Eine zweite Chance – Teil 50

David schaute sich missmutig auf der Party um. Er hatte überhaupt keine Lust hier zu sein, aber wie sooft in letzter Zeit musste er sich den gesellschaftlichen Zwängen beugen.
Und er hatte schon entdeckt, dass Monique und ihr verdammter Fotograf auch anwesend waren. Seit besagtem Abend, an dem er sie abserviert hatte, war er ihr nicht mehr begegnet und hatte irrerweise gehofft, dass sie auch heute nicht hier wäre.
Zu allem Überfluss registrierte er aus den Augenwinkeln, dass sie auf ihn zusteuerte.
„Na David. Heute wieder mal ohne Begleitung?“, fragte sie ihn giftig.
„Hallo Monique. Schön dich zu sehen.“ Mühsam rang er sich ein Lächeln ab. „Ja, wie du siehst, bin ich alleine hier.“
„Wie so oft!“, spottete sie.
„Hör zu, Monique. Was ich letztens zu dir gesagt habe, das tut mir leid. Das war wirklich nicht nett. Aber Fakt ist nun mal, dass ich jetzt glücklich verheiratet bin und kein Abenteuer mehr suche.“ Er wollte sich mit ihr versöhnen. Monique gegen sich zu haben, war nicht angenehm. Er wusste um ihren Einfluss bei den anderen Journalisten.
„Ach ja?“ Jetzt setzte sie ein verführerisches Lächeln auf. „Du kannst mir beweisen, wie sehr dir das leidtut. Auf meinem Hotelzimmer zum Beispiel. Wie damals.“
Wieder kam sie ihm sehr nahe, David ging sofort auf Distanz.
„Hast du mich nicht verstanden? Ich bin verheiratet!“ Er versuchte es so ruhig wie möglich zu sagen, ahnte aber, dass das wohl nicht viel bringen würde.
„Na und? Deine kleine Frau liegt zuhause rum und darf nicht aufstehen. Niemand wird es erfahren. Ich werde dafür sorgen, dass ein sehr positiver Artikel über dich in der Zeitung erscheinen wird. Und alle sind zufrieden.“ Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen, David war vollständig überrumpelt.
„Vergiss’ das mit der Entschuldigung“, zischte er ihr nur zu und stieß sie von sich. Dann verließ er eilig die Veranstaltung.

Charlotte hatte sich eigentlich vorgenommen, die Zeitungen nicht zu lesen. Doch sie war einfach zu neugierig. Vorgestern hatte eine wichtige Veranstaltung in London stattgefunden, David hatte ihr schon davon berichtet, es waren viele einflussreiche Leute dort anwesend gewesen.
Endlich entdeckte sie im Boulevardteil einer Tageszeitung einen Bericht darüber. Sie überflog eilig die Zeilen, doch schon nach zwei Sätzen stockte ihr der Atem und ihr Herz schlug ihr bis zum Hals.

David Herbold war umschwärmter Mittelpunkt in London. Wie schon seit Monaten kam er wieder ohne seine schwangere Frau. Doch Langeweile dürfte bei ihm nicht aufgekommen sein, denn er verließ die Feier mit der aufstrebenden Nachwuchsschauspielerin Jessica Miller. Wie Jessica am nächsten Tag verlauten ließ, verbrachten sie eine leidenschaftliche Nacht in David Herbolds Hotelzimmer. Damit dürften den Spekulationen um die Beziehung des Verlagserben zu seiner Frau wohl neue Nahrung gegeben worden sein und man muss sich fragen, ob die Ehe nun endgültig gescheitert ist – acht Monate nach der Hochzeit.

Entsetzt ließ Charlotte die Zeitung sinken. Nein, das ist nicht wahr. Du weißt doch, dass das niemals stimmen kann! Immer wieder hämmerte sie sich diese Wörter ins Gedächtnis.
Doch trotz allem fing sie an, bitterlich zu weinen. Sie versuchte, die Kontrolle über sich wieder zu erlangen, doch es ging einfach nicht. Sie schluchzte an einem Stück und spürte, wie sie immer mehr zitterte.
„Charlotte – was haben Sie denn?“ Sie registrierte die Stimme von Frau Hafner, doch sie konnte nicht reagieren.

