Eine zweite Chance – Teil 52

David hielt sie noch lange in seinen Armen, es tat ihm weh, dass sie so verzweifelt gewesen war, und das alles wegen nichts. Doch er würde Monique damit nicht davonkommen lassen, noch heute Abend würde er mit Philipp telefonieren und ihn bitten, zusammen mit einer Anwaltskanzlei alle Schritte, die ihnen zur Verfügung stehen würden, auszuloten.
Er spürte, dass sich Charlotte langsam beruhigte, schließlich kam eine Krankenschwester und Charlotte wurde in ein Einzelzimmer verlegt. Sie sah unglaublich müde aus und war sehr blass.
„Versuch zu schlafen.“ Zärtlich streichelte er über ihren Kopf.
„Ich bin zu aufgedreht.“
Die Schwester brachte ihr etwas Mineralwasser, gierig trank Charlotte fast die ganze Flasche auf einmal aus.
„Ich bin gleich wieder da.“ David küsste sie und ging dann hinaus.

Er suchte die Hebamme und bat sie kurz um ein Gespräch.
„Meine Frau sieht so erschöpft aus und sie ist so blass. Ist wirklich alles in Ordnung?“, fragte er nervös.
„Ja.“ Paula Herbst tätschelte David auf die Schulter. „Machen Sie sich keine Gedanken. Die Wehen waren sehr heftig und kamen schnell hintereinander. Manchmal ist so eine Geburt anstrengender als eine die sich über Stunden zieht, bei denen es aber längere Erholungsphasen gibt. Ihre Frau wird ein paar Tage bleiben müssen, ihr Kreislauf ist durch das lange Liegen natürlich geschwächt. Aber alles kommt wieder in Ordnung.“
David atmete erleichtert auf. „Danke.“
„Nichts zu danken. Die nächsten Wochen werden sehr anstrengend werden. Ihre Frau sollte eine Hebamme in Anspruch nehmen, die zu ihr nach Hause kommt.“ Paula gab David einige Visitenkarten. „Aber Ihre Frau macht einen sehr besonnenen Eindruck, man merkt, dass sie schon Kinder hat. Sie werden sehen, bald wird alles eingespielt sein.“

„Wo warst du?“ Charlotte schaute ihn müde an, als er wieder ins Zimmer kam.
„Bei Paula. Sie hat mir einige Adressen gegeben von Hebammen, die Wöchnerinnen zuhause betreuen. Das wäre doch eine gute Idee, oder?“ David setzte sich zu ihr und gab ihr einen zärtlichen Kuss.
„Ja, das ist es. Bei Suri und Luna hab ich das auch in Anspruch genommen.“ Sie schenkte ihm ein schwaches Lächeln, dann rappelte sie sich im Bett auf.
„Was ist?“, fragte er sie verblüfft, als er sah, dass sie aufstehen wollte.
„Ich muss mal“, antwortete sie verlegen und schwang die Beine über die Bettkante.
„Ich helfe dir.“ David zog sie am Arm hoch.
„Lass nur, das geht schon.“ Charlotte stand auf und machte einen Schritt, sofort drehte sich alles um sie herum und David fing sie besorgt auf.
„Das seh ich!“, stieß er entsetzt aus. Er drückte auf den Knopf und augenblicklich kam eine Schwester.
„Meiner Frau ist schwindelig geworden“, erklärte er knapp und schaute besorgt auf Charlottes Gesicht, das schweißnass und kreideweiß war.
„Ich wollte nur auf Toilette“, antwortete sie leise.
„Kommen Sie, wir versuchen es noch mal.“ Die Schwester half Charlotte aufzustehen und nickte David zu. Zusammen führten sie Charlotte in das kleine Bad, das zum Zimmer gehörte.
Charlotte war das alles sehr peinlich gewesen, doch ohne Hilfe wäre es nicht gegangen. Sie wartete, bis die Schwester und David das Bad verlassen hatten, und setzte sich auf die Toilette. Erschöpft lehnte sie ihren Kopf an die kühlen Fliesen.
Sie hasste es, so hilflos zu sein, aber der Tag hatte es wirklich in sich gehabt. Und sie fühlte sich nicht nur körperlich am Ende, auch ihre Seele hatte eine Berg- und Talfahrt hinter sich.
Doch jetzt war sie fest davon überzeugt, dass alles wieder gut werden würde. Ihre Babys waren da, sie waren gesund – und David liebte sie. Das spürte sie deutlich und sie schämte sich für ihre Zweifel.
Sie rief nach der Schwester als sie fertig war und zusammen mit David wurde sie wieder zu ihrem Bett zurückgeführt.

