Eine zweite Chance – Teil 56

„So – alle Woźniaks und Herbolds fertig?“ David warf einen Blick in den Rückspiegel von Charlottes Van.
„Ja“, kam es kichernd von seinen Supermäusen. Die Zwillinge schliefen in ihren Babyschalen.
„Gut, dann kann’s ja losgehen“, grinste David und sah hinüber zu Charlotte, die einen recht nervösen Eindruck machte. „Alles klar?“
„Ja, natürlich“, versicherte sie ihm.
Heute ging es mit der kompletten Familie in den Verlag, quasi als Vorstellungstermin der Zwillinge. Zwar hatten sie viele schon zuhause besucht, aber heute wurden die Babys offiziell allen gezeigt.
Sie waren jetzt neun Wochen alt und beide hatten ein recht angenehmes Gemüt. Und zu Charlottes großer Erleichterung schliefen sie in der Nacht im Schnitt sechs Stunden.
Luna rutschte ebenso aufgeregt auf ihrem Sitz herum. Es war klar, dass sie darauf brannte, Mike zu sehen. Sie war zwar einmal mit David in der Firma gewesen, aber da hatte Mike nicht so viel Zeit für sie gehabt.
„Freust du dich auf Mike?“, fragte Charlotte sie lächelnd.
„Ja und wie“, strahlte Luna. Sie hatte eine Mappe dabei, die sie wie ihren Augapfel hütete. Wahrscheinlich waren dort drin ihre neusten Gemälde enthalten.

Sie wurden mit großem Hallo empfangen. Da bekannt war, dass sie heute kommen würden, hatte Heidi auch ein kleines Buffet vorbereitet, sehr zu Lunas Freude.
„Och Gottchen, die sind ja niedlich!“ Inka hatte sich sofort vor eine der Babyschalen gehockt und zwickte Ben in die Wange. Der schaute erst etwas missmutig, dann strahlte er Inka aber an.
„David – das Lächeln hat er eindeutig von dir“, sagte sie verzückt.
„Wollen wir doch mal hoffen.“ Stolz betrachtete David seine Babys. Nele und Ben hatten beide dunkle, fast schwarze Haare. Bei Nele waren die Augen eindeutig blau, bei Ben schienen sie immer dunkler zu werden. David war gespannt, wie seine Kinder mal später aussehen würden.

„Da sind ja meine Prinzessinnen!“ Mike trat hinzu und streichelte Suri und Luna über die Löckchen. „Ich freu mich so, dass Ihr da seid.“
„Ich hab auch was gezeichnet!“ Luna schaute ihn mit großen Augen bewundernd an.
„Oh, meine Kleine, das ist ja wundervoll!“ Er nahm ihr die Mappe aus der Hand und sah sofort ihre Entwürfe durch. „Du bist eine wunderbare Zeichnerin, Luna.“
„Ja?“ Luna strahlte übers ganze Gesicht.
„Ja. Wenn du mal groß bist, musst du unbedingt hier im Verlag anfangen“, sagte Mike lächelnd.
„Guck mal, Mike, das sind Nele und Ben“, mischte sich Suri jetzt ein und deutete auf ihre Geschwister.
„Oh ja, die kleinen Babys.“ Mike hockte sich jetzt vor die beiden. „Sehr süß, wirklich.
„Mike, weißt du schon, ich komme bald in die Schule“, erklärte Luna ihm stolz.
„Oh wirklich? Du bist auch ein sehr kluges und talentiertes Mädchen.“
„Und Mami muss noch eine Ssultüte für Luna basteln“, plauderte Suri aus.
„Eine Schultüte?“ Mike befreite sich jetzt lächelnd von Neles Händchen und stand auf. Sein Gesicht bekam so einen merkwürdig entrückten Ausdruck.
„Wie soll die aussehen? Sollen wir einen Entwurf zeichnen?“
Mike runzelte wieder wichtig die Stirn. Er schien ernsthaft darüber nachzudenken.
„Ähm Mike …“, unterbrach ihn Charlotte schnell in seiner Euphorie. „Das ist schrecklich nett von dir gemeint, aber das wäre doch ein wenig, äh … übertrieben, oder?“
Mike tätschelte beruhigend über Charlottes Hand. „Das geht schon, mach’ dir keine Gedanken.“
„Aber …“, protestierte sie wieder, doch Mike nahm schon Suri und Luna an die Hand und entfleuchte mit ihnen in sein Büro.
Magdalena, Julius und die anderen Mitarbeiter sahen ihnen staunend hinterher.
„David – bitte!“, flehte Charlotte ihn an. „Luna soll nicht irgendetwas Extravagantes bekommen.
David küsste seine Frau auf die Nasenspitze und zog sie in seine Arme. Er verstand ihre Sorge, auch er war zunächst ziemlich verblüfft über Mikes Anwandlungen gewesen. „Ich werde mit ihm reden und ihm zeigen, wie Schultüten so auszusehen haben. Ich möchte auch nicht, dass Luna später mit irgendwelchen Karikaturen auf der Tüte dasteht.“

