Eine zweite Chance – Teil 37

„Mami?“
Charlotte stöhnte auf. „Was ist denn?“
„Is sson morgen?“
„Nein, Suri. Und du musst jetzt wirklich schlafen, sonst bist du zu müde, um Blumen zu streuen.“ Charlotte stand gähnend auf und scheuchte ihre Jüngste zurück in ihr Kinderzimmer. Die Tür eines der Gästezimmer öffnete sich und Charlies Freundin Sarah stand grinsend vor Charlotte. „Na? Alle zu nervös?“
„Kann man wohl sagen.“ Charlotte lachte leise, dann ging sie zu Suri und deckte sie zu. Kurz schaute sie noch nach Luna, die zum Glück fest schlief.
„Sollen wir noch etwas trinken?“, fragte Charlotte ihre Freundin, die heute aus Hamburg angereist war.
„Gerne.“
Die beiden Frauen setzten sich auf den Balkon, der zu Charlottes und Davids Schlafzimmer gehörte. Es war eine wunderbare laue Sommernacht und der Vollmond leuchtete hell vom Himmel.
„Wie geht es dir?“, fragte Charlotte ihre Freundin. Sie hatte vor zwei Jahren eine schwere Krankheit überwunden und Charlotte sorgte sich um sie.
„Gut. Die Untersuchungen sind bisher gut gelaufen“, lächelte Sarah ihr zu. Dann sah sie bewundernd in den Sternenhimmel.
„Ihr werdet morgen Glück mit dem Wetter haben“, sagte sie.
„Ja.“ Charlotte atmete erleichtert auf. „Und das mit dem Mond passt wirklich auch perfekt. David hat das Wochenende sogar danach ausgesucht – er wollte unbedingt heiraten, wenn Vollmond ist.“
„Ein Romantiker?“
„Manchmal schon“, kicherte Charlotte.
Sie vermisste ihn. Obwohl es lächerlich war, sie waren ja nur diese Nacht voneinander getrennt. Aber irgendwie machte es sie wahnsinnig, dass er nicht bei ihr war. Doch beide Elternpaare hatten darauf bestanden, dass die Tradition gewahrt wurde und das Brautpaar getrennt voneinander schlafen sollte.
„Sehnsucht?“ Sarah schien offenbar ihre Gedanken erraten zu haben.
„Ja“, Charlotte spürte, dass sie rot wurde. „Und wie.“
„Ich freu mich so für dich.“ Sarah beugte sich zu ihr hinüber und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Du hast es wirklich verdient.“
„Danke“, flüsterte Charlotte. „Ich hoffe, morgen klappt alles.“
„Das Schlimmste wäre, wenn David auf dem Standesamt Nein sagen würde. Steht das zu erwarten?“
„Nein.“
„Was soll dann schiefgehen?“
„Du hast ja recht“, seufzte Charlotte. „Wenn ich nicht mit Rändern unter den Augen dastehen will, sollte ich wohl mal schlafen gehen, was?“
„Besser ist das“, lachte ihre Freundin und stand auf. „Es wird ein wunderschöner Tag werden“, sagte sie noch leise und umarmte Charlotte herzlich.

„Oh, Ihr beiden seht ja wunderschön aus.“ Sarah sah die beiden Mädchen verzückt an. Die Kleidchen waren wirklich ein Traum und ihre Trägerinnen strahlten mit der Sonne um die Wette.
Hannah war vorbeigekommen und hatte die beiden Kleinen angezogen und Lunas wilde Löckchen zu einem Zopf gebändigt. Doch das erwies sich schnell als hoffnungslos, schon ein paar Minuten später hingen die ersten Strähnen wieder heraus. Nur bei Suri funktionierte das besser. Sie hatte einen süßen Pferdeschwanz und stolzierte vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer auf und ab.
Charlotte hatte für das Standesamt ein schlichtes weißes Kostüm ausgewählt, danach ging es dann noch einmal zum Umziehen in die Villa.
„Du siehst gut aus“, zwinkerte Hannah ihr zu. Charlottes Haare fielen gelockt über ihre Schultern und sie war dezent geschminkt.
Kurz überlegte sie, ob sie den Ehering von Jonny abziehen sollte, den sie mit dem Verlobungsring zusammen immer noch an ihrer linken Hand trug. Dann entschied sie sich aber dagegen. Sie ließ ihn an. Auch wenn das vielleicht lächerlich war, aber so hatte sie das Gefühl, dass er dabei war. Und auch wenn sie David so sehr liebte – sie würde Jonny niemals aus ihrem Herzen lassen.
Sie hatte das Gefühl, dass er ihr Kraft geben würde durch seinen Ring.

