Eine zweite Chance – Teil 46

„Was?“ Davids Herzschlag begann zu rasen. Er schob sie etwas von sich und musterte sie eingehend. Sie war blass und Schweißperlen hatten sich auf ihrer Stirn gebildet.
„Was ist los, Charlotte? Sag’ doch was!“ Er schüttelte sie leicht an den Schultern. „Fühlst du dich nicht gut?“
Suchend sah er sich um, entdeckte einen freien Stuhl und führte sie dorthin.
„Tut … tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe. Ich … ich glaube, ich habe Wehen, David“, flüsterte sie und in ihrem Blick lag die blanke Angst.
„Oh Gott. Ich rufe einen Krankenwagen!“ In David krampfte sich alles zusammen, er tastete nach seinem Handy, doch Charlotte hielt seine Hand fest.
„Fahr mich einfach zu einem Arzt, bitte. Ich möchte kein Aufsehen erregen“, sagte sie eindringlich.
„Geht es Ihrer Frau nicht gut? Soll ich ein Glas Wasser holen?“ Die Frau eines Geschäftspartners sprach ihn an. Sie sah aufmerksam zwischen ihm und Charlotte hin und her.
Er bemühte sich, sich seine aufkommende Panik nicht anmerken zu lassen.
„Danke, es geht schon.“ Er versuchte ein unverbindliches Lächeln, dann legte er einen Arm um Charlottes Taille und führte sie behutsam aus dem Saal heraus.

Die Fahrt bis zum Krankenhaus kam ihm endlos vor. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, wie Charlotte die Hand auf den Bauch legte und sich versteifte.
Sie bemühte sich sehr, David nicht zu sehr zu beunruhigen. Doch als im Auto die nächste Wehe kam, war es um ihre Fassung vorbei. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, begann leise zu weinen.
Bitte, bitte lass’ den Babys nichts passieren!, betete sie innerlich. Das ist alles deine eigene Schuld! Ihr Gewissen meldete sich laut zu Wort. Was musst du auch so ein Stress wegen Weihnachten machen?
David legte seine Hand auf ihren Oberschenkel. „Hey Liebling. Keine Sorge, wir sind bald da.“ Seine Stimme war heiser, er bemerkte es selbst. Die Angst um sie und die Kinder schnürte ihm fast die Kehle zu.

Er hielt direkt vor der Notaufnahme, sofort kam eine Schwester zu ihm gerannt und begann zu schimpfen. „Sie können da nicht stehen bleiben!“, herrschte sie ihn an.
„Meine Frau ist in der 23. Woche mit Zwillingen und hat Wehen“, blaffte er los.
Die Schwester hastete hinein und kam mit einem Arzt und einem Pfleger zurück.
„23. Woche?“, wiederholte der Arzt und half Charlotte aus dem Auto.
Sie nickte nur. David holte aus ihrer Tasche den Mutterpass und überreichte ihn dem Pfleger.
„Bitte fahren Sie das Auto weg und kommen Sie dann in den vierten Stock“, sagte die Schwester nur knapp zu David.

Charlotte wurde eingehend untersucht, kam an ein CTG und eine Infusion wurde gelegt. Eine Ärztin, die sich als Dr. Braun vorstellte, hatte jetzt ihre Betreuung übernommen. Sie war sehr nett, streichelte immer wieder ihre Hand. Doch Charlottes Angst wurde mit jeder Wehe, die sie verspürte, größer.
„Was ist mit den Babys?“, fragte sie flehend.
„Es ist folgendes: Der Gebärmutterhals ist bereits verkürzt, wir werden Ihnen jetzt ein Cerclage-Pessar einsetzen, das bis zur 37. Schwangerschaftswoche drinbleiben muss. Zusätzlich bekommen sie wehenhemmende Mittel. Wir werden Sie ein paar Tage hierbehalten müssen, bis die Medikation richtig eingestellt ist. Und das Wichtigste ist jetzt: absolute Bettruhe. Sie dürfen auf Toilette gehen – mehr aber auch nicht!“ Die Ärztin lächelte Charlotte lieb an. „Ich weiß, dass das schwer ist, aber das ist leider die einzige Möglichkeit die Schwangerschaft länger zu erhalten und jeder Tag zählt.“
Charlotte schaute sie entsetzt an und schluchzte laut auf. „Aber … aber das geht doch nicht! Ich habe zwei Kinder und es ist doch bald Weihnachten … und …“
„Bitte beruhigen Sie sich. Es gibt keine Alternative, tut mir leid.“ Dr. Braun streichelte Charlotte über die Wangen. „Ich hole jetzt mal Ihren Mann hinein, ja?“
Charlotte nickte nur. Sie schloss verzweifelt die Augen. Das war alles ein riesengroßer Albtraum, das durfte nicht sein. Immer wieder fuhr sie mit ihren Händen über ihren Bauch und sie fühlte sich unglaublich schuldig.

