Eine zweite Chance – Teil 58

Charlotte war gespannt, wie der Segelausflug verlaufen würde. Bei Suri war sie sich eigentlich sicher, dass sie sich freuen würde. Lunas Reaktion abzuschätzen war schwieriger. Von Empörung darüber, dass sie nur Jonny als Papa betiteln würde, über Gleichgültigkeit, bis hin zur großen Freude war eigentlich alles möglich.
Doch Luna liebte David ebenfalls abgöttisch, auch wenn sie es nicht so offen zeigte wie Suri. Aber die Tatsache, dass sie neben Jonnys Bilder an ihrem Bett jetzt auch genauso viele von David und sich hängen hatte, ließ die Vermutung zu.
Charlotte hatte nicht näher nachgefragt, als Luna sie bat, die Fotos dort zu befestigen, aber sie hatte gesehen, dass Luna vor dem Schlafengehen jetzt beide „Väter“ mit Küssen bedachte.

David kehrte gut gelaunt mit den Flöckchen zurück. Er alberte bis zum Abend mit ihnen herum und jegliche Versuche von Charlotte, mit ihm über den Ausflug zu reden, erstickte er schon im Keim.
„Das ist eine Sache zwischen meinen Mädchen und mir“, hatte er ihr nur augenzwinkernd erzählt.
Dabei platze Charlotte vor Neugier, aber sie übte sich schweren Herzens in Geduld.
Doch sie brauchte nicht lange zu warten. Zusammen mit David brachte sie die beiden ins Bett und als Suri ihm einen Gute-Nacht-Kuss gab, strahlte sie ihn an. „Nacht Papi“, flüsterte sie leise, aber Charlotte konnte es gut verstehen.
Sie schluckte gerührt gegen einen Kloß im Hals an und ging schnell hinaus.
Luna beließ es bei einem einfachen „Gute Nacht“.

„Sie haben es also gut aufgenommen?“, hakte sie dann später im Bett doch noch einmal nach.
„Ja. Luna möchte darüber nachdenken, aber das ist völlig okay so. Sie soll das entscheiden. Und Suri findet meinen Namen eh doof, von daher war sie erleichtert.“ David verzog schmollend das Gesicht. „Ich hingegen finde meinen Namen sehr schön und sehr edel.“
„Na ja“, kicherte Charlotte und biss ihn ins Ohrläppchen.
David drehte sie auf den Rücken und setzte sich auf sie. „Nicht frech werden, Weib“, sagte er gefährlich leise und ließ eine Hand unter ihrem Schlafshirt verschwinden.
„David wehe!“ Charlotte spürte schon seine Finger an ihrer Taille und biss sich auf die Lippe, um nicht jetzt schon loszuprusten.
„Nimm das zurück“, sagte er in ruhigem Ton und in seinen dunklen Augen sah sie schon die Vorfreude auf seine kommende Attacke.
„Niemals“, keuchte sie mit einem letzten Anflug von Stolz.
David begann sie zu kitzeln und Charlotte schrie vor Lachen laut auf. Schnell verschloss er ihren Mund mit seinen Lippen und beschloss, das Kitzeln auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben.

„Das war eine schöne Idee, die Taufe hier abzuhalten.“ Magdalena schaute verträumt auf den See. „Ist es wirklich schon ein Jahr her, dass Ihr geheiratet habt?“
„Ja.“ David lächelte seine Frau verliebt an. Sie hatte Nele gerade gestillt und zurück in den Kinderwagen gelegt.
Während der Taufe waren die beiden Babys sehr lieb gewesen, Nele hatte zwar bei dem Kontakt mit dem Wasser auf ihren Kopf angewidert das Gesicht verzogen, aber Michaels Grimassen hatten sie dann schnell wieder breit grinsen lassen.

Überhaupt war die Taufe eine sehr lockere und fröhliche Veranstaltung gewesen. Genau wie ihre Hochzeit vor einem Jahr fand sie im Freien statt. Sie hatten denselben Pfarrer gebeten, die Zeremonie zu übernehmen.
Gefeiert wurde wieder unter den Bäumen und da sich genügend Freiwillige fanden, die die Betreuung der Kinder übernahmen, nutzte David die Gelegenheit und führte Charlotte etwas von den anderen weg.
Vor neugierigen Blicken geschützt zog er sie hinter einen Baum. Sie sah ihn verblüfft an, dann zog er ein kleines Kästchen hervor.
„Alles Gute zum Hochzeitstag“, sagte er leise.
„David!“ Charlotte schaute ihn überrascht an, dann öffnete sie das kleine Geschenk. Es war ein wunderschöner Ring und ihr schossen die Tränen in die Augen. „Danke.“
„Ich liebe dich, mein Liebling. Du hast mich zum glücklichsten Mann auf der ganzen Welt gemacht. Ich hab zu danken.“ Er küsste sie zärtlich, spürte den leicht salzigen Geschmack auf seinen Lippen.