David strahlte, als er Charlotte sah. Sie sah wunderschön aus in ihrem Kostüm. Er reichte ihr einen kleinen Strauß aus roten Rosen und zusammen mit seinen Eltern, Mariana und Konrad, Michael, Philipp, Svenja, Sarah, den Siegels und den Flöckchen ging es in das Standesamt.
Die Zeremonie war kurz, aber sehr stilvoll und als die erlösenden ‚Ja’-Worte gesagt wurden, lächelten sich beide verliebt an.
David zog sie an sich und küsste sie zärtlich. „Endlich, endlich, endlich…“, flüsterte er an ihren Lippen. „Ich liebe dich.“
„Ich liebe dich auch“, hauchte sie, dann räusperten sich die ersten Gratulanten.
Zuerst kamen natürlich Suri und Luna dran, Charlotte musste ihre Tränen zurückblinzeln, als sie sah, wie liebevoll sie David umarmten.
Alles ist gut geworden.
„Fahren wir jetzt zum See?“ Suri hielt es nicht lange im Standesamt aus und hüpfte schon ungeduldig auf und ab.
„Ja, jetzt gleich.“ Charlotte streichelte ihr über die Löckchen und ein letztes Mal für diesen Tag trennte sie sich von David.

Suri und Luna staunten, als sie Charlotte in ihrem Brautkleid sahen.
„Wie eine Prinzessin.“ Mit offenem Mündchen schaute Suri Charlotte an.
„Danke mein Schatz.“ Charlotte hockte sich vor die Kleine hin und drückte sie.
„Du siehst wunderschön aus, Mami.“ Auch Luna fiel Charlotte um den Hals.
Dann ließen sie sich den Ring zeigen, den David ihr beim Standesamt angesteckt hatte. Es war ein schlichter Ring aus Weißgold und Suri deutete auf den glitzernden Verlobungsring. „Der ist aber ssöner.“

David war schon etwas früher am See und schaute sich um. Alles war so, wie er und Charlotte sich das vorgestellt hatten. Es war ein kleiner Altar am Seeufer aufgebaut, und die Stuhlreihen standen wie verabredet dort.
Die kleine Freiluftkirche war von Blumenarrangements eingeschlossen.
Die Körbchen, schoss es ihm durch den Korb. Zu seiner Erleichterung standen auch die wichtigsten Requisiten des Tages bereit – die Körbchen mit den Blütenblättern für Suri und Luna. Sogar an eine Reserve wurde gedacht, damit die Kleinen ordentlich etwas zum streuen hatten.
Immer mehr Gäste trudelten ein, zu seiner großen Freude kamen auch seine Ex-Verlobte Melissa und ihr Mann Lars mit ihren beiden Söhnen.
„David!“ Sie fiel ihm zu Begrüßung um den Hals und drückte ihn fest an sich.
David hatte prompt einen Kloß im Hals. „Schön, dass Ihr auch gekommen seid“, flüsterte er heiser. Er hatte ihnen zwar eine Einladung geschickt, aber keine Antwort erhalten.
„Wir wollten dich überraschen. Magdalena und Julius haben uns heute vom Flughafen abgeholt“, strahlte sie. Dann stellte sie ihm ihre beiden kleinen Söhne vor. Die zwei waren sehr niedlich, der eine glich seinem Vater, wirkte mit seinen fünf Jahren schon sehr vornehm, der andere war ein kleiner Wildfang, mit blitzenden dunklen Augen.
„Und? Bist du aufgeregt?“, fragte sie ihn, während Lars seinen Jüngsten gerade davon abhalten konnte, eine Ente einzufangen.
„Ja, sehr“, antwortete er wahrheitsgemäß.
Melissa griff nach seiner Hand und deutete auf den Ehering. „Sie kann dir nicht mehr weglaufen, David“, lachte sie.
„Nein, das kann sie nicht.“.
„Ich hab Fotos von ihren Töchtern gesehen – sie hat zwei süße kleine Mädchen“, sagte Melissa. „Und du bist jetzt ein stolzer Stiefpapa?“
„Ja, das bin ich“, gab er zu. „Ich hätte nie gedacht, dass ich dazu tauge oder dass das etwas für mich ist. Aber ich liebe die beiden Kleinen sehr“, gab er zu.
Melissa legte eine Hand auf seine Wange. „Du hast dich sehr verändert, David. Positiv verändert. Wo ist der trotzige David geblieben, der sich noch nicht einmal von Charlotte verabschieden wollte?“
„Um Charlotte zurückzugewinnen, musste ich mich ändern“, sagte er heiser. „Ich bin so froh, dass es geklappt hat.“
„Oh David …“ Melissa umarmte ihn zögernd. „Wir beiden haben jetzt unser Glück gefunden. Und das sollten wir genießen“, flüsterte sie und küsste ihn zart auf die Wange.

