Eine zweite Chance – Teil 48

David musste sich eingestehen, dass er ebenfalls sehr traurig war, als Konrad und Mariana wieder abreisten. Aber Mariana spielte in einem großen Orchester und sie hatte einen Termin für ein Silvesterkonzert. Und bei Konrads Orientierungssinn war es auch besser, wenn sie einen Tag vorher losfuhren, man wusste ja nie, wann sie ihr Ziel erreichen würden.
Aber er wusste, dass er die beiden vermissen würde. Sie hatten zwar ordentlich für Chaos gesorgt, es lagen überall Zeichnungen herum, sie hatten die Kaninchen ins Haus geholt und sehr zur Freude der Kleinen für sie einen Hindernisparcours im Wohnzimmer aufgebaut.
Frau Hafner fand das nicht so klasse, aber Konrad und Mariana beseitigten hinterher alle verdächtigen Spuren der Kaninchen.
Und er hatte Charlotte wieder richtig fröhlich gesehen. Das wog sowieso alles Chaos auf.
„Mach’s gut, mein Schatz.“ Mariana küsste Charlotte auf die Stirn. „Pass gut auf dich auf. Und hör’ auf die Ärzte.“
„Versprochen.“
David wurde ebenso geherzt und geknuffelt und die beiden wurden liebevoll verabschiedet.

Charlotte wurde schon ein wenig wehmütig. Es war sehr schade, dass sie wegfuhren.
„Hey Liebling.“ David setzte sich zu ihr aufs Sofa. „Hast du dir schon überlegt, was du morgen essen willst?“
„Willst du denn wirklich hierbleiben?“, fragte Charlotte ihn zaghaft. „Morgen ist doch die große Silvestergala.“
„Charlotte – natürlich bleibe ich bei dir. Meine Eltern werden dorthin gehen und das Verlagshaus vertreten. Und im Übrigen: Silvester vor einem Jahr sind wir beide zusammengekommen. Ich hätte das auf jeden Fall mit dir alleine gefeiert.“
Charlotte musste sich eingestehen, sich sehr darüber zu freuen. Auch wenn sie wusste, dass David viele Verpflichtungen hatte – morgen war eben ein ganz besonderer Tag.

Heidi hatte ein Essen vorbereitet, dass David nur aufwärmen musste. Und Stefan hatte selbstgebaute Böller vorbeigebracht, die David aber sicherheitshalber nicht zünden wollte.
Seine Mäuschen waren schon in heller Aufregung und Suri hatte den festen Vorsatz, den Jahreswechsel diesmal nicht zu verschlafen.
Und es gelang sogar. David ging um Mitternacht mit den Mädchen raus und sie ließen ein paar Raketen steigen.
„Oh – das ist so ssönn.“ Suri sah schwärmerisch in den Nachthimmel, während Luna sich genau von David erklären ließ, wie das mit den Raketen funktionierte.
Gegen halb eins gingen sie wieder hinein zu Charlotte, der von Suri jede einzelne Rakete genau beschrieben wurde.
„So, die beiden sind glaub’ ich ziemlich müde“, lachte David und setzte sich zu Charlotte. Endlich hatten sie Zeit, in Ruhe anzustoßen.
„Das war das schönste Jahr meines Lebens“, raunte David ihr zu und küsste sie zärtlich.
„Na ja, bis auf das Ende“, lächelte Charlotte etwas verlegen.
„Nein. Du bekommst unsere Kinder. Und alles wird gut gehen.“ Er sah sie eindringlich an.
Charlotte zog ihn zu sich hinunter. „Bitte küss’ mich…“, flüsterte sie in seinen Mund.
David ließ sich nicht zweimal bitten. Er hoffte nur, dass er sich würde zurücknehmen können. Er hatte große Sehnsucht nach ihr, und auch wenn er natürlich wusste, dass Sex absolut Tabu war – sein Körper sprach eine andere Sprache.
Charlotte intensivierte den Kuss, schloss die Augen, genoss ihn einfach nur. Seine Wirkung auf sie war ungebrochen, überall kribbelte es in ihrem Körper, von beiden wurde der Kuss leidenschaftlicher.
David war es dann, der sich lächelnd zurückzog. „Lass uns besser aufhören“, sagte er verlegen.
„Sollen wir schlafen gehen?“, fragte sie ihn heiser.
David nickte nur. Er hob sie hoch und trug sie nach oben.
Mit Argusaugen überwachte er jede Bewegung von ihr, Charlotte konnte ihn gerade noch davon abhalten, mit ins Bad zu kommen.