„Meine Güte, ist die Kleine aber schick!“ Stefan sah verzückt auf seine Enkeltochter hinab. Luna stand mit ihrer kunstvoll gestalteten Schultüte stolz neben dem Eingang der Grundschule. David musste sich ein Grinsen verkneifen, der Karikaturist Mike war mindestens so aufgeregt wie Luna selbst. Er hatte ihr eine Schultüte kreiert, auf dem ein kleines Mädchen aus Moosgummi drapiert war. Zu Charlottes und seiner Erleichterung war das Design von Lunas Schultüte aber sehr unauffällig und schlicht.

Charlotte hatte während der Begrüßungszeremonie für die Erstklässler ein paar Tränchen wegdrücken müssen. Es fiel ihr doch schwer, ihre Kleine jetzt in die Schulwelt zu entlassen. Aber Luna war mehr als reif dafür, sie konnte schon recht gut lesen und rechnen.
Jetzt ging es zur Feier des Tages in den Garten, die Einschulung fiel genau zwischen die beiden Geburtstage der Mädchen. David dachte schon mit Grauen an Suris Geburtstagsfeier von letztem Jahr. Er hoffe, dass sich ihre Partygäste nächste Woche gesitteter benahmen.

Mariana und Konrad hatten versprochen noch bis zu Suris Geburtstag zu bleiben und auch er freute sich darüber. Immer wieder war er positiv überrascht darüber, wie liebevoll sie auch mit den Zwillingen umgingen. Die beiden waren jetzt schon fünf Monate alt und so langsam wurden sie mobiler. Charlotte stillte sie immer noch voll, in einem Monat wollte sie anfangen, den Babys die erste festere Nahrung zu geben.
David war schon sehr gespannt darauf, endlich würde er dann auch mal aktiver helfen können.

„Oh nein! BEN!“ David schaute seinen Sohn strafend an, doch der strahlte nur mit möhrenverschmiertem Gesicht zurück. „Jetzt kann ich mich schon wieder umziehen. Suri könntest du Ben weiterfüttern?“, bat er seine Miniblondine.
„Ja, Papi.“ Sie rückte sich einen Stuhl zurecht und häufte Möhren-Kartoffelbrei auf einen Löffel. „Nicht mit den Händchen in den Brei patssen … patschen“, belehrte sie ihren kleinen Bruder.
David musste zugeben, dass sie es geschickter als er anstellte. Immer wenn Ben ansetzte und seine Hand in den Breiteller zu schlagen drohte, hielt sie ihn fest. Man merkte halt, dass sie dies öfter tat.
„Gehen Sie, ich pass’ schon auf“, lächelte Frau Hafner ihm zu.
David nickte dankbar und wechselte jetzt zum dritten Mal das Hemd. Die anderen, mit orangen Flecken verzierten Oberteile, gab er der Haushälterin direkt in die Wäsche.
Gott sei Dank ist morgen Charlotte wieder da. Er seufzte innerlich auf.

„Na Alter, bist du froh, wenn Charlotte wieder da ist?“ Philipp saß bei Heidi am Tresen und trank einen Kaffee.
„Ja“, gab David ehrlich zu. Er vermisste sie, obwohl er ihr natürlich die kleine Auszeit gönnte. Sie war mit Svenja in einem Wellness-Hotel, die Petersens und Michael hatten ihr diese vier Tage zum Geburtstag geschenkt. Zunächst hatte sie sich gesträubt, wollte die Kinder nicht solange allein lassen, aber David, ihre Eltern und die Herbolds hatten ihr versichert, dass sie sich kümmern werden und sie war dann schließlich doch gefahren.
„Ach, die Mädels werden jede Menge Spaß haben“, zwinkerte Philipp ihm zu.
„Bestimmt“, brummte David. Svenja hatte Charlotte schon bei der Geschenküberreichung erzählt, dass es dort auch etliche Vergnügungsmöglichkeiten vor Ort gab und es hatte David gar nicht gepasst, dass Charlotte sich ein paar sehr schicke Kleider eingepackt hatte. Natürlich vertraute er ihr, nie würde sie ihn betrügen – aber schon allein die Vorstellung, sie könnte mit anderen Männern tanzen, behagte ihm gar nicht.

