Eine zweite Chance – Teil 51

David konnte es kaum erwarten, bis das Flugzeug endlich gelandet war. Sein Gepäck kam glücklicherweise als eines der ersten, dann rannte er zu den Taxiständen. Als er sein Handy einschaltete, sah er, dass er einen Anruf von zuhause hatte. Hastig hörte er die Mailbox ab und erstarrte.
„Herr Herbold, hier ist Anna Hafner. Ihre Frau hat Wehen bekommen, ich habe einen Krankenwagen gerufen. Sie ist auf dem Weg in die Frauenklinik. Die Mädchen werden von Ihrer Mutter aus dem Kindergarten abgeholt und betreut“.
David schaute panisch auf die Uhr, der Anruf war vor einer halben Stunde eingegangen.
Oh Gott! Sein Herz presste sich zusammen. Hoffentlich ging es Charlotte und den Babys gut. Seine Gedanken konnten sich nur auf diese eine Sache konzentrieren. Dann riss er sich zusammen und wies den Taxifahrer an, schnellstmöglich zur Klinik zu fahren.

Er hastete zur Aufnahme, man schickte ihn sofort hinauf zu den Kreißsälen. David wusste nicht, ob er jemals im Leben so viel Angst gehabt hatte. Endlich öffnete sich eine Schiebetür und eine freundlich aussehende ältere Frau stand vor ihm. „Ja bitte?“
„Ich bin David Herbold. Meine Frau soll hier sein“, stammelte er aufgeregt.
„Frau Woźniak-Herbold? Ja, bitte kommen Sie“, bat sie ihn.

Charlotte lag in einem großen Bett und hatte die Augen geschlossen. Sie sah sehr blass und erschöpft aus, aber offenbar waren die Babys noch nicht geboren.
Schnell ging David zu ihr hin. „Charlie … Liebling!“
Sofort schlug sie die Augen auf. „David!“ Erleichtert zog sie ihn zu sich hinunter. Dann fing sie an zu weinen. „Es tut mir leid … die Wehen. Ich bin aufgestanden, um sie wegzuschicken, danach fing es an. Sie sagen, sie können sie nicht mehr stoppen“, schluchzte sie an seinem Hals.
David verstand erst ihre Worte nicht. „Du bist aufgestanden? Aber warum denn, Schatz? Wen wolltest du wegschicken?“ Zärtlich streichelte er über ihre Haare, dann über ihren Rücken hinab. Das Hemd, das man ihr angezogen hatte, war nass von ihrem Schweiß und klebte an ihrem Körper.
„Monique“, weinte Charlotte. „Sie war da. Sie wollte wissen, ob wir uns scheiden lassen.“
In David erstarrte alles und es wurde ihm eiskalt. Eine nie gekannte Wut erfasste ihn, am liebsten wäre er jetzt sofort zu Monique gefahren und hätte sie zur Rede gestellt, doch dann besann er sich auf seine Frau. Im Moment gab es viel Wichtigeres.
„Charlotte – bitte beruhigen Sie sich.“ Die Frau, die David die Tür geöffnet, trat jetzt ans Bett heran. „Bitte denken Sie jetzt nur an ihre Babys.“
Charlotte nickte und ließ David los. Es brach ihm das Herz, sie so erschöpft und unglücklich zu sehen. Er setzte sich zu ihr aufs Bett und nahm ihre Hand. „Alles wird gut, mein Schatz. Und alles wird sich klären.“
„Genau“, bekräftigte die Frau. „Mein Name ist Paula Herbst. Ich bin Hebamme“, stellte sie sich David vor.
„Wie … also kann man die Wehen nicht stoppen?“, fragte David ängstlich.
„Nein, das geht nicht. Dafür sind sie zu stark. Ein Arzt hat Ihrer Frau die Cerclage jetzt entfernt. Die Babys werden bald geboren werden. Ihre Frau ist Ende der fünfunddreißigsten Woche und nach dem Ultraschall zu urteilen, haben die beiden auch ein gutes Gewicht.“ Sie tätschelte David beruhigend auf die Schulter. „Das wird schon.“
David atmete tief durch. Seine Kinder! Bald würden sie geboren werden. Doch im Moment siegte sie Sorge um Charlotte und die Babys über seine Freude. Seine Anspannung war einfach zu groß.
Eine nächste Wehe kam. Charlotte drückte Davids Hand fest und besann sich auf das, was sie in einem Geburtsvorbereitungskurs gelernt hatte.
„Die Wehen sind sehr stark und kommen in kurzen Abständen.“ Paula Herbst warf einen Blick auf das CTG, dann untersuchte sie Charlotte. „Sie sind fast vollständig eröffnet. Es wird nicht mehr lange dauern“, sagte sie zu ihr.
Charlotte nickte nur. Obwohl hier alles so schnell ging, fühlte sie sich schon völlig auspowert. Sie überlegte, ob sie die Wehen bei Luna und Suri auch als so schmerzhaft empfunden hatte, konnte sich aber nicht entsinnen.
„Ich hole mal einen Arzt und sag den Kinderärzten Bescheid.“ Die Hebamme verabschiedete sich kurz und David hörte, wie sie telefonierte.

