Eine zweite Chance – Teil 36

Sie sahen sich noch einige andere Häuser an – aber das mehr, um ihr Gewissen zu beruhigen. Die Entscheidung für die alte Villa war gefallen.
David schickte mehrere Sachverständige zur Besichtigung hinein, schließlich bekam er das Okay, dass das Haus und die Bausubstanz in einwandfreiem Zustand waren. Zur Vertragsunterzeichnung fuhr er mit Charlotte dorthin.

„Ich bin so glücklich. Unser Haus …“ David strahlte sie an und hob sie hoch, als der der Makler weg war.
Charlotte umarmte ihn heftig. „Ich auch. Es ist ein Traum“, bewundernd schaute sie sich in dem großen hellen Wohnzimmer um.
„Was meinst du? Einige Zimmer brauchen noch eine andere Farbe – aber eigentlich müssten wir den Umzug noch vor der Hochzeit schaffen, oder?“
„Vor der Hochzeit?“ Charlotte staunte. Aber er hatte recht. Bis dahin waren es noch sechs Wochen, sie hatten einen Termin für Mitte Juli festgelegt.
„Wir müssen noch klären, welches der Mäuschen, welches Zimmer bekommt.“ David zog sie an der Hand hinter sich her zum ersten Geschoss.
Dann stieß er eine Tür auf. „Und das wird unser Schlafzimmer – oder was meinst du?“
Charlotte nickte nur. Das Zimmer war groß und hatte einen kleinen Balkon. Es war auch ihr heimlicher Favorit.
Dann sahen sie sich die anderen Zimmer an, es waren noch fünf übrig.
„Die Mädchen sollten sich das selbst aussuchen – allerdings bin ich für Zimmer ohne Balkone. Das ist mir noch zu gefährlich.“
„Ja, natürlich.“ David trat hinter sie und schlang seine Arme um ihre Taille. Zärtlich küsste er ihren Hals. „Dann bleiben noch drei andere Zimmer übrig – und die unterm Dach“, murmelte er an ihrer weichen Haut.
„Gästezimmer, Arbeitszimmer – uns fällt schon was ein.“ Sie schloss die Augen und genoss seine Liebkosungen.
„Ich hätte da auch noch eine Idee“, flüsterte er. Zärtlich knabberte er an ihrem Ohrläppchen und Charlotte seufzte leise auf.
„Ein drittes Kinderzimmer“, flüsterte er.
Ein Baby, schoss es ihr durch den Kopf. Ein Baby von David … Ein warmes Gefühl durchflutete sie. Ja – das wäre schön.
Er war wirklich der perfekte Mann für Charlotte und Vater-Ersatz für die beiden Flöckchen. Sie konnte sich vorstellen, dass er sich aber trotzdem insgeheim ein eigenes Kind wünschte. Und eigentlich sprach nichts mehr dagegen. Das Herz ihrer Mädchen hatte er schon längst erobert, sie würden vielleicht eifersüchtig sein, aber die Gefahr gab es bei normalen Familienkonstellationen auch. Charlotte lächelte in sich hinein – auch ihr spukte der Gedanke an ein Baby in der letzten Zeit immer öfter im Kopf herum.
„Lass uns damit warten, bis wir umgezogen und verheiratet sind.“ Sie drehte sich in seinen Armen und küsste ihn zärtlich. „Wir haben schon genug offene Projekte“, grinsend biss sie in seine Unterlippe.
„Heißt das, das du grundsätzlich schon wollen würdest?“ Seine Augen durchbohrten sie. Er musste das jetzt einfach wissen. Er hatte schon lange diesen Wunsch, aber er wollte warten, wie das Familienleben mit Suri und Luna anlief.
„Ich könnte mir schon vorstellen, noch ein Kind zu bekommen – dein Kind“, sagte sie ernst.
David fiel ein Stein vom Herzen. Er hob sie wieder hoch und wirbelte sie wild herum. „Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe ich“, immer wieder küsste er sie und Charlotte wurde fast schwindelig.
„Wir müssen üben – ganz viel üben“, sagte er heiser und zog sie sanft auf den Boden ihres neuen Schlafzimmers.

„So – und nu kommt ihr …“ Stefan hockte sich vor die beiden Mädchen. „Wer zieht denn jetzt wo ein?“
Charlottes Vater wollte es sich nicht nehmen lassen, die beiden Kinderzimmer seiner Flöckchen wieder selbst herzurichten. Diesmal bekam er aber Unterstützung von Julius Herbold, was schon zu erheblichen Konflikten der beiden ‚Opas’ untereinander geführt hatte. Doch die Streitereien waren immer scherzhafter Natur, sie konnten es einfach nicht lassen, sich gegenseitig aufzuziehen.
David und Charlotte hatten beschlossen, die beiden einfach machen zu lassen, zumal der Hochzeitstermin jetzt immer näher rückte und es noch einiges zu organisieren galt.
Mit Stefan zusammen suchten dann Charlotte, Suri und Luna eine neue Heimat für das Apfelbäumchen aus, dass man behutsam wieder ausgegraben hatte. Es kam an einen wunderschönen, verwinkelten Platz im Garten und Charlotte kaufte noch eine kleine Holzbank, die sie davor stellte. Mit den Kindern hatte sie abgemacht, dass es in dieser Ecke des Gartens still zugehen sollte. Es sollte ein Platz werden, der Ruhe ausstrahlte, zum Toben gab es schließlich genügend andere Möglichkeiten.
„Das hattest du dir auch gewünscht“, sagte sie mit heiserer Stimme und setzte sich auf die Bank. „Ein Haus und ein Garten für die Flöckchen.“
In Gedanken gab sie ihm einen Kuss, dann riss sie das Lachen der Kinder wieder zurück in das Hier und Jetzt.

