Eine zweite Chance – Teil 47

„So, meine Kleine …“ Stefan setzte sich zu Charlotte aufs Sofa und gab ihr einen Tee, dann stopfte er ihr ein Kissen in den Rücken.
„Danke Papa. Aber das kann ich doch selbst“, protestierte sie.
„Nix da, Mäuschen. Du sollst ruhig liegen bleiben“, beharrte er. Dann sah er auf die Uhr. „Gleich halb sechs. Die Kirche müsste jetzt aus sein.“
Charlotte beobachtete ihn amüsiert. Er wurde immer aufgeregter und rutschte schon nervös auf dem Sofa herum. Seit Suri und Luna auf der Welt waren, verwandelte sich ihr Vater an Heiligabend jedes Mal selbst wieder in ein kleines Kind. Er war mit Sicherheit ungeduldiger als die beiden, wenn es ans Geschenkeauspacken ging.
„Geht es dir auch wirklich gut?“ Zum gefühlten 358. Mal stellte er Charlotte jetzt diese Frage.
„Ja, es geht mir gut.“
„Schön, dass sie dich heute rausgelassen haben.“ Er zwickte ihr in die Wange.
„Das finde ich auch.“ Sie schmiegte ihr Gesicht in seine große, kräftige Hand. Weihnachten im Krankenhaus, das hätte sie doch sehr traurig gemacht.

Charlotte versank wieder in Gedanken. David hatte sie heute nach Hause geholt. Die wehenhemmenden Medikamente hatten gut angeschlagen und sie hatte sie jetzt in Tablettenform mit nach Hause bekommen. Zusätzlich dazu bekam sie noch Antibiotika und Magnesium, die Schachteln stapelten sich vor ihr auf dem Wohnzimmertisch.
David hatte sie nicht eine Sekunde aus den Augen gelassen, sie vom Auto ins Haus getragen, was Charlotte schon sehr peinlich war. Und nur sehr widerwillig war er mit seinen Eltern, Heidi und den Flöckchen dann zum Gottesdienst in die Kirche gegangen. Er hatte ihr alles noch einmal vorgebetet, was die Ärzte ihr angeordnet hatten: Liegen, Liegen, Liegen. Nur mal kurz um auf die Toilette oder zum Duschen zu gehen, durfte sie aufstehen.
Charlotte seufzte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie das wirklich durchhalten sollte. Sie bekam jetzt schon einen Rappel, es juckte ihr in den Fingern noch die ein oder andere Kleinigkeit vorzubereiten, doch sie hielt sich natürlich an die Vorgaben. Nächstes Jahr gibt es ja wieder ein Weihnachten, sagte sie sich immer wieder vor.

Die Haustür wurde aufgeschlossen und Charlotte hörte fröhliche Kinderstimmen und Lachen.
David kam sofort zu ihr, küsste sie zärtlich. „Alles klar?“
„Ja, natürlich. Wie war der Gottesdienst?“
„Schön – aber du kennst ja deine Jüngste.“ Er grinste breit. „Das Plappermäulchen stand nicht still. Aber dafür hat sie schön laut mitgesungen.“
Charlotte lachte auf und es war schön, sie so zu sehen. Im Krankenhaus hatte David sie oft ertappt, wie sie völlig in Gedanken zu sein schien. Er wusste, dass sie sich immer noch Vorwürfe machte, dass sie sich die Schuld gab, an den vorzeitigen Wehen. Und er befürchtete, dass sich das wohl bis zur Geburt nicht ändern würde.
Umso dankbarer war er, dass er sie heute mit nach Hause nehmen durfte. Weihnachten ohne sie oder im Krankenhaus – das wäre für alle deprimierend geworden.
„David, können wir jetzt endlich?“ Stefan tippelte ungeduldig von einem Bein aufs andere.
„Na klar.“ Er lächelte Charlotte noch einmal zu, sie setzte sich etwas auf dem Sofa auf und – endlich, endlich – durfte Charlottes Vater das Glöckchen läuten.