„Überraschung!“
Eine fröhliche Stimme ließ Charlotte zusammenzucken. Sie richtete sich auf dem Sofa auf und sah gespannt zur Tür.
„CHARLOTTE!“ Sarah kam hereingestürmt und umarmte sie herzlich.
„Sarah – was machst du denn hier?“, fragte Charlotte verblüfft.
„Dein Mann hat mich für ein paar Tage eingeladen. Er dachte, du könntest ein wenig Abwechslung gebrauchen“, strahlte ihre Freundin sie an.
Charlotte freute sich wahnsinnig. Und hinter Sarah im Türrahmen stand besagter Mann und grinste übers ganze Gesicht.
„Das kann ich wirklich“, lächelte Charlotte Sarah zu. Dann schickte sie David einen dankbaren Blick.
„Ich bin dann im Verlag.“ Er winkte noch kurz und warf ihr eine Kusshand zu. „Bis heute Abend, Sarah“, verabschiedete er sich fröhlich von Charlottes Freundin.
„Und ich hab’ mich schon gewundert, warum er heute erst gegen Mittag los wollte“, lachte Charlotte. Sie nahm Sarahs Hände und drückte sie herzlich. „Schön, dass du gekommen bist. Wie lange kannst du bleiben?“
„Eine Woche. Dann muss ich leider wieder arbeiten“, erklärte Sarah ihr. „Wie geht es dir?“
„Es ist soweit okay. Ich muss die Medikamente nehmen und darf nur liegen“, antwortete Charlotte etwas zerknirscht.
„Und wie kommst du klar?“ Sarah strich Charlotte eine Strähne aus dem Gesicht.
„Das Liegen macht einen mürbe. Ich hab hier meinen Laptop, ein paar kleinere Sachen kann ich erledigen. Dann ist da noch der Fernseher … Aber es ist schon blöd. Frau Hafner ist jeden Tag da, sie kümmert sich auch um die Flöckchen. Magdalena oder David holen sie mittags vom Kindergarten ab. Es ist soweit alles organisiert.“ Sie schluckte. Sie hoffte, dass Sarah ihr nicht anmerken würde, dass sie das doch alles sehr belastete. Das untätige Rumliegen machte ihr zu schaffen. Nur die Gewissheit, dass es den Babys gut ging, ließ alles erträglicher sein.
Sarah schien ihre Gedanken zu erraten. „Es ist nur vorübergehend“, versuchte sie Charlotte zu trösten.
„Ja, zum Glück.“
Dann wurde Sarah doch wieder ernster. „Was ist mit dir und David? Ist da alles okay?“
Charlotte wusste sofort, worauf sie anspielte. Er war letztes Wochenende auf einem Empfang gewesen – und die Presse begann wieder zu spekulieren. David hatte Charlottes Gesundheitszustand verschwiegen und die Gerüchteküche brodelte.
Er hatte sich sehr zerknirscht bei ihr entschuldigt und natürlich glaubte sie ihm, dass er nur mit einer Frau getanzt hatte, und das nichts an dem angeblichen Flirt dran war, auch wenn sie auf dem Foto schon sehr vertraut wirkten.
„Ja, es ist wirklich alles okay. Er ist nun mal bekannt. Und sein früherer Ruf als Frauenschwarm macht die Sache für die Presse natürlich interessant“, erklärte Charlotte ihr. Dann senkte sie schnell den Blick. „Ich hoffe nur immer, dass die Flöckchen solche Fotos nie zu sehen bekommen.“
„Was ist mit deinen Freunden? Deinen Eltern?“, fragte Sarah einfühlsam nach.
„Alle wissen, dass David mir treu ist und dass das alles nur Schlagzeilen sind. Meine Mutter äußert sich zu alldem nicht.“ Charlotte spielte mit einem Zipfel von ihrer Decke.
„Charlotte – David liebt dich heiß und innig. Ihn belasten diese Artikel auch, er hat es mir gerade gesagt, als er mich vom Bahnhof abgeholt hat. Grübel’ einfach nicht darüber nach“, beschwor Sarah sie.
„Ja, ich weiß. Aber ich habe sehr viel Zeit, um nachzudenken.“ Sie lächelte ihre Freundin etwas gequält an.
„Deswegen bin ich ja jetzt hier“, grinste Sarah. „Um dich davon abzulenken.“
Sie sprang auf und holte einen Babykatalog hervor. „Ihr habt noch keine Babyzimmer. Ich dachte, wir könnten ja schon mal gucken, was Euch so gefällt.“

