Eine zweite Chance – Teil 38

„Wir könnten dann beginnen.“ Der Pfarrer sah Charlotte freundlich an und nahm ihren Ring entgegen.
„In Ordnung“, flüsterte sie nervös. Sie stand etwas abseits, damit David sie nicht sehen konnte.

Der Musiker begann lauter zu spielen, das war das Zeichen für Charlotte.
Staunend sah sie sich um. Es sah wirklich alles wunderschön aus, schöner, als in jeder richtigen Kirche. Der Himmel leuchtete strahlendblau durch die Baumspitzen hindurch und hinter dem Altar glitzerte der See. Alles war mit Blumen geschmückt, dann fiel ihr Blick auf Luna und Suri, die in der ersten Reihe saßen und ihr fröhlich zuwinkten.
„Da ist Mami!“, rief Suri laut. Prompt bekam sie dafür einen heftigen Stoß von ihrer Schwester in die Rippen.
Vor dem Altar standen Michael und Philipp, die jeweiligen Trauzeugen der beiden. Und David.
Charlotte schaute ihn bewundernd an. Er trug einen schwarzen Anzug, mit einem schwarzen Hemd und einer ebenso schwarzen Krawatte. Wenn sie es nicht schon wäre, wäre sie ihm jetzt auf der Stelle verfallen.
Schon von Weitem sah sie das Strahlen in seinen Augen, es zog sie in seinen Bann.

David stockte der Atem. Sie sah umwerfend aus – bildschön. Wie ein Zauberwesen aus einer Märchenwelt. Am liebsten hätte er sie gepackt und wäre sofort mit ihr durchgebrannt. Sein Herz klopfte wie verrückt, als sie schließlich neben ihm stand und ihn anlächelte. Er war noch nie in seinem Leben so aufgeregt gewesen, wie in diesem Moment.
Der Pfarrer sprach irgendwelche einleitenden Worte, doch Charlotte nahm sie nicht wahr. Sie konnte nur in Davids Augen schauen, die sie voller Liebe anblickten.
Erleichtert registrierte sie aus den Augenwinkeln, dass jemand filmte, so würde sie wenigstens später noch mal schauen können, was hier eigentlich gesprochen wurde.
Dann war es so weit. Der Pfarrer stellte die entscheidenden Fragen.
Zuerst wurde David gefragt, mit trockenem Hals und heiserer Stimme antwortete er mit Ja.
„Taffit ist jetzt Mamis Mann?“, hörte Charlotte Suri laut flüstern.
„Ja“, vernahm Charlotte die Stimme ihrer Mutter und musste sich auf die Lippen beißen.
„Unser Mann auch?“, hakte Suri nach.
„Ja, ja – ich erklär’ dir das später“, kam es hastig von Heidi Siegel.
Charlotte sah in Michaels Gesicht, das schon vom Lachenunterdrücken ganz rot angelaufen war. Auch sie musste sich zwingen ernst zu bleiben.
Dann antwortete Charlotte auf die Fragen mit Ja.
„Mami hat auch Ja sagt…“
„Pscht!“
„Bin sson ruhig.“
David konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, dann sah er aber in die blauen Augen seiner Frau und war wie gebannt von ihnen.
Der Pfarrer machte eine kleine Geste und David gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Hallo Frau Herbold“, murmelte er an ihren Lippen. Das ‚Woźniak’ in ihrem Namen unterschlug er mal frech.
„Dürfen wir jetzt Blümchen streuen?“, kam es wieder – diesmal merklich ungeduldiger – aus der ersten Stuhlreihe.
„Ich glaube, wir sollten sie erlösen“, lachte David leise.
Suri strahlte sofort übers ganze Gesicht und Luna winkte schüchtern.
Der Pfarrer sprach noch ein paar Schlussworte und endlich kamen die Blümchen zum Einsatz.
Suri war sehr akribisch und achtete genau darauf, dass die Blüten gleichmäßig auf den Boden fielen. Hier und da korrigierte sie die Lage der einzelnen Blätter auf dem Weg. Es dauerte sehr lange, bis David und Charlotte über die perfekt arrangierten Blüten gegangen waren.
Ihr Ziel war eine Champagner-Bar, an der man sich schließlich mit den Gästen versammelte.
Für die Kinder gab es Apfelschorle, ebenfalls in edlen Gläsern und Charlotte und David nahmen die ersten Gratulationen entgegen.
Besonders Konrad und Mariana lagen Charlotte am Herzen. Doch sie wünschten den beiden so herzlich alles Gute, das man sofort spürte, dass es aufrichtig gemeint war.
Charlotte freute sich auch sehr über Melissas und Lars’ Anwesenheit.