Mit glänzenden Augen stürmten Suri und Luna ins Wohnzimmer. Dann blieben sie ehrfürchtig vor dem Tannenbaum stehen. David hatte ihn gestern zusammen mit den Mädchen in dem Privatwald seines Vaters geschlagen und mit ihnen gemeinsam geschmückt. Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer und Magdalena hatte schnell das Licht gedimmt, sodass nur noch der Weihnachtsbaum und die Kerzen das Zimmer erleuchteten.
Charlotte fand es zu niedlich, wie die Kleinen alles bestaunten. Luna war mittlerweile über die wahre Identität des Christkinds aufgeklärt, Suri glaubte noch daran.

Schnell waren die Geschenke ausgepackt und die leuchtenden Augen und das Strahlen auf den kleinen Gesichtern verrieten, dass wohl auch wirklich die geheimsten Wünsche erfüllt worden waren.
Heidi und Magdalena bereiteten das Essen vor und Charlotte schaute etwas gefrustet zu, wie alle an dem Tisch saßen.
David nahm dann aber zwei Teller und kam zu Charlotte.
„Ist doch alles nur vorübergehend…“, versuchte er sie zu trösten.
„Ja, entschuldige.“ Charlotte schimpfte mit sich selbst, sie wollte sich doch keine Traurigkeit anmerken lassen. Schon gar nicht heute.

Nach und nach gesellten sich alle mal zu Charlotte auf die Couch, die beiden ‚Opas’ waren eifrig dabei, mit den Flöckchen alles aufzubauen.
Es wurde ein schöner Abend, auch Charlotte entspannte sich schließlich immer mehr, konnte das Weihnachtsfest auch genießen.
Als die Gäste fort und die beiden Mädchen in ihren Betten waren, legte sich David zu Charlotte aufs Sofa. Er reichte ihr ein kleines, hübsch verpacktes Geschenk.
„Frohe Weihnachten, mein Liebling“, flüsterte er in ihr Ohr.
„Danke.“ Charlottes Stimme klang ganz rau. „Wir wollten uns doch nichts schenken“, schimpfte sie leise mit ihm.
„Ist ja nur eine Kleinigkeit.“ David setzte seinen berüchtigten Blick auf und Charlotte kniff ihm in die Nase.
Es war ein Bettelarmband. Daran befestigt waren Anhänger in Form von einer Sonne, einem Mond und einem Segelboot.
„Es ist wunderschön.“ Charlotte fiel ihm um den Hals und drückte ihn fest an sich. „Ich liebe dich so sehr…“ Sie kämpfte gegen einen Kloß im Hals an. Immer wieder schaute sie sich das Armband an.
„Bald kommt noch ein Symbol hinzu.“ David streichelte ihr zärtlich über den Bauch.
„Ja“, schluchzte Charlotte und nickte heftig.
„Ich liebe dich. Und ich bin so froh, dass du heute hier bist.“ Er küsste sie jetzt zärtlich auf ihre weichen Lippen.
Charlotte schloss die Augen, genoss es, ihn zu schmecken. Schnell wurde der Kuss leidenschaftlicher, ihr Herzschlag beschleunigte sich. Immer heftiger spielten ihre Zungen miteinander, sie schob ihre Hand und sein Hemd und streichelte über seine nackte Haut. Schließlich war es David, der sie sanft von sich schob.
„Charlotte“, flüsterte er heiser. Bedauernd sah er sie an. „Lass uns aufhören…“
„Ja, entschuldige…“ Sie knetete nervös ihre Finger, dachte schuldbewusst an die weitere Order ihrer Ärztin aus dem Krankenhaus. Kein Sex!, hörte sie die mahnende Stimme in ihrem Ohr.
Dann rappelte sie sich wieder auf, griff unter das Sofa und holte ebenfalls ein Geschenk heraus.
David lachte und zog die Augenbrauen hoch. „Keine Geschenke … soso.“
„Ist nur eine Kleinigkeit“, grinste Charlotte.
David packte es neugierig aus, es war ein kleiner silberner Schlüsselanhänger mit einem Segelboot und ein kleines Fotoalbum. Auf manchen Seiten war ein Ultraschallfoto eingeklebt.
David schaute sich gerührt die Fotos an. Am besten gefiel ihm eines, auf dem Luna und Suri auf dem Segelboot waren und mit ihren Schwimmwesten in die Kamera strahlten. Auf vielen Fotos war er mit den Mädchen alleine drauf.
„Das ist superschön. Jetzt hab’ ich ein eigenes Album von mir und den Mäusen“, sagte er und war sichtlich bewegt.
Charlotte streichelte ihm übers Gesicht. Sie wusste, dass er sich immer noch ein bisschen schwertat, wenn er sich Bilder anschaute, auf denen die Mädchen mit Jonny drauf waren. Für David waren es auch seine Kinder – und zumindest in diesem Album hatte er sie jetzt auch exklusiv für sich.
„Danke“, sagte er leise und schaute sich die Fotos immer wieder aufs Neue an.
Meine Mädchen…, dachte er stolz und lächelte in sich hinein.
Luna und Suri hatten ihm einen selbstgemalten Kalender geschenkt und David war immer wieder von Lunas Zeichentalent verblüfft. Es ließ sich zweifelsfrei erkennen, welche Bilder von ihr stammten und welche von Suri.
„Ich hab’ tolle Geschenke bekommen“, zärtlich biss er Charlotte in die Nase, dann schmiegte er sich eng an sie.
Lange saßen sie in dieser Nacht zusammen. Schließlich trug David sie nach oben ins Schlafzimmer. Charlotte war das wieder sehr unangenehm, doch sie wusste, dass jeglicher Protest zwecklos war.