Eine halbe Stunde später kamen ihre Eltern, Magdalena Herbold und die Flöckchen vorbei.
„MAMI!“ Die beiden stürmten auf Charlotte zu und krabbelten, jede an einer Seite, in ihr Bett. Charlotte wurde mit feuchten Küssen übersät und sie drückte glücklich ihre beiden Mädchen an sich.
„Wo sind die Babys?“, fragte Suri schließlich enttäuscht.
„Sie sind auf der Kinderstation. Sie sind noch ein bisschen klein und müssen in ein Wärmebettchen. Dort ist es kuschelig warm. Das hilft ihnen, sich wohler zu fühlen“, erklärte David den Mäusen.
„Dürfen wir sie sehen? Bitte.“ Luna zog eine Schnute und David schmolz sofort dahin.
„Natürlich.“ Er nahm die Kleine auf die Arme und sagte dann der Schwester Bescheid, die einen Rollstuhl für Charlotte brachte.
Charlotte war das wieder unangenehm, doch Suri und Luna setzten sich auf ihren Schoß und so durfte David alle seine Frauen schieben.

„Och Gott!“ Heidi schluchzte auf, als sie die Zwillinge in ihrem Bettchen liegen sah. Die beiden lagen dicht aneinander und schliefen friedlich.
„Die sind aber klein. Aber sehen ganz passabel aus.“ Stefan klopfte David auf die Schultern. „Hast du gut gemacht“.
Magdalena trat ganz vorsichtig an das Bettchen heran und sagte erst mal nichts.
„Alles klar, Mutter?“, fragte David sie leise.
„Sie sind wunderschön.“ In ihren Augen glitzerte es und sie schaute David glücklich an. Sie umarmte erst ihn fest, dann Charlotte.
„Wieso weint Ihr denn alle?“ Suri runzelte die Stirn. „So sslimm sehen die doch gar nicht aus.“
Charlotte kicherte leise. „Nein, manchmal weinen Erwachsene auch, wenn sie sich freuen oder ihnen etwas besonders gut gefällt.“
„Ist das der Junge?“ Luna deutete auf das Baby mit dem hellblauen Strampelanzug.
„Ja, das ist dein Bruder Ben“, erklärte David stolz.
„Der ist süß – den nehm’ ich!“, sprudelte es aus Suri hinaus.
„Die gehören uns allen!“, mischte sich Luna wütend ein.
„Ja – uns allen“, lachte Charlotte. „Und wir müssen sehr vorsichtig mit ihnen sein.“
„Wir passen sson auf“, versprach Suri eifrig.
„Ihr seid jetzt große Schwestern und könnt Euren Geschwistern einiges beibringen. Und mir vielleicht auch helfen, wenn Ihr mögt“, lächelte Charlotte.
„Machen wir“, versprach Luna.
„Und jetzt lassen wir die beiden mal schlafen, ja?“ David streichelte seine Lockenköpfchen über die Wangen. „Es gibt auch eine Überraschung für Euch…“
„Eine Überrassung?“ Suris Augen weiteten sich.
„Ja. In Mamis Zimmer.“