Als sie am nächsten Tag mit Svenja fröhlich aus dem Zug stieg und ihn sehr leidenschaftlich zur Begrüßung küsste, fiel ihm dann ein Stein vom Herzen.
„Ich hab dich vermisst“, flüsterte sie in seinen Mund.
„Ich dich auch.“
Man ging mit Philipp und Svenja noch in eine Bar etwas Trinken, Svenja redete an einem Stück, erzählte, dass sie auch Tanzen waren und das kleine fiese Piksen setzte bei David wieder ein.
„Hast du auch getanzt?“ Er hatte sich zu Charlotte hinübergebeugt und flüsterte in ihr Ohr.
„Ja, ein paar Mal“, antwortete sie und lächelte ihn an.
„Mit wem denn?“, bohrte er nach.
„David, keine Ahnung. Ich hab mich nicht lange genug mit den Herren beschäftigt.“ Sie runzelte angestrengt die Stirn. „Einer hieß Kai, glaube ich …“
„Blöder Name“, knurrte David.
Charlotte grinste ihn breit an. „Du bist so ein eifersüchtiger Gockel, David Herbold!“
„Bin ich nicht“, kam es patzig zur Antwort, dann musste er aber auch lachen. „Ich hätte dir doch einen Knutschfleck verpassen sollen. Als Abschreckung.“
Jetzt kicherte auch Svenja. „Keine Angst David“, mischte sie sich ein. „Der Ehering hat schon gereicht. Und Charlotte war ganz brav, hat nur ein paar Mal getanzt und war immer zeitig im Bett – allein versteht sich.“
Charlotte setzte sich jetzt auf Davids Schoß und kuschelte sich an ihn, sanft knabberte sie an seinem Ohrläppchen. „Ich liebe dich“, sagte sie leise. „Lass uns nach Hause gehen, ja?“
David erfüllte ihr diesen Wunsch sofort. Immerhin wurden die Kinder heute außer Haus betreut und das galt es auszunutzen.

***

Auch wenn Charlotte dieses Musical schon in- und auswendig kannte, es berührte sie immer wieder aufs Neue.
Es war unzertrennbar mit der Erinnerung an Jonny verbunden, der den Mädchen die Geschichte immer wieder erzählt und die Lieder mit ihnen zusammen gesungen hatte. Charlotte hatte lange überlegt, ob sie Luna und Suri die Karten zu Weihnachten schenken sollte, doch dann hatte sie sich ganz bewusst dafür entschieden. Auch David wollte mitgehen und so kam es, dass sie jetzt zu viert hier saßen.
Nele und Ben waren bei den Herbolds. Ihr erstes Weihnachten hatten sie vergnügt umherkrabbelnd verbracht. Ihr größter Spaß war es gewesen, das Geschenkpapier zu zerreißen und anzusabbern, Charlotte lächelte in sich hinein bei dem Gedanken daran.
Luna war jetzt schon vier Monate in der Schule und sie machte sich wirklich gut.
Suri war in einem Kinderchor aufgenommen worden und sie hatte großen Spaß daran – sehr zur Freude von Oma Mariana, die die Musikalität von ihrer kleinen Enkelin schon früh erkannt hatte.

Charlotte wusste, welches Lied jetzt kam, obwohl sie dagegen ankämpfte, setzte sich ein Kloß in ihrem Hals fest.
Als die ersten Takte erklungen, strahlte Suri Charlotte an. „Das hat Papi immer gesungen.“
„Ja, mein Schatz“, flüsterte Charlotte mit tränenerstickter Stimme.
„Das war das Lieblingslied von ihm“, ergänzte Luna. Zu Charlottes Verwunderung krabbelte sie auf Davids Schoß und schmiegte sich eng an ihn. Auch Suri tat es ihr gleich.
David wusste, dass das Lied eine besondere Bedeutung für seine Mäuse hatte. Umso mehr berührte es ihn, dass sie jetzt ausgerechnet zu ihm auf den Schoß kamen. Er warf Charlotte einen liebevollen Blick zu, er sah es in ihren Augen glitzern. Dann bemerkte er, wie sie ihre Hand auf sein Knie legte, die Wärme spürte er durch den Stoff seiner Hose hindurch.
„Ich liebe dich“, flüsterte sie tonlos, er las es von ihren Lippen ab.
„Ich liebe dich“, antwortete er auf die gleiche Weise.

Verliebt beobachtete Charlotte David während des Liedes die ganze Zeit. Es war so ein schönes Bild, ihn mit den Mädchen so zu sehen. Auch wenn sie in solchen Momenten wie diesen immer wieder an Jonny dachte und diese leichte Traurigkeit immer noch da war – sie war glücklich. Unfassbar glücklich.

Das Leben hatte ihr eine zweite Chance gegeben.
David hatte ihr eine zweite Chance gegeben.
Und sie hatte mit beiden Händen zugepackt und sie würde alles dafür tun, um dieses Glück festzuhalten.

ENDE