Charlotte hatte sich für ein Brautkleid entschieden, dass nicht so verspielt war wie bei ihrer ersten Hochzeit. Es war ein cremefarbenes Corsagenkleid und Charlotte hatte sich extra oft in die Sonne gelegt, um darin nicht ganz zu blass zu wirken.
Das Kleid war wunderschön – ein wahrer Traum. Auf einen Schleier oder ähnliches wollte sie verzichten, die Haare würden hochgesteckt werden, es kamen nur ein paar Perlen hinein.
Auch Luna und Suri bekamen zwei cremefarbene Spitzenkleidchen – sie sahen darin aus wie kleine Püppchen.
Suri war schon mächtig aufgeregt, schließlich sollten sie und Luna Blümchen streuen und diese Aufgabe nahm Suri sehr ernst und bereitete sich akribisch darauf vor, in dem sie in ihrem Zimmer Papierschnitzel huldvoll auf den Boden schmiss. Leider fielen diesen Übungseinheiten wichtige Reportageentwürfe von David zum Opfer und so musste er nachts alles noch einmal neu ausdrucken lassen. Doch natürlich konnte er seiner Mini-Blondine das nicht übelnehmen, auch wenn er noch mal eindringlich darauf hinwies, dass sein Arbeitszimmer für sie ab sofort tabu war.

Charlotte und David verabredeten, dass sie sich nichts zur Hochzeit schenken wollten. Sie hatten ihr Haus und sich damit einen großen Wunsch erfüllt.
Doch Charlotte hatte eine Überraschung für ihn. Sie hatte sich die Hormonspirale zwei Wochen vor der Hochzeit entfernen lassen und hoffte, dass es schnell mit dem Nachwuchs klappen würde. Jedenfalls hatte dies bei Jonny und ihr problemlos funktioniert, sie war in dieser Hinsicht wohl sehr empfänglich.

„Soll ich wirklich mitfahren?“ David schien nicht so richtig überzeugt von dieser Idee zu sein.
„Ja. Konrad und Mariana sind sehr nett. Und ich freue mich, dass sie kommen werden“, lächelte Charlotte ihm zu. Nachdem sie es zu Jonnys und ihrer Hochzeit nicht geschafft hatten, war das irgendwie ein komischer Gedanken, dass die beiden ausgerechnet bei Davids und ihrer wohl anwesend sein würden.
Die Hochzeit war in zwei Tagen, Charlotte hatte den beiden Flugtickets geschenkt, ihnen ein Taxi geschickt, dass sie zum Flughafen brachte und ständig angerufen, um sie auch ja daran zu erinnern, wann sie fertig sein mussten. Konrad brachte es fertig, ein neues Bild anzufangen und darüber alles zu vergessen. Und seine Frau Mariana war nicht viel besser. Wenn sie einmal ihre Geige in der Hand hatte, schaltete sie komplett ab und tauchte in eine andere Welt ein.
Charlotte hatte sich vergewissert, dass sie auch wirklich durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen gingen und war sehr gespannt auf die beiden.
Obwohl Charlotte und David schon seit zwei Wochen in ihrer Villa wohnten, bestanden Charlottes Eltern darauf, die Woźniaks bei sich aufzunehmen. Sie freuten sich schon sehr auf die beiden.

„Da!“ Luna entdeckte die beiden als Erste. Sie stürmte, gefolgt von Suri, schnell auf sie zu und Konrad schloss seine Enkelinnen liebevoll in die Arme.
Das sind seine Eltern? David kannte die beiden zwar schon von Fotos, aber irgendwie war er jetzt doch erstaunt über deren Anblick.
Beide waren nicht besonders groß – war ihr Sohn ja auch nicht, wie es in ihm giftete – und er musste zugeben, dass die Zwei ihm sofort sympathisch waren. Allerdings wirkten sie irgendwie weltfremd und entrückt.
Heidi und Stefan umarmten die beiden herzlich, auch Charlotte wurde gedrückt und geküsst.
„Das ist David“, stellte ihn Charlotte dann lächelnd vor.
„Er gehört auch zu unserer Familie“, erklärte Luna wichtig.
David schüttelte die Hand von Mariana Woźniak. Sie lächelte etwas, es lag nichts Reserviertes oder Feindseliges in ihrem Blick.
„Ich freue mich, dich kennenzulernen“, sagte sie freundlich.
David war überrascht, dass sie ihn direkt duzte. „Danke, ganz meinerseits“, antwortete er.
„David …“ Auch Konrad nahm jetzt seine Hand. Er begrüßte ihn so nett, wie es zuvor seine Frau getan hatte.
„David ist ein netter Kerl!“ Stefan hieb seinem zukünftigen Schwiegersohn fest auf die Schulter. „Die Mäuschen sind bei dem in guten Händen – und die Charlie natürlich auch“, beteuerte er so überzeugend, als wollte er einen Gebrauchtwagen verkaufen.
Konrad und Mariana lächelten nur, dann kümmerten sie sich wieder um ihre beiden Enkelinnen.