David schlief schon längst, doch Charlotte lag lange wach in dieser Nacht. Sie war froh, zuhause zu sein, bei ihrer Familie. Und doch konnte sie die Gedanken nicht loswerden, dass sie alleine für alles verantwortlich war.
Sie dachte daran, wie ihre Mutter sie im Krankenhaus besucht hatte. Heidi hatte ihr Vorhaltungen gemacht, dass sie sich übernommen hätte.
Charlotte hatte sich verteidigt, bei den anderen Schwangerschaften hatte sie sich nicht anders verhalten. Doch insgeheim musste sie ihrer Mutter natürlich recht geben. Sie hatte die alleinige Verantwortung, dass den Babys nichts passierte. Und sie hatte diesbezüglich versagt.
David hatte sie nichts von dem Gespräch erzählt, er hätte sich nur aufgeregt und sicherlich ihre Mutter zur Rede gestellt. Und so kurz vor Weihnachten wollte Charlotte das auf jeden Fall vermeiden.
Alles wird gut, sprach sich Charlotte immer wieder Mut zu. Dann betrachtete sie noch lange ihren schlafenden Mann, bevor auch ihr die Augen zufielen.

„Guten Morgen.“ Sie wurde zärtlich geweckt, sah in tiefbraune Augen. David hatte Frühstück gemacht und krabbelte zu ihr mit ins Bett.
„Sind Suri und Luna auch schon wach?“, fragte Charlotte verschlafen.
„Schon seit einer Stunde“, stöhnte David. Charlotte sah auf die Uhr, es war gerade mal halb neun. „Sie haben kurz was gegessen und sind jetzt mit ihren Spielsachen beschäftigt. Ich hätte dich ja schlafen lassen, aber …“ Er schob ihr die Tablettenpackungen hin und reichte ihr ein Glas Wasser. „Es wird Zeit, dass du sie einnimmst.“
„Danke“, sagte Charlotte gerührt. Sie schämte sich ein bisschen, dass sie nicht selbst dran gedacht hatte, sich einen Wecker zu stellen. Doch sie war erst gegen fünf Uhr morgens eingeschlafen, und hatte dies ganz offensichtlich vergessen.
Nach dem Frühstück ging sie ins Bad, immer kritisch beäugt von David.
„Wenn irgendetwas ist, ich warte vor der Tür“, erklärte er ihr besorgt. Er wusste, dass er ihr damit wahrscheinlich auf die Nerven gehen würde, doch er hatte einfach zu große Angst, dass sie wieder Wehen bekam.
„In Ordnung.“ Charlotte lächelte ihm zu, duschte schnell und zog sich an.
David ließ es sich nicht nehmen, sie die Treppe hinunter zu tragen, obwohl Charlotte jetzt energisch dagegen protestierte.

