Eine zweite Chance – Teil 42

„Charlie …“ Eine vertraute Stimme weckte sie. Sie spürte einen nassen Waschlappen auf ihrer Stirn und öffnete die Augen. „Gott sei Dank! Was machst du denn?“ David schaute sie fast schon empört an.
Charlotte dachte kurz nach, dann fiel ihr wieder ein, dass ihr beim Girlandeaufhängen schwindelig geworden war. „Weiß nicht … war kurz weg…“ Sie räusperte sich und wollte sich wieder aufsetzen, doch David drückte sie zurück aufs Sofa.
„Nichts da! Du bleibst liegen. Ich habe unseren Hausarzt verständigt, der kommt gleich“, befahl er ihr streng. Sein Herz klopfte immer noch bis zum Hals. Er war zu Tode erschrocken, als er ihren panischen Schrei gehört hatte. Nicht auszudenken, wenn er weiter weg gewesen wäre und sie nicht mehr hätte rechtzeitig auffangen können.
„Geht’s Mami wieder besser?“ Charlotte hörte die ängstliche Stimme ihrer jüngsten Tochter.
„Ja, alles wieder gut.“

Es klingelte an der Tür und Suri tippelte los, um sie zu öffnen. Eine junge Ärztin trat ein und begrüßte David freundlich. „Ich bin Dr. Ebrecht, ich vertrete Ihren Hausarzt“, erklärte sie David, dann ging sie zu Charlotte ans Sofa.
„Sie sind ohnmächtig geworden?“ Sie nahm eine Blutdruckmanschette aus ihrer Tasche und legte sie Charlotte um.
„Ja, ist aber nicht der Rede wert“, antwortete Charlotte.
„Von wegen!“, schnaubte David.
„Bitte lassen Sie uns einen Augenblick allein“, bat die Ärztin ihn.

„Der Blutdruck ist etwas niedrig, aber noch im grünen Bereich.“ Dr. Ebrecht löste die Manschette.
„Mir fehlt nichts“, erklärte Charlotte ihr dann. „Ich bin seit ein paar Tagen überfällig mit meiner Periode.“
„Oh. Dann bin ich wohl die falsche Ärztin.“
Charlotte lächelte sie an. „Ich habe übermorgen einen Termin bei meinem Frauenarzt – mein Mann weiß noch nichts davon. Ich will erst sicher sein. Aber ich habe schon die typischen Anzeichen. Die Brust spannt, ein Ziehen im Unterleib. Das war bei meinen anderen Schwangerschaften auch so. Nur da bin ich nicht umgefallen.“
„Verstehe“, zwinkerte Dr. Ebrecht ihr zu. „Von mir erfährt ihr Mann nur was von Kreislaufproblemen.“

„Und?“ David hatte nervös vor der Tür gewartet.
„Alles soweit okay. Ihrer Frau geht es wieder gut. Der Trubel wegen der Geburtstagsfeier war wohl ein bisschen viel. Ich habe ihr etwas gegeben, was den Kreislauf stabilisiert.“ Die Ärztin reichte ihm die Hand. „Es gibt überhaupt keinen Grund zur Sorge.“
David war ein bisschen skeptisch, dann ging er rasch zu Charlotte und zog sie in seine Arme. „Tu das nie wieder mit mir“, brummte er an ihrem Hals.
Sie schmiegte sich dicht an ihn, dann küsste sie ihn zärtlich.
Ich weiß nicht, ob ich dir das versprechen kann, dachte sie und leichte Vorfreude breitete sich in ihr aus.

David bat Charlotte sich auszuruhen und sie war eigentlich auch ganz froh darüber. Die Vorbereitungen für Lunas Geburtstagsfeier waren doch recht anstrengend gewesen. Normalerweise hätte ihr das nichts ausgemacht, aber sie war so unglaublich müde und so fügte sie sich Davids Bitte ohne Widerspruch.

