Eine zweite Chance – Teil 45

„Tut mir leid, ich hab’ nicht mitgekriegt, dass sie sich das Telefon geschnappt hatten“, erklärte Charlotte David zerknirscht.
„Das macht doch nichts“, beruhigte er sie. „Ich hab mich darüber gefreut. Und wenn so etwas Wichtiges im Kaninchengehege passiert, dann will ich natürlich darüber auch sofort unterrichtet werden.“
„Sag’ das bloß nicht Suri! Sonst bekommst du demnächst wegen jeder Kleinigkeit einen detaillierten Bericht.“
„Würde mich auch nicht stören.“ David hatte sich wirklich über das Geplapper seiner Mäuschen gefreut.
„Ist heute Abend der Empfang?“, fragte Charlotte weiter.
„Ja – und da muss ich länger bleiben“, stöhnte David. Er hatte überhaupt keine Lust dazu, schon gar nicht ohne Charlotte. Aber diesmal hatte er keine Wahl. Alle wichtige Verlagshäuser hatten Repräsentanten hingeschickt, da konnte er sich nicht drücken.
„Dann viel Spaß.“ Charlotte war gespannt, was er darüber erzählen würde.
„Den hab’ ich nur mit dir“, knurrte David mürrisch.

Und der Empfang war mehr als gut besucht. Es wimmelte nur so von Verlegern und Journalisten, auch prominente Gesichter aus dem Fernsehen waren anwesend. Und wo so viel Prominenz und wichtige Unternehmer waren, da tummelten sich auch jede Menge schöner Frauen. Früher hätte er sich mehr als Wohl in ihrer Gegenwart gefühlt und keine Gelegenheit für einen Flirt – oder auch mehr – ausgelassen. Doch heute nervte es ihn nur noch. Aber ihm blieb keine Wahl, er musste seinen Charme spielen lassen und höflich sein, schließlich ging es um den guten Ruf seines Verlagshauses.
„Hallo David.“ Francesca Totti, eine bekannte Modejournalistin, die für eines der großen Blätter schrieb, kam mit einem Glas Champagner auf ihn zu. „Wie geht es dir?“ Sie sprach so übertrieben verführerisch, dass er fast lachen musste.
„Danke, sehr gut. Und du siehst großartig aus – wie immer“, nickte er ihr zu.
Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Vielen Dank, das Kompliment kann ich nur zurückgeben.“ Sie kam noch einen Schritt näher. Ihre rot lackierten Fingernägel fuhren über das Revers an seinem Jackett. „Bist du alleine hier?“
„Ja.“
„Sollen wir uns heute Abend die Zeit gemeinsam vertreiben?“
David fing ihre Hand ein. „Vielen Dank für das Angebot. Aber …“ Er zeigte ihr seine Hand mit dem Ehering. „Ich bin schon vergeben.“
„Und ist das ein Hindernis?“ Francesca ließ nicht locker, sie streifte mit ihren Lippen seine Wange. „Niemand muss es wissen“, raunte sie ihm zu.
Sanft schob David sie von sich. „Du bist eine schöne Frau – aber ich hab’ kein Interesse. Ich bin glücklich verheiratet.“
„Schade.“ Sie zog ein wenig einen Schmollmund. „Falls du es dir anders überlegst – ich bin die ganze Woche da“, zwinkerte sie ihm zu, dann verschwand sie zu seiner Erleichterung.
Er atmete innerlich auf, als sie gegangen war.

Der Abend wollte nicht umgehen, mehrere Male bekam er eindeutige Angebote. Natürlich schmeichelte das seinem Ego, schließlich waren hier attraktive Frauen anwesend, doch sehnen tat er sich nur nach einer. Und wenn er die schlanken Damen hier betrachtete, dann zog er das kleine Bäuchlein seiner Frau eindeutig vor.
Doch er tat seine Pflicht, tanzte mehrmals, knüpfte Kontakte, plauderte mit den Frauen seiner Geschäftspartner. Immer wieder wurde er fotografiert, erst in den frühen Morgenstunden konnte er endlich gehen.

Er telefonierte am nächsten Tag lange mit Charlotte, berichtete ihr ausführlich von dem Abend. Die Anmachversuche einiger Damen ließ er natürlich aus, schließlich wollte er sie nicht aufregen.
Es tat so gut, ihre Stimme zu hören, und er sehnte sich den Heimflug herbei.

