und Charlotte ins Bett gekrabbelt, Charlotte betonte, dass dies nur für den Urlaub galt, aber David freute sich, mit seinen Frauen noch eine Runde zu kuscheln.

„Woran denkst du?“, fragte er Charlotte in ihr Ohr. Sie saß zwischen seinen Beinen im Sand und schaute den Kindern beim Burgenbauen zu.
„Dass es traumhaft schön hier ist.“ Mit geschlossenen Augen lehnte sie sich an ihn.
„Mit euch ist es traumhaft schön.“ Er küsste sie zärtlich auf den Hals und Charlotte seufzte wohlig. „Und vor allem: endlich keine blöde Presse mehr.“
Wie zu befürchten war, waren die Zeitungen nach der Preisverleihung voll von Bildern und Berichten über Charlotte, ihn und die Kinder. Das Ganze zog sich über zwei Tage hin, dann wurden die Artikel weniger. Aber er musste sich ständig erklären, bekam zahlreiche Anrufe von Ex-Geliebten und von Klatschmagazinen, die ihn baten, sich zu seiner Beziehung zu äußern.
Umso mehr hatte er sich diesen Urlaub herbeigesehnt und nach der einen Woche hatte er sich schon merklich entspannt.
David hatte sich noch nie in seinem Leben so wohl gefühlt. Er war innerlich ruhig geworden, nichts konnte ihn mehr so schnell aufregen – es sei denn, einem seiner Mäuschen ging es nicht gut. Er lächelte in sich hinein. Immer noch konnte er nicht glauben, was Charlotte und die Kinder mit ihm gemacht hatten. Er wusste nur eines: Er wollte diesen Zustand festhalten. Für immer.
Charlotte war das, was er sich für sein Leben gewünscht hatte. Sie war seine Traumfrau.
Er zog sie noch enger an sich heran und umfasste dann ihre Hände mit seinen. Zärtlich streichelte er über ihre Finger, streifte dabei ihren Ehering, den sie an der linken Hand trug.
Tu es einfach – frag sie! Eine Stimme meldete sich in ihm zu Wort. Er wusste nicht woher dieses Gefühl genau kam, aber irgendwas sagte ihm, dass dies der richtige Moment sei.
„Charlotte?“ Seine Lippen berührten ihr Ohr, und Charlotte bekam eine Gänsehaut.
„Ja?“ Sie hatte die Augen noch immer geschlossen und genoss seine Nähe und die Sonnenstrahlen.
„Ich weiß, es ist nicht besonders originell von mir, dass ich dich das frage – aber es muss sein.“ Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er war sich sicher, dass sie das hören konnte.
„Hm?“, wunderte sie sich. Doch dann breitete sich eine ungeheure Wärme in ihr aus. Sie glaubte zu wissen, was jetzt kommen würde – zumindest hatte sie die Hoffnung auf diese eine bestimmte Frage.
„Könntest du dir vorstellen … also …“ Er verfluchte sich für sein Gestammel, dann riss er sich zusammen. Er war heilfroh, dass sie mit dem Rücken an ihn angelehnt war. Wenn sie ihn ansehen würde, würde er wohl keinen geraden Satz mehr herausbekommen.
„Ich wollte dich – wieder einmal – fragen, ob du mich heiraten möchtest.“ Seine Stimme war ganz heiser. „Ich liebe dich – dich und die Mäuschen. Mehr als alles auf der Welt. Ihr seid meine Familie, ihr seid mein Leben, Charlotte.“
Charlotte drehte sich schnell zu ihm herum, sah ihn seine faszinierenden braunen Augen, die sie bittend anschauten. Wie sehr sie ihn doch liebte.
Eine Welle des Glücks durchflutete sie und sie strahlte ihn an. „Ja David. Ich will dich heiraten – ich will es mehr als alles andere!“