Gegen Mittag sollten eigentlich Konrad und Mariana kommen, doch es tat sich nichts. Charlotte wurde immer unruhiger, versuchte ein paar Mal, sie auf dem Handy zu erreichen. Eigentlich hatten Jonnys Eltern erklärt, dass sie gar nicht an den Weihnachtsfeiertagen kommen wollten, wegen Charlottes Problemen. Doch sie hatte sie inständig darum gebeten. Die Flöckchen hatten sich schon so auf sie gefreut, und Weihnachten ohne ihre Großeltern war für die Kleinen nicht denkbar.
Charlottes Eltern hatten dann erklärt, Konrad und Mariana bei sich aufzunehmen, obwohl es eigentlich so geplant war, dass sie in Davids und Charlottes Villa schlafen sollten. Aber man hatte über Charlottes Kopf hinweg entschieden, dass weniger Trubel für sie besser wäre und Charlotte hatte sich missmutig gefügt.
Mit fünfstündiger Verspätung klingelte es dann an der Tür. Suri und Luna rannten hastig und öffneten die Haustüre.
Es wurde ein stürmischer Empfang und David wurde von Jonnys Eltern herzlich begrüßt.
„Wir sind auf die falsche Autobahn gewechselt und haben es erst sehr spät bemerkt“, erklärte Konrad verlegen.
Charlotte grinste nur. Das war so typisch für die beiden Chaoten.
Mariana setzte sich sofort zu Charlotte. „Wie geht es dir, mein Kind?“
„Es geht besser. Ich darf nur nicht aufstehen“, erklärte Charlotte ihr.
„Das tut mir so leid für dich.“ Marianas Mitgefühl war echt und Charlotte schossen die Tränen in die Augen. Anders als ihre Mutter fand sie nur tröstende und aufbauende Worte für Charlotte. Die Warmherzigkeit von Mariana rührte Charlotte jedes Mal aufs Neue.

Es wurde ein fröhlicher Abend, es war laut und turbulent. Irgendwie schienen das auch die Babys zu spüren, sie strampelten und traten sehr heftig.
Charlotte lehnte sich auf dem Sofa zurück, streichelte immer wieder über ihren Bauch.
„Bewegen sie sich?“ Mariana kam lächelnd zu ihr.
„Sie sind ziemlich munter“, berichtete Charlotte.
„Hey, Ihr kleinen Schätzchen. Ihr sollt doch schlafen.“ Jonnys Mutter legte ebenfalls ihre Hand auf Charlottes Bauch. „Ich spüre es“, sagte sie ganz begeistert. „Aber warte …“
Sie stand auf und holte ihre Geige. „Kleine Babys müssen jetzt schlafen“, erklärte sie Charlotte und spielte das Wiegenlied von Brahms.
Zu Charlottes Verblüffung hörte das Gestrampel rasch auf und die Babys beruhigten sich wieder.
Charlotte hätte Mariana noch stundenlang zuhören können. Es war wundervoll, wenn sie Geige spielte, sie war dann ganz abgetaucht in ihre eigene Welt.
David setzte sich zu Charlotte und bettete ihren Kopf auf seinen Schoß. Auch er hörte, genauso wie die anderen, andächtig zu.
Als Mariana fertig war, streichelte sie noch einmal über Charlottes Bauch.
„Können wir dich engagieren?“, grinste David sie dann schließlich frech an.
Mariana lachte und kniff ihm in die Nase. „Kommt drauf an, was du mir zahlst, David.“

In der Nacht schmiegte sich David eng an Charlotte an.
„Jonny hat wirklich ganz besondere Menschen als Eltern“, flüsterte er in Charlottes Ohr.
„Ja.“ Sie rutschte noch dichter an ihn.
„Glaubst du … glaubst du, dass sie unsere gemeinsamen Kinder auch akzeptieren werden? Ich meine, sie werden ja die Mäuschen auf jeden Fall weiterhin besuchen kommen.“ David wartete gespannt auf Charlottes Antwort ab.
Sie drehte sich zu ihm hin und küsste ihn zärtlich. „Ich glaube, dass alle unsere Kinder drei Paar Großeltern haben werden.“
David lächelte. „Beneidenswert, oder?“