Charlotte schlug die Zeitungen auf, natürlich war sie neugierig, was sie von der Tagung schreiben würden.
Neben der offiziellen Berichterstattung sah sie sich auch die Klatschblätter durch. Es gab viele Fotos von dem Empfang, David war auf den meisten auch drauf. Immer umringt von schönen Frauen.
Charlotte schluckte etwas. Natürlich wusste sie, dass dies mit zu seinem Job gehörte. Doch die Frauen waren alle so überirdisch schön, unwillkürlich streichelte sie über ihren Bauch, dachte daran, wie sie in ein paar Monaten aussehen würde.
Sie war alles andere als perfekt. Sie war es noch nie gewesen. Zwar war sie, verglichen mit ihrer Anfangszeit im Verlag, deutlich schlanker geworden, aber ihre Hüften waren viel rundlicher und ihr Busen mindestens eine Körbchengröße üppiger. Und wie würde ihr Körper nach der dritten Schwangerschaft aussehen? Charlotte wurde immer unsicherer.
Nein – mit diesen schönen Frauen konnte sie sich nun wirklich nicht messen.
Und was war mit David? Würde er sich nicht lieber eine schlankere Frau wünschen?
Doch dann schob sie die Zweifel weg. David war verrückt nach ihr, das sagte er immer wieder. Die Telefonate mit ihm waren teilweise sehr heiß. Nein – er sehnte sich nach ihr – und nur nach ihr.
Entschlossen schlug sie die Zeitschriften zu. Sie war seine Frau. Und er war ihr treu. Dessen war sie sich ganz sicher.

„Oh Gott, ich hab’ dich so vermisst!“ David zog sie an sich und küsste sie leidenschaftlich. Die Tage ohne sie waren ihm ewig lang vorgekommen und sie jetzt endlich wieder in die Arme schließen zu können, war einfach nur unvergleichlich schön.
„Ich dich auch.“ Charlotte bedeckte sein Gesicht mit Küssen. Ihre Hände glitten in seinen Mantel, streichelten darunter über seinen Rücken.
David seufzte, dann schob er sie bedauernd von sich. „Hör auf, Frau Herbold“, murmelte er an ihren Lippen. „Es sei denn du willst, dass ich schon hier am Flughafen über dich herfalle.“
Charlotte spürte, wie sie rot wurde. „Dann komm’ mit.“

„Wann kommen die Mäuse?“, fragte David, als sie im Auto nach Hause fuhren. Er musste zugeben schon enttäuscht zu sein, dass Charlotte ihn allein vom Flughafen abholen kam.
„Dein Vater bringt sie heute Abend. Er ist mit ihnen im Reitstall.“ Sie sah ihn entschuldigend an. „Wir dachten ja, dass du erst in der Nacht kommst.“
„Schon gut – dann haben wir mehr Zeit für uns.“ Er tastete nach ihrem Oberschenkel, streichelte zärtlich darüber.

Sie nutzten die Zeit ausgiebig, liebten sich mit einer Leidenschaft, die beiden mehrfach den Atem raubte.
„Ich hab’ mich so nach dir gesehnt“, David küsste zärtlich ihre Brüste, beobachtete lächelnd, wie schnell ihr Brustkorb sich hob und senkte.
„Ich mich auch nach dir.“ Charlotte zog ihn auf sich, doch David hatte Angst wegen ihres Bauches, legte sich ein wenig seitlich neben sie.
„Ich liebe dich“, flüsterte er immer wieder, streichelte mit seiner Hand die Wölbung ihres Bauches. „Ich freue mich so auf unser Kind.“
„Ich muss morgen zum Arzt. Kommst du mit?“
„Ja natürlich!“ David strahlte sie an. Er war schon total versessen darauf, es wurde wieder ein Ultraschall gemacht und er hoffte, dass man das Geschlecht erkennen konnte.
Am Abend brachte Julius die Flöckchen, sie fielen David stürmisch um den Hals und er freute sich, seine Kinder wieder in den Arm schließen zu können. Lange saß er noch an ihren Bettchen, ging, als sie schliefen noch ein paar Mal nach ihnen sehen. Er liebte diese beiden Lockenköpfchen so sehr, das er sich manchmal gar nicht an ihnen sattsehen konnte. Nie hätte er gedacht, dass man Kinder so sehr vermissen konnte.