David wartete bereits nervös auf dem Krankenhausflur. Endlich wurde die Tür eines Behandlungszimmers aufgemacht und eine junge Ärztin trat hinaus.
„Mein Name ist Dr. Braun.“ Sie reichte ihm die Hand.
„Wie geht es meiner Frau?“
„Die Wehen haben nachgelassen. Wir werden ihr gleich ein Pessar legen, das den Muttermund entlastet. Außerdem wird sie wehenhemmende Medikamente bekommen. Das Wichtigste ist aber: absolute Bettruhe. Sie darf jetzt wirklich erst mal nur noch Liegen. Hatte Ihre Frau viel Stress in der letzten Zeit?“
David fuhr sich nervös mit den Fingern durch die Haare. „Sie arbeitet halbtags in unserem Verlag. Dann die Weihnachtsvorbereitungen …“ Ihm fiel ein, dass sie die Kartons vom Dachboden heruntergeholt hatte.
„Arbeiten wird sie nicht mehr können. Haben Sie eine Haushaltshilfe?“, fragte die Ärztin weiter.
„Ja, die haben wir. Ich werde veranlassen, dass sie ab sofort jeden Tag kommt“, stammelte er. Er sah die Ärztin flehend an. „Aber es wird ihr und den Babys doch nichts passieren, oder?“
„Wir haben gute Erfahrungen gemacht“, lächelte Dr. Braun ihm zu. Dann öffnete sie ihm die Zimmertüre.

Charlotte lag auf einer Liege, sie war an einen Tropf angeschlossen. Er ging schnell zu ihr und setzte sich auf die Kante.
„Es tut mir so leid … es ist alles meine Schuld“, flüsterte sie nur und griff zitternd nach seiner Hand.
„Was? Nein!“ David schaute hilfesuchend zur Ärztin.
„Sie sollten sich so etwas nicht einreden“, beruhigte Dr. Braun sie. „So was kommt nun mal vor. Wichtig ist jetzt nur, dass sie sich an die absolute Bettruhe halten.“
„Doch! Ich bin schuld, wenn den Babys etwas passiert“, wieder schossen Charlotte die Tränen in die Augen.
„Ist gut, Liebling“, David streichelte ihr übers tränennasse Gesicht. „Bitte mach’ dir keine Vorwürfe.“
„Hören Sie auf ihren Mann. Und wir tun alles, damit es ihren Babys gut geht.“ Die Ärztin warf noch einen Blick auf das CTG. „Das Medikament schlägt schon mal gut an“, sagte sie zufrieden und ging hinaus.
David beugte sich über Charlotte, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. „Alles wird gut, mein Schatz“, raunte er ihr zu.
Sie hielt seine Hand fest umklammert. „Du hättest alles Recht der Welt auf mich böse zu sein“, flüsterte sie mit erstickter Stimme.
„Charlotte, jetzt hör auf!“ Er kniff ihr in die Nase. „Ich will so was nicht hören. Wir stehen das hier gemeinsam durch und bald werden wir zwei wunderschöne gesunde Babys haben.“
Die Ärztin kehrte mit einem Kollegen zurück und man bat David draußen zu warten.

Charlotte bekam das Pessar gelegt und sie wurde auf ein Einzelzimmer gebracht.
David wartete schon ungeduldig auf sie. „Ich hole ein paar Sachen für dich, okay?“
„Ja, danke.“ Charlotte wollte ihn am liebsten nicht gehen lassen, noch immer machte sie sich die schlimmsten Vorwürfe.
Es durfte einfach nichts passieren. Die Babys mussten gesund zur Welt kommen. An etwas anderes wagte sie gar nicht zu denken.
Charlotte fühlte sich so hilflos. Sie starrte immer wieder auf die Infusionsflasche, hoffte, dass jeder Tropfen, der hinabfiel in die klare Flüssigkeit, die Wehen endgültig stoppen konnte.
Charlottes Gedanken schweiften ab. Nächsten Monat ist es zwei Jahre her … Zwei Jahre, seit diesem schrecklichen Tag …
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Das Leben kann so schnell die Richtung ändern – schon vergessen?
Dann zwang sie sich positiv zu denken. Es würde nichts Schlimmeres passieren. Die Kinder würden gesund zur Welt kommen und sie, David und die Flöckchen würden eine glückliche Patchwork-Familie sein.

