Eine zweite Chance – Teil 57

„Meinst du, sie ist eifersüchtig auf die Zwillinge? Wegen mir? Oder vernachlässigen wir sie?“ David ließ die heutige Situation mit Suri und Ben nicht los. Es tat ihm weh, die Kleine so erlebt zu haben. Sie war eigentlich immer fröhlich und gut gelaunt, so traurig und nachdenklich kannte er sie gar nicht.
Charlotte lag mit dem Kopf auf seinem Bauch und schaute zu David hoch. Sie fuhr mit ihrem Finger die Konturen seines Gesichtes nach.
„Hm. Ich habe auch schon darüber nachgedacht“, gab sie ehrlich zu. „Na ja, die Babys beanspruchen schon viel Zeit. Und Luna steht etwas mehr im Mittelpunkt, jetzt wo sie in die Schule kommt.“ Charlotte schluckte. Auch sie hatte es getroffen, was David heute beobachtet hatte. Er hatte es ihr erzählt, sie war zu der Zeit gerade im Keller und hatte den Wäschetrockner befüllt.
„Ich werde mich morgen mehr um sie kümmern. Vielleicht können die Zwillinge nachmittags ein paar Stunden zu deiner Mutter.“ Sie hauchte David einen Kuss auf den nackten Bauch und krabbelte zu ihm hoch.
„Das ist bestimmt eine gute Idee. Und weißt u, was noch eine gute Idee ist?“, murmelte er an ihren Lippen und seine Hand wanderte hinab zu ihrem Po.
„Hast du immer noch nicht genug?“, kicherte Charlotte leise und biss ihm in die Unterlippe.
„Überfordere ich dich?“
Jetzt prustete Charlotte laut los, David hielt ihr schnell den Mund zu. „Nicht so laut, Frau Herbold“, sagte er strafend.
„Bin chon still“, grinste Charlotte und begann nun ihrerseits, ihren Mann leidenschaftlich zu küssen.

Charlotte hatte aber noch eine andere Idee, wie man Suris Gemütszustand wieder etwas aufheitern könnte. Sie rief Konrad und Mariana an, die zwar regelmäßig Kontakt zu ihren Enkeln und Charlotte hielten (sogar neuerdings per Internet, Konrad war tatsächlich das Wagnis eingegangen und hatte sich einen Laptop zugelegt), aber noch nicht zu einem Besuch vorbeigekommen waren.
„Charlotte, wir würden natürlich gerne kommen, aber wird das nicht zuviel für dich? Die Babys sind doch erst drei Monate alt.“
Es war schön, Marianas liebe Stimme zu hören. Charlotte wusste, dass Jonnys Eltern ihr nicht zur Last fallen wollten und sich deswegen mit Besuchen zurückhielten. In den ersten Wochen war sie auch froh gewesen, wenn sie einen Tag lang keinen Besuch hatte. Auch wenn sie ihre Verwandten und Freunde gerne um sich hatte, das Stillen und der unregelmäßige Trink-Rhythmus der Zwillinge hatten an ihren Kräften gezerrt und sie war einfach nur dankbar über jede Minute, die sie sich hinsetzen und die Beine hochlegen konnte.
Jetzt hatte sich die Situation aber entspannt – und für Suri wäre es sicherlich eine Riesenfreude.
„Nein, das ist wirklich in Ordnung, Mariana“, bestätigte Charlotte. Dann erzählte sie von Suri, dass sie traurig wirkte und Mariana und Konrad versprachen, am nächsten Wochenende für ein paar Tage zu kommen.

Charlotte buchte für sie Flüge und informierte David. Sie beschlossen, den Flöckchen erst mal nichts zu sagen und sie mit dem Besuch von ihren Großeltern zu überraschen.
Und die Freude war dann auch riesengroß. David hatte die beiden vom Flughafen abgeholt und mit zur Villa gebracht.
Luna und Suri fielen ihnen stürmisch um den Hals und ließen ihre Großeltern erst gar nicht mehr los. Für den Abend hatte Charlotte noch ihre Eltern eingeladen und sie wollten eine kleine Grillparty machen, aber auch das sollte eine Überraschung für die Mädchen sein.
„Und wo sind die Babys?“ Mariana schaute sich suchend im Wohnzimmer um, dort lag zwar eine Krabbeldecke, aber keine Zwillinge darauf.
„Sie schlafen, aber sie müssten gleich wach werden“, erklärte Charlotte ihnen.