David und Charlotte blieben noch mit den anderen Mitarbeitern eine Weile stehen, dann wurde Nele immer quengeliger.
„Ich glaube, sie hat Hunger.“ Charlotte lächelte entschuldigend in die Runde und nahm ihre kleine Tochter samt Wickeltasche mit in Davids Büro. David blieb mit Ben bei Philipp und Heidi stehen.
Nach einer halben Stunde klopfte er an Charlottes Bürotür. „Wenn du fertig bist, dann müssten wir mal über den Empfang am Wochenende sprechen.“
David lächelte, als er sah, dass Nele schon fast wieder an Charlottes Brust eingeschlafen war. Er konnte seine Tochter verstehen. Gab es einen schöneren Ort?
„Ich komme gleich“, antwortete Charlotte und löste Nele vorsichtig von ihrer Brust. David ging wieder hinaus und sie seufzte auf.
„Ein Empfang …“ Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Sie hatte David schon Ewigkeiten nicht mehr begleitet, aber jetzt musste sie dabei sein. Und für ein paar Stunden konnten die Zwillinge ja ohne Weiteres von den Großeltern betreut werden.
Doch sie konnte sich immer noch nicht so recht mit ihrer Figur anfreunden. Und wenn sie an all’ die schönen Frauen dachte, die dort anwesend sein würden, hob das nicht gerade ihre Laune. Außerdem war ihr klar, dass sie und David auf jeden Fall Interesse wecken würden. Auch wenn nach Davids Intervention nichts mehr über eine Ehekrise in den Zeitungen stand, wenn David mit Charlotte dort auftauchen würde, würden sie genau beobachtet werden.
„Was soll’s?“, seufzte sie auf und legte Nele zurück in den Kindersitz.

Das Blitzlichtgewitter war enorm. Charlotte zuckte richtig erschrocken zusammen und war froh, dass David ihr die Autotür öffnete und sofort einen Arm um ihre Hüfte legte. Sie wäre am liebsten wieder ins Wageninnere geflüchtet, aber ihr Mann zog sie sanft mit sich mit.
„Frau Herbold – wie geht es Ihnen?“ Eine junge Reporterin rief ihr die Frage zu.
„Danke, gut“, lächelte Charlotte in ihre Richtung.
„Ist alles in Ordnung in Ihrer Ehe?“, hakte die Frau nach.
Charlotte hätte ihr am liebsten entgegengeschleudert, dass sie das ja wohl kaum etwas anginge, aber sie besann sich dann doch.
„Es ist alles bestens“, antwortete sie.
„Wir sind sehr glücklich“, fügte David noch hinzu und ging dann mit Charlotte zum Eingang.
David spürte Charlottes Nervosität. „Du siehst fantastisch aus.“ Er küsste sie zärtlich, wohlwissend, dass sie unter Beobachtung standen.
„Danke.“ Doch Charlottes Unsicherheit war immer noch da. Sie hoffte nur, dass man ihr das nicht anmerken würde.
Nach und nach entspannte sie sich. David wich nicht von ihrer Seite, küsste sie immer wieder zwischendurch und sie tanzten sehr eng miteinander.
„Ich glaube, jetzt dürften alle verstanden haben, dass wir beide zusammengehören“, murmelte er an ihrem Hals.
„Ich hoffe es.“ Sie sah ihm lange in die Augen und ohne auf die anderen Gäste zu achten, küssten sie sich leidenschaftlich.