„Hallo Frau Woźniak-Herbold.“ Ein freundlicher Arzt kam zu ihr ans Bett. Er warf einen Blick auf das CTG. „Die Wehen sind enorm.“
„Haben Sie schon das Gefühl, pressen zu müssen?“
„Nein“, keuchte Charlotte. Eine erneute Wehe überrollte sie. Sie krampfte ihre Finger in Davids Hand.
„Sie können sich hinter Ihre Frau setzen und sie etwas stützen“, wies Paula ihn an.
Sie zeigte David, was er tun konnte und als er Charlotte sanft den Rücken massierte, lächelte sie ihm kurz dankbar zu.
Die Wehen kamen jetzt Schlag auf Schlag. David spürte, wie Charlottes ganzer Körper sich anspannte. Er konnte nur erahnen, welche Kräfte da wirken mussten.
Sie sagte keinen Ton, atmete nur sehr schwer und schloss während der Wehen die Augen.
Charlotte glaubte es fast nicht mehr auszuhalten. „Ich kann nicht mehr“, stieß sie nur noch hervor.
„Versuchen Sie mit der nächsten Wehe mal zu pressen“, sagte sie Hebamme sanft zu ihr.
Charlotte nickte nur.
Paula schaute aufs CTG. „Gut, dann mal los. Augen zu, Kopf auf die Brust und das Kind hinausschieben …“
Charlotte nahm ihre letzten Reserven zusammen und tat, was die Hebamme ihr sagte. Es funktionierte tatsächlich, sie spürte selbst, dass sich etwas rührte.
„Na bitte, ich kann das Köpfchen sehen“, lächelte Paula. „Und gleich noch mal.“
Zwei Presswehen später hörte man einen ganz zarten Schrei.
David hatte die ganze Zeit nur Charlotte gehalten, seinen Kopf an ihre Schläfe gelegt und ihr zärtlich zugeredet.
Jetzt wagte er das erste Mal aufzusehen.
„Ihre Tochter ist da“, sagte die Hebamme freundlich. Sie wickelte das kleine Mädchen in ein Handtuch und reichte es Charlotte an.
Charlotte konnte es kaum glauben. Ihre Tochter kam ihr winzig klein vor, doch als sie sie vorsichtig an sich drückte, verstummte ihr Schreien. Das Baby war auf einmal ganz ruhig.
„Sie ist wunderschön.“ David betrachtete verzückt das kleine Geschöpf in Charlottes Armen. Seine Tochter hatte ganz viele schwarze Haare und war noch recht verschmiert. Aber für ihn war es das Schönste, was er je gesehen hatte.

„Wir würden die Kleine gerne untersuchen.“ Ein Kinderarzt kam zu ihnen.
Charlotte nickte. „Natürlich.“
„Aber erst hat der Papa noch etwas zu tun …“ Paula klemmte die Nabelschnur an zwei Stellen ab und gab David eine Schere. Sie nickte ihm auffordernd zu.
David war richtig aufgeregt, er wunderte sich, wie fest die Nabelschnur war.
Als sie abgenabelt war und der Arzt sie Charlotte abnahm, protestierte die Kleine recht wütend.
„Bald kommst du wieder zur Mama.“ Die Hebamme streichelte über ihr kleines Köpfchen, dann wandte sie sich Charlotte zu.
„Und? Wie sieht es aus? Was macht Baby Nummer zwei?“, fragte sie leise.
Charlotte nickte nur erschöpft. „Es geht weiter“, flüsterte sie.