„Dann schauen wir mal.“ Dr. Winter begann mit der Ultraschalluntersuchung und Charlotte und David schauten gespannt auf den Monitor.
„Es ist genauso entwickelt, wie es Ende der neunzehnten Woche sein sollte“, lächelte der Arzt. Plötzlich stutzte er und schaute Charlotte überrascht an. „Sehen Sie auch, was ich sehe?“
Charlotte war sich zunächst nicht sicher gewesen, aber es war ganz eindeutig zu erkennen. Sie war richtig erschrocken und konnte erst mal nur nicken.
David schaute ängstlich zwischen seiner Frau und Dr. Winter hin und her. „Was ist denn?“ In seiner Stimme schwang Panik mit.
„Entschuldigen Sie …“ Der Arzt beugte sich zu David und klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Alles ist in bester Ordnung. Wir haben nur gerade eine erstaunliche Entdeckung gemacht. Wollen Sie es ihm sagen, Frau Woźniak-Herbold?“
Charlotte griff nach Davids Hand. „Es sind zwei.“ Sie schluckte heftig. So langsam drang aber dann die Erkenntnis zu ihr vor. „Zwillinge … schau.“
Dr. Winter schob den Monitor näher an Charlotte heran. „Hier ist das erste Baby und da …“ Sie deutete auf das graue Wirrwarr, „ … ist das zweite…“
David konnte es nicht fassen. „Das … das gibt es doch gar nicht“, presste er erstaunt hervor. Zwei Kinder – Zwillinge! Immer wieder schwirrten diese Worte in seinem Kopf herum. Doch dann kam unbändige Freude in ihm auf. Er sprang auf und gab Charlotte einen stürmischen Kuss. „Es sind zwei … zwei Babys“, flüsterte er heiser.
„Ja“, zaghaft lächelte sie ihm zu. Sie war froh, dass er sich freute, bei ihr war die Freude etwas verhaltener. Sie brauchte noch etwas, um die Nachricht zu verdauen.
„Das zweite Baby hatte sich wirklich gut versteckt, deswegen haben wir es bei den vorigen Ultraschalluntersuchungen nicht gefunden“, lachte Dr. Winter. „Aber das kommt schon mal vor.“
Dann fuhr er mit der Untersuchung fuhr. „Aber ich sehe noch etwas“, grinste er. „Wie waren denn Ihre Wünsche bezüglich des Geschlechtes?“
„Ich wollte gerne ein Mädchen“, sagte David sofort. Doch was er erkennen konnte, war selbst für ihn eindeutig.
„Nun – das hier ist wohl ganz klar ein kleiner Junge“, erklärte ihm der Arzt. „Aber – auch für sie ist etwas dabei“, zwinkerte er David zu. „Denn Baby Nr. 2 müsste eine kleine Lady sein.“
„JA!“ David schrie laut auf und bedeckte Charlottes Gesicht erneut mit Küssen. „Ein Pärchen.“
‚Da staunst du, Woźniak – was ich alles kann! In Gedanken schickte er ihm einen überheblichen Gruß, doch er schimpfte sofort mit sich dafür.
Charlotte konnte es kaum noch fassen. Doch dann krabbelte auch in ihr die Freude hoch. Zwillinge bedeuteten zwar erheblich mehr Arbeit, aber sie fand den Gedanken an zwei Babys dann doch entzückend.
„Können Sie aber jetzt bitte noch mal ganz genau nachgucken, ob es auch bei Zweien bleibt?“, fragte sie den Arzt dann misstrauisch.
„Ja, ich bin mir relativ sicher, dass da nicht noch eins ist.“ Er tätschelte Charlotte beruhigend über die Hand.

David schwänzte den Rest des Tages im Verlag, stattdessen führte er Charlotte schick zum Essen aus.
„Ich muss in zwei Wochen wieder für drei Tage weg.“ Er verzog das Gesicht, als würde ihm eine Wurzelbehandlung bevorstehen.
„Kein Problem.“ Charlotte griff nach seiner Hand und streichelte sanft darüber. „Dein Vater hat dich doch darum gebeten, dass du immer mehr von seinen Aufgaben übernimmst.“
„Kannst du mitkommen?“ Er setzte seinen berüchtigten Bettelblick ein.
„Ich weiß nicht.“ Charlotte war sich unsicher. Einerseits war es schon verlockend, mal herauszukommen, andererseits wollte sie die Flöckchen nicht bei jemandem unterbringen müssen. Die Schwangerschaft war zwar unproblematisch, aber sie fühlte sich doch öfters schlapp und abgeschlagen. Und jetzt wo sie wusste, dass es zwei Babys waren, musste sie noch ein bisschen mehr aufpassen.
Außerdem stand Weihnachten vor der Tür und sie hatte noch eine Menge zu tun.
„Du musst nicht.“ David beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie auf die Nasenspitze. „Ist okay. Ist vielleicht auch besser, wenn es jetzt auch noch Zwillinge sind.“
„Ich würde lieber hierbleiben.“ Sie nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange. „Zwei … Es sind zwei.“ Sie lächelte ihn verliebt an.
„Ich kann es auch kaum fassen.“ David küsste zärtlich ihre Fingerspitzen. „Was unsere Mäuse wohl dazu sagen werden?“