Solange gingen Konrad und Mariana mit den beiden Mädchen in den Garten. Die Kaninchen hatten es Mariana besonders angetan, sie hatte oft betont, dass sie immer gerne Haustiere gehabt hätte, gab aber offen zu, dass bei ihrem Chaos wohl damit keinem gedient gewesen wäre.
Als die Babys wach wurden, führte Charlotte die beiden dann in die Kinderzimmer. David folgte neugierig, er war schon gespannt, was die ‚fremden’ Großeltern zum Nachwuchs sagen würden.
„Oh, ist die aber süß.“ Mariana betrachtete verzückt die kleine Nele, die ein wenig verschlafen blinzelte. Charlotte gab sie Mariana auf die Arme und Nele sah sie zuerst ein wenig skeptisch an, dann hatten es ihr aber Marianas Ohrringe angetan.
Ben erwachte kurze Zeit später, die Kleinen schliefen jetzt getrennt, David hatte mit Stefan vor einer Woche das ‚Fußballzimmer’, wie es Charlotte spöttisch nannte, eingerichtet. Einwände, was passieren würde, wenn ihr Sohn sich nicht für diesen Sport interessieren würde, wischte Stefan kategorisch weg.
„Ganz bezaubernd.“ Mariana schaute hingerissen zwischen den Babys hin und her. „Was für niedliche Kinder …“ Sie strahlte David freundlich an.
„Da hast du dir aber Mühe gegeben“, lachte Konrad.
„Kann man wohl sagen“, grinste David. Er freute sich über die Art und Weise, wie Konrad und Mariana seine Kinder aufnahmen. Alle kleinen Zweifel waren unbegründet. Ihre herzliche Art übertrugen sie auch sofort auf die Babys.

Sie hatten auch Geschenke dabei, für Ben und Nele gab es kleine Stoffpüppchen, auf denen beide sofort begeistert herumkauten. Luna bekam wieder Farbe für ihre Staffelei und für Suri gab es etwas für ihre Lieblingsbarbie.
Die Begrüßung zwischen den Woźniaks und den Siegels fiel wie gewohnt sehr laut aus und als die Kinder im Bett waren, wurde es noch recht feucht fröhlich.

Mariana nahm sich in den nächsten Tagen viel Zeit für Suri, Charlotte bemerkte, dass sie oft mit ihr an dem Apfelbäumchen saß und redete. Sie war gespannt, ob Mariana ihr etwas von dem Gespräch erzählen würde.
Am Abend vor der geplanten Abreise von Konrad und Mariana kam diese dann auch zu ihr und David.
„David, würdest du mich und Charlotte mal einen Augenblick allein lassen?“, bat sie ihn freundlich lächelnd.
David stutzte, bekam irgendwie ein mulmiges Gefühl, nickte dann aber und ging mit Konrad hinaus auf die Terrasse.
Charlotte schaute Mariana gespannt an. „Geht es um Suri?“
„Ja, aber eigentlich betrifft es beide Mädchen …“ Mariana setzte sich aufs Sofa. „Ich schildere dir mal, wie ich es sehe: Seitdem die Babys da sind, wird vor allem Suri wieder bewusst, dass sie keinen Vater mehr haben. Vorher war das wohl nicht so ein großes Thema für sie, Jonny ist gestorben und David kam als dein Partner hinzu. Jetzt gibt es aber zwei Kinder, deren richtiger Vater er ist. Und ich glaube, das gibt Suri zu knabbern. Sie liebt die Babys – aber sie ist auch ein bisschen neidisch. Ich denke, das wird sich mit der Zeit einspielen. Die Situation ist ein bisschen komisch für die Kleine.“ Mariana griff nach Charlottes Hand.
„Ich würde ihr so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie“, Charlotte musste schlucken. Sie würde so gerne alle ihre Kinder glücklich sehen. „Soll David ihr anbieten, dass sie ihn auch ‚Papa’ nennen kann? Aber das würde auch nichts an der Tatsache ändern, dass Jonny tot ist…“
Doch der Gedanke daran fiel Charlotte selber schwer. War es nicht wie ein Verrat an Jonny?
Erschrocken schaute sie Mariana an. Hoffentlich ist sie jetzt nicht böse, dachte sie zerknirscht. „Entschuldige, das war taktlos.“ Charlotte streichelte über Marianas Finger.
„Nein – die Überlegung ist nicht falsch. Vielleicht würde Suri es dann leichter fallen. Wenn die Babys erst mal sprechen können und David Papa nennen, wird es ihr ja immer wieder vor Augen geführt, dass es da einen Unterschied gibt. Für Luna ist das im Moment nicht so ein Problem. Sie beschäftigen andere Dinge, aber das heißt nicht, dass dieses Thema nicht später einmal auch für sie aufkommen wird. Vielleicht redest du mit David mal darüber…“ Jonnys Mutter senkte schnell den Blick. „Du weißt, dass Jonny euer Glück immer am Herzen lag. Die Mädchen lieben David und sie akzeptieren ihn. Wie sie ihn nennen – ist das so wichtig? Sie werden Jonny nie vergessen, da bin ich mir sicher. Und das ist doch das eigentlich Entscheidende…“
Charlotte umarmte Mariana herzlich. „Danke…“