David hörte sein Handy klingeln und er entschuldigte sich bei seinem Verhandlungspartner. Überrascht stellte er fest, dass es die Nummer der Siegels war. Sofort bekam er ein ungutes Gefühl. Ob etwas mit Charlotte war? Oder den Mäuschen?
„Ja?“, fragte er hastig.
„Jetzt hör mir mal Gut zu, Du halbeS Hemd. Meine Frau und ich, wir haben ja die Ganze Zeit nichts dazu Gesagt, was immer in den Zeitungen stand. Aber jeTZT ist Schluss! Wenn ein wort von dem, was da drin steht, wahr ist, dann brech’ ich Dir alle Knochen, SchwieGersohn!“
Die Stimme von Stefan Siegel überschlug sich fast vor Wut.
„Stefan – ich weiß nicht, wovon du redest“, versuchte David ihn zu beruhigen. In den Londoner Zeitungen stand nichts Auffälliges drin, hier war er schließlich auch nur einer von vielen Vertretern eines Verlagshauses. Aber langsam bekam er es mit der Angst zu tun.
„Was meinst du denn?“, fragte er deswegen nach.
„Die Zeitungen schreiben, dass deine Ehe gescheitert ist, mein Lieber! Und diesmal schreibt das nicht nur ein Schmierblatt, sondern fünf Verschiedene. Und eines deiner Betthäschen hat auch ausgepackt!“, wütete es aus dem Telefon.
David wurde es eiskalt. „Stefan bitte! Nichts davon ist wahr. Ich komme so schnell ich kann wieder zurück nach Köln. Glaub’ mir, ich werde das klären und die Zeitungen verklagen.“
„Das will ich dir auch geraten haben, mein Lieber!“ Stefan schien wieder etwas besänftigter zu sein.
„Ich mache mich gleich auf dem Weg zum Flughafen!“, erklärte er ihm. „Weiß … also hat Charlotte schon was davon mitbekommen?“, hakte er besorgt nach.
„Ja – das Mäuschen ist ganz aufgelöst. Ich hab die Heidi direkt hingefahren. Deine Mutter ist auch bei ihr. Mach, dass du herkommst – aber flotti!“, hörte David noch, dann drückte Stefan das Gespräch weg.
David entschuldigte sich bei seinem Verhandlungspartner. Er murmelte irgendetwas von einem familiären Notfall und bestellte sich ein Taxi zum Flughafen. Dann wählte er Charlottes Nummer.

Charlotte sah, dass es David war, und nahm zögernd ab. „Ja?“ Sie versuchte, ihrer Stimme einen festen Tonfall zu geben, wusste aber nur zu gut, dass sie sehr unsicher wirkte.
„Liebling, dein Vater hat mich gerade angerufen. Das, was bei euch in den Zeitungen steht, ist erstunken und erlogen. Bitte glaub’ kein Wort davon. Ich komme sofort nach Hause und werde rechtliche Schritte einleiten!“ David redete ganz hastig, er war völlig durch den Wind. „Bitte Charlie, du glaubst mir doch, oder?“
Es tat gut, seine Stimme zu hören. Sie hatte schon selbst überlegt, ihn anzurufen, doch solange sie so zitterte und weinte, hatte sie sich dazu nicht in der Lage gefühlt.
„Ja, natürlich glaube ich dir“, sagte sie leise. „Du brauchst nicht zu kommen, hier ist alles okay“, beteuerte sie ihm.
„Nein Schatz, das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, das geht einfach nicht. Und ich weiß auch, wer dahintersteckt. Das kann nur Monique angeleiert haben“, entgegnete er.
Charlotte runzelte die Stirn. „Monique? Monique Kleinmann? Warum sollte sie das tun? Du hast sie doch solange nicht gesehen.“
David schluckte heftig und atmete tief durch. Doch jetzt musste er mit der Wahrheit rausrücken, das war ihm klar. „Doch Charlotte. Ich hab’ sie vor ein paar Wochen getroffen. Sie hat mir Avancen gemacht und ich habe sie abgeblockt. Sie hat das alles nicht so gut aufgefasst“, erzählte er zerknirscht. „Und vorgestern geschah noch einmal das Gleiche. Ich denke, es ist ein Rackeakt von ihr.“
Charlotte erstarrte. Monique Kleinmann. Sie konnte sich noch sehr gut an sie erinnern.
„Aber … aber warum hast du mir das nicht erzählt, David?“ Unsicher spielte Charlotte mit dem Zipfel ihrer Decke.
„Weil ich dich nicht aufregen wollte, Liebling. Es tut mir leid, ich hätte es dir sagen müssen.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „Ich dachte, es wäre besser, wenn du das nicht weißt. Aber nichts davon, was in den Zeitungen steht, ist wahr.“
„Okay“, flüsterte sie. Er sagt die Wahrheit, natürlich sagt er die Wahrheit, ging es ihr durch den Kopf. Doch sie konnte trotzdem nicht verhindern, dass sie wieder anfing zu weinen. Irgendwie war alles so kompliziert geworden, warum musste das passieren? So sehr sie sich auch bemühte sie wegzudrängen – die Bilder von David und den anderen Frauen schossen ihr wieder durch den Kopf. Und es tat weh, sehr weh. Sie bemühte sich, das Schluchzen zu unterdrücken und sich auf das Telefonat zu konzentrieren.
„Dann sehen wir uns nachher“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.
David zerriss es das Herz, sie so zu hören. „Bitte Charlie, nicht weinen. Das ist das alles nicht wert“, flüsterte er verzweifelt. „Du wirst sehen, es wird sich alles klären!“
„Natürlich“, sagte sie schnell. Dann ließ sie sich in die Kissen zurückfallen und weinte hemmungslos.