Heidi hatte Charlottes Reisetasche mitgebracht, in der zwei kleine Geschenke für die Mäuschen waren.
„Die Babys können Euch ja noch nichts schenken, deswegen übernehmen wir das für sie …“, zwinkerte David den beiden zu. „Die hier sind von Nele und Ben. Sozusagen als Begrüßungsgeschenk von ihnen für Euch“.
„Aber jetzt haben wir gar nix für sie.“ Luna schaute David entsetzt an.
„Das braucht Ihr auch nicht. Nele und Ben haben jetzt eine Familie bekommen“, erklärte Magdalena.
„Stimmt … und ganz viele Spielsachen und Strampler.“ Suri fand den Deal wohl gerecht und riss aufgeregt ihr Geschenk auf.
Magdalena hatte auf Charlottes Bitten hin zwei kleine Teddybären besorgt, einer mit einem blauen und einer mit einem rosa Strampelanzug.
„Oh – wie ssön …“ Suri hatte den Jungen erwischt und drückte ihn an sich.
„Danke.“ Auch Lunas Augen leuchteten.
„Wir sagen den Babys ssnell danke“, plapperte Suri eifrig und rannte schon zur Tür.
David fing sie gerade noch ein. „Das könnt’ Ihr immer noch machen.“ Er hob seine Mini-Blondine auf den Arm und drückte sie fest an sich. „Okay, mein Mäuschen?“
Suri erwiderte seine Umarmung und schmiegte ihr Gesicht an Davids Hals.

Charlotte wurde immer schweigsamer und hörte nur noch dem Geplapper ihrer Mädchen und der Unterredung der anderen zu, ohne sich zu beteiligen. Sie spürte deutlich wie die Müdigkeit immer mehr Besitz von ihr ergriff. Doch es war so schön Besuch zu haben, dass sie es nicht übers Herz brachte, alle wegzuschicken.
David hatte schon registriert, dass Charlotte stiller geworden war. Ihre Blässe machte ihm Sorge, jetzt bemerkte er, dass ihr die Augenlider immer schwerer wurden.
„Möchtest du schlafen?“ Er beugte sich über sie und küsste zärtlich ihre Stirn.
„Nein … ja …“, sagte sie leise. „Tut mir leid, ich bin einfach kaputt.“
„Das ist wohl wirklich kein Wunder“, lächelte er liebevoll, dann wandte er sich an die Siegels und seine Mutter.
„Vielleicht wäre es besser, wenn wir Charlotte mal ein bisschen in Ruhe lassen“, sagte er freundlich.
„Oh ja, Mensch Maus. Sag’ doch, wenn du müde bist.“ Stefan tätschelte Charlotte liebevoll die Wange. „Sollen wir die Flöckchen mit zu uns nehmen, dann kann David noch ein bisschen bleiben?“
„Das wäre wirklich nett.“ Sie streichelte ihrem Vater dankbar über die Hand.
„Wollt Ihr bei Oma und Opa schlafen?“, fragte Charlotte ihre beiden.
„Ja!“ Suri hüpfte begeistert auf und ab.
„Können wir dann morgen wieder zu den Babys?“ Luna schaute Charlotte bittend an.
„Natürlich, mein Schatz.“ Charlotte bat ihre Töchter zu sich aufs Bett und knuddelte sie fest an sich. „Wir sehen uns morgen, meine Süßen.“

Nachdem der Besuch weg war, zog David Charlotte in die Arme. „Danke für Nele und Ben“, sagte er und küsste sie zärtlich.
„Oh – da warst du auch dran beteiligt, also kein Grund mir zu danken“, lächelte Charlotte. Sie genoss es, in seinen Armen zu liegen, seinen Duft zu riechen. Doch schließlich verlor sie endgültig den Kampf gegen ihre Müdigkeit und innerhalb weniger Minuten schlief sie ein.
David legte sie vorsichtig zurück in die Kissen, betrachtete sie noch lange. Sie sah so fertig aus, er hoffte inständig, dass sie sich schnell erholen würde. Und zwar nicht nur von den körperlichen Strapazen.

Er nutzte die Zeit und rief Philipp an. Kurz gab er ihm Anweisungen, was er tun sollte und bat ihn, für morgen einen Termin mit der Anwaltskanzlei zu machen, die für den Verlag tätig war. David wollte die Sache so schnell wie möglich vom Tisch haben.
Schlagzeilen über ihn hatten ihn nie sonderlich interessiert. Er wusste, dass die Presse davon lebte, Klatsch und Tratsch zu verbreiten, schließlich war das auch sein Geschäft. Aber das ging jetzt eindeutig zu weit – Monique war zu weit gegangen. Er wusste um ihre Kaltblütigkeit, wenn es um ihren Beruf ging. Sie war hinter jeder Schlagzeile her. Aber das hier war eine Privatfehde gegen ihn, die auf Kosten von Charlotte und seinen Kindern ausgetragen worden war.
Er musste sich wirklich zügeln, um nicht zu ihr zu fahren und sie eigenhändig zu erwürgen. Doch er zwang sich, einen kühlen Kopf zu bewahren. Damit war allen am meisten geholfen.