Luna erstarrte und blickte zornig in Richtung der kleinen Freiluftkirche.
Charlotte wunderte sich und folgte ihrem Blick. Sie sah David und Melissa, die ihm gerade einen Kuss gab. Luna wollte gerade wütend lossprinten, da konnte Charlotte sie gerade noch so festhalten.
„Luna, das ist eine alte Freundin von David“, erklärte sie ihrer finster dreinschauenden Tochter.
„Sie hat ihn geküsst – UNSEREN DAVID!“ Ihre kleinen dunklen Kulleraugen funkelten böse.
„Unter Freunden darf man das“, antwortete Charlotte ihr.
„Nicht mehr so böse gucken, Mini-Maus“, lachte Stefan und hob seine Enkelin auf den Arm. Er küsste sie herzlich, dann ging er mit ihr, Heidi und Suri zur Hochzeitsgesellschaft.
„Und du willst wirklich alleine gehen?“, fragte ihr Vater zum gefühlten hundertsten Mal.
„Ja Papa.“

„Da sind ja meine Mäuse“, lachte David und nahm Suri und Luna an die Hand.
„Das ist Melissa, eine alte Freundin von mir“, stellte er sie ihnen vor. „Und das sind Luna und Suri …“
Melissa beugte sich lächelnd zu den Kleinen hinunter. „Hallo Ihr Zwei. Ihr seht aber hübsch aus. Was für schöne Kleidchen.“
Suri strahlte sofort zurück. „Ist die gleiche Farbe wie …“, weiter kam sie nicht. Luna hielt ihr empört den Mund zu.
„Du darfst doch nichts sagen“, meckerte sie ihre Schwester an.
Suri nickte nur erschrocken.
„Wir haben nichts gehört“, beruhigte Melissa Davids Mini-Blondine.
Er registrierte, dass Luna Melissa böse anschaute und sie nicht aus den Augen ließ. Auch Melissa schien es zu merken und sah ihn etwas verwirrt an.
„Sie ist immer ein bisschen eifersüchtig“, flüsterte er in ihr Ohr.
„Oh.“ Sie nickte verständig.
„Schaut mal ihr beiden“, redete sie freundlich auf die beiden ein. „Das hier ist mein Mann!“ Sie zog Lars energisch zu sich. „Und das sind meine Söhne Justin und Ryan.“ Die Jungs ließen sich nur unwillig den beiden kleinen Damen vorstellen.
„Bin Suri“, lächelte Davids Mäuschen sofort freundlich und strahlte die Jungs an.
Sieh mal an, dachte er böse und beobachtete jetzt genau die Reaktion von Melissas Ältestem. Der aber zeigte sich aber immun gegen Suris Charme. David atmete auf.
„Und ich bin Luna“, stellte sich sein anderer Schatz mürrisch vor.

„Und wir müssen jetzt auf unsere Plätze“, warf Lars ein und deutete auf den Pfarrer, der auf David zukam.