Eine zweite Chance – Teil 35

Charlotte war unendlich erleichtert, dass Konrad und Mariana so positiv reagiert hatten. Sie hatte die beiden in ihr Herz geschlossen, es waren liebenswerte Chaoten, die das Herz am rechten Fleck hatten. Und die beiden Mädchen liebten die beiden ebenfalls heiß und innig.
Wenn Jonnys Eltern unglücklich über Charlottes Heiratspläne gewesen wären, hätte Charlotte das doch sehr belastet.
Die Tage in München waren unbeschwert und fröhlich. Luna genoss es, sich von Oma Mariana bekochen zu lassen und half eifrig in der Küche mit. Sie kochte viele Gerichte aus Portugal und Luna war begeistert von den Fischgerichten. Ihre kleine Schwester hingegen rümpfte nur immer wieder die Nase.
Der Abschied von ihnen fiel Charlotte schwer, doch sie sehnte sich natürlich nach David und freute sich darauf, mit ihm die Hochzeitsvorbereitungen weiter zu treffen.

„Da ist Taffitt!“ Suri hatte ihn als Erste gesehen und rannte eilig auf ihn zu.
„Hallo mein Mäuschen.“ Er hob sie hoch und drückte sie fest an sich. „Ich hab euch schon so vermisst.“
Die andere kleine Maus hatte sich mittlerweile an sein Bein geklammert und David setzte Suri behutsam auf den Boden ab. „Und da ist ja meine andere Süße!“ Er ging vor Luna in die Hocke und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. „War es schön bei Oma und Opa?“
„JA!“, riefen beide gleichzeitig und strahlten ihn an.
Charlotte verspürte ein warmes Gefühl, als sie die Begrüßung zwischen David und ihren Flöckchen gesehen hatte. Sie waren eine Familie – eine wirklich richtige Familie. Was spielte das für eine Rolle, das David nicht der leibliche Vater war?
„Hallo.“ Sie ging zu ihm und er stand sofort auf.
„Hallo Charlotte.“ Er nahm sie fest in seine Arme, vergrub sein Gesicht an ihrem Hals. „Ich hatte solche Sehnsucht nach dir“, raunte er, was Charlotte prompt eine Gänsehaut bescherte.
„Ich auch nach dir.“ Sie hauchten sich einen kleinen Kuss auf die Lippen, aber ihre Augen sprachen eine ganz andere Sprache. Sein Verlangen nach ihr spiegelte sich in seinem tiefen Braun wieder. Schnell räusperte sie sich.
„Magdalena und Julius haben uns zum Abendessen eingeladen. Ich hab deine Eltern dazu gebeten.“
„Oh – wie ssön!“ Suri hüpfte aufgeregt auf und ab. „Macht Oma Magdalenas Dienerin wieder Spaghetti?“
Charlotte und David sahen sich fragend an, dann prusteten sie laut los. Bevor David sie korrigieren konnte, mischte Luna sich ein.
„Das heißt Hausdame“, verbesserte sie ihre Schwester.
„Hausdame?“ Suri runzelte die Stirn, dann schüttelte sie den Kopf. „Sie ist eine Dienerin!“
David lachte nur. „Dann kommt mal mit – und ich denke, Gabriele wird schon für alle was Passendes gekocht haben.“

Es gab ein großes Hallo. Suri und Luna freuten sich, Stefan und Heidi zu sehen, auch Magdalena und Julius wurden von den Kleinen herzlich begrüßt. Man konnte es Davids Eltern ansehen, dass sie die beiden richtig gern hatten.

Wie von David versprochen, gab es mehrere verschiedene Speisen zum Abendessen, was Luna wieder in arge Nöte brachte. Schließlich tat ihr Charlotte ein bisschen von allem drauf, während Suri sich nur auf die Nudeln stürzte.
„David hat nie Salat gegessen“, grinste Magdalena, als Luna sich noch eine kleine Tomate von Stefans Teller klaute.
„Es gibt eigentlich nichts, was Luna nicht mag“, lachte Charlotte.
„Was ist mit Konrad und Mariana? Kommen sie auch?“, hakte Heidi vorsichtig nach.
„Ja“, strahlte Charlotte. „Sie haben alles sehr positiv aufgenommen“.
„Das hätte ich auch nicht anders vermutet.“ Stefan genehmigte sich noch einen Schluck Bier. „Der Konrad ist ein ganz Netter.“

Es wurde ein lustiger, feuchtfröhlicher Abend und mit zwei total müden kleinen Flöckchen fuhren Charlotte und David schließlich nach Hause.
Charlotte packte die beiden sofort ins Bett und es war kurze Zeit später schon Ruhe.