„Hast du dann zweimal dein Glied bei Mami reingesteckt?“, bohrte Luna nach und David versuchte vor lauter Schreck nicht zu kollabieren.
„Ähm … also …“ Er stammelte und Lunas durchdringender Blick ließ ihn verzweifeln.
Auch Suri starrte ihn mit offenem Mündchen an.
„Das kann auch schon bei einem Mal passieren“, klärte Charlotte Luna auf. „Freut Ihr Euch?“, schob sie dann schnell hinterher. Sie wollte bei dem Thema auch nicht länger als nötig bleiben.
„Dann kriegt jeder von uns Eins zum sspielen … ist doch ssön.“ Suri strahlte ihre Schwester an.
„Ja!“ Jetzt strahlte Luna auch. „Aber die machen bestimmt eine Menge Krach.“
„Oh – ich kenne da zwei Mäuse, die machen das auch.“ David zwinkerte den beiden zu, die daraufhin laut loskicherten.
Die Verwandtschaft wurde höchstpersönlich von Suri und Luna informiert. Es wurde freudig aufgenommen und Philipp, als erfahrener Zwillingsvater, konnte es natürlich nicht lassen, ein paar Sprüche über Zwillinge zu verlieren.
Nur, dass es ein Pärchen war, das behielten David und Charlotte für sich.

Warum schaust du dir die Bilder eigentlich an?, schimpfte sie mit sich. Doch sie konnte nicht anders. Immer wieder blätterte sie das Hochglanz-Klatschmagazin durch. Auf den Fotos war David in einem angesagten Club abgelichtet, er hatte ihr erzählt, dass er ihn mit einem großen Anzeigenkunden besucht hatte. Es gehörte eben zu seinem Job. Doch sie störte sich an den kurzen Sätzen, die noch in dem Artikel standen.

Immer öfter sieht man David Herbold jetzt allein auf Gesellschaften. Fällt er wieder in sein altes Schema zurück oder muss sich seine Frau wegen ihrer Schwangerschaft schonen? Jedenfalls scheint der Junior-Verlagsinhaber wieder äußerst wohl in der Nähe von schönen Frauen zu fühlen.

Obwohl sie sich immer wieder einredete, dass das alles nichts zu bedeuten hatte, nagte es an ihr. David hatte den Artikel auch gelesen und nur gelangweilt mit den Schultern gezuckt. Er hatte ihr danach auf sehr einfühlsame und zärtliche Weise gezeigt, wie sehr er sie liebte, doch Charlotte fand in dieser Nacht keinen Schlaf.

Sie stand auf und setzte sich im Wohnzimmer auf die Fensterbank. Sie schaute hinaus in die dunkle Dezembernacht. In zwei Wochen war schon Weihnachten.
David und sie freuten sich schon sehr darauf. Das erste Fest als Familie Woźniak-Herbold. Die Geschenke hatte sie fast alle besorgt, auch heute war sie den ganzen Tag unterwegs gewesen, um noch kleinere Erledigungen zu machen.
Sie hatte das Haus geschmückt, viele Dekosachen waren noch in Kartons verpackt, die sie vom Dachboden der Villa geholt hatte. David hatte abends sehr mit ihr geschimpft, als er gesehen hatte, dass sie das alles im Alleingang runtergeschleppt hatte. Doch es ging ihr gut. Sie fühlte sich zwar nicht so topfit wie bei den anderen Schwangerschaften, aber sie hatte keinerlei Probleme.
Aber immer wieder kamen ihr die Bilder von David und den Frauen in den Sinn. Kurz war sie versucht gewesen, ihn darauf anzusprechen, doch dann hatte sie den Mut dazu nicht gefunden. Vielleicht würde er dann auch denken, sie würde ihm nicht vertrauen und verärgert sein.
Unbewusst streichelte sie sich über ihren Bauch. Er wurde kurz hart und sie spürte ein Ziehen in ihrem Rücken. Charlotte runzelte die Stirn. Übungswehen, schoss es ihr durch den Kopf. Oder du bist heute zuviel herumgerannt. Sie maß dem allen keine große Bedeutung zu.
Doch sie nahm sich vor, sich jetzt etwas mehr zu schonen. Im gleichen Moment schossen ihr wieder tausend kleine Sachen durch den Kopf, die sie unbedingt noch vor Weihnachten erledigen wollte.
Und immer wieder tauchten Bilder in ihr auf, von David und den Frauen.
Sie versuchte, ihre Unsicherheit wegen David wegzuschieben, fand sich selbst ungerecht, ihm überhaupt irgendwas unterstellen zu wollen, und ging mit schlechtem Gewissen schließlich wieder zurück zu ihm ins Bett.
Sie schmiegte sich an ihn, kurz spürte sie nochmals eine Verhärtung in ihrem Bauch, dann schlief sie aber erschöpft ein.