„Tut mir leid, alle Flüge nach Köln, die in den nächsten Stunden gehen, sind ausgebucht.“ Die Mitarbeiterin der Airline sah ihn mitleidig an.
„Hören Sie: Ich MUSS nach Köln. Es ist ein Notfall! Bitte!“ Er versuchte mit allen Mitteln, die Dame zu bezirzen, aber sie schüttelte nur bedauernd den Kopf.
Schließlich lief er zu den Check-in-Schaltern.
„Bitte alle einmal herhören: Ich brauche dringend ein Flugticket nach Köln. Ich zahle jeden Preis, den Sie mir nennen“, rief er in die Menge der wartenden Passagiere.
Nach einigem Zögern trat ein junger Mann auf ihn zu. „Für’n Tausender können Sie meinen Flug kriegen“, bot er ihm grinsend an.
David zögerte nicht eine Sekunde, besorgte sich Bargeld und nahm das Ticket an sich. Immerhin, in einer Stunde würde der Flug gehen.
Er rief wieder zuhause, um Charlotte mitzuteilen, wann er da sein würde, doch Frau Hafner erzählte ihm, dass Charlotte eingeschlafen war und er wollte sie nicht wecken lassen.

Das Telefon stand nicht still. Entweder riefen Charlies Freunde an oder jemand von der Presse, der eine Stellungnahme von ihr haben wollte. Selbst Jonnys Mutter Mariana hatte sich gemeldet, völlig aufgelöst und verweint. Charlotte musste ihr versichern, dass alles in bester Ordnung sei.
Das alles war sehr ermüdend für Charlotte. Sie lehnte sich erschöpft in die Kissen zurück, versuchte, alles nicht so an sich rankommen zu lassen und auch wenn sie ihm etwas anderes erzählt hatte, sie sehnte David herbei, sie brauchte ihn so sehr. Sie wollte ihm in die Augen schauen, sie wusste, dass sie dann Gewissheit bekommen würde.
Und so sehr sie sich auch bemühte, gelassen zu bleiben – es ging einfach nicht mehr. Sie fing an zu weinen, sie hasste sich selbst dafür, doch das, was in der Zeitung stand, ließ sie nicht los.
Ehe gescheitert! Immer wieder schossen ihr die Wörter durch den Kopf. Charlotte presste die Hände vors Gesicht, konnte nur noch unkontrolliert schluchzen.
Nein – David liebt mich, sagte sie sich immer wieder vor.
Und wenn doch etwas davon stimmt? Dort stand doch, dass die Frau erzählt habe, sie war mit David die Nacht zusammen…
Die kleinen fiesen Zweifel krabbelten immer wieder hervor. Eine ungeheure Angst brach in ihr hervor. Hatte sie David wirklich verloren? War ihre Ehe am Ende?
Charlotte wollte sich gar nicht ausmalen, was dann passieren würde. Würde sie ohne David weiterleben können? Ohne seine Liebe, seine Zärtlichkeit? Kaum vorstellbar und doch würde sie wohl müssen. Nur diesmal mit vier Kindern.
Charlotte schluchzte laut auf. Die wirrsten Gedanken wirbelten in ihr herum. Ihr wurde innerlich eiskalt. Was war eigentlich schlimmer?
Den Mann an den Tod zu verlieren – oder an eine andere Frau?
Hör auf, Charlotte! An was denkst du da eigentlich?, schimpfte sie schließlich mit sich. Alles wird gut, alles wird gut, alles wird gut!
Und irgendwann fielen ihr schließlich die Augen zu.