David musste zugeben, sehr neugierig zu sein, was Mariana mit Charlotte besprechen wollte. Er war sich sicher, dass es um Suri ging und seine Anspannung wuchs an. Er würde alles dafür geben, seine Mini-Blondine glücklich zu sehen. Er liebte sie und ihre Schwester genauso wie Nele und Ben. Und keines seiner Kinder sollte traurig sein.
Charlotte wartete, bis sie mit David im Bett lag und erzählte ihm, welchen Eindruck Mariana hatte.
„Sie hat mich einmal Papi genannt – ich glaube, das war ihr gar nicht bewusst. Das war vor ungefähr vier Wochen, als sie und Luna meinem Vater gezeigt haben, wie man Ben wickelt…“ Nachdenklich schaute David an die Decke. Ihm war es sofort aufgefallen, aber er hatte beschlossen, das nicht weiter zu erwähnen. Danach hatte Suri ihn nicht mehr so genannt, und er war sich nicht mehr sicher, ob sie den Begriff nicht nur verwendet hatte, weil sie mit Ben über ihn gesprochen hatte.
„Wirklich?“ Charlotte schaute ihn verwundert an. „Das ist mir gar nicht aufgefallen… irgendwie ist das alles schon so selbstverständlich geworden…“
„Ich würde mich freuen, wenn sie mich so nennen würden. Ich fände es auch nicht schön, wenn Nele und Ben mich anders betiteln als Luna und Suri. Das gibt nur unnötigen Fragen bei Außenstehenden… Aber das ist nicht meine Entscheidung.“ Er beugte sich zu Charlotte und küsste sie. „Das müssen die Woźniak-Frauen entscheiden.“
„Vielleicht schlägst du den beiden das einfach mal vor. Mal sehen, was passiert.“ Charlotte kuschelte sich in seine Arme und ließ sich von ihm in den Schlaf streicheln.

Ein bisschen nervös war David schon. Er hatte mit Luna und Suri einen Segelausflug geplant und wollte das Thema dort mal anschneiden. Vielleicht würde Luna ja auch wütend auf den Vorschlag reagieren? Sie war von den beiden Mäuschen immer noch die für ihn am schwersten zu durchschauende. Oft war sie still, ernst und in sich gekehrt, dann drehte sie auf und blödelte herum.
Er nutzte eine Pause, um das Gespräch darauf zu bringen. David hatte mit Charlotte besprochen, dass sie es auf keinen Fall groß aufziehen wollten, er wollte es eher nebenbei mal erwähnen.
„Gestern ist mir was Komisches passiert …“ David reichte den Kindern Brötchen an und goss ihnen Getränke ein. „Jemand hat mich nach meinen Kindern gefragt und ich hab’ gesagt, ich hätte vier.“ Er schaute die beiden verstohlen an. Lunas Blick war nicht zu deuten, aber Suri hing an seinen Lippen.
„Ich meine, irgendwie ist das ja auch so, auch wenn Jonny euer richtiger Papa ist, aber für die Leute, die uns nicht so gut kennen, sieht es ja so aus, als wäre ich euer Vater. Also mich stört das nicht, wenn die Leute das denken…“ Er schnipste sich beiläufig einen imaginären Fusel von der Jeans. „Mich würde das auch nicht stören, wenn ihr mich so nennen würdet – Ben und Nele nennen mich ja später auch mal Papa und außerdem leben wir ja auch zusammen wir eine richtige Familie…“
Suris riss die Augen weit auf. „Ja? Geht das? Das wäre chön, Taffitt, äh Dawiiid ist auch kein so toller Name…“ Sie sprang auf und schmiegte sich in seine Arme.
„Nur weil du ihn nicht sagen kannst“, neckte sie Luna kichernd. Dann wurde sie aber ernst. „Kann ich das noch überlegen?“, fragte sie David und schaute ihn bittend an.
David nahm ihre Hand und zog sie ebenfalls in seine Arme. „Du kannst mich nennen, wie du willst, Süße. Ich wollte euch nur sagen, dass es mir nichts ausmacht, was ihr zu mir sagt. Und ich fühle mich sowieso wie euer Papa, auch wenn ich nicht der Richtige bin… Ich bin so froh, dass ich euch hab.“ Er drückte die beiden Mäuse fest an sich und zwei paar Ärmchen umschlangen ihn.
„Wir können dich nennen, wie wir wollen?“ Luna sah ihn auf einmal frech an und in ihren Augen blitzte es in einer gewissen Art auf, die David sehr an Jonny erinnerte.
„Na ja, außer Blödi oder Doofi oder sonst was in der Art…“, knurrte David und schaute die beiden böse an.
Die beiden brachen sofort in lautes Gelächter aus und Suri kugelte sich kichernd auf dem Boden des Decks. Auch Luna prustete laut los und ihr kleiner Bauch bebte vor Lachen.