Fünf Minuten später wurde das jüngste Mitglied der Familie Herbold geboren. Es war nicht so schmerzhaft, wie bei ihrer kleinen Tochter, aber Charlotte war jetzt am Ende ihrer Kräfte und froh, als der Kleine da war.
Auch ihr kleiner Sohn protestierte erst mal wütend, auch seine Stimme klang sehr zart und als Paula ihn Charlotte in die Arme gab, knötterte er noch ein bisschen weiter.
David schaute auf das kleine Wesen und ihm schossen die Tränen in die Augen. Das ist dein Sohn.
Zärtlich streichelte er ihm über die Wange, auch er hatte ganz dunkle Haare und wirkte so unglaublich zierlich.

Man gab den Dreien etwas Zeit, dann kam der zweite Kinderarzt und bat freundlich, den Kleinen untersuchen zu dürfen.
„Wie sieht es denn aus? Macht der Papa das wieder – oder diesmal die Mami?“, fragte Paula lächelnd.
Charlotte schaute David bittend an. Sie hatte keines ihrer Kinder abgenabelt. Bei den Flöckchen hatte das ebenfalls der Papa gemacht. „Darf ich?“ Ihre Stimme war ein leises Krächzen.
„Natürlich.“ David küsste sie auf die Stirn und Charlotte bekam die Schere in die Hand.
Es war ein sehr bewegender Moment für sie. Diese einzigartige Verbindung jetzt zu kappen, nach den Wochen voller Sorge, ließ ihr die Tränen in die Augen schießen.
„So, dann nehmen wir den kleinen Mann mal mit.“ Der Arzt nahm ihn Charlotte vorsichtig ab. „Sobald wir Ihre Kinder untersucht haben, kommen wir mit Ihnen zurück“, versprach er ihr, die ihn ängstlich anschaute.
Charlotte nickte nur und wischte sich hastig die Tränen aus dem Gesicht.
David zog sie in seine Arme, zärtlich strich er ihr eine verschwitzte Strähne aus dem Gesicht.
„Das hast du wunderbar gemacht, Liebling“, flüsterte er und küsste sie auf die Stirn. „Wir haben wunderschöne Kinder…“
„Ja“, schluckte sie. „Hoffentlich ist alles okay.“
„Bestimmt“, versuchte er sie zu beruhigen. Doch auch er war unruhig, hoffte, dass sie bald die Gewissheit bekommen würden, zwei gesunde Babys zu haben.
Charlotte war ein bisschen gerissen und musste genäht werden. David nutzte die Gelegenheit, um die Großeltern und Freunde zu informieren.

„Aber die Heidi war doch heute morgen noch bei Charlotte!“ Stefan wirkte total verblüfft. „Und jetzt sind sie schon da? Wie heißen sie denn?“
David nannte ihm die Namen und wartete auf die Reaktion.
„Ein Mädchen und ein Junge!“, schrie es aus dem Telefon. „Heidi!“
David hörte eilige Schritte. „Das Mäuschen hat ein Pärchen.“
„David? Wie geht es den Kindern? Was macht Charlotte?“ Heidi hatte sich das Telefon endlich erobern können.
„Die Kinder werden noch untersucht und Charlotte wird versorgt“, berichtete er.
„Dürfen wir kommen?“
„Vielleicht gebt ihr Charlotte noch zwei, drei Stunden.“ David sah auf die Uhr. Es war vier Uhr nachmittags.
Er rief seine Eltern dann, seine Mutter war völlig aufgelöst und im Hintergrund hörte er Suri und Luna jubeln. Auch sie wollten am frühen Abend vorbeikommen.
Nachdem er noch Konrad und Mariana verständigt hatten, die sich ebenfalls sehr freuten und alle Freunde und Bekannte, ging er zurück in den Kreißsaal. Charlotte war versorgt worden und hatte auch ein frisches Hemd an.
Die Babys waren noch nicht wieder zurück und er bemerkte ihre Anspannung.