David wartete auf sie im Wohnzimmer. Er reichte ihr ein Glas Wein und sie setzte sich zu ihm aufs Sofa.
„Ich bin froh, dass Jonnys Eltern so reagiert haben“, sagte er zu ihr. Sie hatte ihm schon per SMS geschrieben, dass alles soweit okay war.
„Ja, ich auch. Jonny hat Mariana von dir erzählt. Er hat gesagt, du wärst meine große Liebe.“ Nachdenklich drehte sie ihr Weinglas in ihren Händen. Ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest. „Er hat es gespürt, David. Er hat mir mal gesagt, dass er nie geglaubt habe, dass ich ihn wirklich heirate. Dass es wie ein Wunder für ihn gewesen sei.“ Sie konnte es nicht verhindern, die ersten Tränen bahnten sich ihren Weg. Jonnys Gesicht tauchte vor ihr auf, seine warmen fröhlichen Augen und das freche Lächeln. „Er war ein toller Mann“, schluchzte sie leise auf.
David nahm ihr vorsichtig das Weinglas aus der Hand und zog sie in seine Arme. „Natürlich war er das.“
Irgendwie konnte sich Charlotte nicht beruhigen. Sie schämte sich ein bisschen dafür, hier so loszuweinen, wo sie doch eigentlich keinen Grund dafür hatte. Alles in ihrem Leben hatte sich zum Guten gewendet. Und doch – der Gedanke, dass Jonny nicht mehr lebte, seine Kinder nicht mehr aufwachsen sehen konnte – das alles erschien ihr so furchtbar ungerecht.
David war ein wenig ratlos wegen ihrer Tränen. Tat ihr es jetzt leid, dass sie heiraten würden?
Er ließ sie sich erst einmal ausweinen, als sie sich wieder beruhigt hatte, streichelte er ihr vorsichtig durchs Gesicht. „Charlotte – wenn dir das alles zu schnell geht, mit der Hochzeit und mit uns … dann … dann können wir alles auch noch verschieben“, sagte er unsicher.
Charlotte schaute ihn verblüfft an. „Was? Nein!“ Sie räusperte sich. Dann bekam sie wieder ein schlechtes Gewissen. Was sollte David wohl von ihr denken, wenn sie in seinen Armen um ihren verstorbenen Mann weinte?
„Tut mir leid wegen eben …“ Sie nahm seine Hände und drückte sie ganz fest. „Die Gedanken an ihn – und dass er seine Kinder nicht erleben kann, wie sie groß werden … Es kam so über mich, aber das hat nichts mit uns zu tun.“ Sie küsste ihn scheu auf den Mund. „Ich liebe dich und bin unendlich glücklich mit dir.“
Sie sah ihn mit so einem ehrlichen Blick an, dass er ihr sofort glaubte. Und Erleichterung machte sich ihn ihm breit. Er zog sie stumm an sich und wiegte sie in seinen Armen. „Und ich bin so glücklich mit dir, mein Liebling.“

Ohne zu reden saßen sie eine Zeit lang auf dem Sofa. Jeder hielt sich am anderen fest, es war ein sehr vertrauter Moment. Doch dann beschloss David, sie ein wenig aufzumuntern.
„Ich hab’ was für dich“, strahlte er sie an und sprang auf, um etwas zu holen.
Charlotte schaute ihm gespannt hinterher, er kam mit mehreren Mappen zurück. Wortlos reichte er ihr sie.
„Was ist das?“, fragte sie verblüfft.
„Schau sie dir an – ganz unverbindlich. Ich möchte nur wissen, was du darüber denkst.“ Jetzt wurde er doch ein wenig nervös. Hektisch fuhr er sich mit den Fingern durch die Haare.