„Und? Wie findest du sie?“ Charlotte schaute David prüfend an, als sie auf dem Weg zu ihren Eltern waren.
Heidi hatte für alle zusammen ein Abendessen vorbereitet. Und Charlotte und David sollten dort ebenfalls vorbeikommen.
„Nett – wirklich. Sie machen einen sehr sympathischen Eindruck“, sagte er wahrheitsgemäß.
„Das sind sie auch“, pflichtete sie ihm bei.
„Opa Konni ist ein Maler“, mischte Luna sich aus dem Wagenfond ein.
„Dann hast du von ihm dein Talent geerbt.“ Er drehte sich kurz zu dem Lockenköpfchen um.
„Und Oma kann Geige sspielen“, plapperte Suri weiter. „Das hört sich ssön an.“
Dann folgten Lobeshymnen auf die beiden. Die Mäuse schienen wirklich sehr an ihren Großeltern zu hängen.

Das Essen wurde auf der Terrasse eingenommen. Es war lecker und – wie immer – wenn Heidi kochte, hatte sie sehr üppig aufgetragen. Die Stimmung wurde rasch sehr locker und es wurde viel gelacht.
David begann, sich in Gegenwart von Konrad und Mariana wohlzufühlen. Und doch war es schon irgendwie merkwürdig, dass Jonnys Eltern bei der Hochzeit dabei waren. Aber nun gut – sie waren eine Patchwork-Familie. Und da gehörten ein Paar Großeltern mehr eben auch dazu.
Am frühen Abend drängte Charlotte zum Aufbruch, die Kinder sollten ins Bett. David ging schon mal rein, um die Strickjäckchen der Kleinen zu holen, als er wieder hinaus auf die Terrasse zu den anderen gehen wollte, standen Konrad und Mariana im Wohnzimmer. Sie wirkten beide sehr verlegen, traten von einem Bein aufs andere und räusperten sich, als David näherkam.
„David. Wir möchten dir was sagen …“ Mariana atmete tief durch und schien sich ein Herz zu fassen. „Jonny hat … Jonny hat mir erzählt, dass du Charlottes große Liebe bist. Er … er hat das immer gewusst und hatte sich dann so gefreut, dass sie doch ihn geheiratet hat.“ David sah, dass Mariana mit den Tränen kämpfte, auch Konrad wischte sich verstohlen übers Gesicht.
„Sie haben eine gute Ehe geführt. Charlotte hat ihn glücklich gemacht – und ihm zwei wunderbare kleine Mädchen geschenkt. Er hat ein reiches Leben gehabt.“ Sie weinte leise und David streichelte ihr sanft über den Arm. Dann straffte sie noch einmal die Schultern.
„Jonny hat Charlotte sehr geliebt. Und er hat immer gewollt, dass sie glücklich ist. Und wenn man Charlotte und dich so sieht – sie ist glücklich. Ihr seid glücklich.“ Ihre Stimme war nur noch ein heiseres Flüstern, doch die kleine Frau sprach tapfer weiter. „Und das ist auch unser Wunsch: dass Ihr eine glückliche Ehe führt. Charlotte ist ein ganz besonderer Mensch. Wir lieben sie wir unsere eigene Tochter.“ Jetzt war es ganz vorbei, ihr Mann zog sie in seine Arme und sie weinte an seiner Schulter.
Konrad sah David lächelnd an. „Wir wollten dir nur sagen, dass Ihr unsere besten Wünsche habt.“
Mariana nickte eifrig, dann drückte sie David heftig.
David war gerührt über die Worte der beiden. „Danke.“ Mehr brachte er im Moment nicht heraus. „Ich weiß, dass es Charlotte sehr viel bedeutet, dass Ihr da seid. Und ich finde es auch sehr schön.“
„Es wird bestimmt eine tolle Hochzeit“, zwinkerte Konrad ihm zu.
Mariana schnäuzte noch mal in ein Taschentuch und trocknete die Tränen. „Entschuldige David – ich bin schon immer eine sentimentale Kuh gewesen.“
„Das ist ja das Schöne an dir.“ Ihr Mann schaute sie verliebt an, dann gingen alle zusammen wieder nach draußen.