Es war eine fröhliche Runde, viele Fotos wurden gemacht und kurze Zeit später bummelten alle hinüber zu dem kleinen Platz, an dem die festlich gedeckten Tische standen. Zu Charlottes und Davids Glück konnte wirklich alles unter freiem Himmel stattfinden, für Davids Geschmack war es nur etwas zu warm, sein Anzug und das bis oben hin geschlossene Hemd machten ihm etwas zu schaffen.
„Ist dir gar nicht heiß?“, stöhnte er leicht und musterte Charlotte.
„Nein“, grinste sie. Und das stimmte sogar. Das Kleid reichte zwar bis zum Boden, aber es ließ genügend Luft an sie heran. Und außer einem Spitzen-Slip trug sie auch nichts drunter. Aber das würde David schon selbst herausfinden müssen.

Nach dem Essen wurde es zwangloser. Charlotte rief Suri und Luna zu sich, die schon mit Svenjas und Melissas Kindern lebhaft spielten. Schnell zog sie ihnen andere Sachen an, die Spitzenkleidchen mussten nicht unbedingt leiden.
Charlotte genoss es, all’ die lieben Menschen um sich zu haben, und freute sich, dass sich alle gut zu amüsieren schienen.
Sie schaute durch die Reihen ihrer Gäste, dann stand sie spontan auf und bat leise um deren Aufmerksamkeit.
David schaute verblüfft zu ihr auf, tauschte einen verwirrten Blick mit Stefan und seinem Vater. War es nicht Sache des Brautvaters, eine Rede zu halten?
Charlotte verkrampfte ihre Hände ineinander, schluckte heftig. Doch es war ihr ein Bedürfnis, etwas zu sagen.
„Keine Angst, das wird hier keine Rede oder so was.“ Sie sah in die neugierigen Gesichter, blieb an ihren Eltern und ihren engsten Freunden hängen.
„Ich … ich wollte mich einfach nur bedanken, für die liebe Unterstützung, die ich, vor allem im letzten Jahr, bekommen habe. Ich weiß nicht, ob ich es ohne Euch geschafft hätte, den Verlust von Jonny zu verarbeiten. Ihr habt mich angetrieben und ermutigt, mich auf neue Dinge einzulassen, mich zu verändern. Und das ich jetzt hier stehe – als Davids Frau – ist nicht zuletzt Euer Verdienst.“ Sie kämpfte vergeblich gegen die Tränen an. „Danke.“
David stand schnell auf und zog sie in seine Arme. „Und ich kann mich nur noch bei dir bedanken, dass du mir eine zweite Chance gegeben hast“, sagte er leise und lächelte ihr liebevoll zu.
Charlotte hatte sich schnell wieder gefangen und David schaffte es spielend, sie zum Lachen zu bringen. Es wurde immer lockerer, die feste Sitzordnung wurde bunt durcheinandergemischt und zu Charlottes Verwunderung sah sie ihre Freundin Sarah, die sich scheinbar sehr gut mit Michael zu verstehen schien.
„Sie flirten schon die ganze Zeit miteinander“, raunte David in ihr Ohr.
„Wirklich?“ Charlotte war überrascht. Sarah war normalerweise sehr schüchtern und ließ keinen Mann so ohne Weiteres an sich heran.
„Klar. Denkst du, so was entgeht mir? Ich habe alle hübschen Frauen hier im Blick“, grinste er überheblich.
Charlotte knuffte ihn in den Bauch. „Damit ist jetzt Schluss!“
„Es wäre zu schön, wenn Sarah sich wieder verlieben könnte“, sagte Charlotte dann nachdenklich. „Sie hätte es wirklich verdient.“
„Nun warte doch mal ab – erst mal flirten sie nur.“
Doch Charlotte sah das nicht so locker wie er. „Ihr Freund hat sie sitzen lassen, als sie vor drei Jahren im Krankenhaus lag. Sie hat eine schwere Zeit gehabt, David“, erklärte sie ihm ernst. „Ich möchte nicht, dass sie wieder enttäuscht wird“.
„Verstehe“, auch er wurde ernster. Dann sah er wieder zu Michael und Sarah hinüber, die gerade laut über etwas lachte, was Michael ihr ins Ohr geflüstert hatte.
Sarah war eine hübsche Frau, mit kurzen dunklen Haaren und strahlendblauen Augen. Er wusste, dass sie an Krebs erkrankt war, es aber überstanden hatte. Das mit ihrem Ex-Freund war ihm aber neu.
„Aber glaubst du im Ernst, dass Michael ihr wehtun würde?“, beruhigte er Charlotte.
„Nein – das würde er natürlich nicht“, sagte sie und schien erleichtert.