Vor der Schlafzimmertür hörte sie Getrippel und Kichern, immer wieder unterbrochen von einem scharfen Pscht, das nur von Luna stammen konnte und der Antwort Ja, ich weiß. Mami ssläft.
Wohlig streckte sich Charlotte im Bett aus, hörte grinsend zu, wie David Anweisungen gab, als die Flöckchen sich die Zähne putzten. Das laute herzhafte Lachen ihrer beiden Kleinen ließ darauf schließen, dass er dies alles andere als in einem ernsten Ton tat.
Schließlich war Ruhe und die Schlafzimmertür öffnete sich vorsichtig.
„Ich schlafe nicht.“ Sie drehte sich zu ihm und lächelte.
David ging zu ihr und setzte sich auf die Bettkante. „Wie geht es dir?“ Er streichelte ihr liebevoll übers Gesicht.
„Gut, danke. Es ist alles in Ordnung.“ Sie griff nach seiner Hand und schmiegte ihr Gesicht hinein.
„Du hast mir einen ganz schönen Schreck eingejagt.“
„Das tut mir leid.“
„Soll ich noch irgendetwas vorbereiten für morgen?“
„Nein, ich denke, es ist alles klar soweit. Hast du Luna davon abhalten können, das Wohnzimmer zu betreten?“
„Ja – aber das war schwer.“ Er lachte leise. „Ich bin schon gespannt auf morgen.“
„Es wird bestimmt lustig werden.“ Sie war ganz gerührt, David war richtig aufgeregt. Es war ja auch schließlich sein erster Kindergeburtstag als Ersatz-Papa.
David krabbelte zu ihr unter die Decke. „Was gibt es denn jetzt eigentlich zu essen?“
Charlotte stöhnte genervt. „Hör bloß auf …“
Die Essensfrage war zu einem großen Problem geworden. Luna hatte sehr genaue Vorstellungen, was alles ihren kleinen und großen Gästen serviert werden sollte.
„Ich hab auf sie eingeredet, wie auf einen sturen Esel.“ Sie schmiegte sich in Davids Arme. „Zumindest gibt es, wenn ihre Kindergarten-Freunde kommen, ein ‚normales’ Essen.“
David gluckste. „Also keine Hummercremesuppe, Kaviar-Canapees und Feldsalat als Vorspeise?“
Auch Charlotte musste jetzt lachen. „Und keine Fischplatte und Roastbeef als Hauptgericht.“
„Kriegen die armen Kinder jetzt tatsächlich ganz gewöhnliche Fritten und Nuggets?“
„Ja – mit drei verschiedenen Salaten. Darauf hat Luna bestanden“, antwortete sie.

Der nächste Tag verlief äußerst turbulent. Nachdem Luna wohlwollend ihre Geschenke ausgepackt hatte, ging es in den Kindergarten und nachmittags trudelten die ersten kleinen Gäste ein.
Charlotte, ihre Eltern und David hatten einige Spiele im großen Garten vorbereitet und David musste zugeben, dass er nie gedacht hatte, dass es so anstrengend sein könnte, eine Horde Vier- und Fünfjähriger zu bändigen.
Als bis auf Philipps Kinder die kleine Meute abgeholt worden war, kamen dann Davids Eltern, Svenja, Philipp und Michael zu Besuch.
Zu Lunas großer Freude hatte Magdalena tatsächlich noch einen Hummer zubereitet, denn die Kleine genüsslich verspeiste.
Dann nahm sie Magdalena und Mike an die Hand und zeigte stolz ihre neue kleine Staffelei, die Opa Konrad ihr geschickt hatte.

Wie ein Toter fiel David dann abends neben Charlotte ins Bett.
„Was ist los?“, fragte sie ihn grinsend.
„Was los war? Das weißt du doch ganz genau“, maulte er. „Und in neun Tagen das Gleiche noch mal“, stöhnte er.
„Jep“, kicherte Charlotte. „Das schaffst du schon.“
„Wann kommt Frau Hafner morgen?“ David bedeckte Charlottes Gesicht mit Küssen, dann sah er sie fragend an.
„Um neun“, antwortete Charlotte. Zuerst hatte sie sich gegen eine Haushaltshilfe gesperrt, dann aber schnell gemerkt, dass das große Haus alleine kaum sauber zu halten war. Schon gar nicht, wenn sie vormittags arbeitete.
„David?“ Charlotte räusperte sich etwas, versuchte, jetzt möglichst überzeugend zu klingen.
„Hm?“
„Ich hab’ morgen einen Arzttermin – Zahnarzt“, schob sie schnell hinterher.
„Okay.“ Gott sei Dank hatte ihr Gatte anderes im Sinn und seine Finger wanderten langsam unter ihr Schlafshirt. Charlotte erschauerte, als sie spürte, wie seine Hand sanft ihre Brust umschloss.
„Ich dachte, du bist total kaputt“, grinste sie.
„Bin ich auch“, knurrte er. „Aber ich habe so eine aufregende Frau, da kann ich halt nicht anders.“

