Eine zweite Chance – Teil 43

Sie bekommt ein Kind – mein Kind!
David fand einfach keinen Schlaf in dieser Nacht. Charlotte hatte sich schon längst unter ihrer Decke zusammengerollt und schien überhaupt keinerlei Probleme damit zu haben.
Unverständlicherweise.
Da wuchs etwas in ihr heran – IHR GEMEINSAMES KIND! – und sie schlief. Für ihn war das – im Moment zumindest – unbegreiflich.
Ein paar Mal hatte er seine Hand auf ihren Bauch gelegt, sanft darüber gestreichelt. Sich gefragt, wann man ihr wohl die Schwangerschaft ansehen würde. Bis zum 22. April war es noch so lange hin, und David konnte es jetzt schon kaum erwarten.
Er stand auf und tapste unruhig durch das Haus. Ich werde Vater…, für ihn gab es nur Platz für diesen Gedanken.
Leise machte er die Tür zu Lunas Kinderzimmer auf, betrachtete die kleine Maus lange beim Schlafen.
Wie unser Kind wohl aussehen wird?
Danach ging er hinüber zu Suri. Sie lag mal wieder quer in ihrem Bettchen auf dem Bauch. David legte sie richtig hin, deckte sie zu und streichelte über ihre blonden Löckchen.
Er liebte diese beiden kleinen Mädchen so innig. Und insgeheim fragte er sich, ob da wirklich noch Platz war, für die die Liebe zu einem dritten Kind. Irgendwie kaum vorstellbar.
Spät in der Nacht fand er den Weg zurück ins Schlafzimmer. Vorsichtig zog er Charlotte in seine Arme. Seine schöne schwangere Frau.

Ein zarter Kuss weckte ihn am nächsten Morgen. Er sah in ein paar strahlendblaue Augen.
„Na, du Schlafmütze“, sagte sie zärtlich. David schaute auf den Wecker. Es war bereits halb neun.
„Oh Gott“, erschrocken fuhr er hoch.
„Bleib noch liegen und lass dir Zeit. Ich fahre die Flöckchen schon mal in den Kindergarten.“ Sie hauchte ihm noch einen Kuss auf den Mund. „Hat dich die Nachricht so geschafft?“
„Was? Nein, ach was.“ Er lächelte etwas verlegen und kratzte sich am Kopf. „Ich konnte nur nicht einschlafen.“
„Du hast noch jede Menge Zeit, dich an den Gedanken zu gewöhnen“, lachte sie, stand auf und ging hinaus.

David hielt unterwegs an einem Blumenladen. Jetzt im August gab es natürlich nicht ihre Lieblingsblumen, er nahm einen Strauß der schönsten roten Rosen mit.
Charlotte stockte der Atem, als sie den großen Rosenstrauß sah. David zog sie wortlos in seine Arme.
„Du machst mich glücklich, Charlie. Unfassbar glücklich“, stammelte er zwischen zwei leidenschaftlichen Küssen.
„Du mich auch, David Herbold.“
„Hast du es den Mäusen eigentlich erzählt?“, fragte er nach. Darüber, wann sie es Luna und Suri sagen wollten, hatten sie noch gar nicht geredet.
„Nein. Ich will damit auch noch etwas warten. In den ersten drei Monaten kann ja noch so einiges schiefgehen. Ich denke, es ist früh genug, wenn sie es im vierten Monat erfahren“, sagte Charlotte ernst.
„Okay.“ Innerlich atmete er auf. „Sie werden Fragen stellen …“
„Oh ja – mach’ dich auf was gefasst!“, lachte Charlotte. Sie wusste, dass Luna sich genaustens informieren würde, und konnte sich lebhaft vorstellen, dass sie David damit ganz schön in die Bredouille bringen konnte.
Es war zwar gemein – aber sie freute sich darauf.