David glaubte fast nicht, was er sah. Seine Lieblings-Mini-Blondine, ihre Schwester Luna, die Zwillinge von Svenja und Philipp und der kleine Sohn von Melissa sausten nur noch in Unterhose über den Rasen und quietschten vergnügt.
„Suri! Luna!“, rief er erbost und wollte gerade ihnen hinterherrennen, um sie wieder angemessen zu bekleiden, da hielt Charlotte ihn lachend zurück.
„Lass sie doch.“
„Was?“ David schaute sie empört an. „Du willst sie doch nicht ernsthaft hier so halb nackt herumlaufen lassen?“
„David, es sind kleine Kinder!“ Charlotte musste sich zwingen, um nicht in einen Lachkrampf auszubrechen. Sein entsetztes Gesicht war einfach zu niedlich.
„Meine Mädchen rennen so nicht herum“, polterte er los. „Schon gar nicht, wenn kleine Jungs dabei sind!“
David sprang auf, um seine Prinzessinnen einzufangen, als sich nun auch noch Stefan Siegel einmischte.
„Nu lass sie doch!“
„David bitte“, lachte nun auch noch seine Mutter. „Sie haben so einen Spaß und das Wetter ist so schön“, fiel sie ihm hinterhältig in den Rücken.
David setzte sich missmutig wieder auf seinen Stuhl und schickte den Jungs, die jetzt Luna mit einer Wasserpistole bespritzten, finstere Blicke.
Charlotte verkniff sich jegliches weitere Lachen und setzte sich auf Davids Schoss. „Küss lieber ein bisschen deine Frau.“

Die Zeit bis zum Abendessen flog nur so dahin, überall wurde viel gelacht, die Kinder hatten einen Mordsspaß und auch Charlotte und David konnten die Feier wirklich genießen.
Luna war schon gespannt auf das Essen – aber sie hatte gelernt, nahm sich von allem nur ein bisschen, damit sie mehr Platz im Bauch hatte, um alles zu kosten.

David hatte eine Band engagiert und nach dem Essen zog er Charlotte sanft mit auf eine eigens hergerichtete Tanzfläche. Eng schmiegte sich Charlotte an ihn, sie versanken immer wieder in den Augen des anderen.
„Ich liebe dich so sehr, David.“ Charlotte hauchte ihm kleine Küsse auf den Mund.
„Ich dich auch“, entgegnete er nur heiser. Am liebsten hätte er sie jetzt hier weggezerrt, aber zumindest ein bisschen würden sie noch bleiben müssen.
Noch bevor das Lied beendet war, standen Suri und Luna neben ihnen auf der Tanzfläche und zupften ungeduldig an Davids Hosenbein.
„Dürfen wir auch mittanzen?“, fragte Luna mit herzerweichendem Blick.
„Und ssmusen?“ Seine Mini-Blondine sah ihn treu an.
„Natürlich“, lachend hoben Charlotte sie und ihre Schwester hoch und mit den Kindern auf den Armen beendeten sie den Tanz.