Sie von Frau Hafner wieder geweckt.
„Charlotte? Entschuldigen Sie die Störung, hier ist jemand von der Presse an der Haustür.“ Die Haushälterin schaute Charlotte zerknirscht an.
„Von der Presse?“ Charlotte rieb sich müde die Augen. Sie sah auf die Uhr, sie hatte gerade mal eine Stunde geschlafen. Dann wurde sie klarer. „Ich will keinen sehen!“
„Oh – Frau Woźniak-Herbold …“, flötete eine weibliche Stimme. „Ich war mal so frei und bin einfach hereingekommen.“
Charlotte erstarrte, als sie sie sah. Monique Kleinmann stand im Wohnzimmer und lächelte sie kalt an.
„Was wollen Sie hier?“ Charlotte rappelte sich mühsam hoch, was mit ihrem Bauch gar nicht so einfach war.
„Ich wollte nur mal hören, was Sie von den Meldungen halten, die heute in den Zeitungen erschienen sind.“ Monique machte es sich einfach ungefragt in einem Sessel bequem.
„Soll ich die Polizei verständigen?“ Frau Hafner warf Monique einen bösen Blick zu und wandte sich an Charlotte.
„Ich bin doch gleich wieder weg. Nur ein paar Fragen“, betonte Monique gespielt unschuldig.
Zuerst fand Charlotte den Vorschlag mit der Polizei gut. Doch dann besann sie sich. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn sie mit ihr reden würde. Wenn Monique erkennen würde, dass Charlotte hundertprozentig hinter David stand, würde sie vielleicht aufgeben.
Sie schickte Frau Hafner hinaus. „Ich wüsste nicht, worüber ich mit Ihnen reden sollte“, antwortete Charlotte dann. „Das, was heute in den Zeitungen stand, sind alles Lügen. Mein Mann betrügt mich nicht!“
Sie hoffte, dass sie überzeugend klang, obwohl sie spürte, dass sie wieder zu zittern begann.
Monique lachte schrill auf. „Liebe Frau Woźniak-Herbold …“ Sie wischte sich ein paar Lachtränchen aus dem Gesicht. „David ist nun wirklich der bekannteste Schürzenjäger von Köln. Und seit Monaten kursieren Gerüchte um ihn. Und ich habe selbst vorgestern in London gesehen, wie er mit einer Schauspielerin sehr heftig geflirtet hat. Und diese junge Dame hat mir dann gestern erzählt, dass sie heißen Sex mit ihrem Mann gehabt hatte. Wollen Sie die Aussage mal hören? Ich hab’ sie auf Band …“ Monique zückte ein kleines Aufnahmegerät aus ihrer Handtasche.
Charlotte wurde es schwindelig. Nein, das stimmte alles nicht!
Diese Frau war eine falsche Schlange. Alles war gelogen, ganz bestimmt.
Charlotte versteckte ihre Hände unter der Decke, damit Monique nicht sehen konnte, dass sie zitterte.
„Ich will das nicht hören“, sagte Charlotte kraftlos.
„Oh – stimmt etwas nicht? Sie sind ja ganz blass!“ Monique stand auf und musterte Charlotte mit gespielter Anteilnahme. „Die ganze Sache scheint sie ja sehr mitzunehmen. Aber das ist ja auch verständlich, wenn der eigene Mann einen so schamlos hintergeht. Und dann noch in ihrem Zustand.“
Charlottes Nerven hielten dem nicht mehr stand. Sie zitterte immer unkontrollierter, bemühte sich noch einmal um Fassung. „Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass das alles nicht wahr ist“, sagte sie leise, doch ihre Stimme war nur noch ein Krächzen. „Und jetzt gehen Sie bitte.“
„Sind Sie wirklich so naiv?“ Monique schüttelte lächelnd den Kopf. „Man munkelt schon von Scheidung – ist da etwas dran?“
„NEIN!“, schrie Charlotte und stand vom Sofa auf. „NICHTS IST WAHR! MEIN MANN LIEBT MICH – UND ICH LIEBE IHN! VERSTEHEN SIE DAS NICHT?“
Sie ging auf Monique zu, bekämpfte dabei ein Schwindelgefühl. Das wochenlange Liegen hatte sich auf ihren Kreislauf ausgewirkt, schnell hielt sie sich an einem Sessel fest. „Gehen Sie!“, stieß sie leise hervor.

„Machen Sie, dass Sie hier rauskommen!“ Frau Hafner stand jetzt drohend im Türrahmen, dann warf sie Charlotte einen entsetzten Blick zu.
„Charlotte – Sie dürfen doch nicht aufstehen!“ Schnell war sie bei ihr und stützte sie.
Charlotte hatte überhaupt keine Kraft mehr. Widerstandslos ließ sie sich zum Sofa zurückführen, alles um sie herum drehte sich.
Sie bekam noch mit, dass Frau Hafner Monique zur Türe brachte. Plötzlich verhärtete sich ihr Bauch und ein starker Schmerz zog bis in ihren Rücken.
„Oh nein“, stöhnte Charlotte auf. „Bitte Ihr Zwei – noch nicht …“