„Das ist jetzt nicht euer ernst, oder?“ Charlotte sah Julius und ihren Vater böse an. David stand grinsend neben ihnen.
„Doch. Die Mini-Maus hat sie sich so sehr gewünscht“, erklärte Stefan kategorisch.
„Das ist noch lange kein Grund, ihr den Wunsch auch zu erfüllen“, protestierte Charlotte wütend, während David dabei war, die letzten Nägel unterzubringen.
„Charlotte. Ihr habt mehr als genug Platz, jetzt stell mal nicht so an.“ Ihr Vater tätschelte ihr über die Wange.
„Und wer wird das alles saubermachen dürfen?“, bockte Charlotte weiter. Sie schaute hilfesuchend zu ihrem Mann, der war allerdings damit beschäftigt, den kleinen Zaun aufzubauen. Kurz trafen sich ihre Blicke, Charlotte sah, dass sie wohl auf verlorenem Posten kämpfte, denn es blitzte vergnügt in Davids Augen auf.
„Charlie …“ Er stand auf und zog sie in seine Arme. Sanft hob er ihr Kinn an. „Schau sie dir doch erst einmal an.“ Er nahm ihre Hand und führte sie in den kleinen Gartenschuppen. Dort stand ein großer Karton.
Sie wusste genau, dass – wenn sie da jetzt reinlugen würde – sowieso alle Bedenken wie weggewischt sein würden. Doch schließlich siegte ihre Neugier.
David beobachtete sie lächelnd. Charlotte hatte sich über den Karton gebeugt und kraulte eines der kleinen pelzigen Geschöpfe.
„Sind die niedlich …“, stieß sie nur verzückt hervor und nahm eines der Baby-Kaninchen auf den Arm.
Das war so klar, dachte David belustigt.
„Suri wird ausflippen vor Freude.“ Charlotte setzte das kleine Kaninchen wieder zu seinen Kameraden in den Karton.
Natürlich war sie total inkonsequent, aber gegen diese geballte Ladung Knopfaugen kam sie nicht an.
„Ich denke auch, dass dieses Geburtstagsgeschenk gut ankommen wird.“ David zog Charlotte in seine Arme und küsste sie zärtlich.
„Aber wieso vier Kaninchen?“, murmelte Charlotte und klaute sich noch einen Kuss von seinen Lippen.
„Ich dachte, drei ist eine komische Zahl – und so haben wir doppelt so viele wie Timo.“ Es blitzte wieder in seinen dunklen Augen auf.
„Ich bin ja schon mal gespannt, was du für Geschütze auffahren wirst, wenn Suri später Mal ‚richtige’ Freunde hat“, neckte sie ihn.
„Geschütze ist das richtige Wort“, knurrte David. „Ich werden eine Zugbrücke und einen Wassergraben um unser Haus anbringen lassen.“
„Du bist so ein Spinner“, lachte Charlotte, dann gingen sie wieder zu den ‚Opas’, um ihnen bei den Aufbauarbeiten für das riesige Kaninchengehege zu helfen.
Suri und Luna waren schon im Bett und mit dem letzten Tageslicht wurde dann auch alles fertig.

„Oh – wie ssön!“ Suri packte begeistert am nächsten Morgen ihre Geschenke aus. Sie bekam noch einige Einrichtungsgegenstände für ihr Traumschloss, und Charlotte registrierte aus den Augenwinkeln, dass David immer unruhiger wurde. Sie grinste in sich hinein, immerhin stand das Hauptgeschenk – die Kaninchen – ja noch aus und ganz offenbar konnte er es kaum erwarten, es ihr zu zeigen.
Charlotte quälte ihn noch, indem sie darauf bestand, dass alle erst frühstückten, dann nahm David aber seine Mini-Blondine und ihre Schwester an die Hand.
„Kommt, wir gehen mal in den Garten.“
„Warum? Wir müssen doch gleich in den Kindergarten“, hakte Luna nach.
„Nur so. Jetzt kommt.“ Er zwinkerte der kleinen Maus zu und sie folgte ihm und Suri dann schließlich.
Charlotte blieb in der Verandatür stehen und beobachtete alles von dort.

„Was ist das?“ Suri entdeckte das Gehege und lief rasch dahin. „Kaninchen! Da sind Kaninchen! Ganz viele kleine Kaninchen!“ Sie hopste aufgeregt auf und ab und starrte David mit offenem Mund an. „Wie kommen die in unseren Garten?“
„Die sind ein Geschenk von Mama und mir und Oma und Opa“, erklärte er ihr lächelnd.
„Oh …“ Suri umarmte stürmisch Davids Bein, lachend hob er sie hoch auf seine Arme. „Gefallen sie dir?“
Suri nickte begeistert, schien für einen Moment richtig sprachlos zu sein.
„Die sind süß.“ Luna hatte sich schon eins geschnappt und hielt es auf ihrem Arm. Sie schien sich wirklich für ihre kleine Schwester mitzufreuen.
Suri zappelte und David setzte sie wieder auf den Boden ab.
„Aber ihr müsst sehr vorsichtig sein, wenn Ihr sie hochhebt. Und es muss immer das Netz über dem Gehege sein, wegen der Raubvögel und der Katzen“, erklärte er ihnen.
„Ja, Taffitt. Wir passen sson auf“, versprach sie ihm mit hochroten Wangen.