Charlotte öffnete die erste Mappe – und ihr stockte der Atem. Es war ein Exposé von einer wunderschönen alten Villa. Überrascht sah Charlotte ihn an. „Warum zeigst du mir das?“, fragte sie heiser, obwohl sie sich den Grund natürlich schon denken konnte. Aber sie wollte es aus seinem Mund hören und ihr Herz klopfte wie wild.
„Charlotte …“, begann er stockend. „Ich dachte … also deine Wohnung ist sehr schön und ich fühle mich auch wirklich wohl hier. Aber es wäre doch noch besser, wenn die Mäuse einen großen Garten zum Spielen hätten. Und ich hätte gerne ein eigenes Haus mit dir. Ich hab’ nun wirklich genug Geld und jetzt könnte ich es mal sinnvoll einsetzen.“ Er hatte sie die ganze Zeit nicht angesehen, jetzt schaute er das erste Mal auf.
Charlotte spürte schon wieder einen Kloß im Hals. Sie war sprachlos, setzte immer wieder an, um etwas zu sagen, aber sie brachte keinen Ton heraus.
„Was meinst du?“ Unruhig rutschte er auf dem Sofa herum.
Sag was – der arme David! Um Himmels Willen – sag was!
Sie räusperte sich, dann fand sie endlich ihre Sprache wieder. „Das … das wäre wirklich wunderschön. Ein Haus für uns und unsere Familie.“
David strahlte sie erleichtert an, gab ihr einen stürmischen Kuss. „Wir werden bestimmt etwas Tolles finden“, antwortete er eifrig. „Ich habe ein Maklerbüro beauftragt, einige Objekte auszusuchen. Wir können aber auch neu bauen, was meinst du?“
Charlotte war etwas überrumpelt. „Ich mag eigentlich alte Häuser“, sagte sie dann schließlich und sie sah sich die Villa etwas genauer an.
„Sie ist komplett saniert worden. Bäder, die Fußböden, Fenster – alles ist neu. Und der Garten ist ein Traum …“ David zeigte ihr eine andere Seite und er hatte wirklich recht. Der Garten war groß, sehr schön angelegt und hatte unheimlich viel Rasenfläche. Perfekt für spielende Kinder.
„Und hier könnten die drei Kaninchen hinkommen“, grinste er und tippte in eine Ecke des Gartens.
„Drei Kaninchen?“ Charlotte sah ihn verwundert an. „Wieso denn drei Kaninchen?“
„Denkst du etwa, ich lasse mich von Timo im Rennen um Suris Gunst ausstechen?“
Charlotte lachte laut los und knuffte ihn kichernd an die Schulter. „Du bist so ein eifersüchtiger Fatzke, David Herbold!“
„Ich bin nur vorsichtig“, verteidigte er sich spitzbübisch.
„Dann können wir ja froh sein, dass Timo keine Alligatoren züchtet“, neckte sie ihn weiter.
„Alligatoren?“ David zog fragend die Augenbrauen hoch. „Meinst du, wir sollten für alle Fälle einen Teich ausheben lassen?“
Charlotte sah ihn sprachlos an, dann sah sie das vergnügte Funkeln in seinen Augen.
„Spinner!“

Charlotte sah sich die anderen Mappen durch. Es waren schöne Häuser dabei – die Architektur reichte von wunderschöner Altbauvilla bis zum klaren, modernen Stil.
Doch sie hatte ihr Herz eigentlich schon verloren. Aber sie wollte auch keine voreiligen Schlüsse treffen.
„Welches Haus gefällt dir denn am besten?“, fragte sie ihn vorsichtig.
„Also, ich denke, wir sollten uns noch mehrere Objekte ansehen, aber auf den ersten Blick – die alte Villa“, sagte er sofort.
„Mir auch“, lächelte Charlotte.
„Dann mache ich morgen einen Besichtigungstermin aus, ja?“
„Willst du es noch vor der Hochzeit kaufen?“
„Ja – na klar. Warum nicht? Je eher, desto besser.“ David zog sie an sich und gab ihr einen langen zärtlichen Kuss. Charlotte schloss die Augen und genoss es, ihn zu spüren, endlich wieder zu schmecken. Sie fühlte, wie seine Hand unter ihrer Bluse verschwand.
„Ich hab dich vermisst“, murmelte er an ihren Lippen.
„Ich dich auch“, antwortete sie heiser.

Charlotte war ein bisschen aufgeregt, aber das war kein Vergleich zu Suri und Luna. Die Nachricht, dass sie ein Haus kaufen wollten und das sie auch mitfahren durften, um sich ein paar Objekte anzuschauen, versetzte die beiden Kleinen in helle Aufregung.
Man hatte als erstes einen Termin bei dem heimlichen Favoriten von David und Charlotte ausgemacht – die alte Villa.
Sie lag nicht weit entfernt von dem Haus der Herbolds, was sicherlich ein weiterer Vorteil war.
Suri und Luna fielen die Augen aus, als die das große Haus sahen.
„Das ist ja auch ein Ssloss“, stammelte seine kleine Blondine und David hätte sie am liebsten fest an sich gedrückt, so niedlich sah sie in ihrer Bewunderung aus.
„Das sieht aber schön aus“, befand auch Luna.
„Wir müssen es uns erst in aller Ruhe anschauen“, versuchte David die Euphorie seiner kleinen Damen zu bremsen, schließlich wollte er den Preis drücken und die Begeisterungsstürme der Mäuse waren da nicht gerade hilfreich. Er warf dem Makler einen ernsten Blick zu.
Ja – es war ein Traum. Charlotte bemühte sich zwar um ein skeptisches Gesicht dem Makler gegenüber, aber sie wusste schon jetzt, dass es DAS Haus war. Die Zimmer waren groß und hell. Das Wohnzimmer hatte einen Kamin, das Esszimmer zierte ein Erker.
Im oberen Geschoss befanden sich mehrere Zimmer und zwei Bäder, Suri und Luna machten sich sofort an die Aufteilung. Auch unter dem Dach waren noch Zimmer ausgebaut, sie war wirklich begeistert. Alles war saniert worden und in einem Top-Zustand.
Genauso wie der Garten, in dem die Mädchen erst mal verloren gingen, weil er so groß war.
„Wir schauen uns noch andere Objekte an. Dann melden wir uns“, teilte David dem Makler knapp mit.