Die Fotoapparate blitzen auf, als David Charlotte aus dem Auto half. Er legte einen Arm um sie und strahlte in die Kameras. Dann hauchte er einen Kuss auf ihre Schläfe, er hoffte, dass damit alle dämlichen Spekulationen über sie und ihn vom Tisch wären und führte sie hinein in die Empfangshalle des Hotels.
Galant nahm er ihr den Mantel ab, ließ bewundernd den Blick über sie streifen. Sie sah bezaubernd in dem weinroten Kleid aus, ihr Bauch war deutlich zu erkennen und er platzte voller Stolz, sich mit ihr zu zeigen.
Charlotte schaute sich ein wenig unsicher um. Sie mochte Veranstaltungen dieser Art nicht, doch diese Einladung war ein Pflichttermin. Und David hatte sie so lieb darum gebeten mitzukommen, dass sie es ihm nicht ausschlagen konnte.
Inmitten des riesigen Festsaales stand ein großer Tannenbaum, der sehr prächtig geschmückt war.
„Der würde unseren Mäusen gefallen, was?“ David umschlang Charlotte von hinten und legte seine Hände zärtlich auf ihren Babybauch.
„Ja.“ Charlotte lächelte versonnen, lehnte sich an ihn an. In drei Tagen war Weihnachten und ihre Töchter waren schon in heller Aufregung.
„Tanzt du mit mir?“, raunte David in ihr Ohr.
Charlotte nickte und er führte sie auf die Tanzfläche. Soweit es ihr Bauch zuließ, zog er sie an sich.
„Man beobachtet uns“, flüsterte sie. Er hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme.
„Das will ich doch hoffen“, grinste er. „Alle sollen sehen, was für eine schöne Frau ich habe.“
Charlotte biss sich auf die Lippen. Sie fühlte sich überhaupt nicht schön. Sie fühlte sich im Vergleich zu den anderen Damen hier im Saal unansehnlich und unförmig.

Als der Tanz beendet war, begrüßte David ein paar Geschäftspartner und Charlotte nutzte die Gelegenheit, mal auf die Toiletten zu verschwinden.
Als sie wiederkam, war David in ein lebhaftes Gespräch mit einer schönen Frau vertieft. Charlotte kannte sie, sie war eine bekannte Journalistin. Die beiden wirkten sehr vertraut, immer wieder berührte die Frau David am Arm oder an der Schulter.
Charlotte wollte zu ihnen gehen, da tauchte dieses Ziehen in ihrem Rücken wieder auf, diesmal war es nur um einiges unangenehmer als all’ die anderen Male zuvor. Charlotte hielt kurz inne, sah dann einen freien Stuhl und setzte sich. Wie vor kurzem auch, verhärtete sich ihr Bauch. Sie streichelte sanft darüber, bekam aber jetzt ein sehr mulmiges Gefühl. Angst kroch in ihr hoch. Was passiert hier?

Nach kurzer Zeit war der Spuk vorüber und Charlotte rappelte sich auf. Zielstrebig ging sie auf David und die Frau zu. Eigentlich war es nicht ihre Art, ihn bei Gesprächen zu stören, aber jetzt ging es nun mal nicht anders.
„Hallo“, sagte sie zögernd. „Entschuldigen Sie bitte, ich müsste mal kurz meinen Mann sprechen.“ Sie verfluchte sich, weil sie so unsicher klang.
Die Frau ließ ihren Blick abfällig über Charlottes Körper schweifen, blieb dann eine Weile an ihrem Bauch haften.
„Natürlich“, sagte sie nur spöttisch und rauschte ab.
Charlotte schluckte heftig. Für einen kurzen Moment überlegte sie noch, ob sie ihn einfach so hier herausreißen konnte. Aber die Angst um ihre Babys überwog jetzt.
David schaute sie besorgt an. „Hey Liebling, was ist denn los?“
Sie antwortete nicht, umarmte ihn nur und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals.
„Bitte fahr mich zu einem Arzt“, bat sie ihn mit zitternder Stimme.