Eine Schwester weckte Charlotte vorsichtig. „Frau Woźniak-Herbold? Ihre beiden sind wach und haben Hunger. Sollen wir es noch mal mit dem Stillen versuchen?“
„Ja natürlich.“ Charlotte war sofort munter und setzte sich im Bett auf.
David hatte ein Baby auf dem Arm und lächelte ihr verliebt zu.
„Wer hat denn am meisten Hunger?“ Charlotte schaute ratlos zwischen der Schwester, die Nele hatte, und David hin und her.
„Ich glaube, Ihre Tochter ist etwas ungeduldiger.“ Die Schwester gab Charlotte Nele an und nach einigen Anläufen klappte das Stillen recht gut.
David versuchte, den kleinen Ben etwas zu beruhigen, und redete leise mit ihm. Für einen Moment hörte er tatsächlich auf zu weinen und schien aufmerksam zu lauschen.
Dann siegte aber wieder das Hungergefühl und das Gesichtchen verzog sich wütend.
Endlich war er an der Reihe, bei ihm klappte das Trinken leichter und Charlotte betrachtete fasziniert die kleinen Händchen, die zuerst zu Fäusten geballt waren und sich mit jedem Zug etwas mehr entspannten.

David brachte die beiden zusammen mit der Schwester zurück und zu seinem Entsetzen wurde ihm auch noch gezeigt, wie man wickeln musste. Zuerst traute er sich überhaupt nicht an seine Kinder ran, sie waren so klein. Doch nach gutem Zureden von der Säuglingsschwester machte er sich dann ans Werk und verpasste Nele eine neue Windel.
„Sie sind zwar sehr klein, aber sie sind nicht so zerbrechlich wie sie aussehen. Keine Sorge, so schnell geht nichts kaputt“, lachte die Schwester ihm zu.
David betrachtete noch ein wenig fasziniert seine Kinder, die jetzt im Wärmebettchen lagen und recht zufrieden wirkten.
Dann ging er zurück zu Charlotte. „Soll ich nach Hause fahren? Es ist schon nach elf.“
Charlotte sah ihn bittend an. „Kannst du nicht noch etwas bleiben? Der Tag war so anstrengend und … und ich hab’ mich so nach dir gesehnt“.
David beugte sich über und küsste sie zärtlich. „Natürlich bleibe ich, mein Liebling. Und bitte glaube mir: Alles wird sich klären.“
Charlotte lächelte etwas zerknirscht. „Es … es tut mir leid, dass ich Zweifel an dir hatte. Bitte verzeih’ mir.“
„Charlotte. Ich muss dir gar nichts verzeihen, wenn es andersherum gewesen wäre, wäre ich vor Eifersucht durchgedreht“, gab er offen zu.
„Wegen mir musst du nichts unternehmen wegen der Berichte.“ Sie spielte an seinem Hemdknopf herum. „Wir haben uns und wir wissen, wie es wirklich ist.“
„Nein Schatz. Das geht nicht. Monique ist viel zu weit gegangen und wird die Konsequenzen tragen müssen. Sie hatte kein Recht zu dir zu gehen und dir so eine Lüge aufzutischen. Sie wusste, dass du Probleme in der Schwangerschaft hast und sie hat es in Kauf genommen, dich und die Babys zu gefährden. So kommt sie nicht davon! Ich lasse es nicht zu, dass der Frau, die ich über alles liebe, so etwas angetan wird. Noch dazu, wenn sie schwanger mit meinen Kindern ist.“
Charlotte schmiegte sich in seine Arme. „Niemand kann uns trennen“, flüsterte sie und schloss glücklich die Augen.