David schaute auf die Uhr, es war schon nach Mitternacht, doch er griff zum Telefon.
Er hoffte, dass seine Mäuse nicht durch das Klingeln wach werden würden, es dauerte eine Weile, dann hörte er die verschlafene Stimme von Charlottes Mutter.
„Heidi? David hier“, begann er hastig.
„David? Es ist schon spät.“ Heidis Stimme klang verwundert.
„Ich weiß, es tut mir leid. Ich hoffe, Luna und Suri sind nicht wach geworden“, beeilte er sich zu sagen.
„Nein, wir haben das Telefon extra aus dem Schlafzimmer herausgeholt. Aber warum rufst du an?“
„Es geht um Charlotte. Sie hatte vorzeitige Wehen. Sie ist jetzt im Krankenhaus und wird ein paar Tage dortbleiben müssen.“ Er schluckte. Darüber zu reden machte es irgendwie noch realer, greifbarer.
„Oh Gott. Ist was mit den Babys?“
„Nein, den Kindern geht es gut. Charlotte darf nur nicht mehr aufstehen, sie muss absolute Bettruhe einhalten“, sprach er leise weiter.
„Wie furchtbar. Ich hab’ ihr letztens schon gesagt, dass sie sich zuviel zumutet. Der ganze Stress im Verlag, dann die Weihnachtsvorbereitungen. Ich hab ihr gesagt, sie solle auf ihren Vater warten, der würde ihr die Kartons vom Dachboden holen und ihr helfen, alles aufzuhängen – aber nein!“ Heidi redete sich jetzt langsam in Rage, doch David wollte das jetzt nicht hören.
„Hör zu“, bat er Charlottes Mutter. „Ich wollte Euch nur darum bitten, auf die beiden morgen aufzupassen, damit ich im Krankenhaus bei Charlotte bleiben kann.“
„Natürlich. Dürfen die Kleinen Charlotte denn besuchen?“ Heidi klang wieder versöhnlicher. „Sie werden ihre Mama vermissen.“
„Klar, ich wüsste nicht, was dagegen spräche.“

Etwas erleichterter packte David Charlottes Sachen zusammen. Dann fuhr er wieder ins Krankenhaus.

Leise klopfte er an, es kam keine Antwort, darum öffnete er vorsichtig die Tür. Charlotte lag im Bett und schaute zum Fenster.
Er ging näher an ihr Bett, sah, dass sie geweint hatte.
„Hey Liebling“, zögernd strich er ihr über die Haare.
Charlotte zuckte zusammen, dann lächelte sie ihm traurig zu.
„Ich räume deine Sachen dort ein, ja?“ Er deutete auf den Schrank.
Charlotte nickte, beobachtete ihn.
„Danke“, sagte sie dann schließlich heiser.
David setzte zu ihr aufs Bett, nahm ihre Hand. „Wie geht es dir?“
„Besser. Die Wehen haben nachgelassen, sind fast nicht mehr messbar. Ich hoffe, sie lassen mich bald nach Hause“, nervös spielte sie mit seinen Fingern. „Ich mache mir solche Vorwürfe.“
„Hörst du wohl endlich auf damit!“ Er beugte sich über sie und küsste sie zärtlich. „Die Mäuse bleiben morgen bei deinen Eltern.“
„Gut“, antwortete Charlotte. Dann spürte sie ein leichtes Zucken in ihrem Bauch. Wieder schossen ihr die Tränen in die Augen, diesmal aber vor Erleichterung. Sie schob die Bettdecke weg, nahm Davids Hand und legte sie auf ihren Bauch.
„Es scheint ihnen gut zu gehen“, flüsterte sie unter Tränen, dann lächelte sie leicht.
David war froh, sie nicht mehr ganz so traurig zu sehen. „Gott sei Dank.“

Die Nacht verlief ruhig und am nächsten Morgen wurde Charlotte nochmals gründlich untersucht.
„Wenn alles so bleibt, dürfen Sie Heiligabend nach Hause. Aber Sie müssen sich an die Bettruhe halten“, mahnte die Ärztin nachmittags an.
Charlotte atmete erleichtert auf. „Das mache ich – ganz bestimmt“, versprach sie Dr. Braun. Charlotte hatte schon befürchtet, Weihnachten ohne ihre Familie feiern zu müssen.
Die Tür wurde aufgerissen und zwei kleine Lockenköpfe stürmten an Charlottes Bett. Luna hatte einen Blumenstrauß in der Hand und Suri eine Packung Schoko-Herzen.
„Mami! Geht’s dir nicht gut?“ Luna schaute sie traurig an.
Die Ärztin stand lächelnd vom Bett auf und betrachtete mit verzücktem Blick die beiden Mädchen.
„Doch, es geht mir schon viel besser“, beruhigte Charlotte ihre Älteste.
„Sind die Babys noch im Bauch?“, fragte Suri weiter.
„Ja und sie sollen noch weiter drin bleiben und wachsen.“ Charlotte streichelte ihren beiden über die Haare.
„Aber die Mami darf nicht aufstehen, sie muss ganz ruhig liegen bleiben.“ Dr. Braun ging in die Hocke vor die beiden Kleinen.
Die Flöckchen lauschten ihr andächtig. „Manche Babys wollen schon früher aus dem Bauch, als es gut für sie wäre. Dann muss man alles dafür tun, dass sie noch drin bleiben. Und Eure Mama darf sich nicht anstrengen oder aufregen. Könnt Ihr ein bisschen auf sie aufpassen?“
„Ja, das machen wir!“ Suri nickte heftig mit dem Köpfchen.
„Ja“, auch Luna bestätigte das.
„Ihr werdet bestimmt ganz tolle große Schwestern“, lachte die Ärztin leise und stand auf.

David hatte die Szene zusammen mit Stefan und Heidi von Tür aus beobachtet. Er war so stolz auf seine Mädchen.
Dr. Braun kam auf sie zu und grüßte alle freundlich. „Es ist so weit alles in Ordnung“, zwinkerte sie David zu.