Er setzte sich zu ihr ans Bett und zog sie in seine Arme. Beide sagten kein Wort, aber das war auch nicht nötig. Charlotte krallte sich regelrecht an ihm fest, sie war müde und aufgedreht zur gleichen Zeit.
Die Tür öffnete sich und die beiden Kinderärzte, jeder mit einem kleinen Bündel im Arm, kamen herein.
„Ich glaube, wir haben noch gar nicht richtig gratuliert.“ Dr. Baumann gab Charlotte ihre Tochter in den Arm, Dr. Fritz überreichte lächelnd ihr den Sohn.
„Ihre Babys sind gesund und munter. Die Lungen sind ausgereift, die beiden kommen nachher in ein Wärmebettchen und es wird etwas Sauerstoff zugeleitet, aber es gibt keinerlei Grund zur Beunruhigung.“
„Gott sei Dank!“ Charlotte schluchzte jetzt laut. Ihre Babys waren ganz ruhig, beide hatten die Augen auf, und schienen sich ganz verwundert die neue Welt um sie herum zu betrachten.
„Ich nehme mal an, den Vater interessieren die technischen Daten“, grinste Dr. Baumann.
„Ja“, nickte David. Auch er musste heftig schlucken. All seine Gebete der letzten Wochen sind erhört worden. Er hatte zwei gesunde Kinder.
„Also: Die junge Dame hat einen kleinen Vorsprung. Sie ist 44 cm groß und wiegt 2300 g. Ihr kleiner Sohn misst 43 cm und bringt 2100 g auf die Waage. Das sind prima Maße.“
„Sie sind so klein“, sagte Charlotte zaghaft. Sie dachte an Luna und Suri, die beide jeweils 52 und 53 cm groß waren.
„Na ja, sie sind ja auch ein bisschen zu früh dran. Aber das werden die beiden schnell aufholen“, erklärte Dr. Fritz. „Wir sind sehr zufrieden mit ihnen.“
„Wir lassen Sie jetzt noch ein bisschen mit den beiden allein, gleich werden die Zwei von Säuglingsschwestern abgeholt.“ Dr. Baumann reichte David und Charlotte die Hand, dann verabschiedeten sie sich.
„Sie sind so süß“, Charlotte konnte sich gar nicht sattsehen an ihren Babys.
Paula kam hinzu und betrachtete sie sich ebenfalls. „Wollen Sie stillen?“
Charlotte nickte.
„Sollen wir es mal probieren? Bei so kleinen Babys kann es da anfangs schon mal Schwierigkeiten geben, aber die beiden sehen eigentlich ganz fit aus.“ Sie streichelte Charlottes kleiner Tochter über das Köpfchen.
David betrachtete fasziniert, wie die Kleine nach anfänglichem Suchen dann tatsächlich ein paar Schlucke trank. Auch sein kleiner Sohn hatte den Bogen schnell raus.

Nach einer Viertelstunde wurden die beiden abgeholt.
„Wir sollen hier zwei kleine Neuankömmlinge mitnehmen?“ Eine junge Schwester trat an Charlottes Bett und sah die Babys lächelnd an.
„Ja.“ Charlotte war ein wenig traurig, ihre beiden abgeben zu müssen.
„Keine Sorge, die kommen zusammen in ein Bettchen. Dann sind sie nicht alleine und können ein bisschen kuscheln“, sagte die Schwester.
„Aber wie heißen die beiden denn?“, fragte die andere junge Frau.
„Nele und Ben“, erklärte David ihnen.
„Na, dann kommt mal her.“ Die Schwestern nahmen Charlotte die Babys ab. „Wenn sie Hunger bekommen, holen wir Sie.“
„Ja.“ Charlotte sah ihren Babys sehnsüchtig nach. Sie vermisste sie jetzt schon.
Dann nahm sie Davids Hand und drückte sie ganz fest. „David?“, flüsterte sie heiser.
„Ja?“
Charlotte schaute ihn beinahe schon flehend an. „Wir … wir lassen uns doch nicht scheiden, oder?“ Ihre Stimme brach weg und er sah, dass sie wieder zitterte.
„Oh Gott, Charlotte.“ Er zog sie fest in seine Arme, wiegte sie sanft hin und her. „Nie – nie – nie werde ich dich betrügen, mein Schatz. Ich hab solange auf dich gewartet, wir haben so viel zusammen durchgestanden – ich wäre der größte Vollidiot, wenn ich das nur irgendwie gefährden würde.“ Er bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. „Ich liebe dich, Charlotte. Ich würde mein Leben für dich und die Kinder geben. Bitte glaub’ mir, ich werde das aufklären.“