Er ging zu Charlotte und ballte siegesgewiss die Faust. „Yes! Ich wusste es! Meine Maus ist begeistert.“
Charlotte schüttelte nur lachend den Kopf und küsste ihn auf die Nase. „Und wir müssen jetzt los. Um zehn hast du eine Besprechung.“

Pünktlich um eins machten sie Feierabend um Frau Hafner bei den Geburtstagsvorbereitungen zu helfen. Es war der dreißigste August und auch wenn es nicht mehr so warm war, die Feier konnte wieder im Garten stattfinden. Essenstechnisch gab es nicht so viel zu bedenken, Suri war diesbezüglich nicht anspruchsvoll. Schokokekse, Fritten und Würstchen – ihre Leibgerichte wurden aufgefahren.
Schon nach einer Stunde stellte David stöhnend fest, dass diese Geburtstagsgesellschaft um einiges anstrengender war, als Lunas. Es waren alles kleine Wildfänge, und die Reise nach Jerusalem endete in einer wilden Keilerei zwischen den letzten beiden männlichen Teilnehmern.
Er bewunderte Charlotte, die alles mit einer unglaublichen Gelassenheit hinnahm. Dabei kämpfte sie morgens jetzt mit Übelkeit, und zu seiner Besorgnis war ihr zwischendurch immer mal wieder schwindelig. Doch sie beruhigte ihn nur, das wäre alles völlig normal.

Gegen Abend kamen dann wieder seine Eltern und die Siegels, sowie ihre Freunde zu Besuch.
Suri fiel sehr erschöpft in ihr Bettchen, und auch wenn sie David wieder mit ihren treusten Dackelblicken belegte – die Kaninchen durften nicht mit ins Bett.

David und Charlotte nutzten die Gunst der Stunde, dass alle ihre Freunde und ihre Elternpaare anwesend waren.
Zärtlich griff er nach Charlottes Hand und drückte sie leicht.
„Wir müssen Euch was sagen“, lächelte er und alle sahen ihn gespannt an.
„Zu den vier neuen Bewohnern in unserem Garten wird bald noch jemand in eines der oberen Zimmer einziehen. Wir erwarten die- oder denjenigen – um den 22. April herum.“ Er schaute Charlotte verliebt an, die sehr verlegen war.
Michael schaltete als Erster, sprang auf und drückte Charlotte an sich. „Mönsch Charlie – herzlichen Glückwunsch!“
Danach wurde sie von allen geherzt und geküsst. Vor allem aber Magdalena und Julius schienen sehr gerührt zu sein.
Magdalena kullerten die Tränen über die Wangen, was Charlotte sehr bewegte. Sie wusste, dass die beiden ihre Mädchen sehr liebten – aber dennoch konnte sie verstehen, dass ein ‚eigenes’ Enkelkind doch etwas Besonderes war.
„Wir freuen uns sehr“, sagte dann auch Julius sehr ergriffen und auch er drückte Charlotte lange an sich.
„Wissen es die Flöckchen schon?“, fragte Heidi dann schließlich nach, nachdem sich alle etwas beruhigt hatten.
„Nein, wir wollen bis zum vierten Monat warten“, antwortete David.
„Oh Alter – dann mach’ dich auf ein Verhör gefasst.“ Philipp grinste ihn richtig fies an.
„Ja, ja“, brummte David nur und dass seine Frau jetzt auch noch kicherte, verbesserte seine Laune nicht gerade.