David atmete tief durch. Er war so froh, dass Sarah jetzt bei Charlotte war. Die Presseberichte über den Empfang letztes Wochenende hatten ihn vor Wut schäumen lassen. Natürlich hatte er getanzt, das gehörte schließlich auch irgendwie dazu. Aber das ausgerechnet ein Foto erscheinen musste, wo die derzeit angesagte Schauspielerin Clarissa Wood die Arme um seinen Hals geschlungen hatte und sehr dicht bei ihm stand, das hätte nicht passieren dürfen. Dabei hatte sie sich da nur von ihm verabschiedet.
Er hatte Charlotte alles erklärt, sie hatte ihm versichert, dass sie ihm glauben würde. Aber er konnte sich denken, dass sie darüber nachdachte. Ihm würde es andersherum genauso ergehen. Und Aufregung egal welcher Art war nun wirklich das, was sie unbedingt vermeiden sollte.
Zum Glück standen alle hinter ihm. Seine Eltern, die Siegels – alle ihre Freunde.
Er war über diesen Rückhalt sehr dankbar. Und er nahm sich vor, sich auf den nächsten Geschäftsterminen sehr zurückzuhalten. Um nichts auf der Welt wollte er irgendetwas tun, um seine Familie zu gefährden oder zu belasten.

Als er nach Hause kam, hörte er schon lautes Lachen. Die beiden Mäuse bemerkten ihn als erstes und kamen ihn schon entgegengeflogen.
„Sarah ist da!“, rief Suri begeistert.
„Ich weiß, mein Schatz.“ David herzte seine Miniblondine und gab dann ihrer Schwester einen Kuss auf die Nasenspitze.
„Und – was habt ihr gerade gemacht?“, fragte er sie.
„Wir haben sspielt …“ Suri hopste vor ihm auf und ab. „Mit Sarah und Mami!“
David folgte den Flöckchen ins Wohnzimmer und begrüßte Sarah herzlich. Dann beugte er sich über Charlotte und gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Alles klar?“, fragte er sie leise.
„Ja.“ Charlotte strahlte ihn an und er nahm es erleichtert zur Kenntnis.

Sarah kochte für alle und als die Kleinen im Bett waren, zog auch David sich zurück. Er hatte noch einiges aufzuarbeiten und ließ die beiden Frauen allein. Ein Kichern aus dem Wohnzimmer verriet ihm, dass seine Anwesenheit wohl auch nicht unbedingt erforderlich war.

„Hast du eigentlich vor, dich auch mal mit Michael zu treffen, wenn du schon mal hier bist?“ Charlotte brannte diese Frage schon lange unter den Nägeln, endlich hatte sie Mut gefunden, sie auszusprechen. Seit ihrer Hochzeit im Sommer hatten die beiden sich nicht mehr gesehen, sie wusste aber, dass sie häufig telefonierten und mailten.
„Wenn du mich entbehren kannst, würde ich das schon sehr gerne.“ Sarah errötete leicht und schaute auf den Boden.
„Wieso habt Ihr Euch nicht zwischendurch mal getroffen? Soweit sind Köln und Hamburg auch nicht voneinander entfernt“, bohrte Charlotte nach.
„Ich hatte viel zu tun“, rechtfertigte Sarah sich und spielte nervös mit einem Kugelschreiber.
„Ach komm, Sarah – erzähl mir nichts“, lächelte Charlotte und nahm die Hand ihrer Freundin. Sie war zwar eine bekannte Fotografin und gut gebucht, aber das klang doch sehr nach Ausrede.
„Ich weiß nicht“, kam es dann leise. „Ich möchte keine engere Beziehung mehr“.
„Ihr sollt ja nicht direkt heiraten“, wandte Charlotte ein.
„Ich kann mich aber nicht einfach so mit Männern treffen.“ Sarah errötete immer mehr.
„Hey …“, Charlotte rappelte sich auf und nahm ihrer Freundin in den Arm. „Michael ist ein prima Kerl. Er würde dich zu nichts drängen.“
„Ich weiß … aber … aber was passiert, wenn sich einer von uns verlieben sollte? Und wenn ich wieder krank werde? Was dann?“ Sarah schluckte heftig.
„Keiner kann in die Zukunft sehen, Schatz.“ Charlotte streichelte ihr sanft über die Haare. „Glaub mir, ich weiß selbst, wie zerbrechlich Glück sein kann. Darum genieße es doch einfach – und denk’ nicht zuviel drüber nach, was wohl werden könnte.“
„Du hast ja recht“, Sarah lächelte zerknirscht. „Eigentlich bin ich hier, um dich aufzumuntern – und nicht umgekehrt.“
„Das tust du auch. Ich bin froh, dass du da bist“, sagte Charlotte lächelnd. „Und jetzt ruf’ endlich Michael an und verabrede dich mit ihm.“