Am übernächsten Tag waren einige Bilder von ihm und Charlotte abgedruckt. Auf allen wirkten sie sehr verliebt und die Berichte waren durchweg positiv. In einem Artikel wurde drauf hingewiesen, welch’ eine tolle Figur Charlotte schon wiederhatte und ihr fiel ein Stein vom Herzen.

„Hallo?“
David schloss die Haustür auf und wunderte sich, dass nicht schon eines seiner Mäuschen ihm entgegengeflitzt kam. „Keiner da?“, rief er nochmals.
Dann hörte er Suris Geplapper aus dem Wohnzimmer und ging neugierig auf die Tür zu.
Sie kniete bei Ben und Nele auf der Krabbeldecke und plauderte munter auf die Zwillinge ein. Luna saß am Esszimmertisch und schien ganz vertieft an einem Zeichenblock zu sitzen.
Keine der beiden nahm Notiz von ihm, er wollte gerade fragen, wo Charlotte sei, da sah er, dass Suri Fotos auf der Krabbeldecke ausgebreitet hatte. David hielt in seiner Bewegung inne und versteckte sich ein wenig hinter dem Türrahmen.
„Guck, du kleiner Pupsibär.“ Sie hielt Ben ein Foto vors Gesicht. „Das bin ich, da war ich auch noch ein Baby … Süß, oder?“
Bens Antwort fiel erwartungsgemäß eher spärlich aus, aber er schien ihr aufmerksam zuzuhören.
„Und das ist Mami mit Luna … und das …“ Suri hielt plötzlich in ihrer Bewegung inne. Für einen winzigen Moment wirkte sie traurig, dann lächelte sie aber wieder. „Das ist meiner und Lunas Papi. Euer Papi ist ja Taff … David. Unser Papi ist ein Engel und der passt immer vom Himmel auf uns auf. Ist auch chön, wenn man einen Engel hat, der auf einen aufpasst …“ Wieder huschte ein Ausdruck von Traurigkeit über ihr Gesicht. David brach es fast das Herz, er wollte schon auf sich aufmerksam machen und zu ihr gehen, doch Suri redete dann weiter.
„Aber chöner ist es, wenn man einen Papi hat, der immer da ist“, fügte sie leise an. David war sich nicht sicher, er meinte aber ein Tränchen über ihre Wange kullern zu sehen. Dann seufzte sie auf und straffte ihre kleinen Schultern. „Aber wir haben ja auch Davitt und der ist ja auch irgendwie unser Papi und den haben wir voll lieb“, erklärte sie dann Ben lächelnd.
„Was redest du denn da? Der Ben versteht dich doch gar nicht!“ Luna war nun ebenfalls aufmerksam geworden und setzte sich mit auf die Krabbeldecke.
„Dohoch – Ben versteht mich!“ Suri beugte sich über ihren Bruder und gab ihm ein Küsschen auf die Stirn. Ben quiekte vergnügt auf und lachte.
„Siehst du“, beharrte Suri und schickte ihrer älteren Schwester einen strafenden Blick.
David hatte einen Kloß im Hals, jetzt zwang er sich aber, sich endlich bemerkbar zu machen.
„Hallo meine Süßen!“, rief er fröhlich und Suri und Luna kamen sofort auf ihn zugerannt. Die Begrüßung fiel wie gewohnt sehr stürmisch aus, nur diesmal hielt David die beiden einen Tick länger in seinen Armen, als er das sonst zu tun pflegte.