Suri schien sehr viel gefallen am Tanzen zu finden, was Tim und Tom, sowie die kleinen van der Lohe Jungen zur genüge zu spüren bekamen.
Charlotte amüsierte sich aber mehr über Davids giftige Blicke, er ließ Suri und ihre Verehrer nicht aus den Augen.

Nach zwei Stunden gab David Philipp ein Zeichen und dieser verschwand. Jetzt musste nur noch diese eine Sache klappen und der Tag würde perfekt enden.
Nach einer halben Stunde war es dann soweit. David lief kurz an das Seeufer, Philipp war schon da. David griff sich das Mikrofon und bat um Aufmerksamkeit.
„Liebe Gäste. Ich und meine Frau, wir möchten uns bei Euch fürs Kommen und Mitfeiern bedanken. Wir wünschen Euch noch eine Menge Spaß – und Tschüss“, grinste er und winkte kurz in die Runde.
Er zwinkerte Suri und Luna fröhlich zu, Luna winkte nur kurz, während Suri ein paar Mal feste die Augen zusammenkniff, als Zeichen ihrer Verschwörung.
Charlotte schaute ihn sprachlos an, dann griff er nach ihrer Hand und zog sie rasch hinter sich her.
„Was soll das?“, Charlotte kam richtig aus der Puste, so schnell ging David voran.
„Lass dich überraschen!“
„Aber was ist mit unseren Gästen?“, wandte sie ein.
„Kommen auch prima ohne uns klar … und sind alle eingeweiht“, schob er rasch hinterher, als er sah, dass sie wieder ansetzen wollte.
David verlangsamte seinen Schritt und führte sie zum Seeufer. Der Vollmond leuchtete so hell, dass sie keine Probleme hatten, den Weg zu finden.

Dann stutzte Charlotte. Ein Stück vom Ufer weg ankerte ein kleines Segelboot.
David grinste nur und pfiff. Auf dem Deck konnte sie Philipp erkennen, der jetzt ein Schlauchboot zu Wasser ließ und zu ihnen herüber ruderte.
„Ich dachte, eine Hochzeitsnacht im Nobelhotel – das kann jeder“, rümpfte David die Nase.
Philipp kam an Land und hielt das Boot fest. „Madame Woźniak-Herbold.“ Er machte eine einladende Handbewegung.
Charlotte sah fragend zwischen den beiden Männern hin und her, die beiden grinsten jetzt um die Wette.
„Okay“, murmelte sie nur und zog sich die Schuhe aus. Dann raffte sie ihr Kleid etwas an und stieg so elegant es die Situation zuließ, in das Schlauchboot.
David hatte sie schmunzelnd beobachtet, dann klopfte er seinem Freund auf die Schulter.
„Vielen Dank“, murmelte er ihm zu.
„Alles klar – und viel Spaß“, zwinkerte Philipp.
Er half ihr galant hoch, als sie am Boot angelangt waren, befestigte das Schlauchboot und zog Charlotte erst mal fest an sich.
„Willkommen, Frau Herbold“, murmelte er an ihren Lippen. „Endlich hab’ ich dich für mich alleine.“
Er führte sie zu einer Sitzbank und holte zwei Gläser und den Champagnerkübel.
Philipp und Svenja hatten alles perfekt vorbereitet und in seiner Schlafkajüte stand eine große Vase mit roten Rosen.
Als er wieder hinaufkam, beobachtete er Charlotte stumm eine Weile. Sie sah hinauf in den Sternenhimmel, ein Lächeln lag auf ihren Lippen und der Mond zauberte ein wunderschönes Licht und ließ ihr Brautkleid sanft schimmern.
Das ist deine Frau, dachte er glücklich und prägte sich dieses Bild fest ein.