Es war Mitte Oktober, als David und Charlotte beschlossen, ihre beiden Mäuse jetzt einzuweihen. Charlotte ging es gut, dass Baby entwickelte sich prächtig und die Brechattacken und Schwindelanfälle hatten sich soweit gelegt.
Sie hatten sich mit den Kindern aufs Sofa gesetzt, die Mädchen hatten schon ihre Schlafanzüge an und da David Charlotte mit einem Bettelblick belegt hatte, wurde ihr schnell klar, dass sie die Aufgabe der großen Verkündigung übernehmen musste.
„Wir möchten Euch etwas sagen“, begann sie dann zögernd. Dann fasste sie sich ein Herz.
„Ich bekomme ein Baby, das dauert zwar noch etwas, aber es ist schon in meinem Bauch und wächst ganz langsam“, erklärte sie.
Suri sprang auf und zog Charlottes Bluse nach oben. „Man sieht aber noch nix.“ Sie schien fast etwas enttäuscht zu sein.
„Nein – es ist doch noch ganz klein“, belehrte Luna ihre Schwester.
„Wird das ein Junge oder ein Mädchen?“, bohrte Suri weiter.
„Das wissen wir noch nicht.“
„Will keinen Bruder“, maulte Luna sofort los.
„Ich will auch lieber eine Sswester. Ja Mami?“ Suri schmiegte sich an Charlottes Hals.
„Das können wir leider nicht beeinflussen“, mischte David sich jetzt ein. „Da müssen wir uns überraschen lassen. Aber wir werden das Baby auf jeden Fall liebhaben – egal, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist.“
„Und wie kommt das in Mamis Bauch?“, fragte Suri weiter.
Da war sie also! Die Frage aller Fragen! Die Frage, die David fürchtete, wie der Teufel das Weihwasser. Charlotte schaute ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er sah ganz genau, dass sie sich köstlich amüsierte.
„Ja … also …“ Er räusperte sich verlegen. Jetzt warf Luna ihm auch noch einen bohrenden Blick zu.
Charlotte biss sich auf die Unterlippe, sie sah sich noch einen Augenblick an, wie David sich wand, dann beschloss sie, ihn zu erlösen.
Sie hatte sich aus dem Kindergarten das Buch ‚Peter, Ida und Minimum’ ausgeliehen und war vorbereitet.
„Ihr wisst ja, dass Männer ein Glied haben“, begann dann Charlotte leise und David atmete innerlich erleichtert auf.
„Ja, und Mädchen haben eine Sseide“, ergänzte Suri.
„Wenn sich Erwachsene streicheln und küssen, dann kann es sein, dass wir Lust bekommen, miteinander zu schlafen. Dann wird das Glied des Mannes groß und steif …“, erklärte Charlotte weiter. Ihr war auch nicht wohl bei der Sache, aber jetzt musste sie da wohl durch.
David spürte, wie er rote Ohren bekam. Ihm war das alles schrecklich peinlich. Seine kleinen Mäuse – mussten die das wirklich wissen?
„Und wenn ich mit David schmuse, möchte ich eben manchmal, dass sein Glied in meine Scheide kommt …“ Charlotte schnappte Davids Blick auf.
„Oh …“, Suri schien verblüfft.
„Weiter …“, sagte Luna nur knapp.
„Das ist ein sehr schönes Gefühl. Und wenn es am allerschönsten ist, dann kommen Samenzellen aus seinem Glied heraus und die schwimmen dann in meinen Bauch. Ich habe eine Eizelle in mir und manchmal kann es dann passieren, dass eine Samenzelle sich mit der Einzelle vereint und dass daraus ein Baby entsteht. So ist das auch bei uns passiert.“ Charlotte atmete tief durch.
„So was habt Ihr macht?“, fragte Suri fassungslos.
„Ja“, lächelte Charlotte ihr zu. „So seid Luna und du auch entstanden.“
„Und das soll ssön sein …“ Die kleine Mini-Blondine runzelte die Stirn.
„Erwachsene finden das schön.“ Charlotte zog sie zu sich auf den Schoß.
„Muss ja wohl – sonst würde es nicht so viele Kinder geben“, schlussfolgerte Luna.
„Lena hat erzählt, dass sie mal gehört hat, dass ihre Mutter mal laut geschrien und gestöhnt hat, als sie mit ihrem Papa in einem Bett war“, berichtete Luna weiter. Sie tat das in einem so nüchternen Ton, als würde sie eine Reportage darüber schreiben wollen.
Na super!, dachte David böse und schickte üble Verwünschungen an Lenas Eltern.
„Was?“ Suri riss erschrocken die Augen auf. „Sie hat ssreit? Tut das weh?“, verstört schaute sie zwischen David und Charlotte hin und her.
„Nein, meine Süße, das tut nicht weh, überhaupt nicht“, beruhigte Charlotte sie.
„Vielleicht hat sie auch nur sslecht träumt.“ Suri nickte ihrer Schwester zu.
„Bestimmt“, antwortete David schnell und atmete tief durch.