„Ganz eindeutig. Schwangerer kann man nicht sein.“ Ihr Gynäkologe, Dr. Winter, lächelte sie freundlich an und zeigte ihr den dunklen Punkt auf dem Ultraschall-Monitor. „Herzlichen Glückwunsch!“
Charlottes Herz machte einen kleinen Hüpfer. Sie hatte es zwar geahnt, aber jetzt die Bestätigung zu bekommen, war natürlich noch viel schöner.
„Danke“, strahlte Charlotte.
„Das ging wirklich fix. Die Hormonspirale habe ich doch erst vor gar nicht allzu langer Zeit entfernt.“
„Äh … ja“, räusperte sich Charlotte und spürte, wie sie errötete. „Bei mir klappt das eigentlich immer ganz gut…“
„Umso besser“, lachte der Arzt und reichte ihr den Mutterpass. „Wir sehen uns in zwei Wochen wieder.“

Charlotte wollte erst sofort in den Verlag fahren und es David direkt berichten. Doch dann überlegte sie es sich anders, und beschloss, es ihm erst heute Abend zu erzählen, wenn die Flöckchen im Bett waren.
Doch es fiel ihr unglaublich schwer, solange zu warten. Der Tag wollte irgendwie gar nicht herumgehen und als sie mit David die Kinder ins Bett verfrachtet hatte, war sie schon halb vor Ungeduld gestorben.
„Setzen wir uns ein bisschen raus?“, bat sie ihn.
Es war ein schöner warmer Abend, Charlotte holte Getränke und David kam zu ihr raus auf die Terrasse.
„Wie war es denn beim Zahnarzt?“, fragte David nach. Er war müde, der Tag war nervend gewesen, viele zähe Besprechungen ohne konkretes Ergebnis.
„Oh gut.“ Charlotte lächelte verlegen. „Es war vor allem gut, weil ich gar nicht da war…“, beichtete sie ihm schließlich.
David schaute sie verdutzt an. „Du warst gar nicht beim Zahnarzt. Hast du dich gedrückt?“
„Kann man so nicht sagen.“ Jetzt wurde Charlotte doch nervös. Obwohl sie wusste, dass er sich ein Kind wünschte, hatte sie doch einen Rest Zweifel, wie er reagieren würde.
„Charlie?“ David zog fragend die Augenbrauen hoch. Sie konnte noch nie gut lügen und irgendwas war im Busch. „Sagst du mir jetzt bitte, was los ist? Oder muss ich es erst aus dir herauskitzeln?“
„Ich war bei einem anderen Arzt. Ich war bei Dr. Winter“, sagte sie hastig, ohne ihn anzusehen.
In Davids Kopf begann es zu rotieren. Sie war bei ihrem Frauenarzt.
Fieberhaft dachte er nach. Wann hatte sie eigentlich das letzte Mal ihre Tage gehabt? Könnte es sein, dass …?
„David?“, unterbrach sie seine angestrengten Grübeleien. „Ich bin schwanger.“
Sie ist schwanger … schwanger … schwanger …
Er brauchte einen Moment, um es wirklich zu realisieren.
Charlotte sah ihn gespannt an. Irgendwie konnte sie nichts in seinem Gesicht ablesen.
„Das war auch der Grund, warum mir vorgestern kurz schwindelig geworden ist“, erklärte sie ihm hastig.
Endlich war es bei David angekommen. Eine unbändige Freude breitete sich in ihm aus. „Du bist schwanger?“ Er sprang strahlend von seinem Stuhl auf und zog sie an sich. „Schwanger?“
„Ja“, Charlotte fiel ein Stein vom Herzen.
Alles in David jubelte. Er hob sie hoch, drehte sich mit Charlotte ein paar Mal um die eigene Achse. „Wir bekommen ein Baby“, sagte er immer wieder und seine Stimme wurde verdächtig heiser. „Ich freu mich so“, langsam ließ er sie hinunter, küsste sie zärtlich.